Die Ins-Loch-Geworfenheit

Der Existenzialismus als Loch-Parabel

Zugegeben: Manchmal leidet man als akademischer Filmzuschauer an einer gewissen deformation professionelle, die allzu bereitwillig angelesenes Theoriewissen in gesehenen Filmbildern wiederzuentdecken glaubt. Oft genug verhilft eine solche verkopfte Lesarbeit aber auch zu überraschenden Koinzidenzen – beispielsweise möchte man fast meinen, ein Film wie „Hole“ habe sich der Vermittlung französischer Philosophie der 1940er/50er Jahre verschworen, zumal der Protagonist die Parabelhaftigkeit seines Erlebnisses auch noch ausformuliert: Auf jeden wartet irgendwo ein Loch, dem er zu entrinnen versucht, dessen Ränder er jedoch genauso wenig erreicht wie das Wissen darüber, warum er überhaupt hineingefallen ist.
„Die Ins-Loch-Geworfenheit“ weiterlesen

Wünsch dir was!

Am Anfang war tatsächlich das Wort. Besser gesagt: das Stichwort, das die Regisseurin Valeska Grisebach für ihre vorbereitende Recherche zum Film verwendet hat. In einer Reihe von Interviews mussten Männer und Frauen die Frage nach ihren unerfüllten Träumen und Wünschen beantworten, wobei all das, was man unter dem Begriff "Sehnsucht" versteht, zum Vorschein kommen sollte.

„Wünsch dir was!“ weiterlesen

Alive and Smoking

Zu den streitbarsten Themen der letzten Jahre gehört zweifellos der Nichtraucherschutz. Dass das so ist, liegt nicht etwa daran, dass die Gefahren des Tabakrauchs unbekannt wären, sondern vielmehr in den ökonomischen und rhetorischen Fußangeln, in denen sich das Lager der “Pro” und das der “Contra” beständig verfangen. Jede Studie, die versucht, die Schädlichkeit des Rauchens emprisch zu belegen, erfährt innerhalb kürzester Zeit eine Gegenstudie, die die Ergebnisse oder zumindest die Schlüsse aus den empirischen Daten anzweifelt. Für beide Seiten arbeiten hochrangige Wissenschaftler und schon allein daran zeigt sich, dass die Wahrheit zu diesem Thema auch etwas mit der Perspektive (und damit mit fiskalischen Interessen) zu tun zu haben scheint. Zuguterletzt sind es dann vor allem die Marketingstrategen der Tabakindustrie, die versuchen, die kritischen Stimmen rhetorisch zum Schweigen zu bringen. Wie diese Mechanismen ineinandergreifen, kann man nun in Jason Reitmans sarkastischer Komödie “Thank you for smoking” miterleben.
„Alive and Smoking“ weiterlesen

Wissen ist Gott

Der indische Film hat sein Pforten für den Westen geöffnet. Die größte Filmnation der Welt wird derzeit vom Kino, mehr aber noch vom DVD-Markt exploriert und westlichen Zuschauern zugänglich gemacht. Doch es sind zumeist kitschige Melodramen mit Gesangseinlagen und andere Genrefilme, die vom Subkontinent kommen. Politisches indisches Kino ist selten. Umso mehr erfreut es, wenn ein Film wie “Water”, der sich mit der politischen Vergangenheit und den Menschenrechten auseinandersetzt einen Kinostart in Deutschland bekommt.

„Wissen ist Gott“ weiterlesen

Autos mit Arschgeweih

Es geht um Kurven und Geraden, das macht „Cars“-Regisseur John Lasseter schon sehr früh klar: Er zeigt seinen Helden, den Rennwagen Lightning McQueen, auf der Reise nach Kalifornien, zum Abschlussrennen des „Piston Cup“. Der Interstate 40, auf dem Lightning fährt, ist schnurgerade, eben die kürzeste Verbindung zweier Punkte, und Lasseters virtuelle Kamera offenbart, dass das nicht natürlich ist: Einmal zeigt eine Vogelperspektive, wie sich unter der Straße ein Fluß dahinschlängelt, eine Einstellung später dann sieht man, wie für den Interstate eine Schneise in einen Hügel gebrochen wurde. Der Soundtrack spielt dazu „Life is a Highway“ von Rascal Flatts.

„Autos mit Arschgeweih“ weiterlesen

Die Nase der Rose

Drei Romane, darunter zwei von deutschsprachigen Autoren, haben in den 1980er und 1990er Jahren auf besondere Weise von sich reden gemacht, weil sie schon bald nach ihrem Erscheinen zum Inbegriff populärer postmoderner Literatur geworden sind. Die Rede ist von Umberto Ecos "Der Name der Rose", Robert Schneiders "Schlafes Bruder" und Patrick Süskinds "Das Parfum". Die Verwertungslogik der Kulturindustrie hat die ersten beiden recht schnell in zwei ganz unterschiedlich anspruchsvolle Filme verwandelt, wohingegen Süskind für seinen Text die Verfilmungsrechte lange Zeit nicht abgeben wollte. Nun ist es – nach über 20 Jahren – doch geschehen und nicht nur, weil sich dem Stoff dasselbe Produktions- und beinahe dasselbe Drehbuch-Team wie bei "Der Name der Rose" angenommen hat, ist das Ergebnis der Annaud-Adaption näher als Vilsmairs "Schlafes Bruder"-Film.

„Die Nase der Rose“ weiterlesen

Der Wille zum Krach

Sean Jones (Nathan Phillips) beobachtet, wie der Schwerverbrecher Eddie Kim einen Staatsanwalt umbringt. FBI-Agent Neville Flynn (Samuel L. Jackson) soll dem wichtigen Zeugen Geleitschutz auf dem Flug von Hawaii nach L.A. geben, wo er gegen den Bösewicht aussagen soll. Dessen Mordanschläge misslingen und so greift er zum Äußersten: Er setzt eine Horde giftiger Schlangen an Bord des Flugzeugs aus, die er mit einem Duftstoff zusätzlich aggressiv macht … „Der Wille zum Krach“ weiterlesen

Die Schönheit des Schweigens

Mann und Frau setzen sich wortlos an einen Tisch. Er schenkt zuerst ihr, dann sich selbst ein Schälchen Tee ein. Beide gleichzeitig setzen sie an und trinken. Ihre Gesichter bleiben dabei ausdruckslos, ihre Körper bewegen sich nicht. Unter dem Tisch schiebt sich ihr linker Fuß langsam nach rechts, ihre Zehen berühren seine. Mit der selben Ausdruckslosigkeit schaut er sie nun an und sie schaut zurück – beider Züge bekommen etwas Engelhaftes. An diesem Punkt zeigen sie sich, dass sie einander gesucht und gefunden haben. Sicherlich einer der zärtlichsten Momente der Filmgeschichte, die Kim Ki-duk uns hier in „Bin-jip“ präsentiert.

„Die Schönheit des Schweigens“ weiterlesen

Coffee and Pie – Oh my!

Eines der Lieblingsthemen der dem Kulturpessimismus verpflichteten Medien ist die Jugendsprache. Durch Talkshows und Feuilletons geistern in regelmäßigen Abständen die Mütter, die ihre Kinder nicht mehr verstehen, und Lehrer, die an den sprachlichen Fertigkeiten ihrer Schüler verzweifeln. In seinem beängstigend perfekten Debüt BRICK greift Regisseur Rian Johnson dieses Thema mit großem Geschick und verblüffender Wirkung auf, ohne sich des mahnenden Tonfalls der Spachpuristen zu bedienen. Vielmehr stilisiert er die Jugendsprache als Äquivalent zum Gossenslang der hardboiled-Literatur und verleiht ihr so die zustehende poetic justice. „Coffee and Pie – Oh my!“ weiterlesen

Science Faction

Gabriel Noone (Robin Williams) ist ein berühmter Romancier, Moderator der nationalen Radioshow „Noone at Night“, homosexuell und soeben von seinem jüngeren, HIV-positiven Geliebten verlassen worden. In seinen Trennungsschmerz platzt sein Verleger mit dem Auftrag, ein Buch zu lektorieren und zu begutachten. Bei diesem Buch handelt es sich um die Autobiografie des erst 14-jährigen Pete Logand (Rory Culkin), der von seinem Vater und dessen pädophilen Freunden jahrelang missbraucht wurde und nun aidskrank im Sterben liegt. „Science Faction“ weiterlesen

Moneyshots

Linda Williams stellt in ihrem Buch „Hard Core“ die Gemeinsamkeit von Porno- und Splatterfilm heraus: Beide Genres zielten auf somatische Effekte beim Zuschauer ab, die sexuelle Erregung auf der einen, die Übelkeit auf der anderen Seite. In dieser Intention weiten beide Genres den Filmraum von der Leinwand/dem Bildschirm auf den Zuschauerraum aus und lassen den Zuschauer ganz unmittelbar am Geschehen teilhaben. „Moneyshots“ weiterlesen

Hackfresse

FFF 2006Ganz wie seine blutrünstigen Titelhelden ist der Slasherfilm einfach nicht totzukriegen. Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest widmeten sich mit HATCHET, dem thailändischen Vertreter SCARED, dem selbstreflexiven BEHIND THE MASK und Gregory Darks SEE NO EVIL gleich vier Filme dem kreativen Morden. „Hackfresse“ weiterlesen

» … to entertain you.«

Über die Jahrzehnte seines Bestehens ist der Serienmörderfilm bemüht, seine Erzählung plausibel zu gestalten. Die verschiedensten Motive und Ästhetiken haben sich in das Genrebewusstsein der Zuschauer eingeschrieben, die den jeweiligen Film als „authentisch“ ausweisen – selbst wenn diese genau das Gegenteil – man könnte sagen „Medialität“ – anzeigen. Ein Spiel zwischen Zuschauer, Film und Produktion ist dabei entstanden, das mit Erwartungen operiert und diese erfüllt oder enttäuscht, ganz im Sinne authentisierender Wirkung. Vor allem mit dem Dokumentarischen ist der Serienmörderfilm eine Verbindung eingegangen, da die Sujets beider Genres/Gattungen einem Konzept von Wirklichkeit verpflichtet sind, die sich angeblich filmisch abbilden lässt.
„» … to entertain you.«“ weiterlesen

Bruderliebe

Django (Franco Nero) musste als Kind mit ansehen, wie sein Vater von dem Verbrecher Cisco Delgado (José Suárez) erschossen wurde. Jahre später, aus dem Jungen ist mittlerweile der respektierte Sheriff des Örtchens White Rock geworden, macht er sich auf die Suche nach dem Halunken, um ihn in Texas der Justiz zu überantworten und endlich mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Sein jüngerer Bruder Jim (Cole Kitosch) begleitet ihn dabei. In Mexiko treffen sie den reich gewordenen Übeltäter wieder. Doch der hat für die beiden eine handfeste Überraschung.
„Bruderliebe“ weiterlesen

Rambos großer Bruder

Rund 20 Jahre nach dem Riesenerfolg von „Django“ verspürte Franco Nero Lust, noch einmal in die Rolle des Revolverhelden zu schlüpfen und Antwort auf die Frage zu geben, was aus dem Herrn nach seinem ersten Abenteuer geworden ist. Regisseur Corbucci war damals schwer krank (er starb nur ein Jahr später) und so nahm Nello Rossati unter dem Namen Ted Archer auf dem Regiestuhl Platz.
„Rambos großer Bruder“ weiterlesen

Impressionen aus der Hölle

Sergio Corbuccis „Django“ gehört zusammen mit Sergio Leones Western zu den Filmen, die das Genre des Italo-Westerns definierten. Verbitterte, zynische Revolverhelden, die in der trostlosen Ödnis der amerikanischen (bzw. jugoslawischen) Prärie Tod und Verderben über skrupellose Viehbarone, Eisenbahner oder brutale Generäle brachten und am Ende wieder in dem Nichts verschwanden, aus dem sie zu Beginn gekommen waren: so sah die Bilderwelt des italienischen Western aus, die sich radikal von den romantisierenden Heldengeschichten ihrer amerikanischen Vorbilder unterschied.

„Impressionen aus der Hölle“ weiterlesen

Impressionen aus der Hölle

Sergio Corbuccis „Django“ gehört zusammen mit Sergio Leones Western zu den Filmen, die das Genre des Italo-Westerns definierten. Verbitterte, zynische Revolverhelden, die in der trostlosen Ödnis der amerikanischen (bzw. jugoslawischen) Prärie Tod und Verderben über skrupellose Viehbarone, Eisenbahner oder brutale Generäle brachten und am Ende wieder in dem Nichts verschwanden, aus dem sie zu Beginn gekommen waren: so sah die Bilderwelt des italienischen Western aus, die sich radikal von den romantisierenden Heldengeschichten ihrer amerikanischen Vorbilder unterschied. „Impressionen aus der Hölle“ weiterlesen

Die Philosophie der Psychoanalyse

Innerhalb der letzten zwanzig Jahre trat ein philosophisches Problem zunehmend in den Fokus des Interesses, das, bei aller Pauschalität, die man diesem in der Alltagssprache häufig angedeihen lässt, unter den Schlagworten „Gedächtnis und Erinnerung“ zusammengefasst worden ist. In der Kognitionspsychologie, den Geisteswissenschaften und der Hirnforschung sind in diesem Zeitraum die Problemstellungen an den Themenkomplex so zahlreich geworden, dass es nur mit viel Mühe gelingt, sich einen einigermaßen profunden Überblick über das Forschungsfeld zu verschaffen. Doch trotz der Flut an Neuerscheinungen gibt es bis heute keine einheitliche Theorie des Gedächtnisses.
„Die Philosophie der Psychoanalyse“ weiterlesen

Eindeutig uneindeutig

Michael Haneke macht es seinen Interpreten leicht und schwer zugleich, indem er selbst gerne und ausführlich über seine Filme spricht. Die zahlreichen Interviews, die häufig neben den interpretierenden Texten der Analytiker in die Sammelbände aufgenommen werden (der vorliegende ist hier auch keine Ausnahme!), legen davon Zeugnis ab. In diesen Gesprächen bietet Haneke tatsächlich sehr genaue Einblicke in seine Schaffenskonzepte und liefert kostbare Hinweise, die von den Kritikern und Wissenschaftlern dann weiter verwertet werden können. Um aber die vom Regisseur genannten Aspekte erfolgreich in die eigene Theorie zu integrieren und ihnen darüber hinaus etwas neues abzugewinnen, muss man sehr weit in die Tiefe gehen, was zuletzt beispielsweise Jörg Metelmann in seiner Haneke-Monographie „Zur Kritik der Kino-Gewalt“ geleistet hat.
„Eindeutig uneindeutig“ weiterlesen