„Wie konnte das passieren?“ Diese Frage, die immer dann gestellt wird, wenn eine Katastrophe sich ereignet hat, markiert in gewisser Hinsicht immer schon das eigene Zuspätkommen. Das Desaster, die Katastrophe, der Unfall sind Formen von Ereignissen, die sich im Augenblick ihres Eintretens selbst auslöschen. „Die Geburt des Wissens aus der Katastrophe“ weiterlesen
Puppenfiebertraum
Feinfühlige Wesen mit Vogelschnabel und lockigem Pelz, weiße Mäuse in einer Kutsche, die von einer Schildkröte gezogen wird, eine Puppe als Objekt der Begierde und ein Frosch, der zaubern kann – merkwürdige Gestalten und Geschehnisse beherrschen die Welt von „Blood Tea and Red String“. Unsere Helden, die beschnabelten Wesen, die unter einem Baum leben, haben im Auftrag der weißen Mäuse eine Puppe nach dem Bild einer schönen Frau gefertigt, doch als die Mäuse sie abholen wollen, sind die Wesen unter dem Baum selbst zu sehr in ihr Geschöpf verliebt. Natürlich entführen die Mäuse die Puppe, ohne jedoch zu wissen, dass diese inzwischen ein Geheimnis birgt, und so müssen sich die Wesen von Unter dem Baum auf die Suche nach ihrer Geliebten begeben, durch ein Land, in dem verborgene Gefahren lauern.
Berührung und Differenz
Der zweite (oder, wie mancher wohl behaupten würde, erste) Frühling des Dolph Lundgren ist zweifelsohne zu den überraschendsten Karrieren im noch jungen Kino des 21. Jahrhunderts zu zählen – und, wie passend, wohl hauptsächlich dem Zufall zu verdanken. Das erstaunliche Comeback Lundgrens als Actiondarsteller ist immerhin ganz wesentlich mit dessen neuem Profil als Autorenfilmer verbunden, und diese Rolle ist wohl in erster Linie dem labilen Gesundheitszustand Sidney J. Furies zu verdanken. Erst als dieser kurz vor Drehbeginn von „The Defender“ passen musste, übernahm nämlich Lundgren die Regie des schon detailliert geplanten Projektes – und verlieh dem Film doch einen individuellen, frischen Touch, der unter Furies Regie so kaum vorstellbar wäre. In der Folge bestätigte Lundgren sein Talent mit den weiteren Regiearbeiten „The Mechanik“ und „Missionary Man“ (sowie dem offiziell von Shimon Dotan inszenierten, Gerüchten zufolge aber während der Dreharbeiten von Lundgren übernommenen, in impressionistischen Stimmungsbildern schwelgenden „Diamond Dogs“) nicht nur, sondern schien gar von Film zu Film souveräner und ambitionierter zu werden. Mit „Direct Contact“ begab er sich nun zum ersten Mal seit 2004 – den obskuren Bibelfilm „L’Inchiesta“, in dem Lundgren in einer Nebenrolle auftaucht, mal außer Acht gelassen – in die Hände eines anderen Regisseurs, und prompt hält auch durchaus eine gewisse stilistische Wankelmütigkeit Einzug. So ungebrochen stilisiert wie Lundgren in seinen Postwestern geht Danny Lerner kaum ans Werk, und tatsächlich verfügt „Direct Contact“ über eine ganze Reihe von Charakteristika, die ihn nach klassisch filmkritischem Verständnis wohl als „misslungen“ markieren würden.
So ist etwa zu den auffälligeren Merkmalen von Lerners Film der extensive Einsatz von stock footage zu zählen – eine klassische Verfahrensweise des B-Movies, einem Werk mehr Schauwert zu verleihen, als das schmale Budget hergibt. Statt aufwendige Aktionssequenzen zu inszenieren (oder Naturaufnahmen an exotischen Schauplätzen, oder eben alles, was sich als Erscheinungsform „reinen Spektakels“ in den Film integrieren lässt), greift der Filmemacher hier auf bereits vorhandenes, in früheren Filmproduktionen verwendetes oder im Archiv gelagertes Material zurück und verfügt nun bereits über eine Reihe von Eckpunkten, um die herum er nun das neu inszenierte Material zu arrangieren hat. Dies stellt nun natürlich vor die Herausforderung, aus diesen unter Umständen vollkommen disparaten Versatzstücken heraus eine Art Geschlossenheit herzustellen, die die unterschiedlichen Genealogien des verwendeten Materials möglichst perfekt verschleiert. Zumindest wäre dies die Anforderung, die zur klassischen Vorstellung eines „gut gemachten“ Films im Sinne des amerikanischen Modells führen würde: eine unsichtbare Montage mit dem Ziel der Kreation einer möglichst ungebrochenen filmischen Ganzheit, hier eben nur vor eine zusätzliche Hürde gestellt. Der grundsätzlich illusionistische Charakter des Kinos wäre im Rahmen einer solchen Perspektive absolut und nicht in Frage zu stellen, und einen Film zu machen, das wäre diesem Modell zufolge ein bisschen so, wie einen Pullover zu stricken. Ein Handwerk, das grundsätzlich ähnliche Vorgehensweisen seitens des Ausführenden, der demzufolge kaum Künstler, höchstens Kunsthandwerker wäre, erfordert, und das sich verkompliziert mit der Anzahl der Fäden, die hier zu verschlingen und im Überblick (produzenten- wie rezipientenseitig) zu behalten sind. Das mag zwar im Falle gewisser Ansprüche an das Kino eine legitime Sichtweise sein, es ist gleichwohl natürlich auch eine äußerst langweilige, schon deswegen, weil sie in letzter Konsequenz auf ein bloßes Abfragen eines Filmes nach einem immer gleichen Kriterienkatalog hinausläuft und somit auf eine ewig redundante Bestätigung und Reproduktion eines Wissens vom Kino, das man immer und immer wieder auch schon vorher hatte.
Tritt man nun aber, jenseits des „gut“ oder „schlecht Gemachten“ in ein Kommunikationsverhältnis zu dem Film „Direct Contact“, so tun sich mit einem Mal Sinnebenen auf, welche die Beschäftigung mit diesem Artefakt sehr gewinnbringend erscheinen lassen können. Schon der Titel „Direct Contact“ wird nun als Kommentar auf die Struktur des Filmes lesbar, indem er seine inhärente Doppeldeutigkeit entfaltet. Der Kontakt, das meint schließlich nicht nur die Nähe, sondern immer gleichzeitig auch die Distanz; die Berührung betont stets auch die grundlegende Alterität. Und Danny Lerners Film oszilliert zwischen diesen beiden Polen: Die mangelnde Perfektion in seiner Bemühung, eine durchgehende kinematographische Bewegung im Collagieren von disparatem Material auszuformen, reißt Lücken zwischen den Bildern auf, durch die der filmische Produktionsprozess durchscheint. Somit lässt sich „Direct Contact“ etwa ebenso mühelos als Allegorie auf den arbeitsteiligen Prozess des Filmemachens selbst wie als konsequente Offenlegung des illusionistischen Charakters der Montage lesen. Im Auseinanderklaffen zwischen zwei Sequenzen – mehr noch: zwischen Ursache und Wirkung – kommt das grundsätzlich Achronologische des Kinos ins Spiel, das durch avanciertere Montagetechniken fürgewöhnlich aus dem Blickfeld gerät, und zersetzt die nicht mehr als geschlossen wahrnehmbare Welt der filmischen Narration. Der Stellenwert der Aktionssequenz selbst verschiebt sich also vor der Erzählweise von „Direct Contact“, der dies auch in seinen schönsten Momenten buchstäblich zelebriert. So in einer der zahlreichen Autoverfolgungsjagden, die den Helden Mike Riggins durch den sich immer wieder umschichtenden Plot um ein Kidnapping, das sich in der Flexibilisierung der Frontlinien durch die diversen Demaskierungen des Verschwörungsplots gewissermaßen verdoppelt, tragen: Funken sprühen, Glas splittert, farbiges Licht und Explosionen gemahnen hier vor allem an ein Feuerwerk. Die Herauslösung des Spektakels aus dem Filmganzen und die Überführung in für sich selbst stehende, isolierte Bilder, von jenen den Plot transportierenden Sequenzen geradezu umflossen, lassen diese Momente von einem Hauch des Erhabenen umwehen. Die Explosion, die Destruktion, das Spektakel, der Schauwert – das alles ist hier nicht mehr als ein Bestandteil (unter verschiedenen, gleichwertigen) des Filmbildes zu klassifizieren. Stattdessen wird es zu seinem Fluchtpunkt.
Direct Contact
(USA/Deutschland 2009)
Regie: Danny Lerner; Buch: Danny Lerner, Les Welden; Musik: Stephen Edwards; Kamera: Ross W. Clarkson; Schnitt: Michele Gisser
Darsteller: Dolph Lundgren, Michael Paré, Gina May, James Chalke, Bashar Rahal, Vladimir Vladimirov, Raicho Vasilev, Nikolay Stanoev u.a.
Länge: 87 Min.
Verleih: Kinowelt
Zur DVD von Kinowelt
Qualitativ ist die DVD von Kinowelt tadellos ausgefallen. Die Bild- und Tonqualität sind hervorragend, die deutsche Synchronfassung ist durchaus akzeptabel ausgefallen. Bonusmaterial ist hingegen so gut wie keines vorhanden, jedenfalls nichts von Interesse.
Bild: 1,78:1
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Surround), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer, Fotogalerie
FSK: JK – Keine schwere Jugendgefährdung
Weder Fisch noch Fleisch … sondern Käse
Wie man es macht, macht man es offenbar falsch, wenn man versucht, den Kannibalenfall von Rotenburg filmisch zu adaptieren. Die Strafsache „Armin Meiwes“, die derzeit erneut vor Gericht verhandelt wird, ist vielleicht noch zu „heiß“, um sie zu fiktionalisieren. In der Vergangenheit hat es ja schon öfter Filme gegeben, die Probleme bekamen, weil sie sich in juristische Diskurse eingemischt haben (Fritz Langs „M“, Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ oder Richard Fleischers „The Boston Strangler). Und auch im Fall Meiwes hatten die bisherigen Adaptionsversuche derartige Hürden zu überwinden. Marian Doras „Cannibal“ war dem Verleiher wegen möglicher Verletzung der Persönlichkeitsrechte zu gefährlich und ist nicht erschienen. Rosa von Praunheims „Mein Herz in deinem Hirn“ war schon im Vorfeld heiß umstritten, hat aber – wohl auch aufgrund seiner starken Verfremdungseffekte – noch keinen Verleiher gefunden. „Rohtenburg“ geht nun genau den Mittelweg zwischen diesen beiden Werken – das scheint aber leider auch der Holzweg gewesen zu sein.
„Weder Fisch noch Fleisch … sondern Käse“ weiterlesen
Sündenblock
Clive Barkers „Bücher des Blutes“ haben nun schon 20 Jahre auf dem Buckel, sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und haben auch schon einige Male als Vorlage für Filme gedient. Von ihrer horriblen Faszination haben sie seit ihrem ersten Erscheinen nichts verloren – sie gelten immer noch als die Trendwende der Horrorliteratur, weil sie die Motivinventare der Cyberpunk-Literatur, der Post-Gothic-Novel a la H. P. Lovecraft und des Splatterfilms auf originelle Weise miteinander kombiniert haben. Selbst den Fließbandschreiber Stephen King hat das Erscheinen der „Books of Blood“ seinerzeit den Kommentar abgenötigt: „Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen.“ – Eine Zukunft an deren Ausgestaltung er selbst sich aber lieber nicht beteiligen wollte. Bei der Rezeption der „Books“ ist allerdings selten deren zusammenhängender Charakter thematisiert worden. Die über 30 Kurzgeschichten unterschiedlichster Provenienz teilen sich nämlich einen gemeinsamen Ursprung, der in der ersten, einleitungsartigen Erzählung formuliert wird. Diese Einleitung ist nun selbst filmisch adaptiert worden.
Geretteter Lebensretter aus Todessehnsucht
Zuerst nur ein dumpfer Herzschlag, millisekundenkurze Bilder, viel Schwarz. Ein Autounfall, eine schöne und vielleicht auch tote Frau. Ein Schrei. Schwarz. Dann ein kurzer, so prägnanter wie lakonischer (und schlussendlich ambivalenter) Titelcredit: „Hero Wanted“.
„I really wish we hadn’t started here.“ Wir finden uns in diesen Film geworfen und treffen auf seinen Protagonisten als jemanden, der bereits in einem grundlegenden Danach gefangen ist. Immer schon alles zu spät: Volltrunken in einer Bar, über die Theke kotzend. Augenblickskurze Flashbacks, eine tote Ehefrau, schwanger, gestorben in einem Autounfall. Liam Case (Cuba Gooding, Jr.) erscheint in diesen Momenten wie ein Schlafwandler, der unberührt durch die Ruine seines Lebens streift – bis ihn (und uns) ein ohrenbetäubender Crash aus der Lethargie herausreißt. Erneut ein Autounfall, und ohne einen Augenblick zu zögern, stürzt sich Liam in das brennende Wrack, um ein kleines Mädchen vor dem Flammentod zu retten. Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau, so teilt er uns mit, habe er etwas Sinnvolles getan. Ein Leben gerettet, „but not tonight“. Sekunden später sehen wir Liam mit einer Waffe in der Hand, einen Anschlag auf den fröhlich masturbierenden Gangster Lynch McGraw vorbereitend. Wieder ein Schnitt, und das bedeutet hier stets: wieder ein Sprung ins Ungewisse. Nun finden wir Liam in einer Bank wieder, schüchtern mit einer Angestellten flirtend und schließlich in einen eskalierenden Überfall verwickelt. Einer der Bankräuber verliert die Nerven, schießt der jungen Frau in den Kopf, auch Liam, der ihr zu helfen versucht, fängt sich eine Kugel ein. Noch ein Schnitt, Krankenhaus, Liam am Krankenbett der ins Koma gefallenen Bankangestellten. Dann wieder die Waffe: ein Rachefeldzug, erzählt in schlingernden Zeitpirouetten. Den Tod des mit einem Wok brutalst zu Tode geprügelten Lynch sehen wir zunächst nur in seiner Konsequenz, durch die Augen des ermittelnden Polizisten Terry Subcott (Ray Liotta). Dann endlich formieren sich jene grundsätzlich durchaus geradlinigen Bewegungen, die den Plot des ungewöhnlichen Action-B-Movies „Hero Wanted“ über den größeren Teil seiner Laufzeit tragen werden: Subcott sucht, wenngleich wenig leidenschaftlich, den Mörder McGraws, während dessen Bruder Skinner (Kim Coates) Vergeltung sucht – nur um ebenfalls kaltblütig von Case getötet zu werden. Der Konflikt spitzt sich zwischen diesem und dem ebenfalls am Banküberfall beteiligten Psychopathen Derek (Thomas Flannigan) und Liam zu – welche Verbindung jedoch zwischen diesem und den Räubern besteht, welche Rolle sein Freund Swain (Norman Reedus) spielt, und vor allem: in welchem Verhältnis genau nun Heldenmut und kriminelle Umtriebe stehen, das alles wird sich erst im Verlauf des Filmes entwirren.
„Sometimes, things worth dying for are worth living for.“ Auf den ersten Blick ist „Hero Wanted“, das Regiedebüt des als Second Unit Regisseur und Stuntkoordinator in Hollywoods Größtproduktionen erfahrenen Brian Smrz, auffällig fragmentarisch erzählt. Zwar gelingt es Smrz durchaus, im ersten Filmdrittel eine (ungefähre) Konstellation von (Anti-)Held und Antagonisten zu konstruieren – mit einem seltsam äußerlich anmutenden Nebenplot um den als eindeutiger der Lichtseite zuneigenden Doppelgänger inszenierten Cop Subcott, der sich erst am Ende in das Gesamtsystem des Films einschmiegt –, doch lässt er sich niemals auf einen schnörkellosen Verlauf seiner im Grunde schlichten Narration ein. Tatsächlich scheint sich diese eher festzuhaken an einer Reihe von „unerhörten Begebenheiten“, um jene dann schier manisch zu umkreisen. Diese Erzählweise wirft eher Fragen nach Schuld, Leid, Verlust auf als bloß das Verlangen nach dem nächsten Plot Point – Liam Case ist Mörder und Retter zugleich, ein trauriger Rächer, verflucht gleichermaßen von der Last der guten wie der bösen Tat. Zerrissen zwischen divergierenden Bildern seiner selbst, die stets zu groß für ihn sind. Im Schlussdrittel von „Hero Wanted“ werden sich dann die Verstrickungen aufklären, und spätestens hier wird klar, dass jegliche scheinbare Abschweifung stets nur wieder zu Liam zurückführt, dass tatsächliche das komplette (moralische wie narrative) System des Films ausschließlich um diese eine zentrale Figur herum inszeniert ist. Hierin spiegelt sich die solipsistische Weltwahrnehmung und Handlungsweise dieses Antihelden, und konsequenterweise ereignet sich die katastrophische Eskalation dann auch jeweils durch das Eindringen äußerlicher Faktoren, welche die „simplen Pläne“ Liams – mit unbeholfenen Mitteln das Gute wollend und das Böse schaffend – zum Scheitern bringen. Der vorgetäuschte Banküberfall, der unvermittelt zum „echten“ wird und sehr reale Folgen zeitigt – so ähnlich übrigens, vielleicht ja gar nicht zufällig, eines der Grundmomente in Baudrillards „Agonie des Realen“ –; der scheinbare Mut, der aus der Feigheit geboren ist; der gerettete Lebensretter aus Todessehnsucht: „Hero Wanted“ ist ein hochinteressanter Beitrag zum jüngeren DTV-Actionkino, der sich diesen Widersprüchlichkeiten nicht nur stellt, sondern der sie nachgerade fetischistisch umkreist und sie letztlich zum eigentlichen Motor seiner physischen wie narrativen Bewegungen macht.
Hero Wanted
(USA 2008)
Regie: Brian Smrz; Buch: Chad Law, Evan Law; Musik: Kenneth Burgomaster; Kamera: Larry Blanford; Schnitt: Tim Anderson
Darsteller: Cuba Gooding, Jr., Ray Liotta, Norman Reedus, Kim Coates, Thomas Flannigan, Jean Smart, Christa Campbell, Steven Kozlowski, Ben Cross u.a.
Länge: 91 Min.
Verleih: 3L Filmverleih
Zur DVD von 3L Filmverleih
Der bemerkenswerte Film erscheint in angemessener Bild- und Tonqualität und in ungekürzter Fassung auf DVD. Das Bonusmaterial hat (neben Trailern und einer Bildergalerie) lediglich eine unkommentierte Featurette zu den Dreharbeiten sowie einige sehr kurze Statements der beteiligten Schauspieler und Filmemacher zu bieten.
Bild: 1,85:1
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Hinter den Kulissen, Statements zum Film von Darstellern & Crew, Deutscher Trailer, Originaltrailer, Bildergalerie
FSK: Keine Jugendfreigabe
Zurück zum Kerngeschäft (mit Knöpfen)
Mit seinem humorvollen Schocker ist Sam Raimi sozusagen zum Kerngeschäft zurück gekehrt. „Drag me to Hell“ erinnert streckenweise an sein stilbildenes Horrorfilm-Debüt „The Evil Dead“ von 1982. Seinerzeit wurde das so genannte Buch des Todes verlesen, in dem es unter andrem hieß: „It deals with demons“. Diese Dämonen hat Raimi erneut entfesselt in seiner gelungenen Mischung aus effektvollen Grusel-Szenen im „Poltergeist“-Stil und metaphysischem Slapstick, bei dem wieder viele Körperflüssigkeiten austreten und Augäpfel aus den Höhlen springen.
Erzébet Delpy. Das Grauen lauert hinter dem Gesicht der Schönheit.
„Ich hatte ganz vergessen, dass man auch jung sein kann“, sagt sich Sam Shepard in „Homo Faber“, als vor seiner Nase die gerade mal 21-jährige Julie Delpy eine Treppe hinauf turnt. 19 Jahre sind mittlerweile vergangen und 19 Jahre sind eine lange Zeit. Die Lolita ist mittlerweile eine Frau, deren Leinwandkonterfei zum Sinnieren über den Unterschied von Alter und Reife einlädt. Ebenso wie wir mit zunehmender Reife ein Mehr an Erfahrung, Weltwissen und im Fall der Delpy auch an Charisma gewinnen, erschreckt uns das Alter. „Erzébet Delpy. Das Grauen lauert hinter dem Gesicht der Schönheit.“ weiterlesen
Update/Upgrade
Pünktlich zum Start des vierten Teils der „Terminator“-Reihe veröffentlicht das Label Kinowelt den 1991 entstandenen „Terminator 2: Judgement Day“ auf Blu-ray-Disk. Der Film war damals eine Sensation in zweierlei Hinsicht: Zum Einen überführte Regisseur James Cameron den fatalistischen und überaus gewalthaltigen Stoff des Erstlings von 1984 in eine familienfreundliche und hoffnungsvolle Variante. Zum Anderen kam in „Terminator 2“ ein neuer Roboter-Typ zum Einsatz, der auch eine neue Filmtechnik erforderlich machte – oder war es umgekehrt?
Kurzrezensionen Juni 2009
- Dietmar Kammerer: Bilder der Überwachung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008.
- Michail Bachtin: Chronotopos. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008.
- Andrea Claudia Hoffmann: Kopfkino. Wie Medien unsere Träume erfüllen. Konstanz: UVK 2008.
- Claudia Schmitt: Der Held als Filmsehender. Filmerleben in der Gegenwartsliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007.
- montage AV 17/2/2008: Immersion.
- Philip Sarasin u. a. (Hgg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopoligik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007.
- Thomas Weber: Medialität als Grenzerfahrung. Bielefeld: transcript 2008.
- Uwe Wirth (Hg.): Kulturwissenschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008.
Wichtig ist auf dem Platz
Ein Rennen in mehreren Etappen, quer über den amerikanischen Kontinent. Nicht der Schnellere, sondern der Überlebende ist der Sieger – und für das Überfahren wehrloser Passanten gibt es Bonuspunkte. Soweit die einigermaßen zynische Ausgangsthese, um die herum Regisseur Paul Bartel 1975 für Produzent Roger Corman und mit geschätzten 8 Dollar 50 Budget den mittlerweile zum kleinen Klassiker avancierten Exploitationfilm „Death Race 2000“ inszenierte. Die offensichtlichen finanziellen Beschränkungen verboten hierbei allzu ausufernde oder aufwendige Actionsequenzen, und aus dieser Not machte Bartel eine Tugend, indem er sich mehr auf die satirischen denn auf die spektakulären Aspekte des Stoffes stürzte und diesen in eine grell-groteske Komödie einschrieb. Die Antihelden von „Death Race 2000“ – nachdrücklich verkörpert von David Carradine sowie einem exaltiert grimassierenden Sylvester Stallone nur ein Jahr vor seinem großen Durchbruch mit „Rocky“ – sind überlebensgroße Karikaturen in bunten Zirkuskostümen, die sich mit kaltschnäuzigem Augenzwinkern den menschenverachtenden Spielregeln des Rennens beugen. Mindestens ebenso viel Emphase legt Bartel aber auf die Darstellung der Begleitumstände des sympathisch bodenständig inszenierten Spektakels. Von zynischen Kommentatoren und einem geifernden, allgegenwärtigen und blutlüsternen Publikum begleitet, stellt das Rennen hier eine Art moderne Version der Gladiatorenkämpfe dar – eine absurd überspitzte Form der Mediensatire, die etwa in den großen Science-Fiction-Filmen von Paul Verhoeven eine Fortschreibung erfuhr. Einen zumindest dem oberflächlichen Blick völlig konträr erscheinenden Ansatz wählte nun Regisseur Paul W.S. Anderson, der sich mit Filmen wie „Resident Evil“ oder „Alien vs. Predator“ nicht eben viele Lorbeeren verdiente, für sein 33 Jahre später vorgelegtes Remake „Death Race“.
»Im Zukunftswelt kann nichts geschehen.«
Nur drei Filmjahre, nachdem der Freizeitpark „Delos“ wegen technischer Störungen (die Roboter hatten fast alle Besucher umgebraucht) schließen musste, konnte er mit erweitertem Angebot wieder öffnen. Die Kartenpreise sind von 1000 auf 1200 US$ angehoben worden, die „Western-Welt“ wurde geschlossen und neben der „Römischen Welt“ und der „Mittelalter-Welt“ gibt es jetzt eine „Zukunfts-Welt“, in der die Besucher Ausflüge in den Weltraum und exotische, futuristische Abenteuer erleben können. „Passieren kann“, laut der optimistischen PR von „Delos“ nichts. Das glaubt das Journalisten-Pärchen Chuck Browning (Pter Fonda) und Tracy Ballard (Blythe Danner) nicht und lässt sich vor Ort die Interna des Roboter-Parks vorführen. Dabei stoßen sie auf Roboter, die, anders als drei Jahre zuvor, nun gar nicht mehr von Menschen zu unterscheiden sind. Das eröffnet potenziellen Verschwörungen natürlich Tür und Tor.
Das Ende beginnt …
Das in jüngerer Zeit populäre Phänomen des „Relaunchs“ von Film-Serien, bei dem eine Fortsetzung narrativ vor den Beginn des ersten Teils zurückgeht, um die Vorgeschichte zu erzählen aber auch neue Handlungslinien zu eröffnen, wird im neuen „Terminator“-Film performativ verdoppelt. „Terminator Salvation“ geht zwar nicht bis vor das Jahr 1984, in dem der Plot des ersten Films angesiedelt war, zurück, jedoch „vor“ den Anlass, der die Erzählung des ersten Teils inauguriert hat: Der Film spielt im Jahr 2019 und erzählt die Geschichte, wie John Connor (Christian Bale) seinen (späteren) Vater Kyle Reese (Anton Yelchin) kennen lernt. Diese Geschichte ist nicht trivial, zumal in ihr ein Faktor auftaucht, der in den bisherigen drei Filmen keine Rolle gespielt hat: Marcus Wright (Sam Worthington). Marcus ist der Missing Link zwischen Vergangenheit und Zukunft – eine Vexier-Figur zu T-101 aus dem ersten „Terminator“-Film, der ja bekanntlich die Technologie, die die Entwicklung von Cyberdyne ermöglicht hat, erst aus der Zukunft in die Vergangenheit mitgebracht hat. Marcus bringt eine Technologie aus der Vergangenheit mit in die Zukunft, die es Cyberdyne erst ermöglicht, einen Terminator zurück ins Jahr 1984 zu schicken …
Verwundete Seelen, verwüstete Landschaften
Mit der Großaufnahme eines Jungen, der in die Kamera blickt und dann schmerzerfüllt die Augen schließt, bevor die Leinwand schwarz wird, endet der große Gewinner des diesjährigen „goEast“-Festivals des mittel- und osteuropäischen Films, das Ende April in Wiesbaden zu Ende gegangen ist. Der zwölfjährige Tedo im georgischen Wettbewerbsbeitrag „Das andere Ufer“ (Gagma Napiri) von George Ovashvili schließt die Augen vor einer Welt, deren Anblick er nicht länger erträgt, weil sie ihn zutiefst verletzt hat. „Das andere Ufer“ spielt im heutigen Grenzgebiet zwischen Georgien und dem abtrünnigen Abchasien, einer vom Bürgerkrieg verwüsteten Region, in der Menschen wie Freiwild behandelt werden, elternlose Kinder ums Überleben kämpfen und Familien gewaltsam auseinander gerissen werden. So geht es auch Tedo, der verzweifelt nach seinem verschollenen Vater sucht. Die Verzweiflung des Jungen am Ende von „Das andere Ufer“ war wohl der bewegendste Moment des 9. „goEast“-Festivals. Zurecht wurde der 1963 geborene George Ovashvili, der in Wiesbaden seinen ersten Langfilm vorstellte, mit dem Hauptpreis „Goldene Lilie“ sowie dem Preis des internationalen Kritikerverbandes FIPRESCI ausgezeichnet.
Schweinesystem
Wie jeder richtige Krieg hat auch der Kalte Krieg zwischen 1945 und 1989 eine Vielzahl kultureller Auseinandersetzungen provoziert, die sich mal parteiisch, mal neutral und dann im wesentlichen pazifistisch gegeben haben. Doch gerade der unausgetragene und stetig schwelende Konflikt zwischen den ideologischen Grußsystemen des Westens und des Ostens hatte allein dadurch, dass er die Existenz der gesamten Menschheit gefährdete, häufig künstlerische Stellungnahmen provoziert, die punktuelle zeitgenössische Ängste aufgenommen und ideologiekritisch verarbeitet haben. George Orwell, der in seinem 1949 erschienenen Roman „1984“ vor dem stalinistischen Totalitarismus gewarnt hat und damit vor allem erwachsene Leser ansprach, hat sich bereits 1945 mit seiner Parabel „Animal Farm“ an eine jüngere Leserschaft gewandt. Auf der Basis der Geschichte um einen Bauernhof, auf dem die Tiere gegen ihren brutalen Bauern revoltieren, den Hof übernehmen und damit eine viel beachtete Revolution auslösen, zeichnete Orwell die politische Geschichte der Sowjetunion von ihren Anfängen bis in die damalige Gegenwart nach – und skizzierte darüber hinaus eine Prognose, wohin sich das Sowjetsystem unter Stalin zwangsläufig entwickeln würde.
„Schweinesystem“ weiterlesen
Viel Plot, wenig Geheimnis
Am Anfang steht das Postkartenpanorama: Charles Bronson ist Joe Martin, Ruheständler an der malerischen Côte d’Azur, und gemeinsam mit ihm und den Eröffnungscredits schippern wir per Boot in diesen Film hinein. „De la part des copains“, wie der Vorspann verrät, oder eben „Kalter Schweiß“ – der deutsche Kinotitel, mit dem der Verleih anno 1970 wohl versuchte, den eher klassisch erzählten Euro-Actioner als knüppelharten Reißer anzupreisen.
Star Traction
Zwei Dinge, um es kurz zu machen: Jeffrey J. Abrams Fortsetzung der Star-Trek-Saga ist kein „neuer“ Star-Trek-Film und das J. im Vornamen des New Yorker Regisseurs steht nicht für Jim – auch wenn es angesichts des bereits für 2011 geplanten Sequels zum Prequel irgendwie passend wäre. „Star Traction“ weiterlesen
Das Private in unsicheren Zeiten
Die Ursünde hat vielleicht 1955 Charles Laughton in „The Night of the Hunter“ begangen: Dort trachtet ein Geistlicher nach dem Leben zweier Kinder, die von einem Schatz wissen, den er gern hätte. Eine der erschreckendsten Szenen ist jene, in denen der Mann nachts vor dem Fenster des Kinderzimmers auf und ab geht und allein durch seine Anwesenheit eine Drohung verkörpert, die viel mehr als nur der körperlichen Unversehrtheit der Kinder bedroht: Sie bedroht das Private selbst. Denn in der Neuzeit hat sich die Wohnung als das Refugium des Privaten herausgebildet und in diesem bildet das Kinderzimmer den Kern des Beschützenswerten. Das Kind oder seinen Schutzraum zu bedrohen ist immer schon die Apotheose des Terrors gewesen – im Kino zeigt sich das von „The Night of the Hunter“ bis Hanekes „Funny Games“. Doch was, wenn gar keine Kinder da sind, oder sie, wie in David Moreaus und Xavier Paluds „Ils“ (2006) auf der anderen Seite – unter den Bedrohern – stehen? „The Strangers“ führt die eindrucksvoll und mit hohem Angstpotenzial vor Augen und offenbart zugleich die soziale Metaphorik dieser Bedrohung.
„Das Private in unsicheren Zeiten“ weiterlesen
»Because he could«
Autor: Mathis Thomsen*
Auch gegen Ende des Epochenumbruchs, vom analogen zum digitalen Zeitalter, ist eines beim Alten geblieben: Die meisten der großen Kinoproduktionen werden nach wie vor auf analogem 35-mm-Film gedreht. Die Produktion seines kleinen Bruders, dessen Einführung und Weiterentwicklung einen wesentlichen Fortschritt in Richtung des Heimkinos und der Amateurfilmerei darstellten, wurde vor einigen Jahren von seinem Vater, der Firma Kodak, teilweise eingestellt.
Ich ist eine Andere
Anfang der 1920er-Jahre ist das Capgras-Syndrom erstmals beschrieben worden: Eine Patientin wurde in die Psychiatrie eingeliefert, nachdem sie der festen Überzeugung war, ihr Mann sei nicht mehr ihr Mann, sondern durch einen Doppelgänger, der sich jedoch anders verhalte, ausgetauscht worden. Ob und in welchem Maße es diese seltene Form der Paranoia bereits zuvor gegeben hat, ist nicht dokumentiert – sie passt jedoch bestens in das Bild der Moderne des 20. Jahrhunderts, in dem soziale Entfremdungsprozesse auf der einen und ideologische Großsysteme auf der anderen Seite die Identitätsbildung und Identitätsbilder des Individuums so weit beeinflussen, dass es seinen Sinnen nicht mehr traut und sich auch selbst als weitgehend fragmentiert erlebt. Das Capgras-Syndrom hat dann auch bald Eingang in den Spielfilm gefunden: Im Doppelgänger-Motiv, mehr aber noch in den paranoiden Horror- und Science-Fiction-Film, der die ideologische Invasion als außerirdische kodiert hat. Am Ende einer langen und interessanten Kette von Adaptionen steht nun Sean Ellis‘ „The Broken“, dessen Titel vorm Hintergrund der Theorie äußerst vieldeutig erscheint.

