Digitales Zwergobst

Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Berlin: Directmedia 2003

Die Berliner Directmedia Publishing GmbH gibt seit einigen Jahren in der Reihe „Digitale Bibliothek“ CD-ROMs heraus, auf denen in denkbar komprimierter Form Bestände der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte versammelt sind. Eins ihrer ersten Produkte war die Sammlung (nicht mehr Copyright-geschützter) Texte der Philosophie von Platon bis Nietzsche. Seitdem ist das Programm stetig erweitert worden und umfasst beispielsweise Werkausgaben von Nietzsche, Max Weber oder Karl May. Vor kurzem ist das philosophische Programm der Digitalen Bibliothek um einen saftigen Brocken erweitert worden: Pünktlich zum 100. Geburtstags Theodor W. Adornos liegt nun auch die 20bändige Ausgabe der Gesammelten Schriften des Philosophen, Soziologen und Musiktheoretikers auf CD-ROM vor.
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Kreuzberger Kleinkunst

Frank Behnke (Hrsg.): Das System Klaus Beyer, Berlin: Martin Schmitz Verlag 2003

D.I.Y., also “Do it yourself”, ist nicht nur Parole und Glaubensbekenntnis ungezählter Flanellhemdträger mit Heimwerker-Ambitionen, es ist auch Kampfbegriff und identitätsstiftendes Moment jener Punk-Subkultur, die, jenseits von Kommerz und Major Labels, totale Kontrolle über das eigene Werk als Ideal formuliert. An Platten alleine hält sich das nicht auf: Selbstkopierte Fanzines, oft liebevoll mit Uhu und Schere gestaltet, ungewöhnliche Plattencover aus selbstbedrucktem Jutestoff oder gleich aus Pappe selbstgefaltet bis hin zum im Wohnzimmer veranstalteten Konzert sind die Markenzeichen jener Bewegung. Im Jahr 1978, dem Jahr als die erste große kommerzielle Punkwelle zusehends degenerierte (und somit letztendlich auch den ersten Nährboden für den folgenden Underground stellte), sollte auch ein zweites Großereignis der Geschichte der D.I.Y.-Kultur stattfinden, weitab von Punk und Jugendrebellion allerdings: Klaus Beyer, gelernter Kerzenwachszieher, bezieht in Kreuzberg eine Ein-Zimmer-Wohnung.
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Nicht alle E.T.s sind freundlich!

Einen Film zu verbieten ist nur eine Möglichkeit, ihn verschwinden zu lassen. Eine andere und viel effektivere ist, ihn einfach in das unterste Regal des letzten Raumes in der Videothek zu stellen und ihn dann irgendwann auszumustern. Solch ein Schicksal erlitten unzählige Filme; vor allem jene aus der Riege, die niemals in irgendeinem deutschen Kino liefen: Die B-Pictures aller Genres. Solcher Werke haben sich seit Siegeszug der DVD zahlreiche Distributoren verschrieben, um dem eigenen Programm charmantes Profil zu geben und leisten dabei en passent einen großen Dienst als Filmarchivare. Denn beim Versuch, den Film in der möglichst integralen Fassung auf DVD zu pressen, werden umfangreiche Recherchen unternommen, um die bestmögliche Kopie, verschiedene Synchronisationen und Zusatzmaterial zusammenzutragen. Bei Marketing ist in diesem Sinne jetzt der kanadische Science Fiction/Horrorfilm X-Tro erschienen. „Nicht alle E.T.s sind freundlich!“ weiterlesen

Katastrophenfilme

Manfred Hobsch: Das große Lexikon der Katastrophenfilme., Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag 2003

Nicht nur die Größe der Leinwand macht das Kino „bigger than life“, auch die darauf gestrahlten Spektakel lassen die Koordinaten des Alltags oft weit hinter sich. Besonders Katastrophen in allen Facetten und Erscheinungsformen gehören zu den sensationellen Dauerbrennern der Filmgeschichte: Die Darstellung sorgt für aufsehenerregende und gut vermarktbare Schauwerte, die das Publikum im sicheren Saal erstaunen und erschaudern lassen, die mit der Katastrophe einhergehende Schilderung persönlicher Schicksale sorgt für emotionale Rührung, das in der Regel siegreiche Überwinden für Triumphgefühle. Und natürlich lassen sich rückblickend auch ganz vortrefflich gesellschaftliche Diskurse anhand der Filme ablesen. Ob nun in den 50ern die Angst vor den Kommunisten den Ufos die Genese im Kinosaal bescherte, ob in den 90ern unbändige Naturgewalten die Metropolen bedrohten oder ob Godzilla über Jahrzehnte hinweg, ähnlich den Atombomben auf Hiroshima oder Nagasaki, jede nennenswerte Siedlung Japans platt walzte: Immer ist die filmische Erzählung von der Katastrophe auch die sozialer Befindlichkeiten und Selbstverständnisse.
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Matrix Revolutions

Matrix Revolutions, USA 2003, Andy & Larry Wachowski

„Alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende.“ So verspricht es die tagline von The Matrix: Revolutions, dem letzten Teil der Matrix-Trilogie, und weckt die Erwartung, der Abschlussfilm liefere Antworten auf die Fragen, die in den ersten beiden Teilen The Matrix (USA 1999) und The Matrix: Reloaded (USA 2003) aufgeworfen wurden. Gelingt es dem dritten Film, die Trilogie in ein stimmiges Ganzes zu verwandeln, oder folgt er – immerhin eine Joel-Silver-Produktion – nur dem Imperativ bigger, louder, more? „Matrix Revolutions“ weiterlesen

Blues Harp

Der Output des japanischen Regisseurs Takashi Miike ist beeindruckend. Seit 1991 hat er es auf mittlerweile 59 Filme gebracht. Das macht rund fünf Filme pro Jahr (an der Spitze liegt 2002 mit sieben). Und zu diesen zählen international gefeierte Werke, wie Visitor Q (2001), Dead or Alive (2001), Audition (2000) oder Ichi the Killer (2001). Bei einer derartig hohen Anzahl von Filmen macht es schon fast Sinn von „Jahrgängen“ zu sprechen. Diesbezüglich war 1998 ein ruhiger Jahrgang für Miike: „Nur“ vier Filme hat er gedreht und einer davon ist der für seine Verhältnisse außergewöhnliche ruhige Blues Harp. „Blues Harp“ weiterlesen

Das Coen-Feeling

Ein (un)möglicher Härtefall, USA 2003, Joel Coen

Die Ehe genießt als Institution in den Filmen der Coens seit jeher einen denkbar schlechten Stand. Bereits im Debüt der beiden, Blood Simple (USA 1984), bildete eine schon vor Beginn des Film hoffnungslos in die Brüche gegangene Ehe die Kulisse für die gegenseitige brutale Zerfleischung der beiden Eheleute (und aller Beteiligten). In Fargo (USA 1996) ließ der Gatte seine Gattin entführen, in O Brother Where Art Thou? (USA 2000) diente die Suche nach dem benötigen Kitt einer ebenso in die Brüche gegangenen Ehe zum Anlass einer Odyssee quer durchs weite Land um den Mississippi, in The Man Who Wasn’t There (USA 2001) macht sich Billy Bob Thornton die Seitensprünge seiner Gattin gefühlskalt zunutze. Die Ehe mit ihren zahlreichen gegenseitigen Verpflichtungen und den damit einhergehenden personellen Beziehungsgeflechten dient den beiden Feuilleton-Lieblingen im wesentlichen als Matrix für ihre Anordnungen mikrosozialer Kleinstmaschinen, die, einmal sorglos angelassen, kaum mehr noch zu stoppen sind, am wenigsten von den darin Gefangenen selbst. Romantik findet auf dieser Spielwiese des sophisticated humor a priori keinen Platz. So ist es nur als doppelt ironisch gebrochen zu bezeichnen, wenn George Clooney als Staranwalt Miles Massey im neuesten Film der Coen Brüder ausgerechnet als Eröffnungsredner eines Kongress von Eherechtsanwälten seinen Aufsatz zerreit und so geläutert wie mitreißend verkündet, seinen Zynismus beiseite gelegt zu haben und endlich, ja endlich die eine große wahre Liebe im Leben gefunden zu haben. Trotz andernweitiger Hinweise – Zaghafter Applaus, dann standing ovations, Schulterklopfen, Umarmungen folgen diesem euphorischen Plädoyer, als der zuvor so eitle Anwalt mit halb aus der Hose hängendem Hemd durch die Massen Richtung Ausgang schreitet – kann das nur nicht ernst gemeint sein, selten haben die Coens so böse ihr Spiel mit der Liebe getrieben. Denn dass sich die nunmehr gefunden geglaubte Liebe nur wenig später als sorgfältig geplante Falle herausstellt, sollte jedem, vor allem eigentlich Massey selbst, bereits im Vorfeld klar sein: Marylin Rexroth (Catherine Zeta-Jones), das Objekt der Begierde, stand nur kurz zuvor noch auf der juristisch gegnerischen Seite, als Gattin eines Mandanten von Massey, der diese in einer wahnwitzigen Gerichtsverhandlung um das bereits zum Greifen nahe Vermögen ihres Ex-Gatten brachte. Ein berechnendes Heiratsluder, wie es im Buche steht, eine fleischfressende Pflanze, deren klebrige Blätter sich lange schon um die Fliege Massey gelegt haben. „Das Coen-Feeling“ weiterlesen

Gut vs. Schlecht

Als Mitte der 90er Jahre der erste Band der Mini-Serie „Marvel vs. DC“ erschien, fanden endlose Schulhofdiskussionen ein (vorläufiges) Ende: Wer ist stärker: Captain America oder Batman? Wer fliegt schneller: Iron Man oder Superman? Wer ist grüner: Hulk oder Green Latern (oder vielleicht doch das grüne Kryptonit)? Hinter diesen Fragen steckte das Bedürfnis die Mythologien der verschiedenen Comic-Universen endlich einmal kompatibel zu machen, sie auf ein gemeinsames soziales, physikalisches und geografisches Fundament zu stellen. Diese „versus“-Idee wurde schnell auf andere Sujets übertragen; eines der populärsten ist die Comicreihe „Alien vs. Predator“, zu der es bereits ein Computerspiel und demnächst einen Film geben wird. Mit „Freddy vs. Jason“ ist nun eine neue Gegenüberstellung von „Superhelden“ ins Kino gekommen. Die beiden Kontrahenten sind die zynischen Helden des Slasherfilmgenres. „Gut vs. Schlecht“ weiterlesen

Der Film lebt nicht vom Bild allein
(und das Buch nicht von der Schrift allein)

Nicht nur durch Literaturadaptionen wird cinestischen Puristen immer wieder schmerzlich die Literatur als essenzieller Bestandteil des Films in Erinnerung gebracht. Etliche Filme, vor allem des europäischen Autorenfilms der 70er Jahre, „handeln“ im Zentrum von den Geschichten ihrer Protagonisten. Selten kommt es dabei vor, dass das Narrativ einen solchen Vorrang innerhalb des Films erhält, dass mise-en-scene und Montage dadurch völlig in den Hintergrund geraten.

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(und das Buch nicht von der Schrift allein)“
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Jansens Stimme

Peter W. Jansen ist einer der aktivsten deutschen Film-Publizisten. Neben der Reihe Film im Hanser Verlag schreibt er für den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau, den Filmbulletin und die Neue Zürcher Zeitung Filmkritiken und Essays. Für den Südwestdeutschen Rundfunk hat er eine Reihe von Radioessays „100 Filmklassiker“ produziert, die jetzt im Bertz-Verlag erscheinen.

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Was Medien-wissen-schaf(f)t

In unserer Kultur, in der die Massenmedien eine solch außerdordentliche Rolle spielen, die sich von Medien leiten lässt, ist Kulturtheorie auch notwendig Medientheorie. Die Medienwissenschaft bildet daher die technologische Spezifikation innerhalb der Kulturwissenschaften. Sie verfügt über einen eigenen theoretischen Schriften-Kanon, über eine Geschichte, über ein Bündel an Methoden und einen abgrenzbaren Gegenstandsbereich. Ex negativo ist dieses Faktum bislang dadurch bestätigt worden, dass Medientheorien und -theoretiker als solche in keine geistes- und kulturwissenschaftlichen Enzyklopädien einbezogen worden sind – mit Ausnahme der so genannten „Bindestrich-Disziplinen“ (Medien-Soziologie, Medien-Pädagogik und neuerdings Medien-Philosophie) bei denen sich jedoch keine genuine Betrachtung der Gegenstände herausgebildet hat, sondern diese allenfalls in den Bestand bestehender theoretischer Modelle inkorporiert wurden.

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Psychoanalyse, transdisziplinär

Die Psychoanalyse ist als Wissenschaft selbst transdisziplinär angelegt gewesen und hat diesen Charakter außerhalb der psychologischen Forschung auch stets behalten. Ihr Begründer Sigmund Freud hat nicht wenige seiner Studien über die Betrachtung des Individuums auf die Gesellschaft erweitert (Das Unbehagen in der Kultur, 1929/30) und auf die Ästehtik übertragen (Das Unheimliche, 1919). Dass er als Intellektueller seiner Zeit an wichtigen Debatten teilgenommen hat, zeigt nicht zuletzt sein Briefwechsel mit Albert Einstein „Warum Krieg?“ (1933). Die Psychoanalyse als „Psychologie“ hingegen hat sich aus der Transdiszipliarität immer mehr zurückgezogen und das, obwohl die einzelnen Disziplinen aus Natur- und Kulturwissenschaften stets an der Erweiterung der Theorie mitgearbeitet haben.

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Nazis im Nachthemd

Kino-Blockbuster sind ein Segen für Filmbuchpublizisten und -verlage gleichermaßen. Will man die eigene Bibliografie (oder das Verlagssortiment) um einen Bestseller bereichern, muss man lediglich den jeweiligen Blockbuster thematisieren. Im Falle von Guido Schwarz‘ „Jungfrauen im Nachthemd – Blonde Krieger aus dem Westen“ ist Peter Jacksons Lord of the Rings willkommener Anlass gewesen.
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Film/Musik

Das Verhältnis von Film und Musik ist komplex. Musik hat die laufenden Bilder von Beginn der Filmgeschichte an begleitet – zur Untermalung, Kommentierung und Rhythmisierung. Doch als eigenständige Kunstform ist die Filmmusik erst nach dem zweiten Weltkrieg ins Bewusstsein gerückt. Und kommerzielle Beachtung fand sie gar erst seit den 1960er Jahren, als sich auch Popmusiker des Films bedienten, um ihre Werke einem breiteren Publikum anzudienen. Die weiterführende Auseinandersetzung und Theoriebildung zur Filmmusik ist auf wenige Arbeiten beschränkt, von denen die Auseinandersetzungen Adornos und Eislers die bekanntesten sind. Die verschiedenen Funktionen der und Sichtweisen auf die Filmmusik haben dazu geführt, dass dieses Genre heute ein breites Spektrum an Varianten herausgebildet, sich quasi zwischen „ernster“ und „unterhaltender“ Musik etabliert und eine eigene Hörerschaft – jenseits des Kinosaals – gefunden hat.

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Der Mann ohne Vergangenheit

Blue Moon, Österreich 2002, Andrea Maria Dusl

Man hätte diesen Film auch ganz anders inszenieren können: Ein Mann, von dessen Vergangenheit wir wenig – ja gar nichts, eigentlich – wissen, verbockt eine Geldübergabe, deren Hintergründe wir nicht kennen. Eine so schöne wie geheimnisvolle Frau rettet ihn aus dieser misslichen Situation, dem folgt eine Irrfahrt quer über den (ost-)europäischen Kontinent, an deren Ende es doch nur noch um eine Sache gehen kann: Dass beide sich, wie auch immer, kriegen. Man hätte ein Genre-Einerlei draus machen können, mit etwas Action hier und da, mit etwas behaupteter Dramatik und Sentiment. Einen Film wie viele andere auch: Schnell gedreht, gesehen, vergessen. Regisseurin Andrea Maria Dusl hat sich anders entschieden. Zum Glück. „Der Mann ohne Vergangenheit“ weiterlesen

Halloween

John Carpenters Halloween von 1978 ist der Initialfilm eines gesamten Subgenres, des Slasherfilms. Die Zahl an Filmen, in deren Zentrum ein maskierter, quasi unsterblicher Serienmörder steht, ist immens. Und neben dem Rip-Offs hat sich der Slasherfilm zu einem Sequel-Genre entwickelt, das wohl die meisten Fortsetzungen für sich verbuchen kann. Allein von Halloween gibt es sieben und eine achte soll demnächst folgen. „Halloween“ weiterlesen

Der Kollaps des White Trash

Spun, USA/Schweden 2002, Jonas Åkerlund

Jonas Åkerlund lässt in Spun die Zeichenwelt des White Trash förmlich implodieren. Vielleicht ist ja seine Vergangenheit als Schlagzeuger des schwedischen Black-Metal-Urgesteins BATHORY in den 80ern Jahren die beste Voraussetzung hierfür. War es doch diese, ironischerweise, wohl weißeste aller Musikspielarten, die den erdigen, ehrlichen Rock wieder mit Metaphysik und einem Spiel mit den Zeichen auflud und sich, für viele Anhänger, als Ersatzreligion installierte. Es mag wirklich diesem biografischen Detail geschuldet sein, dass sich SPUN souverän in erster Linie – auch mittels eines hektischen, nervösen Schnitts – auf die zeichenhaften Details der Alltagskultur jenes White Trash konzentriert. „Der Kollaps des White Trash“ weiterlesen

„Irgendwann wird’s lächerlich“

Woran erkennt man einen Horrorfilm? Am großzügigen Gebrauch unstet flackernder Lichter, an dichter Schwärze, die unheilvoll hinter nur einen Spalt weit geöffneten Türen hervorlugt, an undeutlichen Bewegungen im Dunkeln, die genauso gut auch nur auf ein irritiertes Auge zurückführbar sein könnten, an einem Telefon, das stille Momente der Anspannung lautstark und überraschend durchtrennt, oder aber an einer Bewegung in eine Richtung, die man nicht hätte einschlagen sollen. Und so weiter und so fort. Dies sind zuvorderst wahrnehmbare Elemente, die, unter anderem, einen Horrorfilm zu einem solchen machen. Nicht schon zwangsläufig zu einem guten, gewiss. THEY – SIE KOMMEN, von Hitcher-Regisseur Richard Harmon bereits im letzten Jahr inszeniert, bietet im wesentlichen genau eine solche Aufzählung einzelner Gruselelemente. Allein, die Summe der einzelnen Teile ergibt kein Mehr. „„Irgendwann wird’s lächerlich““ weiterlesen

Déjà Vu

Kill Bill Pt. 1, USA 2003, Quentin Tarantino

Manchmal geschieht es, dass das Gehirn in einem Moment, wo es Informationen aufnimmt, diese im „falschen Gedächtnis“ ablegt: Anstatt sie zuerst im Ultra-Kurzzeitgedächtnis zu speichern, um sie danach selektieren zu können, packt es sie direkt ins Kurzzeitgedächtnis. Dies führt dazu, dass man sich auf eigenartige Weise an das, was man gerade wahrnimmt, erinnert, so, als hätte man es vorher schon einmal wahrgenommen. Diesen Effekt nennt man Déjà Vu. Von einer Art Déjà Vu zehrt auch das postmoderne Kino des Quentin Tarantino, indem es dessen „Verfahren“ invertiert. Tarantino inszeniert Bilder, die in ihrer Gestaltung so archetypisch wirken, dass man meint, man habe sie schon einmal gesehen. Das Charakteristikum seiner Filme – vor allem Pulp Fiction (1992) ist dadurch bekannt geworden – ist ihre Referenz an die Filmgeschichte und zugleich deren konstruktives Aufgreifen und Weiterdenken. War Pulp Fiction hierin noch einem Genre allein verpflichtet (dem Gangsterfilm), so nimmt sich Tarantinos Kill Bill gleich mehrere Genres vor, die sich über die Jahrzehnte im Zuschauergehirn abgelegt haben. „Déjà Vu“ weiterlesen

Die Zeichen der Macht – die Macht der Zeichen

Aguirre – Der Zorn Gottes, Deutschland 1973, Werner Herzog

Klaus Kinski und Werner Herzog. Zwei Namen, zwei Genies, eine Legende der deutschen Filmgeschichte. Zahlreiche Mythen ranken sich um das gemeinsame Schaffen der beiden – seien es die berüchtigten, oft stundenlangen Wutausbrüche Kinskis während der Dreharbeiten, sei es die Legende von Herzog, der während der Aufnahmen den agierenden Kinski vom Regiestuhl aus stets mit dem Gewehr anvisiert habe. 16 Jahre dauerte die kreative Allianz der beiden, fünf Filme wurden in dieser Zeit geschaffen. Mit Aguirre, der Zorn Gottes wurde im Jahr 1973 der Grundstein für den noch immer lebendigen Mythos gelegt. „Die Zeichen der Macht – die Macht der Zeichen“ weiterlesen