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Mit dem von James Cameron geschriebenen und produzierten Film „Strange Days“ landete Regisseurin Kathryn Bigelow einen gewaltigen finanziellen Flop, der ihre bis dahin sehr erfolgreiche Karriere in Hollywood mit einem Schlag beendete.
 
Gründe dafür, dass dieser Film nicht den erhofften Erfolg brachte, sind relativ leicht auszumachen: Die unbequeme politische Zukunftsvision war für ein Mainstream-Publikum sowieso schon schwer zu schlucken, die ambitionierte und komplexe technische Verpackung des Ganzen tat ihr Übriges. Heute, rund zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung, kommt man jedoch nicht umhin einzuräumen, dass „Strange Days“ seiner Zeit weit voraus war und einen der herausragenden Filme der Neunziger darstellt.

Man schreibt das Jahr 1999, zwei Tage verbleiben bis zum 31. Dezember. Während auf den Straßen L.A.s Rassenunruhen toben und Weltuntergangspropheten im Radio ihrem Hobby frönen, trauert Lenny Nero (Ralph Fiennes) seiner Ex-Freundin Faith (Juliette Lewis) hinterher. Lenny ist ein Dealer, seine Ware jedoch nicht Kokain, Ecstasy oder Heroin, sondern direkt von der Hirnrinde auf Diskette gespeicherte Erfahrungen, die mithilfe des so genannten SQUIDs, einer Art Haarnetz, von einer dritten Person körperlich nachempfunden werden können. Die Dealerweisheit „Don’t get high on your own supply“ gilt für Lenny nicht: Er ist von den Erinnerungen an Faith abhängig, durchlebt wieder und wieder die gemeinsamen glücklichen Momente, die er auf Diskette gespeichert hat. Faith hat ihn eiskalt gegen den exzentrischen Produzenten Philo Gant (Michael Wincott) ausgetauscht, der wiederum den berühmten Rapper Jeriko One unter Vertrag hat, ein wortgewaltiges Sprachrohr der Schwarzen und Ankläger des täglichen Rassismus. Als Jeriko One von rassistischen Polizisten umgebracht wird, droht ein Bürgerkrieg, zumal ein SQUID-Video des Mordes im Umlauf ist, das Lenny von der befreundeten Prostituierten Iris zugespielt wird. Als Iris einem perversen Mörder zum Opfer fällt, weiß Lenny, dass auch er in Lebensgefahr schwebt.

„Strange Days“ baut auf einer für Cameron typischen dystopischen Vision auf, die wieder einmal den „human factor“ und die moderne Technologie aufeinanderprallen lässt. Auf der einen Seite schwelt in der Metropole L.A. der Rassismus, der droht, die Stadt in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Auf der anderen Seite steht die persönliche Leidensgeschichte Lennys, die unmittelbar mit der Erfindung der SQUIDs verbunden ist: Während auf den Straßen das Chaos regiert, versinkt Lenny mehr und mehr in den konservierten Erinnerungen an seine Ex-Geliebte, die sein „echtes“ Leben bald vollständig zu überdecken drohen. Und die Rettung der Welt ist unmittelbar an Lennys Selbstbefreiung gekoppelt. Die SQUIDs sehen nicht nur wie eine bionische Version der Facehugger aus „Aliens“ aus, sie sind auch ähnlich gefährlich: Konzipiert wurden sie als Überwachungstechnologie, nun sind diese Geräte auf den Schwarzmarkt geraten und werden illegal verkauft. Mit dem Konsum der Erfahrungen Dritter geht jedoch nicht nur ein Realitätsverlust einher, sondern im Extremfall sogar der Hirntod. Die Utopie vom Erfahrungs- und Gefühlsmarkt hat sich in Bigelows Film in einen Albtraum verwandelt.

Zentrales gestalterisches Merkmal von „Strange Days“ sind die von den SQUIDs aufgezeichneten Filme, die die Konstruktion einer gänzlich neuen Kamera erforderlich machten. Die im Point of View gefilmten Sequenzen, die meist ohne sichtbare Schnitte auskommen, nehmen den Metafilm-Trend, der nur wenige Jahre später etwa durch „Blair Witch Project“ ausgelöst wurde, vorweg und arbeiten mit einer geschickten Täuschung: Denn die absolut vollkommenen, lebensechten Sinneseindrücke werden ja durch Bilder simuliert, die sich qualitativ überhaupt nicht von den gewöhnlichen Filmbildern unterscheiden. Film und Leben lassen sich in „Strange Days“ nicht mehr voneinander trennen. Insgesamt neun Mal kommen die SQUID-Filme zum Einsatz, infiltrieren die sowieso schon komplexe Handlungsstruktur des Films und vollziehen einen medialen Großangriff auf den Zuschauer, der sich jedoch gegenüber den Protagonisten im Vorteil wähnen kann: Film habe den Vorteil, dass man spätestens bei den Credits wisse, dass der Film vorbei ist, sagt eine Protagonistin. In „Strange Days“ ist diese Trennung von Realität und Simulation nicht mehr so eindeutig zu treffen. Das wird in der Vergewaltigung und Ermordung von Iris auf den Punkt gebracht: Lenny sieht aus der Sicht des Vergewaltigers wie dieser sein Opfer dazu zwingt, via SQUID seine Rolle einzunehmen: Iris muss sich selbst aus der Position ihres Vergewaltigers erleben, seine Emotionen nachempfinden und buchstäblich in seinen Körper schlüpfen. Und da der Zuschauer dies alles als Point of View sieht, wird sein Blick in dieser Szene nicht nur verdreifacht – der Zuschauerblick ist der Blick Lennys, des Mörders und Iris’ –, sondern förmlich in den Film eingeschrieben.

 
(Strange Days, USA 1995)
Regie: Kathryn Bigelow, Drehbuch: James Cameron, Jay Cocks, Kamera: Matthew F. Leonetti, Musik: Graeme Revell, Schnitt: Howard E. Smith
Darsteller: Ralph Fiennes, Angela Bassett, Tom Sizemore, Juliette Lewis, Michael Wincott, Vincent D'Onofrio
Verleih: Kinowelt
Länge: 139 Minuten 
 

 

Zur DVD von Kinowelt

 
Die Veröffentlichung von Kinowelt lässt den Film hell erstrahlen. An Bild und Ton gibt es nichts auszusetzen, die Präsentation wird dem zukunftsweisenden Film mehr als gerecht. Unter den vielen Extras auf der zweiten DVD – die Palette reicht vom Making Of bis hin zum Musikvideo – sticht der einstündige Kommentar der ersten SQUID-Sequenz Kathryn Bigelows heraus. Offensichtlich während einer Vorlesung aufgenommen, verdeutlicht dieses Feature, welche Mühen die Filmemacherin und ihre Crew auf sich nehmen mussten, um der Idee filmgewordener Erinnerungen visuell gerecht zu werden. Genau so sollten Extras aussehen!
 
Zur Ausstattung der DVD:
Bild: 16:9
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Länge: 139 Minuten
Extras: Trailer, Teaser, TV Spot, Making Of, Featurette mit Erläuterungen der Regisseurin zum Film, Featurette zu den visuellen Effekten von Strange Days, Deleted Scenes, Musikvideo: Skunk Anansie – Selling Jesus, Interviews, Fotogalerie, Produktionsnotizen, SQUID – Die visuelle Droge der Zukunft
FSK: 16
Preis: 12,95 Euro
 

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