Nazis im Nachthemd

Kino-Blockbuster sind ein Segen für Filmbuchpublizisten und -verlage gleichermaßen. Will man die eigene Bibliografie (oder das Verlagssortiment) um einen Bestseller bereichern, muss man lediglich den jeweiligen Blockbuster thematisieren. Im Falle von Guido Schwarz‘ „Jungfrauen im Nachthemd – Blonde Krieger aus dem Westen“ ist Peter Jacksons Lord of the Rings willkommener Anlass gewesen.
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Film/Musik

Das Verhältnis von Film und Musik ist komplex. Musik hat die laufenden Bilder von Beginn der Filmgeschichte an begleitet – zur Untermalung, Kommentierung und Rhythmisierung. Doch als eigenständige Kunstform ist die Filmmusik erst nach dem zweiten Weltkrieg ins Bewusstsein gerückt. Und kommerzielle Beachtung fand sie gar erst seit den 1960er Jahren, als sich auch Popmusiker des Films bedienten, um ihre Werke einem breiteren Publikum anzudienen. Die weiterführende Auseinandersetzung und Theoriebildung zur Filmmusik ist auf wenige Arbeiten beschränkt, von denen die Auseinandersetzungen Adornos und Eislers die bekanntesten sind. Die verschiedenen Funktionen der und Sichtweisen auf die Filmmusik haben dazu geführt, dass dieses Genre heute ein breites Spektrum an Varianten herausgebildet, sich quasi zwischen „ernster“ und „unterhaltender“ Musik etabliert und eine eigene Hörerschaft – jenseits des Kinosaals – gefunden hat.

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Ein Körper ist ein Körper ist ein Körper

Der in der Moderne tendenziell totgesagte Körper ersteht wieder auf, einer unaufhaltsam fortschreitenden Biotechnologie und plastischen Chirurgie zum Trotz: Mit der facettenreichen Faszination des menschlichen Körpers vor allem im Medium Film beschäftigen sich gleich drei aktuelle Publikationen. Die Herangehensweise erfolgt aus kultur- und geisteswissenschaftlicher, phänomenologischer ebenso wie aus bewusst historischer Perspektive und im Fall der Untersuchungen zur Männlichkeit im Film aus der kritisch-wissenschaftlichen Blickrichtung der erst spät etablierten men’s studies. Gemeinsam untersuchen die Publikationen im Sinne der poststrukturalistischen Körpertheorie Foucaults die (im Genrekino: wunscherfüllende) Konstruktion des „natürlichen Körpers“ im Film und anderen Medien, analysieren ihn als Produkt heterogener sozialer Diskurse und gesellschaftlicher Praktiken.
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Blockbuster

In seiner Studie „Blockbuster. Ästhetik, Ökonomie und Geschichte des postklassischen Kinos“ tritt Robert Blanchet der These entgegen, der kontemporäre Hollywoodfilm funktioniere nicht mehr nach den Stilprinzipien des klassischen Erzählkinos. Sowohl das im Blockbuster sich substantialisierende Kino der Attraktionen im Sinne von Filmen wie Twister oder Godzilla, als auch das mit metatextuellen Referenzen spielende postmoderne Kino, emblematisch verkörpert in Pulp Fiction oder Scream, stellen der Struktur nach keine eigenständigen neuen Modelle dar. Technische Innovationen der Tricktechnik waren immer schon integraler Bestandteil der Reattraktivierung des von konkurrienden Medien beanspruchten Publikums. Neuartige Effekte als Attraktionspotential waren und sind immer noch Strategien der Krisenlösung, die aber stets im Korsett klassischer Organiationsprinzipien sich zu bewähren haben bzw. erst durch diese im inneren Kontext des Films motiviert werden. Ebensowenig stellen die an ein durchblickerhaftes Publikum gerichteten, durch einen außerdiegetischen Referenten motivierten Doppelcodierungen des kontemporären Hollywoodfilms einen substanziellen Bruch mit dem klassischen Paradigma dar. Das Mittel der Doppelcodierung hat es beispielsweise schon in Form von parodisierenden Gags in zahlreichen Komödien der 40er Jahre gegeben. Zudem operieren diese Bezüge meist verdeckt und stellten sich dem „naiven Publikum“ somit als nicht weiter zu hinterfragende Elemente der Diegesis dar.
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Unsere moderne Postmoderne

Gern wird sie tot gesagt, die Postmoderne – und das schon, seit sie Anfang der 1980er Jahre als Theoriemodell für Ästhetik, Ethik und Epistemologie aufgetreten ist. Der seit dem konstante Output an Literatur zu allen möglichen Phänomenen der Kultur und der Wissenschaft zeigt hingegen, dass Postmodernismus im Denken so präsent ist, wie zu Beginn. Der Schüren-Verlag wartet nun mit dem Sammelband »Die Postmoderne im Kino« auf.

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Semiologische Lückenfüller?

Mit dier Wiederaufführung der Fernsehserie Twin Peaks auf Kabel1 sind zwei Merchandising-Bücher neu aufgelegt worden, die sich als interessante Ergänzung zum Twin Peaks-Universum zu verstehen. Die seinerzeit häufig als postmodernistisch apostrophierte Serie aus der Feder von David Lynch und Marc Frost hat wohl wie kaum ein zweites Fernsehereignis der 90er Jahre auf die Zuschauer gewirkt. Anfangs wohl als Kolportage auf Krimi- und Soap-Serien konzipiert, entwickelte Twin Peaks schnell einen eigenen Charakter als Erzählung und ästhetisches Sujet. Zur offenkundigen Doppelcodierung als „Serie über Serien“ kam spätestens ab der zweiten Staffel ein neuen Konzept, das sich am treffendsten als „semiologischer Gap-Text“ bezeichnen ließe, hinzu. Immer mehr Elemente und Figuren hielten Einzug in die Erzählung, die ihr narrativ ohnehin brüchiges Konzept vollends aufbrachen und auf nichts als die eigene Zeichenhaftigkeit verwiesen.

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Frauenbilder in den Medien

Heidrun Baumann (Hg.): Frauenbilder in den Medien, Münster: Daedalus, 2000

Massenmedien als ›vierte Gewalt‹ zu den Eckpfeilern der Demokratie zu rechnen ist längst gängige Praxis und bedarf kaum noch einer eingehenderen Erläuterung. Das heutige komplexe Mediensystem, das in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen wie auch in Büchern, Filmen und natürlich dem Internet verwirklicht ist, fördert dabei ein gravierendes Problem zutage: Es simuliert die Nichtexistenz unzähliger Problemkreise, indem es sie nicht thematisiert. Die Informations- und Aufklärungsarbeit der modernen Massenmedien ist dergestalt eine äußerst selektierte: Was nicht Gegenstand der Medien ist, findet in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit kaum oder keine Beachtung (es ›existiert‹ daher quasi gar nicht).
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Frühes Kino

Thomas Elsaesser u.a.: Frühes Kino, Kino der Kaiserzeit & Filmgeschichte und frühes Kino

Frühes Kino – wer sollte sich schon dafür interessieren außer der Handvoll Spezialisten, die die Filmgeschichten schreiben und daher der für Wissenschaftler unumgänglichen Frage nach den Anfängen nachgehen müssen? Frühes Kino – das assoziiert kurze Stummfilme in Schwarz-Weiss, in denen sich mit gewollter und ungewollter Komik archaisch anmutende Figuren stakkatoartig bewegen und simple Storys entfalten, an denen wir bestenfalls erkennen, wie weit wir es seitdem gebracht haben. Es assoziiert unbeholfene Technik und bestenfalls eine Ahnung davon, welchen unschuldigen Zauber diese neue Erfindung seinerzeit für unsere Urgroßmütter und –väter bedeutete, und dass seine Faszination für die heutigen mediengewohnt coolen Generationen kaum noch erreichbar sein mag. Immerhin, solche mehr oder minder vagen Vorstellungen und Kenntnisse sind seit dem 1995 gefeierten 100jährigen Jubiläum des Films bei einem breiteren kinointeressierten Publikum parat. Auch die Filmwissenschaft hat im Umkreis des Jahrhundertereignisses intensivere Forschungen unternommen. Zwei neue Bände der edition text+kritik fassen Ergebnisse zusammen: Kino der Kaiserzeit, herausgegeben von Thomas Elsaesser und Michael Wedel, und Elsaessers Filmgeschichte und frühes Kino.
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Science Fiction – Double Feature

Das Projekt, das Georg Seeßlen mit seinen „Grundlagen des populären Films“ unternimmt, ist in der deutschen Filmpublizistik einzigartig. Seeßlen versucht nicht nur, den bestehenden Debatten neue Aspekte hinzuzufügen, sondern diese Debatten auch weitgehend zusammenzufassen. Dabei dient ihm die Genre-Klassifizierung des Films als Grundlage: Jedem der Einzelwerke der Reihe ist die Geschichte und Ästhetik eines Genres gewidmet.

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Steven Soderbergh und seine Filme

Stefan Rogall (Hrsg.): Steven Soderbergh und seine Filme, Marburg: Schüren 2003

Längst schon ist die „Gelbe Reihe“ aus dem Marburger Schüren Verlag so obligatorischer Bestandteil wie liebgewonnene Tradition der hiesigen Filmbuchpublizistik. Bereits seit geraumer Zeit erscheinen in diesem Rahmen Monografien und Aufsatzsammlungen mit populärwissenschaftlichem Anspruch über mit Bedacht ausgewählte Regisseure. Eine Grundproblematik der Reihe offenbart indes schon der konzeptbedingt stets gleich strukturierte Titel: Der Filmemacher und seine Filme. Die Spiegelung des Werks in der Person des Autors also oder umgekehrt, ein Portrait gar des Künstlers an sich, nachgezeichnet anhand seiner Filme. Eine filmwissenschaftlich gewiss nicht unumstrittene Arbeitsweise, die den Balanceakt sucht, in vorangegangenen Beispielen sogar nicht selten gelungen vollzog.
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Kubrick3

Das vergangene Jahr war ein fruchtbares, was deutschsprachige Publikationen auf dem Filmsektor anging. Das lag zum einen daran, dass Alfred Hitchcock 100 Jahre alt geworden wäre, hatte aber auch den traurigen Grund, dass am 7. März der nach vieler Ansicht “bedeutendste Filmregisseur aller Zeiten” – Stanley Kubrick – im Alter von 70 Jahren gestorben ist. Seine Hinterlassenschaft ist reichhaltig: Vom genialen Schlusswurf Eyes wide shut über zahllose Mythen, die um seine Filme und um seine Person gesponnen wurden bis hin zu einem Schwall an Literatur, die sich mit seiner Person und seinem Opus Magnum auseinandersetzt. Drei dieser Bücher möchte ich im Folgenden vorstellen.
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Im Laboratorium des Dr. Trier

Achim Forst: Das Kino des Lars von Trier, Marburg: Schüren 1999

Gewalt(tät)ige Bild- und Gefühlswelten mit dem Gespür für das Unentrinnbare: Das Kino des Lars von Trier. Ambitioniertes Kunstkino, Melodram, Fernsehserie, Dogma 95. So sehr sich sein erster offizieller Film, Nocturne (1980), und sein derzeit letzter, Die Idioten (1998), voneinander unterscheiden mögen, so sehr sind sie Eckpunkte einer konsequenten Entwicklung. Achim Forst, Filmjournalist, Kritiker und Regisseur zeichnet in seinem Filmporträt Das Laboratorium des Lars von Trier und dem dazugehörigen Buch Breaking The Dreams – Das Kino des Lars von Trier, ein detailliertes Bild von der Filmwelt Triers.
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Afrikanisches Kino

H.-P. Gutberlet & M.-H. Metzler (Hgg.): Afrikanisches Kino, Bad Honnef: Horlemann 2000

Gibt es das, lassen sich die Strömungen eines ganzen Kontinents auf einen Nenner bringen? Die Grunderfahrung, mag man meinen, sei die gleiche: Streben nach Mündigkeit in immer noch postkolonialer Zeit. Und das Medium Film dient im Nachfeld der ‘Unabhängigkeit’ wie andere weitgehend dem selbstemanzipierenden Finden eigener Perspektiven im Raum von Milieu, Stamm, Staat und Supranation.
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Sachlexikon Film

Das Sachlexikon Film von Rainer Rother (Hrsg.) ist eines der wenigen Filmlexika, die überhaupt in deutscher Sprache erschienen sind und stellt eine gelungene Synthese aus Wörterbuch und Sachlexikon dar. Anhand von vielen Stichworten und Artikeln verschiedenster Autoren wird ein guter Überblick über Fakten und Zusammenhänge rund um das Medium gegeben.
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Lynch über Lynch

Es besteht eine eigenartige Diskrepanz zwischen dem, was David Lynch filmt und dem, was er über dieses Gefilmte sagt. Er verweigert nämlich nicht nur eine Deutung seiner Filme, sondern scheint die Fragenden auch bewusst in die Irre führen zu wollen mit Aussagen, die mindestens ebenso kryptisch sind, wie die Bilder zu denen sie gemacht werden. Interessanterweise ist aber genau das, was Lynch sagt, häufig das Einzige, was sich über seine Filme sagen lässt. Denn einen hermeneutischen Zugang, der zu einer schlüssigen Interpretation führen würde, findet man in keinem Film Lynchs. Allenfalls Signifikanzen – Bedeutungen für den einzelnen Betrachter -, die mehr gefühlt als gedacht werden, lassen sich Werken, wie Eraserhead (USA 1977), Blue Velvet (USA 1986) oder Lost Highway (USA 1997) entnehmen.
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Maystbietend

Michael Petzel: Karl-May-Filmbuch – Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg/Radebeul: Karl-May-Verlag 1998

Kenntnisreichtum und Schwärmerei treiben zuweilen seltsame Blüten. Geradezu akribisch hat sich Autor Michael Petzel einer der aufwendigsten Recherchen in der deutschen Filmgeschichte gewidmet, ist doch Karl May hierzulande der am häufigsten verfilmte Buchautor. Eng hat er dabei mit dem Karl-May-Archiv Göttingen zusammengearbeitet und einen erheblichen Fundus an Literatur durchstöbert, um das Buch schließlich zu publizieren, gebunden im Stile der alten Reihe.
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Gräben graben

Drucilla Cornell (Hg.): Die Versuchung der Pornografie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998

Beim Versuch, Pornografie als ästhetisches Phänomen zu greifen, findet man sich leicht einem Hindernis gegenüber gestellt: Der größte Teil der zu diesem Thema existierenden Publikationen handeln nicht von, sondern gegen Pornografie. Das Ergebnis steht schon zu Anfang der Untersuchung fest und die Argumentation verläuft dann auch nicht mehr besonders sachlich, sondern hangelt sich mühselig von Seite zu Seite, immer bestrebt, dem Vorurteil gerecht zu werden. Nun ist Pornografie in ihren Erscheinungsformen sicherlich kein besonders unterhaltsames Genre und der ästhetische Reiz ist (wenn überhaupt vorhanden) schnell gesättigt. Aber eine deduktive Betrachtung, die ja sonst auch allen „Trash- und Pulp-Künsten“ angedeiht, sollte auch (ja: gerade) hier Basis wissenschaftlicher Untersuchung sein.
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Simulation und Verführung

Das Werk des französischen Theoretikers Jean Baudrillard, des „Feuilleton-Gespenstes“ der europäischen Gazetten, ist so populär, wie unverstanden. Dies klingt zunächst paradox, doch erklärt sich vor allem daraus, dass Baudrillard sich mit seinen Theorien zwischen alle Stühle setzt: Für die geisteswissenschaftliche Fachwelt sind sie nicht „wissenschaftlich“ genug und für den Nicht-Akademiker oft zu komplex und anspielungsreich und für Naturwissenschaftler oft einfach „eleganter Unsinn“. Und dennoch findet Baudrillard Beachtung. Denn seine Thesen zur Kultur scheinen zwar oberflächlich wissenschaftlicher Begründung zu entbehren, haben jedoch eine eigenartige Richtigkeit, ja sogar Relevanz. Ausgehend von der politischen Ökonomie und der Simulationstheorie in den 70er Jahren, über die Theorie der Verführung in den 80er Jahren zur Transparenz des Bösen in den 90er Jahren hat er immer wieder zentrale Momente der zeitgenössischen Kultur aufgegriffen und erklärt.
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