»The Communist who ate children«

Die Geschichte des Serienmörderfilms hat gezeigt, dass selbst die authentischen Stoffe selten einem dokumentarischen Gestus verpflichtet waren. Immer ist das Sujet an ein Projekt, nicht selten an ein politisches Projekt gebunden gewesen. Der Serienmörder wird im Film zu einem Statthalter für moralische, politische und sozialpsychologische Fragestellungen. In „Evilenko“ ist dieses Prinzip so deutlich wie selten zuvor: David Griecos Film erzählt die Geschichte des sowjetischen Serienmörders Andrej Chikatilo, der zwischen 1978 und 1990 55 Menschen, zumeist Kinder, vergewaltigt, ermordert und teilweise gegessen hat. Chikatilos Geschichte ist historisch mit dem Untergang der Sowjetunion, initiiert durch Gorbatschows Perestroika, verbunden.
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Ge-fake-te Fakes und authentische Fälschungen

Ja, die Herausgeber des in der Reihe „kommunikation audiovisuell” erschienenen Sammelbandes „TV-Skandale” haben ein ziemlich buntes Buch zustande gebracht. Nein, die Gestaltung der Texte ist gewohnt schwarz-weiß mit einem Hauch von leseunfreundlicher zu kontrastreicher Typographie. Aber das Spektrum an Autoren und den in ihren Texten zur Anwendung kommenden Textgenres ist so breit, dass eine herkömmliche Regenbogen-Metapher wahrscheinlich nicht mehr ausreichen würde, um die gebotene Vielfalt zu beschreiben, ohne dass auch noch Infrarot- und Ultraviolettstrahlen dazu herangezogen werden.
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Du sollst (nicht) lügen

Mit „Alle Bilder lügen“ bringt der Konstanzer Universitätsverlag eine aktualisierte Druckfassung der 2001 gehaltenen Antrittsvorlesung Andreas Schreitmüllers heraus, die sich nur bedingt in den Kreislauf der akademischen Diskurse eingliedern lässt, stattdessen aber so manches unterhaltsame Detail aus der Welt der Massenmedien bereithält und den geneigten Leser am Ende sogar mit einem Drei-Punkte-Fälschungs-Schutz-Programm entlassen kann.
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Tobe Hooper und das Salz des Genrefilms

Meistens gibt es keinen Haken, zumindest nicht auf den ersten Blick: Das alte, große Haus, das die Familie des Protagonisten gerade zum Schnäppchenpreis erstanden hat, erscheint perfekt. Erst nach dem Einzug stellt sie fest, dass im Keller ein Indianerfriedhof liegt oder im vergangenen Jahrhundert Sklaven zu Tode gefoltert wurden. Und dann gibt es da noch stets das eine Familienmitglied, das von Anfang an ein ungutes Gefühl hat.
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Das Medien suchende Wesen

Sean Veil wäre der ideale Bürger im Orwell’schen Überwachungsstaat. Seitdem er vor zehn Jahren wegen mehrfachen Mordes angeklagt wurde, filmt Veil jede Sekunde seines Lebens mit Dutzenden Kameras und archiviert die Bänder akribisch in seinem unterirdischen Tresor. Als dann plötzlich wieder die Polizei vor seiner Tür steht und ihn mit einem neuen Mordvorwurf konfrontiert, fehlen genau die Videos der Tatzeit.
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Der Sektenvertreter vor deiner Haustür

Nina lebt in São Paolo, ist drogensüchtig, pleite, und so richtig unsympathisch – was Regisseur Heitor Dhalia nicht daran hindert, sie beständig als Opfer zu inszenieren. Da ist die – zugegeben: noch unsympathischere – Vermieterin, die Nina verbietet, sich am Kühlschrank zu bedienen und sie ständig auf ihren Mietrückstand hinweist. Da sind die Kunden in dem Schnellimbiss, wo Nina arbeitet, übermüdet, nach durchzechter Nacht: Sie bestehen auf ihrer Bestellung, wollen eben bedient werden und finden es nicht gut, wenn sie beleidigt werden. Und da ist die beste Freundin, die Nina Geld und einen Job anbietet, um ihr aus der Misere zu helfen – doch „Almosen“ lehnt die Protagonistin stolz ab.
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Vielleicht wird beim nächsten Mal alles anders

Da ist dieser Kameraschwenk am Schluss, den man so von Jim Jarmusch einfach nicht kennt: Bill Murray steht auf einer Straßenkreuzung und blickt dem panisch flüchtenden jungen Mann hinterher, den er für seinen Sohn gehalten hat. Und dann fährt ein Auto vorbei, ein anderer junger Mann schaut aus dem Fenster, auch er könnte der unbekannte Sohn sein. Die Kamera hält jetzt nicht mehr still, sie hat Murray im Blick und rotiert um ihn, zeigt ihn ganz allein auf der Straße. Man merkt schon, dass nicht mehr Robby Müller für Jarmusch hinter der Kamera steht, sondern Frederick Elmes, der bereits bei „Night on Earth“ dabei war.
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Euphoria vacui

Kommen Wissenschaftler in ein gesetztes Alter, so widmen ihnen Freunde, Kollegen und vor allem Schüler Sammelbände, die unter dem Begriff „Festschrift“ firmieren. Anlässe für solche Festschriften sind zum Beispiel runde Geburtstage oder das offizielle Ende der akademischen Karriere, die Emeritierung. Die Rückbindung an einen äußerlichen Anlaß führt nicht selten dazu, dass den Festschriften eine klare inhaltliche Linie fehlt. So kommt es vor, daß die angefragten Autoren, die sich der Pflicht der Würdigung des Freundes, Kollegen oder akademischen Lehrers nicht entziehen wollen, das abliefern, was sie ohnehin gerade ‚auf der Pfanne‘ haben. Zusammengehalten wird das Ganze dann von der vagen Vorstellung, das Mitgeteilte habe in irgendeiner Form mit dem Schaffen des Geehrten zu tun. Konvolute der genannten Art werden im Branchenjargon als „Aufsatzgräber“ bezeichnet. Der Ausdruck läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die Festschrift bleibt reine social gesture. Die inhaltliche Relevanz der Beiträge tritt dahinter zurück. (Und in der Bezeichnung versteckt sich auch ein Imperativ, der die Diagnose zur selffulfilling prophecy macht: Verstecke bloß nicht deine besten Gedanken in einer Festschrift, die eh niemand liest!) „Euphoria vacui“ weiterlesen

Das Imperium der Wölfe

Das Sprechen über Jean Reno ist immer auch das Sprechen über einen europäischen Ausnahmeschauspieler, der es in seiner Carriere zu einigem Ruhm und Ansehen gebracht hat – und das nicht unverdient. Auch wenn sein Hang zu zwielichtigen „Bullen-Figuren“ in den letzten Jahren nicht nachgelassen hat, muss man doch ohne weitere Einschränkung zugeben, dass dies auch genau die Art von Rollen sind, die dem mittlerweile in die Jahre gekommenen Reno wie auf den Leib geschrieben zu sein scheinen.
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Spiele mit Gott und Freud

Wenn man den Alltag einer westeuropäische Familie in einer anspruchsvollen Filmproduktion möglichst realistisch und detailliert festzuhalten versucht, dann wird das aller Wahrscheinlichkeit nach eine ziemlich düstere Geschichte, wie etwa „Der siebente Kontinent“ von Michael Haneke. Die idyllischen Familienerzählungen aus dem Westen haben schon lange ihre ästhetische Glaubwürdigkeit eingebüßt und stehen per definitionem unter Kitsch- und Konservatismusverdacht. Ein Ausgleich wird nun in den Stoffen gesucht, die sich auf den außereuropäischen Raum beziehen, wo sich die „heile (Familien)Welt“ vermutlich noch tatsächlich bewahren konnte. Der aus der westlichen Sicht unkomplizierte (und darum „unverdorbene“) Alltag in den fernen Ländern, die von der Zivilisation weitgehend „verschont“ sein sollen, wird zur Projektionsfläche für die akuten Sehnsüchte des Publikums nach Harmonie und Spiritualität, die auf diese Weise durchaus legitim befriedigt werden können und nicht zwingend im Widerspruch zum (guten) künstlerischen Geschmack stehen müssen.
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Die innere Unsicherheit

Die StudentInnen von heute haben es bekanntlich schwer: Die angedrohten Studiengebühren, die aufgrund der Personalkürzungen erschwerten Studienbedingungen, die unklaren Berufsperspektiven. Von alledem ist in Thomas Durchschlags Drama, das im Studentenmilieu der Universitäts- und Industriestadt Essen spielt, allerdings nicht die Rede. Zumindest nicht explizit. Denn das Gefühl der Unsicherheit und Desorientierung wird sehr wohl vermittelt, wobei es bei der Protagonistin Maria (Lavinia Wilson) eher „von innen“ zu kommen scheint. „Ich habe meine eigene Welt! Sie ist hier drin!“ – sagt sie im Laufe des Films ihrem unverständigen Geliebten Jan (Maximilian Brückner). Was in einem anderen Kontext kein Grund zur Sorge wäre und sogar eine kreative, unangepasste Einstellung zum Leben bekunden würde, hat in Durchschlags Film die Bedeutung eines Alarmsignals, denn ihr „Anderssein“ bringt Maria nur Leiden. Sie ist nicht nur anders, sondern auch (und vor allem) krank. Oder soll der Zuschauer hier sogar ein Gleichheitszeichen setzen? Wie „anders“ darf der Mensch sein, bis ihm eine Krankheit attestiert wird?
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Mit Deleuze im Kino

Der 1995 verstorbene Philosoph Gilles Deleuze war sicherlich einer der bedeutendsten Denker des Poststrukturalismus. In seinen beiden letzten Büchern über das Kino hat er nicht nur seinem dem Zusammenhang von Sinn und Zeichen gewidmeten Werk eine entscheidende medienphilosophische Wende gegeben, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur aktuellen Bilddebatte geleistet. Zugleich entpuppte sich damit eine zweite Seite des Gilles Deleuze: der passionierte Kinogänger. Die Souveränität des Badens in der Fülle von Film-Beispielen und -Zitaten zeugte von den vielen und intensiven Stunden, die er über Jahrzehnte im Dunkel der kleinen Säle des Quartier Latin verbracht hat, denn man spürt förmlich, daß hier jemand in der Welt der Filme lebt und nicht mit Videosequenzen arbeitet. Andererseits ist der analytische Blick immer auf die Tiefenstruktur des signifikanten Geflechts eingestellt und bleibt nicht an der Oberfläche des filmisch Erzählten stehen. Deleuze interessiert das Kino als Maschine der Sinnproduktion, als Wunsch-Maschine, die in den Denk-Bildern als kleinsten Einheiten der filmischen Narration durch Bewegung und Zeit die Intensität des Wunsches erzeugt.
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Kurzrezensionen August 2005

  • Thomas Kuchenbuch: Filmanalyse – Theorien. Methoden. Kritik. Wien/Köln/Weimar: Böhlaus 2005 (UTB).
  • Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen. München/Wien: Hanser 2005.
  • Knut Hickethier (Hg.): Kriminalfilm. Stuttgart: Reclam 2005 (Reihe: Filmgenres)
  • Dimitri Liebsch (Hg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Paderborn: mentis 2005.
  • Götz Großklaus: Medien-Bilder. Franfkurt am Main: Suhrkamp 2004.
  • Kolja Steinrötter: Science and a Sense of Hope. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion in der Fernsehserie „Star Trek: Deep Space Nine“. Münster: Telos 2004.
  • Hans Dieter Erlinger/Bodo Lecke (Hgg.): Kanonbildung bei audiovisuellen Medien im Deutschunterricht? München: kopaed 2004.

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Zwischen Affirmation und Aleatorik – Adorno und die Spaßkultur

Zu seinem hundertsten Geburtstag ist der Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno (1903–1967) mit zahlreichen Ehrungen, Symposien und Sondersendungen bedacht worden. Das Adorno-Jahr 2003 hat naturgemäß auch eine Flut von Publikationen gebracht. Das Spektrum ist dabei außerordentlich breit und reicht von der höchst seriösen, DFG-geförderten Mammut-Biographie bis hin zu eher belanglosen Bändchen, die der „Nippifizierung“ (Ulrich Holbein) des Philosophen Vorschub leisten.
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besessen – besitzen

Der 1974 erschienene Film „Besessen“ (Originaltitel „Deranged“) stand von Beginn an im Schatten seines Konkurrenten „The Texas Chainsaw Massacre“ aus demselben Jahr. Beide Filme basieren auf Motiven eines Serienmordfalls, der zwischen 1945 und 1957 in Plainfield (Wisconsin) stattfand. Ed Gein, so der Name des Täters, plünderte Gräber, raubte Leichen und entführte und tötete Frauen. Sein hat Fall wurde zum Gründungsmythos des modernen Horrorfilms, auf dessen Geschehnisse selbst Hitchcocks „Psycho“ referiert. „besessen – besitzen“ weiterlesen

Im Land des Schweigens und der Dunkelheit

Immer dann, wenn Michael Haneke nicht jeden seiner Gedanken bis ins letzte Detail ausformuliert, sondern in Andeutungen belässt, wächst er filmisch über sich selbst hinaus. „Wolfzeit“ ist sicherlich seit „Das Schloss“ schlagender Beweis für die philosophische Tiefe des Schweigens in seinem Oeuvre. In gekonnt inszenierter Endzeitstimmung erzählt Haneke die Geschichte vom Untergang der Zivilisation. Er konzentriert sich dabei ganz auf Mikrokosmen: die Kleinfamilie, die Zweierbeziehung, die Beziehung zu sich selbst (im Tagebuchschreiben). In diesen „kleinen Momenten“ wird „Wolfzeit“ emotional. Wenn jeodch das Große, das Allgemeine, die Außenwelt thematisiert wird, macht sich Unübersichtlichkeit breit, wird Erzählung durch Verwirrung ersetzt – verbreitet sich Endzeitstimmung.
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»Fighting for the right to be someone«

In „Drum“ erzählt der südafrikanische Regisseur Zola Maseko eine „Geschichte“ über die Anfänge des Kampfes gegen die Apartheit in seinem Heimatland. Im Film lässt sie sich so an: Mitte der 1950er Jahre beginnt die Lifestyle-Zeitschrift „Drum“ Artikel ihres Redakteurs Henry Nxumalo zu veröffentlichen, die Ungerechtigkeiten und Verbrechen der Buren an der schwarzen Bevölkerung zum Thema haben. Schnell steigert das Blatt mit den gefährlichen Themen, die von der körperlichen Schikane auf den Farmen, den Folterungen und Erniedrigungen im Gefängnis und schließlich den Plänen den multi-ethnischen Stadtteil „Sophiatown“ für die weiße Bevölkerung Johannisburgs zu räumen, seine Auflage. Immer bekannter wird „Drum“ für ihren investigativen Journalismus, bei dem Henry mehr als einmal sein Leben riskiert. Schließlich beginnt sogar der sich gerade formierende ANC mit Mandela für „Drum“ und seine Macher zu interessieren. Doch als Henry immer mehr politische Verschwörungen aufdeckt, die die Schwarzen benachteiligen, ist sein und das Leben seiner Familie und Kollegen in Gefahr.

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I am a Sex Addict

„Ich erzähle ohne Realität vorzutäuschen“, sagt Caveh Zahedi über seinen Film „I am a Sex Addict“. Das ist schon deshalb eine provokative Aussage, weil er gleichzeitig betont, dass dieser wie alle seine Filme autobiografisch geprägt ist und somit durchaus (s)eine Realität referenziert. Weiterhin steht der Aussage entgegen, dass Zahedi in seinem Film selbst die Hauptrolle „spielt“ – eine Figuren namens „Caveh Zahedi“, die im Verlauf des Films mit anderen Personen der „biografischen Realität“ des Regisseurs in Interaktion tritt. Welche Art von Realität meint er also, täusche der Film nicht vor?

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»I never had a future«

Bei keinem bewaffneten Konflikt zuvor wurde der Öffentlichkeit so sehr bewusst, dass es außer den zwei verfeindeten Parteien noch eine dritte, neutrale Gruppe gibt, die in den Krieg zieht: die Journalisten. Nachrichten über verletzte, entführte und getötete Reporter gehörten zu den täglichen Meldungen. Dass der Film – an erster Stelle der Dokumentarfilm – sich der heiklen Aufgabe der Kriegsberichterstattung und Portraits der Personen hinter den Nachrichten annahm, war angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit des Themas nur eine Frage der Zeit. Nach dem politisch sehr kritischen „Crontrol Room“ (USA 2004), der die Berichterstattung von Al Jazeera mit der amerikanischer Kollegen verglich ist nun ein privaterer Beitrag zum Thema erschienen: „Bearing Witness“ erzählt die Kriegserfahrungen von fünf Journalistinnen, die neben anderen Konflikten auch aus dem Irak-Krieg berichtet haben.

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