The line’s gone dead

Als Alfred Hitchcock einmal seinen Wunsch äußerte, einen Film ausschließlich in einer Telefonzelle drehen zu wollen, stand dabei natürlich zuerst der reduzierte Handlungsort im Fokus: Auf engstem Raum, ohne die Möglichkeit, weitere Protagonisten in das Setting zu bringen, eine Spielfilmhandlung zu realisieren: Das bedürfte schon eines ausgeklügelten Plots. Doch einen „Ausgang“ hatte sich Hitchcock dabei natürlich offen gelassen: Die Telefonzelle ist – so eng sie auch räumlich sein mag – gleichzeitig das Portal zu einem theoretisch endlosen virtuellen Raum, der durch das Telefongespräch geöffnet wird. Joel Schumacher hatte diesen Raum 2002 mit „Phone Booth“ ausgelotet, sich dabei jedoch noch nicht getraut, den realen Handlungsraum vollständig von der Umwelt abzugrenzen. So weit geht nun Rodrigo Cortés‘ Film „Buried“, der ausschließlich einen in einem Sarg eingeschlossenen Mann zeigt, dem nichts als ein Handy zur Verfügung steht.

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Nordkorea in Griechenland

Ein Zombie ist eine kleine gelbe Blume, das Wort ‚Muschi‘ bezeichnet eine große Lampe und die Katze ist „die gefährlichste Kreatur, die es gibt“. Willkommen in der surrealen  Welt von „Dogtooth“, einem der großartigsten Filme der letzten Jahre, den beschämenderweise kein Verleih in die deutschen Kinos gebracht hat. Willkommen im Leben einer fünfköpfigen Familie, die sich mitten in Griechenland ihr privates kleines Nordkorea errichtet hat. Das totalitäre Regime von Vater und Mutter hält die drei erwachsenen Kinder auf dem Grundstück in dauerhafter Isolation gefangen, manipuliert sie gezielt mit Desinformationen und erzeugt mit Horrorgeschichten aus dem Außen jene Angst, die nötig ist, um den natürlichen Freiheitsdrang der Insassen zu hemmen. „Nordkorea in Griechenland“ weiterlesen

Mutter hat ’ne Schraube locker

Charles Kaufmans „Muttertag“ von 1981 genießt vor allem in Deutschland einen gewissen Kultstatus, den ihm wohl nicht zuletzt seine Beschlagnahmung im Rahmen der Horrorvideo-Debatte eingebracht hat. Dennoch hat sich die gallige Satire auf den Way of Life des US-amerikanischen Mittelstands, der sich bis zur Verblödung mit Werbespots, Fernsehserien und Industrienahrung volldröhnt, sich unhinterfragt bevormunden lässt und seinen Gewaltfantasien hingibt, nie wirklich in das Horrorkino seiner Zeit eingliedern lassen. Trotz seiner teilweise herben Gewaltdarstellungen, die ab der Hälfte in den bis dahin recht standardisierten Slasher-Plot einbrechen und ihn zersetzen, ist „Muttertag“ mit seinen Slapstick-Anleihen viel zu reflektiert und konfrontational, um von der konservativen Horrorfilm-Fanschar wirklich geliebt zu werden. In den USA ist er einer von vielen Filmen aus einer für dieses Genre ungemein produktiven Phase, aber eben auch einer, der heute kaum etwas von seiner subversiven Kraft verloren hat. Und insofern verwundert es kaum, dass in Darren Lynn Bousmans nominellem Remake nicht viel vom Original übrig bleibt. Aber Etikettenschwindel ist nicht der schwerste Vorwurf, den sich Bousman für seinen deprimierend dummen Film gefallen lassen muss. „Mutter hat ’ne Schraube locker“ weiterlesen

Unheimliche Begegnung der humanoiden Art

Leben auf fremden Planeten gibt es nicht, glauben die Bürger des 50er-Jahre-Nests, in dem Jorge Blancos Animationsabenteuer beginnt. Ein Raumschiff belehrt die Kleinstädter eines Besseren. Science-Fiction-Filme haben es prophezeit: Humanoide greifen an! Auf „Planet 51“ sind die Menschen die Außerirdischen. Der computergenerierte Kinderfilm stellt das klassische Science-Fiction-Szenario auf den Kopf. Für die Bewohner von „Planet 51“ kommt der Schrecken aus dem All von der Erde.

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Vampiros lesbos

Man kann Regisseur und Drehbuchautor Dennis Gansel vorwerfen, wieder einmal unter Beweis gestellt zu haben, dass deutsche Genre-Beiträge zumeist wenig Lust auf mehr machen. Was man ihm nicht vorwerfen kann, ist, auf den „Twilight“-Zug aufgesprungen zu sein. Die Idee zu „Wir sind die Nacht“ trug er bereits seit über einem Jahrzehnt mit sich herum, konnte aber keine Geldgeber finden. Erst als die Vampire der US-Reihe auch die hiesigen Teenager finanziell auszusaugen begannen, wurde ihm die filmische Umsetzung des Stoffs ermöglicht. Dem Endprodukt merkt man indes nicht unbedingt an, dass jahrelange Arbeit dahinter steckt. „Vampiros lesbos“ weiterlesen

Mit Hand und Fuß

Im Kern von „Burke and Hare“, der auf einem berühmten Kriminalfall des 19. Jahrhunderts basiert, steht der Konflikt zwischen der neuen und der traditionellen Medizin: Erstere wird verkörpert vom verbrecherischen Dr. Knox (Tom Wilkinson), einem überambitionierten Wissenschaftler, der es sich zum Ziel gemacht hat, die Medizin mithilfe einer neuen Erfindung namens „Fotografie“ zu revolutionieren, und der bei der Verfolgung seines hehren Ziels keinerlei Skrupel kennt. Ihm gegenüber steht Dr. Monro (Tim Curry), ein freundlicher Medizinhandwerker, der mit nie versiegender Begeisterung Gliedmaßen von den ihm zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellten Körpern absägt und als Running Gag stets einen in chemischer Lösung eingelegten Fuß dabei hat. Dieses Bild dient nicht nur als beredtes Beispiel für das wiedergefundene Talent zur grafischen Pointierung, das Landis zum vielleicht besten Komödienregisseur der Achtzigerjahre gemacht hatte, bevor es ihm dann irgendwann abhanden kam, die Geschichte vom teuflischen Neuen und dem bewährten Alten lässt sich auch auf „Burke and Hare“ selbst anwenden.

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Löchrig

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich.“ Friedrich Nietzsches berühmtes Zitat hat schon viele Filme als Schrifteinblendung markant eröffnet, Joe Dantes neuester Film, der die Rückkehr des Regisseurs zu den familienfreundlichen Genrestoffen markiert, mit denen er in den Achtzigerjahren einen Erfolg nach dem anderen feierte, dürfte aber die erste nahezu bildgetreue Adaption des Philosophenspruches sein. Man ahnt schon, dass das als Konzept nicht besonders weit trägt: Joe Dantes Film wird auch durch 3D nicht lebendiger und bleibt hinter den Erwartungen zurück.

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Schwanz ab

Als „einen widerwärtigen Sack voll Müll“ bezeichnete der berühmte Filmkritiker Roger Ebert Meir Zarchis „I Spit On Your Grave“, die Sichtung als „eins der deprimierendesten Erlebnisse meines Lebens“. Auch wenn man zu einer anderen Bewertung des Films kommt als Ebert mit seinem damaligen Null-Sterne-Verriss, seine emotionale Reaktion muss man als durchaus angemessen bezeichnen. „I Spit On Your Grave“ – neben Ferraras „Ms. 45“ sowas wie die Apotheose des Rape-and-Revenge-Genres – ist kein schöner Film, den man sich zurückgelehnt ansieht, sondern im Gegenteil eine Rosskur, die durchstanden und erlitten werden muss. In seiner narrativen wie filmischen Schmucklosigkeit ragt „I Spit On Your Grave“ aus dem Horrorfilm jener Zeit, mit seinen übermenschlichen Killern und der fast schon als barock zu bezeichnenden Gewaltzelebrierung, einsam heraus. Regisseur Steven R. Monroe präsentiert mit seinem Remake nun eine geglättete Version des Skandalfilms, die sich im Kontext des seit ein paar Jahren reüssierenden Terrorfilms und aller gebotenen Überhärten zum Trotz sehr viel leichter rezipieren lässt und damit unweigerlich in die Ideologiefalle tappt … „Schwanz ab“ weiterlesen

Fantasy Filmfest Nights 2011 – Not so Funny Games

Nicht selten wird Michael Haneke vorgeworfen, seine Filme seien zu oberlehrerhaft. Doch offenbar sind all seine didaktischen Bemühungen noch lange nicht ausreichend. Miguel Ángel Vivas bringt es nämlich in seinem sadistischen Exploitationfilm „Secuestrados“ („Kidnapped“) fertig, Hanekes Meisterwerk „Funny Games“ zu zitieren – augenscheinlich ohne verstanden zu haben, dass es Haneke um das genaue Gegenteil dessen geht, was „Secuestrados“ praktiziert. Während „Funny Games“ wohl der Anti-Exploitationfilm schlechthin ist, bemüht sich Vivas 90 Minuten lang ausschließlich darum, Gewalt konsumierbar zu machen und jene Zuschauer zu befriedigen, die Folter erregend finden und Freude daran haben, der sinnlosen Auslöschung einer Familie zuzusehen. „Fantasy Filmfest Nights 2011 – Not so Funny Games“ weiterlesen

Himmlische Hinterwäldler

Neu ist nichts an “New in Town”. Jonas Elmers Romantikkomödie wurde schon hunderte Male gedreht. Der Neuaufguss erzählt die Geschichte einer Karrierefrau, die in Ehe- und Landleben wahres Glück findet. Im erzkonservativen „New in Town“ entdeckt Renee Zellweger die romantischen Seiten des Hinterwäldlerlebens. Neue Hauptdarstellerin, neuer Film – doch die Klischees bleiben die alten. „Himmlische Hinterwäldler“ weiterlesen

Fantasy Filmfest Nights 2011 – If you go out in the Woods today…

Das Unangenehmste am Job eines Trolljägers ist der Papierkram. Die geheime staatliche Agentur TST (Troll Security Service) verlangt doch tatsächlich, dass man ein bürokratisches Formular ausfüllt, das unter anderem darüber Auskunft geben soll, ob man nun einen Ringlefinch, Tosserlad oder Jotnar erlegt hat. Da die essentiellen Unterschiede allgemein bekannt sind, braucht hier nicht auf die Spezifika dieser einzelnen Unterarten eingegangen werden. Was indes weniger bekannt ist: Die norwegische Regierung versucht – vermutlich, um den Tourismus nicht zu gefährden – die Existenz der Wald- und Bergmonster mit allen Mitteln geheim zu halten. „Fantasy Filmfest Nights 2011 – If you go out in the Woods today…“ weiterlesen

Fußball ist unser Leben

„Lass uns irgendwas kaputtmachen.”, sagt Florian. “Irgendwen.” Der Braunschweiger hält sich für einen Fußballfan. Tatsächlich ist er Hooligan. Den Fußballverein Eintracht Braunschweig haben Florian und seine Kumpels zum Kern ihres Lebens erkoren. Der Abstieg in die untere Liga droht dem Verein sportlich, den Freunden gesellschaftlich. „Fairplay war gestern”, gilt in Carsten Ludwigs und Jens-Christoph Glasers Milieustudie „66/ 67“.

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Fantasy Filmfest Nights 2011 – Gallo on the Run

Ob „Essential Killing“ den Genre-Fans der Fantasy Filmfest Nights gefallen wird, ist mehr als fraglich. Der neue Film der polnischen Regie-Legende Jerzy Skolimowski ist gerade deshalb so stark, weil er sich nicht um Genre-Konventionen und -Grenzen schert, sondern den Inhalt eines Action-Thrillers mit der Form eines Kunstfilms kurzschließt. Darin gestaltet sich die interkontinentale Verfolgungsjagd auf einen Terror-Verdächtigen wenig spektakulär und bedarf großer Freiheiten im Drehbuch, um nicht verfrüht beendet zu werden.

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Grün wie die Hoffnung

„Wo ist meine Stimme?“, fragen Azadeh und Kaveh. Die Wahlen am 12. Juni 2009 sollten dem Land den Wandel bringen. Doch der politische Umschwung war ein anderer, als die Anhänger von „The Green Wave“ gehofft hatten. Der gemäßigte Kandidat Mir Hossein galt als zukünftiges Staatsoberhaupt des Iran. Stattdessen gewann sein fundamentalistischer Gegner mit einem Erdrutschsieg. Der Goldene Bär der Berlinale für „Nader and Simin“ rückt Ali Samadi Ahadis politische Doku-Fiction besonders ins Blickfeld – auch das von Lida Bach.

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Feeling good about feeling bad

Als die Bilder gerade erst laufen lernten, brachten europäische Missionare von ihren Reisen Filmmaterial mit, das ferne Völker und ’Rassen’ in ihrer Lebensweise und ihren vermeintlichen Eigenarten dokumentieren sollte. Heutzutage ist man sich darüber einig, dass diese Ethno-Filme eher rassistischen Stereotypen Vorschub leisteten als kulturelle Informationen zu transportieren. Sie stellen die beobachteten Menschen aus wie es zuvor in den höfischen Kuriositäten-Kabinetten der Fall war. In Debra Graniks „Winter’s Bone“ wird man ebenfalls das Gefühl nicht los, dass da halb belustigt, halb abgestoßen, auf jeden Fall aber fasziniert durchs Schlüsselloch geschaut wird. Als Faszinosum dient hier die weiße Unterschicht eines vergessenen Amerikas, das in hoffnungsloser Armut und Klein-Kriminalität vor sich hin vegetiert und – in Zeiten, da der „schwarze Mann“ aus Gründen der Political Correctness nicht mehr als Schreckgespenst dienen darf – das Andere einer von der Finanzkrise bedrohten weißen Mittelschicht repräsentiert. „Feeling good about feeling bad“ weiterlesen

Splitterbomben des Wunderbaren

Der Erste Weltkrieg gilt als die Ur-Katastrophe des der Moderne. Während das Grauen des Zweiten Weltkriegs in der menschenverachtenden Ideologie begründet liegt, die diesen auslöste, bewegt der Erste Weltkrieg, weil er von so vielen befürwortet wurde, und das in Unkenntnis dessen, dass die Entwicklung der Technologie und ihrer Handhabung dem Krieg schon jegliche Möglichkeit genommen hatte, auf welche argumentative Weise auch immer positiv betrachtet werden zu können. Vor allem die Euphorie, mit der auch Künstler und Literaten an die Front zogen oder ziehen wollten, ist ebenso faszinierend wie irritierend.

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Der Allestotmacher

In einer berühmten Szene von Woody Allens „Der Stadtneurotiker“ kontert Allens Alter Ego Alvy Singer in einem Kino-Foyer das selbstgefällige Geschwätz eines Intellektuellen über die Thesen Marshal McLuhans, indem er den berühmten Medienwissenschaftler höchstpersönlich hinter einem Plakataufsteller hervorzieht und ihn dem Dampfplauderer entgegnen lässt, dieser habe seine Thesen nicht im Geringsten verstanden. „Wenn es nur einmal so sein könnte“, seufzt Singer in die Kamera, die Szene als Wunschtraum eines am Leben Verzweifelten enttarnend. Auf den durchschnittlichen Actionhelden angewendet, könnte McLuhans Rolle von Steven Seagal eingenommen werden: Anstatt seine körperliche Unversehrtheit und sein Leben beim Kampf für die gute Sache zu riskieren, walzt Seagal von Anzahl und Qualifikation seiner Gegner vollkommen unbeeindruckt durch seine Filme und richtet jeden, der sich ihm entgegenstellt, auf brutalste Art und Weise hin, ohne das leiseste Anzeichen einer menschlichen Empfindung wie Mitleid oder auch nur ein Minimum an körperlicher Anstrengung zu zeigen. Wenn es doch nur einmal so sein könnte im Actionhelden-Leben … „Der Allestotmacher“ weiterlesen

Berlinale 2011 – Gretchen Erfurts Berlin

Fragt man den durchschnittlichen US-amerikanischen Blockbusterkinogänger über Deutschland oder speziell Berlin aus, dürfte man wohl alle Klischees zu hören bekommen, die Jaume Collet-Serra uns in seinem Actionthriller „Unknown Identity“ buchstäblich vor den Latz knallt. Deutsche Krankenschwestern heißen in seinem Film nämlich Gretchen Erfurt, Ex-Stasi-Agenten, die vom wohl prägnantesten Hitler-Darsteller, Bruno Ganz, verkörpert werden, haben Kontakt zum Berliner Flughafensicherheitsdienst und sowieso hat Berlin ein großes Illegalen- und Migrantenproblem. Das ist wohl weniger die Weltsicht von Regisseur Collet-Serra, als vielmehr die Sicht auf die Dinge, wie sie Produzent Joel Silver in seinen Filmen immer wieder zum Besten gibt. Liam Neeson dürfte damit wohl am wenigsten ein Problem gehabt haben, dreht er in letzter Zeit doch ohnehin nur noch Actionfilme, in denen er sich zugegeben recht gut schlägt – allen voran für sein Alter. Und auch für Diane Kruger ist es eine Rolle, die sie einmal mehr in ihre Heimat bringt. „Unknown Identity“ ist aber nicht nur wegen Diane Kruger, Bruno Ganz oder Sebastian Koch ein Film mit Lokalkolorit, sondern in erster Linie deshalb, weil der Hauptdarsteller hier ganz klar Berlin heißt. „Berlinale 2011 – Gretchen Erfurts Berlin“ weiterlesen

Fliegende Untertassen bitten um Asyl

Die Außerirdischen in Neill Blomkamps Science-Fiction-Film “District 9” bringen weder technischen Fortschritt noch neue Erkenntnisse. Die fremden Wesen sind Flüchtlinge von ihrem eigenen zerstörten Planeten, extraterrestrische Immigranten, mit denen die Erdbevölkerung sich zwangsweise arrangieren muss. Neill Blomkamps Debütfilm “District 9” wartet mit einer der ungewöhnlichsten Handlungsideen des modernen Science-Fiction-Kinos auf. In einer Mischung aus Pseudodokumentaraufnahmen, Interviews und Spielszenen zeigt “District 9” den Umgang der Gesellschaft mit dem Fremden als futuristische Parabel. „Fliegende Untertassen bitten um Asyl“ weiterlesen

Berlinale 2011 – Far, far from Bollywood

In „Gandu“ vom indischen Regisseur Q (bürgerlich: Kaushik Mukherjee) tauchen etwa 20 Minuten vor dem Ende bereits die Credits auf, ebenso wie Q selbst – und zwar als Q, der in diesem Film über den Jugendlichen Gandu gerade einen Film über den Jugendlichen Gandu dreht. Neben dem Leser dieser Kritik verwirrt jene Meta-Ebene auch Gandu (Anubrata) einigermaßen. Was aber auch daran liegen mag, dass Gandu, dessen Namen man als ‚Arschloch‘ oder ‚Wichser‘ übersetzen kann, gerade eine ordentliche Portion halluzinogener Drogen zu sich genommen hat. Die hypnotische Visualisierung dieses Rausches greift – wie bei der Nahtoderfahrung in Gaspar Noés „Enter the Void“ – tief in die Trickkiste experimenteller Techniken und ist sinnlich ähnlich beeindruckend wie bei Noé. Wenn der kleinkriminelle Gandu gerade nicht weiblichen Derwischen in seiner von Drogen belebten Fantasie begegnet, schaut er Pornos, masturbiert oder schmeißt in wütenden Rap-Texten mit sämtlichen ihm bekannten Schimpfwörtern um sich. Der restriktiven indischen Zensur wird das ebenso wenig gefallen wie einem einsamen, moralisch empörten Zuschauer aus Indien beim Berlinale-Screening. Für zahlreiche andere Publikumsgruppen – frustrierte Jugendliche, sozial-realistische Cineasten, Freunde des Schwarz-Weiß- und Experimentalfilms – ist „Gandu“ hingegen eine großartige Entdeckung. „Berlinale 2011 – Far, far from Bollywood“ weiterlesen