Gut vs. Schlecht

Als Mitte der 90er Jahre der erste Band der Mini-Serie „Marvel vs. DC“ erschien, fanden endlose Schulhofdiskussionen ein (vorläufiges) Ende: Wer ist stärker: Captain America oder Batman? Wer fliegt schneller: Iron Man oder Superman? Wer ist grüner: Hulk oder Green Latern (oder vielleicht doch das grüne Kryptonit)? Hinter diesen Fragen steckte das Bedürfnis die Mythologien der verschiedenen Comic-Universen endlich einmal kompatibel zu machen, sie auf ein gemeinsames soziales, physikalisches und geografisches Fundament zu stellen. Diese „versus“-Idee wurde schnell auf andere Sujets übertragen; eines der populärsten ist die Comicreihe „Alien vs. Predator“, zu der es bereits ein Computerspiel und demnächst einen Film geben wird. Mit „Freddy vs. Jason“ ist nun eine neue Gegenüberstellung von „Superhelden“ ins Kino gekommen. Die beiden Kontrahenten sind die zynischen Helden des Slasherfilmgenres.Zehn Jahre war es still in Springwood und am allerstillsten in der Elm Street. Diese war zuvor vom Traumdämon Fred Krüger (seinen Opfern und Fans als „Freddy“ geläufig) heimgesucht worden. Nach zahlreichen Attacken, in denen Kinder und Jugendliche in ihren Träumen von ihm ermordet wurden, ist man Freddy schließlich mit Psychopharmaka und einer konsequenten Schweige-PR entgegengetreten: Durch Pillen sollten die Teenager, die sich vor ihm fürchteten, aufhören zu träumen und denjenigen gegenüber, die ihn (noch) gar nicht kannten, sollte er verheimlicht werden, damit sie keine Angst vor ihm entwickeln. Denn Angst verleiht dem Traumdämon Macht. Der derart entmachtete Freddy ersinnt jedoch einen Plan. Er dringt in die Träume des untoten Jason Vorhees ein, erweckt diesen zu neuen Taten und schickt ihn in die Elm-Street, damit er abermals das Fürchten lehre. Jason weiß, wie man Heranwachsende in Angst und Schrecken versetzt, denn er selbst hat jahrelang (hauptsächlich) am Camp Crystal Lake gemordet und war nicht zu stoppen. Freddys Strategie geht auf: Etliche Jugendliche fallen Jason zum Opfer und der Rest bekommt Angst vor ihm. In Springwood bricht das Chaos aus: Die Polizei versucht das Schweigegelübde aufrecht zu erhalten, das längst überflüssig geworden ist und zwei Jugendliche, die seit Freddys damaligen Traumattacken in der Psychiatrie waren, brechen von dort aus, kehren nach Springwood zurück und versuchen dem Alptraum ein Ende zu setzen. Derweil hört Jason nicht auf zu morden, was Freddy mehr und mehr potenzielle Opfer kostet. Eine handvoll Teenager erkennt den Konflikt und spielt beide Serienmörder gegeneinander aus. Es kommt zur finalen Konfrontation.

Regisseur Ronny Yu hat 1998 mit Bride of Chucky bereits einen Film nicht nur desselben Genres, sondern sogar derselben „Philosophie“ abgeliefert: Die Bekanntheit der fantastischen Mythologie der Mörderpuppe Chucky bei seinem Publikum vorausgesetzt, war Chucky und seine Braut ebenfalls so etwas wie ein Zugeständnis an die Fans – alle anderen blieben aus der Narration mehr oder weniger ausgesperrt. Bei Freddy vs. Jason ist derselbe Effekt zu beobachten: Das mittlerweile über zwei Jahrzehnte geschulte Fanpublikum hat den Film, der mehr als einmal angekündigt war, sehnlich erwartet, um beide Filmmonster endlich in Aktion sehen zu können. Was geschehen würde, konnte man sich aufgrund der Prequels beider Serien (bei Nightmare on Elm Street insgesamt sechs, bei Freitag der 13. sogar zehn) im Vorfeld denken: Es würde einmal mehr um ungezogene Adoleszente gehen, die für ihr sexuelles, oder nonkonformes Verhalten abgestraft werden (Die hinter der Narration liegende puritanische Ideologie ist längst Legende und kann unkritisch übergangen werden). Denn Freddy vs. Jason ist mehr Meta- als echtes Genrekino. Die teilweise sehr kreativen und detailliert dargestellten Morde sind hier nicht mehr wie in den Ausgangsserien die Gegenstände des Interesses. Es ist vielmehr die Frage, wie sich beide Mörder mit- und gegeneinander verhalten: Wer ist stärker? Wer ist hinterhältiger? Wer gewinnt den Kampf?

In dieser Hinsicht ist Fred Krüger die ersten zwei Drittel des Films im Vorteil, einfach weil ihm als Traumdämon quasi-magische Kräfte zur Verfügung stehen: Selbst den untoten Jason Vorhees scheint er „wie im Schlaf“ besiegen zu können, in dem er in dessen Träume eindringt. Doch Freddy rechnet nicht damit, dass die Jugendlichen aus Springwood über ihn und seine Fähigkeiten sehr wohl informiert sind. Und auch das Wirken Jason Vorhees’ ist ihnen bekannt, so dass sie sich – die Mythologie der beiden Serien antizipierend – eine Strategie ersinnen, wie sie beide gleichzeitig loswerden können: Jason sei durch Wasser, Freddy durch Feuer zu töten.

Als technische Berater in Sachen Serienmörderbeseitigung kommen den Jugendlichen zwei lange vermisste Freunde zu Hilfe. Sie waren in einer psychiatrischen Klinik interniert und dort mit traumverhindernden experimentellen Psychopharmaka ruhig gestellt worden. Die beiden Jungs brechen aus, um nach Springwood zurückzukehren und kommen im rechten Moment. Sie haben das notwendige Wissen über Freddy, den die anderen auf Grund der Geheimhaltung gar nicht kennen. Hier führt Freddy vs. Jason eine markante Inversion eines Slasherfilm-Motivs vor. Waren es einst die Bösen, die aus der Nervenheilanstalt ausbrachen, um als Nemesis über die Orte ihrer Vergangenheit herzufallen, so sind es jetzt die Guten. Und diese werden dadurch den neuen Helden Freddy und Jason zur Gefahr. Die Umkehrung dieses Motivs zeigt, dss das Fan-Publikum längst nicht mehr die monströsen Serienmörder als zu bekämpfende Bösewichte ansieht. Vielmehr fiebert es mit ihnen mit, fragt sich, welche kreativen Tötungsverfahren dieses Mal (in dieser Folge der Reihe) angewandt werden und wie die Mörder wohl dieses Mal zur Strecke gebracht werden.

Auf denjenigen Zuschauer, der die Prequels nicht kennt, muss ein Film wie Freddy vs. Jason entweder zynisch oder inkohärent wirken. Dass die New Line-Produktion sich dennoch an einen derartig selbstbezüglichen Stoff herangewagt hat, zeigt wohl, dass sie das Zuschauerpotenzial zuvor eingeschätzt haben. Denn die Bekanntheit beider Serien(mörder) ist längst zur cineastischen Selbstverständlichkeit geworden; wenigstens einen Teil der Slasherfilmserien zu kennen, gehört zur Film-Sozialisation. Dies voraussetzend gibt sich der Film auch gar nicht erst Mühe, erzählerische Zusammenhänge innerhalb seiner Erzählgrenzen plausibel zu machen oder seine (Opfer-)Figuren ausreichend zu charakterisieren. Anstelle dessen konzentriert sich Freddy vs. Jason voll auf seine Helden und ihr Tun: Im visuellen Vordergrund stehen die Masken- und Spezialeffekte; hauptsächliche Erzählgegenstände sind lediglich Vorbereitungen der finalen Konfrontation.

Und damit bereitet sich Freddy vs. Jason selbst ein Problem, das in seiner eigenen Erzählmythologie begründet liegt: Die Tatsache, dass sowohl Fred Krüger als auch Jason Vorhees unsterblich sind, ist allseits bekannt und konterkariert damit jedwede „finale“ Konfrontation allenfalls als „vorläufig“. Der Cliffhanger-Epilog ist längst zum notwendigen Genre-Bestandteil geworden. Mehr als in allen anderen Filmen ist im Slasherfilm „der Weg (zum Finale) das Ziel“. Und diesen Weg beschreitet Yu wenig ambitioniert. Abgesehen von einer Mord-Szene am Anfang des Films ist alles schon einmal in einem oder mehreren Prequels der Serien gezeigt worden. Das konstitutive Moment der Slasherfilme, mit neuen Morden und damit neuen Spezialeffekten aufzuwarten, vernachlässigt der Film und ist deshalb trotz seiner narrativen Dramatik, der Blutfontänen, des Heavy Metal-Soundtracks und der mehrdimensionalen Erzählstruktur langweilig. Nun mag man als Fan des Slasher-Genres geneigt sein, diese Langeweile als „Wiederkehr des Immergleichen (Mörders)“ zum Motiv zu erklären, denn die Gleichförmigkeit ist der Serie und dem Serienmörder inhärent, ja macht beide erst zu dem, was sie sind. Doch hätte das Drehbuch aus dieser Not eine Tugend machen können und – wie es zwei Jahre zuvor James Isaac im neunten Sequel zu Freitag der 13., Jason X, gezeigt hat – die reichhaltige Genre-Mythologie von nunmehr zwei Serien ironisch brechen können. Doch dies leistet Freddy vs. Jason allenfalls holzschnittartig. Und damit bleibt der Film leider nicht mehr und nicht weniger als sein vorfilmisches Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Freddy und Jason einmal aufeinander träfen?

Freddy vs. Jason
(Freddy vs. Jason, USA 2003)
Regie: Ronny Yu; Buch: Damian Shannon & Marc Swift; Kamera: Fred Murphy;
Musik: Greame Revell; Darsteller: Monica Keena, Kelly Rowland, Jason Ritter,
Robert Englund, Krizinger
Verleih: New Line Cinema Länge: 97 Minuten

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