Gleich zwei Mal eroberte der Terrorismus auf dem letztjährigen Filmfest in München das deutsche Kino. In „Schläfer“ wurde die allgegenwärtige Paranoia gegenüber muslimischen Mitbürgern zum Thema gemacht. Dabei war es ganz gleichgültig, ob der Verdächtigte auch tatsächlich ein Terrorist ist; die Unsicherheit, dass er einer sein könnte, mobilisierte die Verdachtsmomente seines Umfeldes. „Falscher Bekenner“ handelt nun ebenfalls davon, dass in Zeiten globaler Bedrohungen hinter jeder unscheinbaren Fassade ein potenzieller politischer Mörder stecken könnte.
Der Kratzer im Lack
Regisseur Michael Mann schrieb mit „Miami Vice“ Fernsehgeschichte und schuf eine Serie, die hinter ihren vordergündig auf Hochglanz polierten Bildern immer die Abgründe der gemeinhin als oberflächlich geltenden Achtziger aufdeckte.
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Homo faber?
Obwohl James Cameron sich unzweifelhaft dem Unterhaltungskino verschrieben hat, ist es ihm gelungen, sich mit seinen Filmen wort- und bildgewaltig in technologische und politische Diskurse einzuklinken. So drehte er 1984 mit „The Terminator“ einen Film, den man rückblickend wohl nur als epochebildend bezeichnen kann. „Homo faber?“ weiterlesen
»Ich häute mich für jeden Film«
Die iranische Regisseursfamilie Makhmalbaf gehört seit Jahren zu den international gefeierten Künstlern des Landes. Mohsen Makhmalbaf, der seit 1979 filmisch aktiv ist, seine Frau Marziyeh Meshkini sowie die Töchter Hana, Samira und der Sohn Maysam haben zusammen oder jeder für sich bereits zahlreiche Preise für ihre gesellschafts- und religionskritischen Spiel- und Dokumentarfilme erhalten. Im Frühjahr 2005 musste die Familie den Iran verlassen, weil aufgrud der Zensur eine Arbeit dort nicht mehr möglich war. Vera Tschechowas Dokumentarfilm erzählt die Hintergründe dieser Flucht nach Paris und stellt die einzelnen Künstler der Familie und deren Werk vor.
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Ins Wasser gefallen
Vom indisch-stämmigen Regisseur M. Night Shyamalan ist man ja einiges gewohnt – vor allem aber Verlässlichkeit, was die Konstruktion seiner (zumeist) Grusel-Erzählungen angeht: Da geschehen Dinge fernab unserer Alltagslogik, die für die Protagonisten zur Normalität werden, die scheinbar immer tiefer in eine fantastische und mysteriöse Welt führen – um am Ende dann in einem von Shyamalans berüchtigten Plot-Twists aufgehoben zu werden. Nichts war, wie es schien – die Wahrheit ist ganz anders und manchmal sogar noch fürchterlicher als die Lüge. Es ist vorstellbar, dass Shyamalan bei seinem neuen Film „Das Mädchen im Wasser“ eine Art Meta-Plottwist vorgeschwebt haben mag, um seine Zuschauer, die mit seinen finalen Überraschungen längst rechnen, doch noch einmal zu erstaunen. Das wäre allerdings eine sehr wohlwollende Lesart des Films.
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Abgesoffen
Der klassische Katastrophenfilm vereinte stets zwei Motive: die Ohnmacht des Menschen vor der übermächtigen und unbezähmbaren Natur und die Angst vor dem trügerischen Segen der Technik. In den technischen Errungenschaften des Menschen – Schiffe, Hochhäuser, Flugzeuge – spiegelt sich seine Hybris, die im Verlauf der Hnadlung den Zorn eines alttestamentarischen Schöpfergottes in Form von Erdbeben, Feuersbrünsten, Sturmfluten und Wirbelstürmen auf sich zieht. In einem Jahrzehnt wie den 70ern, das durch die Ölkrise und innenpolitische Skandale geprägt war, war der Katastrophenfilm der perfekte Katalysator für den aufkeimenden Zivilisationspessimismus.
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Anleitung zum neugierig sein
Eine Rezension über einen Ratgeber mit dem Titel „Kritiken schreiben“ zu schreiben, ist eine undankbare Aufgabe. Wird man den Ausführungen des Buches mit der eigenen Kritik gerecht? Oder produziert man nur ein weiteres Beispiel für eine von Autor Stephan Porombka zitierte misslungene Kritik? Und wie würdigt man die Qualitäten seines Buches besser: indem man sagt, wie gut es geschrieben ist, wie leicht verständlich, undogmatisch und anregend oder indem man eben einfach eine im Sinne des Autors „gelungene“ Kritik verfasst?
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Werner Herzog Filmabend I
1.
Anfang der siebziger Jahre etablierte sich der abenteuerlustige Filmemacher Werner Herzog als eine einzigartige Erscheinung innerhalb der deutschen Filmlandschaft. In zahlreichen Filmen, oft kongenial mit Klaus Kinski besetzt, erzählte er von der „Eroberung des Nutzlosen“ (Bernd Kiefer), einem monumentalen aber tragischen Scheitern fiktiver und historischer Abenteurer. Den prominentesten Versuch dieser Art unternahm Herzog in einem unvergesslichen Klassiker von 1971: „Aguirre – Der Zorn Gottes“. Die Amazonasexpedition einiger spanischer Konquistadoren gerät hier zum Himmelfahrtskommando – in dem Wahn, das legendäre Goldland Eldorado zu entdecken, dringt Aguirre mit seinen Leuten immer tiefer ins „Herz der Finsternis“ vor. Wenn man Werner Herzogs eigenen Aussagen glauben darf, verschmolzen Dreharbeiten und Film zu einer irrwitzigen Melange, die sich deutlich in der fieberhaften Intensität der Inszenierung spiegelt.
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Gewinner oder Verlierer?
Der zweite Band der Reihe Film-Konzepte widmet sich mit Charlie Chaplin und Buster Keaton zwei der berühmtesten Kinofiguren und auteurs überhaupt. Aber auch über diese rein filmhistorische Bedeutung hinaus lohnt sich eine Beschäftigung mit Chaplins und Keatons Filmen besonders heute, wie in diesem Band deutlich aufgezeigt wird. Ihre Filme, in denen sie auf zeitgenössische gesellschaftliche Entwicklungen reagierten, erhalten vor dem gegenwärtigen Hintergrund von Arbeitslosigkeit, der zunehmenden Technisierung der Welt, dem Schwinden sozialer Bindungen und der Anonymisierung des Einzelnen nämlich neue Aktualität – ein klassischer Fall von Horizontverschmelzung.
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Kurzrezensionen Mai 2006
- Andreas Ziemann (Hrsg.): Medien der Gesellschaft – Gesellschaft der Medien. Konstanz: UVK 2006
- H. Püstow/T. Schachner: Jack the Ripper. Anatomie einer Legende. Leipzig: Militzke 2006
- Roland Barthes: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006
- Christian Georg Salis: Das Böse steht noch einmal auf. Marburg: Schüren 2006
- Ernst Freud/Lucie Freud/Ilse Grubrich-Simitis (Hrsgg.): Sigmund Freud – Sein Leben in Bilder und Texten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006
- Stefan Keppler/Michael Will (Hrsg.): Der Vampirfilm. Klassiker des Genres in Einzelinterpretationen. Würzburg: K&N 2006
- Petra Löffler: Affekbilder. Eine Mediengeschichte der Mimik. Bielefeld: transcript 2004
The Heart of the Warrior
Dass das spanische Unterhaltungskino blüht und gedeiht, davon konnte man sich in den letzten Jahren anhand der Filme von Jaume Balaguero, Javier Fesser, Santiago Segura oder Alex de la Iglesia immer wieder überzeugen. Mit großem Selbstbewusstsein, handwerklichem Geschick, Witz und neuen Ideen entstanden Filme, die sich nicht darin erschöpften, große Vorbilder aus Übersee zu kopieren oder sich mit künstlerischer Verweigerungshaltung des potenziellen Publikums zu berauben. Ein gutes Beispiel für dieses neue spanische Kino ist Daniel Monzóns 2000 entstandener „The Heart of the Warrior“.
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Laura, Dorothy, Reneé und Jiney
Mit „The Eye“ war den Pang-Brothers 2002 ein beachtlicher internationaler Erfolg beschieden. Dafür dürfte nicht zuletzt die internationale Koproduktion (Hong Kong, Singapur, Groß Britannien), die unterschiedlichen Drehorte in Thailand und China sowie schließlich der Mixup aus mehreren ost-asiatischen Geisterfilm-Elementen verantwortlich gewesen sein. Hatte „The Eye“ und dessen Sequel noch auf übernatürlichen Horror zurückgegriffen, so versuchen die Zwillingsbrüder Oxide und Danny Pang in ihrem nun bei KOCHMedia erschienenen Film „Ab-Normal Beauty“ auf solche Elemente ganz zu verzichten. Die dadurch entstehende „Lücke“ vermag der Film allerdings leider nur durch Integration eines zweiten Films zu schließen.
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Der Berg ruft
Slasher- und Backwood-Film passten seit jeher gut zusammen, auch wenn das Slasher-Genre noch in tiefem Schlummer lag, als John Boorman mit BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE das Genre des Backwood-Films aus der Taufe hob. In seinem Klassiker wird die Hybris chauvinistischer Städter, die sich als die Gralshüter von Vernunft und Fortschritt wähnen, durch das schlechte Gewissen Amerikas bestraft, der Bevölkerung des Hinterlands, das von den Protagonisten für einen Wochenendtrip auserkoren wurde. Der Trip ins Naturidyll wird zum Albtraum.
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Im Zwischenraum der Wirklichkeit
Ein neuer Sammelband zeigt die Aktualität von Walter Benjamins Medientheorie
Flanieren heute? Das ist als Wahrnehmungsmodus inzwischen reichlich verstaubt. Dem verlinkten Herumstöbern im virtuellen Raum scheint der authentische Blick auf das Material der urbanen Lebensformen endgültig gewichen zu sein. Kein Wunder, denn für gewöhnlich schwappt die große Gleichförmigkeit aus den popkulturellen Verkehrsströmen der Warenwelt. Wobei sich Produktion und Rezeption von Sinneseindrücken im industriellen Tempo abwechseln – um uns jene Bilderfluten zu hinterlassen, wie sie alltäglich und myriadenfach im universalen Netzwerk des Cyberspace aufschäumen. In der virtuellen Realität ist nahezu alles und jederzeit verfügbar – und ebenso austauschbar. Wahrnehmung mutiert so zur Verlusterfahrung.
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Portrait of a Serial Killer
Auch im unvermeidlichen Sequel zu SLEEPAWAY CAMP arbeiten die Drehbuchschreiber weiter daran, den die Genremechanismen reflektierenden Tenor des Originals beizubehalten. Wurde in BLUTIGER SOMMER – CAMP DES GRAUENS die Grundthese des Slasher-Films – Sex ist krank und muss deshalb bestraft werden – falsifiziert, indem genau das Gegenteil bebildert wurde, so widmet sich das Sequel nun dem Innenleben des eigentlichen Slasher-Protagonisten, dem psychopathischen Killer, und holt so an die Oberfläche, was im Slasher-Film lediglich Subtext ist. Dabei geht aber auch CAMP DES GRAUENS 2 den Weg aller Sequels des Subgenres und macht den Antagonisten des Vorgängers zum Protagonisten. Dies hat zur Folge, dass sich das Augenmerk des Slasher-Film-Sequels von der Frage „Wer war es?“ – der Frage des klassischen Kriminalfilms – hin zu einem „Wie wird er es tun?“ verlagert. Mit dieser Entwicklung geht zunehmend eine Fragmentierung der Handlung einher: Eine Geschichte im klassischen Sinn wird nicht mehr erzählt, vielmehr werden einfach mehr oder weniger spektakuläre Mordszenen lose miteinander verbunden. Diese Entwicklung ist auch in CAMP DES GRAUENS 2 zu beobachten, der sich strukturell nahtlos in sein Genre einfügt.
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Coming-out
BLUTIGER SOMMER – DAS CAMP DES GRAUENS ist ein Vertreter der zweiten, schon abebbenden Welle des Slasher-Subgenres, jenes Genres, in dem promiske Teens für ihr sündhaftes Treiben von einem puritanischen Killer bestraft werden. Zur ganz großen Popularität eines FREITAG, DER 13. oder HALLOWEEN hat es zwar nicht gereicht, doch immerhin brachte es auch diese Reihe auf zwei Sequels (ein weiteres ist derzeit angeblich in Planung). Erzählt wird die Geschichte Angelas, die als Kind bei einem tragischen Unfall ihren Bruder verlor. So suggerieren es wenigstens die Bilder, die man zu Beginn des Films – genretypisch – als Rückblende dargereicht bekommt – der Kenner weiß diese Rückblende als Genese des Killers zu interpretieren. Acht Jahre später wird die neurotische, wenn nicht gar autistische Angela von ihrer Ziehmutter, der sich affektiert gebärdenden Tante, zusammen mit ihrem Cousin Ricky ins Camp Arawak verfrachtet. Schon während der Creditsequenz macht eine Kamerafahrt durch das entvölkerte Camp, die auf einem Schild mit der Aufschrift „For Sale“ endet, klar, dass dieser Urlaub ein böses Ende nehmen wird. Die Zeichen verdichten sich, die Mordserie lässt nicht mehr lange auf sich warten. Die Opfer haben alle eines gemeinsam: Kurz vor ihrem Tod trieben sie ihre bösen Scherze mit Angela, die aufgrund ihres zurückhaltenden und schüchternen Verhaltens bald schon zum Gespött des Camps wird. Ist sie der Mörder? Und wenn ja: Was ist der Hintergrund ihrer psychischen Disposition?
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Stunde der Unwahrheit
Serienmord und Medien gehören untrennbar zusammen. Nicht nur, weil der erste moderne Serienmordfall – der Jack the Rippers – nur werden konnte, was er war, weil zum ersten Mal die Boulevard-Presse über ihn berichtete; auch weil es die Medien überhaupt sind, die der Öffentlichkeit den Zusammenhang stiften, der aus Einzeltaten eine Mordserie macht. Der Begriff Serienmord existiert also in zwei Sphären: Zum einen in der Welt der Kriminologen und Kriminalisten, die streng differenzierbare Kriterien zum Erkennen und Methoden zur Ergreifung des Täters suchen, zum anderen als Diskurs in der Öffentlichkeit, initiiert durch Berichterstattung, angereichert mit Mythen, Vorurteilen und Ängsten. Als der Serienmörder Pedro Alonzo López 1980 gefasst wurde, war der Aufschrei über seine Taten (hunderte ermordete Kinder in Peru, Bolivien und Equador) enorm. Doch wie schon der finguierte Killer in „Antikörper“ richtig feststellte: nachhaltiges Medienecho blieb dem Fall López verwährt, während über Jack the Ripper immer noch eifrig spekuliert wurde. Der ecuadorianische Filmemacher Sebastián Cordero hat nun Abhilfe geschaffen und scheinbar einen Film über López gedreht – scheinbar.
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Die andere DDR
Menschen vergessen schnell. Nein, schlimmer: Unliebsames verdrängen, das Gute erinnern sie. Das gab es im großen Rahmen zu Anfang der Bundesrepublik. Doch war das Verdrängte so ungeheuerlich, dass der empörte Aufschrei der folgenden Generation das Schweigen zerriss. Nach der Abwicklung der zweiten deutschen Diktatur setzte ein ähnliches Phänomen ein. Nach einer Dekade Vereinigungskater erschien das Land der grenzenlosen Beschäftigung nicht nur den ewig Gestrigen als eine tolle Sache. Neben der Ostalgie, die immer nur Pendant zu westlicher Nostalgie war, kamen die populären Klamaukfilme, am erfolgreichsten Good Bye Lenin!. Sie versuchten nicht einmal den Arbeiter- und Bauernstaat verächtlich zu machen, sondern erschöpften sich bereits in ihrem Gagrepertoire. Stattdessen gaben sie der ersten gesamtdeutschen Generation ihre „Zone“, ein kurioser Käfig voller sächselnder Kommunisten, die im Trabi zur wertlosen Witzarbeit im volkseigenen Betrieb fuhren und im Konsum die Wahl zwischen Scherzartikeln mit ulkigen Namen wie Spreewaldgurken und Club-Cola hatten. Die „Zone“, zu der man sich nun auch als ihr Kind bekennen konnte, wurde Kult.
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In Celluloid we trust!
Als André Gide 1893 mit der Mise-en-Abyme erstmals jene rahmensprengende Darstellungsfigur im Drama beschrieb, ahnte er wohl kaum, dass er damit den Grundstein für das, was heute allgemeinhin als postmoderne Ästhetik bezeichnet wird, gelegt hat. Seither verweisen Medien nicht mehr nur zufällig auf sich selbst und ihren Charakter der Künstlichkeit, sondern fordern durch „Rahmenüberschreitung“ den Zuschauer geradezu dazu auf, über das Wesen von Wahrheit, Fiktion und deren Verhältnis zueinander nachzudenken. War aber das Durchschreiten der „vierten Wand“ für das Theater (also dessen Schauspieler) physisch jederzeit möglich (und ist heute vielleicht noch das einzig verbliebene und arg überstrapazierte Mittel theatralischer Kunstfertigkeit), war dem Film durch seine raumzeitliche Abwesenheit vom Darstellungsort eine technische Schranke gesetzt. Mise-en-Abymes, das zeigt der jetzt erschiene Kurzfilm von Björn Last gleichen Titels, sind hier jedoch nicht nur ebenso möglich, sondern wesentlich facettenreicher inszenierbar.
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Körper_nach_dem_Territorium.
I think it makes people terribly uncomfortable.
DAVID LYNCH

