Dass sich auf dem ästhetischen Tableau des film noir allerlei Genreelemente züchten lassen, hat die Filmgeschichte zur Genüge bewiesen. Vor allem Science-Fiction-Stoffe scheinen immer wieder bestens zum düsteren Ambiente und zu Kriminalerzählungen mit ambivalenten Schurken- und Heldenfiguren zu passen: „Blade Runner“ (1982) und „Dark City“ (1996) sind die besten Belege dafür. Ein Zeitreisestoff indes ist wohl noch nicht im Stil noir gedreht worden. „Puritan“ von Hadi Hajaig behebt dieses Defizit.
„»Have your heared about the 4th dimension?«“ weiterlesen
Das Un-Ding aus den 80ern
Der im Rückblick oft reaktionär anmutende Horrorfilm der 1980er Jahre speiste seine Erzählungen oft auf drängende politschen und gesellschaftliche Probleme. Mit dem Erstarken des Umweltbewusstseins (und vor allem des Bewusstseins für die Folgen der Umweltverschmutzung) begannen damals so genannte „Ökohorror“-Filme die Videorekorder zu erobern. Vor allem Monsterfilme wie Lewis Teagus „Alligator“ (1980) oder Cravens „Swamp Thing“ (1982) waren die ästhetischen und ideologischen Vorlagen für das Sub-Genre. Wie letzterer basiert auch Brett Leonards „Man-Thing“ auf einem seinerzeit populären Comic und ebenso wie Cravens Film schlummert auch das Mannding in den Sümpfen des us-amerikanischen Südostens und wacht nur auf, wenn es Umweltzerstörungen zu rächen gibt. Der wesentlichste Unterschied zwischen beiden Filmen ist, dass der „Man-Thing“-Film dieses Jahr entstanden ist.
„Das Un-Ding aus den 80ern“ weiterlesen
Ende gut alles schlecht
Daniel Stieglitz studiert an der Kunsthochschule in Kassel und hat mit „Happy End.“ eine Art Semesterarbeit produziert. Für das minimale Budget von 10.000 Euro ist sein Film wirklich bemerkenswert professionell geraten und wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich um eigentlich um die Arbeit eines noch unerfahrenen Regisseurs handelt, bekommt man direkt Respekt vor dem Ergebnis. Dennoch muss sich auch ein solcher Film, einmal in den Diskurs gebracht, Kritik gefallen lassen. Und zu kritisieren gibt es an „Happy End.“ einiges.
„Ende gut alles schlecht“ weiterlesen
Das Böse kommt von Außen
Auf einer abgelegenen Halbinsel vor der walisischen Küste wird eine junge Frau, als sie mit ihrem Freund im Zentrum eines mysteriösen Steinkreises ein Schäferstündchen hält, von Aliens veschleppt. Der Freund wird getötet, sie von den Außerirdischen geschwängert. Als der auf Obskurantismus spezialisierte TV-Sender WoW von dem Fall hört, schickt er seine rasende „Reporterin“ Michelle Fox (Emily Booth) mit einem Team von „Spezialisten“ und „Schauspielern“ vor Ort, um den Fall zu „recherchieren“ und für einen „Dokumentarfilm“ aufzubereiten.
„Das Böse kommt von Außen“ weiterlesen
Land(wirtschaft) of the Dead
Dass man Zombies nicht mehr so naiv ins Bild setzen kann, wie dies die Italiener in den 1970er und 1980er Jahren getan haben, in der Hoffnung, deren Untotsein an sich reiche schon als Gruseleffekt, ist eine für den Zuschauer erfreuliche Entwicklung des Sub-Genres. Zombies, das sind heute Statthalter für soziale Ängste, Projektionsflächen für Katastrophenszenarien, Metaphern für unsere Auseinandersetzung mit dem Anderen. Insofern befindet sich der irische Zombiefilm „Dead Meat“ in guter Gesellschaft, wenn er als Grund für seine Zombieseuche die „Mad Cow Desease“ (hierzulande bekannter als „BSE“) angibt. Conor McMahons Film ist ein zaghafter Versuch, dieses Sujet mit komischen Elementen zu bereichern, dies gelingt jedoch nur streckenweise.
„Land(wirtschaft) of the Dead“ weiterlesen
Buuh!
Was braucht man, wenn man heute einen guten Gruselfilm veröffentlichen will? Ein paar unbedarfte, sexuell aktive, Jugendliche, die ihren Spaß haben wollen, eine(r) davon am besten neurotisch oder traumatisiert, ein altes Haus, in dem in der Vergangenheit etwas fürchterliches passiert ist (nebst Rückblenden, die das zeigen), ein paar Geister, am besten Kinder, die sich wackelnd und zuckend vor der Kamera bewegen, ein paar Splattereffekte, ein paar Soundtrack-Knalle, ein paar Leichen, die noch leben, … die Liste könnte fortgesetzt und ergänzt werden um Details (ein Klavier, das von selbst spielt, ein alter, zerfetzter Teddy-Bär, der einem zu tode gekommenen Kind gehört, …). Anthony Ferarntes „Boo!“ vereint all diese Zutaten in sich und endet in einem Desaster.
„Buuh!“ weiterlesen
Alex im Wunderland
„Body Confusion“ ist – nach „Una de Zombies“ bereits der zweite selbstreflexiv-filmkritische Beitrag aus Spanien, der auf dem diesjährigen Fantasy-Filmfest gezeigt wurde. Fast scheint es, als hätten kleinere Filmemacher mit den Mogulen, vor allem dem TV, eine Rechnung offen. „Body Confusion“ geht aber noch einen Schritt weiter als „Una de Zombies“ und versucht sich an einer Gegenüberstellung von „richtigem Leben“ und Filmplot. Am Ende ist schwer zu entscheiden, welche Seite der Leinwand zu favorisieren ist.
„Alex im Wunderland“ weiterlesen
Ideenklau, Kitsch und Pop-Faschismus
Die populären Mythen einer fremden Kultur zu verstehen, verlangt ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen und Vorurteilsfreiheit. Das wird dem Rezensenten allerdings nicht leicht gemacht, wenn er es – wie in Kazuaki Kiriyas Phantasy-Epos „Casshern“ mit einem derart beliebig zusammen gestellten ästhetischen Ptachwork zu tun bekommt. Von der Erzählung über die Motivwahl bis hin zur Ausstattung beleiht der Film westliche wie östliche Filmgeschichte und macht dabei nicht einmal vor der Ästhetik des Nationalsozialismus halt. Doch greife ich nicht vorweg, denn die Geschichte, die „Casshern“ erzählt, bildet die notwendige Basis für eine Kritik der Ästhetik des Films.
„Ideenklau, Kitsch und Pop-Faschismus“ weiterlesen
Roadmovie und Terrorfilm
Eine Hommage an das Kino der siebziger Jahre ist das immer noch. Es ist sogar noch immer eine Hommage an den Horrorfilm dieser Dekade. Nur ist „The Devil’s Rejects“ im Gegensatz zu seinem Vorgänger „House of 1000 Corpses“ selbst kein Horrorfilm mehr. „The Devil’s Rejects“ folgt nicht mehr dem Muster von Rob Zombies Debütfilm, wo eine Gruppe Jugendlicher in die Hände einer Familie psychopathischer Sadisten gerät. Inzwischen sind diese psychopathischen Sadisten die unbestrittenen Protagonisten des Films, daraus macht „The Devil’s Rejects“ keinen Hehl. Kult-Antagonisten zu Protagonisten eines Nachfolgefilms umzugestalten, ist kein neuer Kniff im Horrorkino. Gerade die großen Serien, „Halloween“, „Freitag der 13.“ oder „Nightmare on Elm Street“, leben in ihren späteren Folgen von der Beliebtheit ihres Monsters.
„Roadmovie und Terrorfilm“ weiterlesen
Spit or Swallow?
In den Hexenprozessen des Mittelalters und der frühen Neuzeit galt der Succubus (was vom lateinischen „der darunter liegende“ abgeleitet ist) als weiblicher Dämon als von einem Geist besessene Frau, die mit dem Mann in ein eheliches Verhältnis tritt und ihm dann beim Beischlaf die Kraft, in Form seines Samens stiehlt. Succubi wurden mit derselben Härte wie andere vermeintlich von Dämonen Besessene und Hexen behandelt. Dass man unter ihnen eine Mutation der menschlichen Rasse zu verstehen habe, schlägt der Vampirfilm „White Skin“ vor.
„Spit or Swallow?“ weiterlesen
Die anthropophage Spur (in) der Kultur
Der Kannibalismus ist als Gegenstand ethnologischer und anthropologischer Untersuchungen ein Dauerbrenner. Neben immer wieder neuen Veröffentlichungen zum Für und Wider der Existenz kannibalischer Völker drängt der Diskurs auch in alle Medien, Gattungen und Genres der Kulturproduktion. Die umfangreiche Aufsatzsammlung „Das Andere Essen“ (2001) von Daniel Fulda und Walter Pape herausgegeben, kann als Signifikant für die Relevanz des Diskurses allein hierzulande herangezogen werden. Die Kulturwissenschaften zeigen am Phänomen Kannibalismus den besonderen Wert ihrer Multiperspektivität: Geschichtsschreibung, Ethnologie, Mediävistik, Literaturwissenschaft und Medientheorie weiden sich alle zugleich am Thema und zehren dabei voneinander. Einen perspektivischen Schritt hinter derlei Betrachtungen zurück geht der Bonner Komparatist Christian Moser in seiner jetzt im Aisthesis-Verlag erschienenen Monografie „Kannibalische Katharsis“. Er vermutet „eine Komplizenschaft zwischen der primitivistischen Auffassung der Anthropophagie und einer spezifisch westlichen Spielart des Kannibalismus“.
„Die anthropophage Spur (in) der Kultur“ weiterlesen
Authentizität und Konstruktion
Worauf beruht die anhaltende Faszination für Serienmörder? Sind es die Täter, die sich, allein ihren egomanischen Trieben folgend, außerhalb der gesellschaftlichen und humanistischen Werte stellen? Entwerfen sie auf diese Weise ein Zerrbild, von dem sich das, was wir für „normal“ halten, besonders gut abgrenzen lässt? Oder ist es die häufig betonte Intelligenz, der Modus operandi, der es ihnen ermöglicht, unerkannt oft über Jahre hinweg zu morden? Sind sie also jene „perfekten Verbrecher“, wie sie die Kriminalliteratur als Ideal ausweist? Hinter diesen Fragen deutet sich eines bereits an: Es scheint so, dass viel von dem Faszinosum Serienmord mit der Art und Weise, wie die Täter und ihre Taten präsentiert werden, zusammenhängt. Der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort skizziert in seinem mittlerweile vierten Buch über das Phänomen Serienmord einen Fall, der sich in den 1950er Jahren in Nordrhein-Westfalen zugetragen hat und weist pointiert auf diese Mechanismen hin.
„Authentizität und Konstruktion“ weiterlesen
Tobe Hooper auf dem Weg zum nächsten guten Film
Von Tobe Hooper ist man es gewohnt, einen guten und dann wieder eine Hand voll schlechter Filme präsentiert zu bekommen. Fast wirkt es so, als müsse er für jeden größeren Wurf ein wenig Atem holen, indem er ein paar wenig-sagende und schlecht inszenierte Genre-Beiträge herunter kurbelt. Von dieser Warte aus gesehen wundert es also nur wenig, dass Hooper nach dem großartigen „Toolbox Murders“ mit „Mortuary“ wieder eine hunterprozentige Niete aus dem Hut gezogen hat. Die Regelmäßigkeit bringt es jedoch auch mit sich, dass man den filmästhetischen Fehlgriffen ein gewisses Wohlwollen entgegen bringt.
„Tobe Hooper auf dem Weg zum nächsten guten Film“ weiterlesen
»Things to remember: …«
In Zeiten, wo Videototalüberwachung keine Orwell’sche Utopie mehr ist, lebt der Mensch in ein veröffentlichtes Leben, wird Privatheit zunehmend zu einer Frage des toten Winkels. Doch nicht nur die Struktur von Gesellschaft und individueller Lebenspraxis wird durch eine derartige Verwendung des Mediums beeinflusst – das Medium selbst macht eine Transformation durch: Das Videobild verliert den Duktus der Artifizalität, wird zum Beweis für die An- und Abwesenheit des Gefilmten. Was nicht im Bild ist kann – trotz der grundsätzlichen Manipulierbarkeit des Mediums – nicht als beweisbar gelten. Zwar wird Sehen und Wissen dadurch immer noch nicht gleich gesetzt, aber das „Nichtsehen“ wird auf jeden Fall zu einem wichtigen Faktor des „Nicht-wissen-könnens“.
„»Things to remember: …«“ weiterlesen
Von Serienkillern und Terroristen
Es ist kein Zufall, dass die Geschichte vom „Zodiac Killer“ drei aktuellen Produktionen als Vorlage dient. David Fincher bringt seine Adaption des Stoffes im kommenden Jahr in die Kinos, und Uli Lommel lieferte mit seinem „Zodiac Killer“ einen Film ab, in dem ein Nachahmungstäter auf den Spuren des realen Serienmörders wandelt. „The Zodiac“ heißt der Beitrag von Alex Bulkley, und bereits er macht deutlich, warum sich dieser Serienmordfall gerade besonders gut für eine Verfilmung eignet.
„Von Serienkillern und Terroristen“ weiterlesen
Lauter Jugendliche in einem Film über Erwachsene
Es ist recht einfach, in „Dear Wendy“ eine Satire auf die amerikanische Schusswaffenfixiertheit zu sehen. Da gibt es den Protagonisten Dick, der sich selbst als überzeugten Pazifisten bezeichnet, bis ihm eines Tages eine Pistole in die Hände fällt. Vor dem Dilemma, weder seinen Pazifismus noch Wendy – so nennt er die Waffe – aufgeben zu wollen, erfindet er den Club der „Dandies“: Eine Gruppe jugendlicher Außenseiter, die ihre Waffen liebevoll hegen und pflegen und heimlich in einem verlassenen Minenstollen mit ihnen trainieren. Dabei leisten sie einen Schwur, ihre Waffe nie außerhalb der Mine abzufeuern, da sie sonst „erwachen“ würde, und das Töten dann nicht mehr aufzuhalten wäre.
„Lauter Jugendliche in einem Film über Erwachsene“ weiterlesen
»I keep my standards pretty low«
Die Filmmörder Otis Driftwood, Baby Firefly und Captain Spaulding sind in Rob Zombies „House of 1000 Corpses“ zu Kultfiguren avanciert. Der Zynismus und die Brutalität des 2003 erschienenen Films wären zuvor wohl kaum zu ertragen, die „Helden“ (jene Mörder-Familie) wohl kaum als solche annehmbar gewesen. Erst die ironische Distanz, mit der Rob Zombie sein Erstlingswerk als Hommage an die Horror- und Terrorfilme der 1970er Jahre inszeniert hat, haben diese Art Plot erträglich gemacht. Die verschrobene Optik, die mit Videoclip-Ästhetiken und Dokumentarfilmbildern angereichert war, unterstützte den anästhetisierenden Effekt des Films.
„»I keep my standards pretty low«“ weiterlesen
»Pain ist the only truth«
In den Psycho-Thriller ist in den letzten Jahren Bewegung gekommen: Reale Angst- und Spannungssituationen werden – hier ist Alexandre Axas „High Tension“ aus dem Jahr 2003 das mustergültige Beispiel – zu „sinnbildlichen “ Psychogrammen. Dabei geraten Handlungselemente oder sogar komplette Erzählungen zu Introspektionen, die dem Zuschauer die teilweise psychotischen Weltzugänge und Realitätsauffassungen der betreffenden Protagonisten vor Augen führen sollen. Dass dies zumeist mit einem finalen Plot-Twist verbunden ist, in welchem das zuvor gezeigt als Traum oder Imagination entlarvt wird, darf dabei nicht als erzählerische Ausrede verstanden werden, sondern als ein Hinweis an uns, dass wir stets distanzlos in die Geschichten – und seien sie noch so irreal – eintauchen. In diese Reihe stellt sich auch der neue Film „The Dark Hours“ des kanadischen Regisseurs Paul Fox.
„»Pain ist the only truth«“ weiterlesen
A good Movie about Zodiac
„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“, hatte Andy Warhol 1968 konstatiert und sich dabei auf die medialen Totalausbeutung von Neuigkeiten im Fernsehen bezogen. Im selben Jahr setzte in San Francisco eine Mordserie ein, die Warhols Prognose bestätigen sollte: Ein sich selbst „Zodiac“ nennender Killer überfiel nachts Jugendliche auf den so genannten „Lover’s Lanes“ und erschoss sie in ihren Autos. Danach wandte er sich mit Briefen und weiteren Mordankündigungen an Polizei und Zeitungen der Stadt. Schon bald war der „Zodiac“ weltberühmt – und die Tatsache, dass er bis heute nicht gefasst worden ist, hat diese Popularität noch gesteigert.
„A good Movie about Zodiac“ weiterlesen
Fünf Grad kälter
Der Zombiefilm – zumal nach seiner jüngsten Renaissance – hat sich zu einem der interessantesten Subgenres des zeitgenössischen Horrorfilms entwickelt. Maßgeblich in den 1970er und 1980er Jahren als Inbegriff des Splatterfilms mit äußerst reduzierter Handlung und Akzent auf Spezialeffekte entwickelt, ist das Konzept jüngst zu einem kritischen Statthalter im Horrorkino avanciert – fast könnte man sagen: Zombiefilme sind das intellektuelle Sediment im Genre, das sich derzeit vor allem auf die Wiederholung und Neuadaption von Geistererzählungen kapriziert. Dabei sind die Wurzeln des Zombiefilms tief im Boden des sozialkritischen Kinos verwachsen: George A. Romeros „Night of the living Dead“ (der später dann mit zwei plakativeren Fortsetzungen in den Splatterfilm überführt wurde, ohne dass diesen der kritische Gestus abging) und vielleicht solche Filme wie Jean Rollins „Pesticide“ sind frühe(re) Vertreter eines Untotenfilms, der sich vorrangig als Reflexion über Sozial- und Körperpolitik präsentiert hat. Mit Robin Campillos „They came back“ ist jetzt ein französischer Untoten-Film entstanden, der diese Haltung bis ins Extreme radikalisiert.
„Fünf Grad kälter“ weiterlesen

