Teilnehmer: Jana Toppe, Miriam-Maleika Höltgen, Jochen Werner, Stefan Höltgen
Moderation: Stefan Höltgen
I want to go home
Teilnehmer: Jana Toppe, Nina Scholz, Jörg Buttgereit, Jochen Werner
Moderation: Jochen Werner
Uncanny Planet
James Camerons 3D-Epos „Avatar“ ist der Film dieses Kinojahres, der die Spekulationen des vorfreudigen Publikums am heftigsten anheizt. Soviel ist bereits knapp vier Monate vor dem weltweiten Starttermin klar. Es wird sich bei „Avatar“ um Camerons ersten langen Spielfilm seit zwölf Jahren handeln – und somit um den Film, der auf „Titanic“, den erfolgreichsten Film der Kinogeschichte, folgt. Und um den Film, für den Cameron über den Zeitraum von insgesamt 14 Jahren erst eine ganz neue 3D-Technologie entwickeln musste. Nun ist sie ja seit einigen Monaten auch zunehmend präsenter in deutschen Kinosälen, die beeindruckende digitale RealD-Technologie, ist jüngst mit der Platzierung von Pixars »Up!« als Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Cannes auch zu höheren cineastischen Weihen befördert worden – und doch scheint noch niemand so recht zu wissen, was nun davon zu halten ist. Das Spektrum der Meinungsäußerungen reicht von der »Zukunft des Kinos« (Jeffrey Katzenberg) bis zur Auffassung, es handle sich hierbei lediglich um ein Gimmick, eine vorübergehende Modeerscheinung. Tatsächlich stellt die neue 3D-Technologie zunächst einmal eine bedeutende Erweiterung der Möglichkeiten der Kinosprache dar – was freilich künftig damit geschieht, ob das Potenzial verwirklicht oder verwirkt wird, das scheint momentan auch und vor allem an Camerons „Avatar“ verhandelt zu werden. Wird dieser eine Film künstlerisch und kommerziell zum erwarteten Erfolg, dann scheinen die Möglichkeiten für künftige, ambitionierte 3D-Filme unbegrenzt. Enttäuscht er auf einer der beiden Seiten der Medaille, könnte die Seifenblase einen neuen Alleinstellungsmerkmals des Kinos gegenüber dem Heimkino schneller platzen, als es Hollywood lieb sein dürfte.
Der 21. August 2009 wurde nun, nachdem der Hype um „Avatar“ lang durch die strenge Nichtherausgabe von Bildmaterial angeheizt wurde, zum weltweiten „Avatar Day“ erklärt: Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung des ersten (zweidimensionalen) Teasers in den Weiten des Internet wurde einer begrenzten Zahl glücklicher Zuschauer die Möglichkeit gegeben, in 3D-fähigen Kinos eine ca. 20minütige Auswahl von Sequenzen aus der ersten Hälfte von „Avatar“ zu sehen – dreidimensional, und somit erstmals wirklich etwas aus dem Film zu sehen. Das Wichtigste vorab: Ja, die Welt, die Cameron für „Avatar“ hat programmieren lassen, ist wunderschön. Der Großteil der im Showcase gezeigten Sequenzen spielt in einem Dschungel, in dem die Helden auf allerlei farbenfrohes, meist feindlich gesinntes, Fabelgetier treffen. Diese fremde Vegetation erscheint plastisch und ästhetisch eindrucksvoll komponiert. Einen Kontrastpunkt hierzu setzen leider die Character Animations, die durch eine Motion-Capture-Technik auf dem derzeitigen state of the art vorgenommen wurden. Diese erinnern durchaus noch an die wenig überzeugenden Versuche der jüngeren Robert-Zemeckis-Filme „The Polar Express“ oder „Beowulf“ und haben es somit noch immer nicht geschafft, dem Uncanny Valley zu entrinnen.
Zum Tonfall der gezeigten Ausschnitte ist zu sagen, dass noch nicht viel zu sagen ist. Wie alle Filme von James Cameron enthalten diese Sequenzen Ideen, die ein großes Potenzial bergen. Cameron ist ja keineswegs ein dummer Filmemacher. An anderen Stellen treten mit Sentiment und Humor an der Grenze zum Klamauk weitere verlässliche Kennzeichen von Camerons Stil zutage. Zum Plot ist beim besten Willen noch nicht einmal zu mutmaßen, nach der Ansicht von 20 Minuten von kolportierten 200 des finalen Films. Letztlich ist festzuhalten, dass „Avatar“ ohnehin von vornherein einer der Filme war, die man sich in diesem Jahr würde anschauen müssen. Nun kann man sich auch noch darauf freuen – denn zumindest der Verfasser dieser Zeilen hätte nach dem Ende der 20 Minuten gern noch weitere drei Stunden in dieser fremden Welt verbracht.
»Talking is risky!«
Teilnehmer: Jana Toppe, Stefan Höltgen
Moderation: Stefan Höltgen
»Kool Killers«
Teilnehmer: Miriam-Maleika Höltgen, Stefan Höltgen
Moderation: Stefan Höltgen
»The disease are the people.«
Teilnehmer: Jörg Buttgereit, Kai Nowak, Stefan Höltgen
Moderation: Stefan Höltgen
»Na, ihr Sex-Feaks!?«
Teilnehmer: Stefan Höltgen, Reinhard Hucke
Moderation: Stefan Höltgen
Operation: Kino
Quentin Tarantino schien am Ende zu sein, streng genommen schon nach „Jackie Brown“, seinem bis heute besten und reifsten Film. Gut, „Kill Bill“ war ein monumentales, überwältigendes, stilistisch brillantes Spektakel, aber auch eine Rekapitulation jener Entwicklung, die Tarantino in seinen ersten drei Filmen durchgemacht hat. „Reservoir Dogs“: perfekt entwickeltes Genrekino. „Pulp Fiction“: die selbstreflexive Arbeit über das Genrekino. „Jackie Brown“: die melancholische Meditation nach dem Genrekino. Und dann eben „Kill Bill“: alles noch einmal, im schnellen Vorlauf. Nur um dann wieder im Genrekino anzukommen, mit all dem selbstreflexiven Ballast im Hinterkopf und somit intellektuell legitimiert.
Ein analoger Superheld für eine digitale Welt
„Isaac“ – Intuitives synthetisches autonomes Angriffs-Commando. Und, wie uns der deutsche Untertitel glauben machen möchte: „Die finale Waffe“. Tatsächlich ist Isaac (Rich Franklin) das Ergebnis eines streng geheimen Rüstungsprogramms der Regierung, das zum Tode verurteilte Mörder zu perfekten Kampfmaschinen für den militärischen Einsatz umbauen will. John Steads Film „Cyborg Soldier“ setzt ein mit der Flucht Isaacs aus jenem Labor, in dem er zur Menschmaschine aufgerüstet und zum Töten umprogrammiert wurde, und folgt ihm auf seiner Flucht vor dem Killerkommando des skrupellosen Dr. Hart (Bruce Greenwood). Der Zufall führt ihn dabei mit der Polizistin Lindsey Reardon (Tiffani Thiessen) zusammen, die eher unbedarft zwischen die Fronten dieses Konfliktes gerät. Im Verlauf der Flucht kehrt die Erinnerung Isaacs an sein früheres Leben langsam zurück, und die finsteren Machenschaften Harts decken sich allmählich auf bis hin zur abschließenden Konfrontation, die sich persönlicher als erwartet gestaltet…
In der Gestalt des Maschinenmenschen manifestierten sich von jeher Sehnsüchte und Problematiken des Aktionskinos. Einerseits galt sie der Science Fiction in schöner Regelmäßigkeit als Spiegel, in dem die verlorenen Menschen ihrer dystopischen Welten ihre längst abhandene Menschlichkeit wiederfanden. Andererseits wird sie zur strukturellen Metapher, die den grundlegenden Zwiespalt des Actionfilms beschreibt, der stets aufs Neue zwischen technokratischer Maschinisierung und dem nachgerade neurotischen Zwang zum Herunterbrechen des überlebensgroßen Geschehens auf menschliches Maß zerrissen zu werden droht. Im Gegensatz zum offenkundig Maschinellen des Roboters und dem antropomorphen Androiden jedoch ist der Cyborg stets beides: gewesener Mensch, an den Spuren des Humanismus sich wider die eigene Programmierung und die Außenwahrnehmung festklammernd, und Maschine, posthumane, mit übermenschlichen Begabungen ausgestattete Existenzform. Hybridwesen, in keiner Welt wirklich zuhause, ewigem Zweifel um die eigene Ontologie ausgeliefert – vom melancholischen „Blade Runner“ Rick Deckard, der seine eigene Menschlichkeit als artifiziell akzeptieren muss, über Paul Verhoevens „RoboCop“ bis hin zu Marcus Wright in McGs fabelhaftem „Terminator Salvation“ oder zur verwirrt-traurigen Young-Goon in Park Chan-Wooks „I’m a Cyborg But That’s OK“, die ihre Menschlichkeit abzuwerfen sucht und sich folgerichtig in einen grellen Science-Fiction-Traum hineinphantasiert.
Als perfekte Waffensysteme werden die Cyborgs des Science-Fiction-Kinos fürgewöhnlich konzipiert – und vielleicht ist Isaac aus „Cyborg Soldier“ im Grunde wirklich die perfekte Waffe. Das hieße hier: die menschlichste Waffe, insofern er sich in Testreihen als des Tötens unfähig erweist, sofern er keiner Attacke ausgesetzt ist. Eine Waffe für ein Zeitalter strikter Verteidigungskriege also, eine pazifistische Waffe. Würde ein Waffensystem nach dem Modell von Isaac folglich zum Einsatz kommen, so würde dies nicht nur den Schutz gegen potentielle Angreifer bedeuten, sondern auch eine Absicherung gegen kriegerische Übergriffe aus den eigenen Reihen bedeuten. Eine kontextabhängige Waffe, die nur noch auf die eigene Bedrohung reagieren könnte und der grenzen- und übergesetzlichen Machtausübung des Stärkeren einen Riegel vorschieben würde, somit die eigene Militärpolitik nachhaltig prägen würde. Schlussendlich ist es auch in „Cyborg Soldier“ der Befehl, Unschuldige zu töten, der Isaac dazu bringt, aus seinem Gefängnis und seiner vorgesehenen Rolle als Killermaschine auszubrechen und sich auf die Suche nach seiner gelöschten Erinnerung und vergessenen Menschlichkeit zu machen. Und einmal mehr ist es am Ende der Maschinenmensch, der im Selbstopfer ein korruptes System zerstört und sich spätestens im eigenen Vergehen als letzter wahrer Kämpfer für das Menschliche in einer von instrumenteller Vernunft geprägten Welt erweist.
John Steads Film überrascht vielleicht vor allem durch seine Seriosität: Mit einfachsten Mitteln und kleinem Budget inszeniert, hält er sich doch über weite Strecken in weiter Distanz vom Trashterrain des Gros der Cyborg-Actioner der 1980er und 1990er Jahre, mit denen das B-Kino auf den großen Erfolg von James Camerons zwei „Terminator“-Filmen reagierte. Stattdessen gibt sich „Cyborg Soldier“ als geradezu klassisch entwickeltes Science-Fiction-Kino, irgendwo zwischen „RoboCop“ und John Carpenters „Starman“. Angenehm ernsthaft und meisterhaft verdichtet, findet er eine ganze Reihe großartiger Bilder einerseits in den verschneiten Wäldern Kanadas, andererseits in den klaustrophobischen Fluren des geheimen Laborsystems. Großes Kino im kleinen Format.
Cyborg Soldier
(USA 2008)
Regie: John Stead; Buch: John Stead, John Flock, Christopher Warre Smets; Musik: Ryan Latham; Kamera: David Mitchell; Schnitt: Mark Sanders
Darsteller: Rich Franklin, Bruce Greenwood, Tiffani Thiessen, Aaron Abrams, Wendy Anderson, Steve Lucescu, Simon Northwood, Kevin Rushton, Brian Frank u.a.
Länge: 85 Min.
Verleih: Kinowelt
Zur DVD von Kinowelt
Die Bild- und Tonqualität der Kinowelt-DVD sind hervorragend. Als Bonusmaterial ist immerhin ein 15-minütiges Making-of enthalten sowie 2 Trailer und eine Fotogalerie.
Bild: 1,78:1
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Digital Stereo), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Making-of, Trailer, Fotogalerie
FSK: Keine Jugendfreigabe
Rapid Eye Movies auf der AnimagiC
Vom 31. Juli bis zum 02. August findet in der Beethovenhalle in Bonn erneut die Anime-Convention AnimagiC statt. Zu diesem Anlass präsentiert auch das auf asiatische Filme spezialisierte DVD-Label Rapid Eye Movies vier Animes aus seinem Programm auf der Leinwand. Am Freitag, den 31. Juli gibt es um 19:50 Uhr „Genius Party“, eine Kurzfilm-Sammlung verschiedener namhafter Regisseure des Genres, zu sehen. Das Sequel „Beyond Genius Party“ läuft sowohl am Samstag, den 01. August, um 15:40 Uhr als auch am Sonntag, den 02. August, um 16:15 Uhr. Von der Qualität des bahnbrechenden „Mind Game“, kann man sich ebenfalls am Samstag um 13:15 Uhr überzeugen. Alle Vorstellungen finden im WOKI-Filmpalast statt, in der Messehalle gibt es außerdem Satoshi Kons meisterliches Erstlingswerk „Perfect Blue“ zu begutachten. Mehr Informationen gibt es unter www.animagic-online.de.
Auto-Didaktik
Was haben ein aus Böhmen stammender Obst- und Gemüsehändler und ein von Nietzsche inspirierter Anführer einer Mopedgang gemeinsam? Beide sind wohnhaft im hessischen Darmstadt, Kunden des Autohauses Neubert und Protagonisten der deutschen Fernsehserie „PS“, die es Mitte der Siebzigerjahre auf immerhin vier Staffeln à vier Folgen brachte. „Auto-Didaktik“ weiterlesen
Sexcomics
In den 1970er- und 1980er-Jahren entstand ein Filmgenre, dessen Existenz auf den ersten Blick widersinnig erscheint: Zeichentrick-Pornografie. War das Format bis dahin zumeist jüngeren Zuschauern vorbehalten, richtete sich das Genre eindeutig an die Älteren. Zumeist waren es eher fahrig gezeichnete Märchen-Persiflagen, die im Zeichentrickporno zu sehen waren. Titel wie „Schwänzel und Gretel“, „Reinstecke Fuchs“, „Schweinchen Fick“ oder „Dornmöschen“ erwecken heute zudem den Eindruck, dass der Film nachdem einmal der zotige Titel ersonnen war nur noch dazu produziert werden musste. Und dennoch verdeutlichen gerade diese Filme das eigentlich subversive Element der Pornografie, ist es in ihnen doch möglich, Pornotopia, das Land in dem alle immer Lust haben, jeder Lebensbereich sexualisiert und jeder Gegenstand mit einer eindeutig-zweideutigen Funktion belegt ist, dieses Land in all seinen schillernden Farben vor den Augen des Betrachters wahr werden zu lassen. Aus der Masse der Produktionen schälten sich drei Filme heraus, die sich bildästhetisch und von der Ausgestaltung ihrer Plots her stark von den zumeist deutschen Zeichentrickpornos unterschieden: Die Filme des belgischen Cartoon-Zeichners und Karikaturisten Picha.
Erektion statt Orgasmus
„Die Erektion, nicht der Orgasmus, ist der Beweis der Liebe.“ So drückt sich der mysteriöse Mario (Alain Cuny) sinngemäß aus, eine alternder Philosoph in Erotik und Liebesdingen. „Erektion statt Orgasmus“: Nicht die Fähigkeit zum Vollzug des Geschlechtsaktes ist der Weg zur Teilhabe des Menschen am Göttlichen, sondern die jederzeitige Bereitschaft zum Sex, so will Mario seine Behauptung verstanden wissen. Um der Liebe fähig zu sein, muss man auch dann erregbar sein, wenn man eigentlich gar keinen Sex haben möchte. Es ist demzufolge nur konsequent, dass Marios Erziehung der noch unreifen Emmanuelle (Sylvia Kristel) eine Gangrape und aufgezwungenen Analverkehr vor Publikum beinhaltet. Emmanuelle erweist sich als gute Schülerin, die ihr zur Kunstfertigkeit gereiftes Talent dann auch in zwei Sequels unter Beweis stellen wird. „Erektion statt Orgasmus“: Diese Formel ist darüber hinaus aber auch dazu geeignet, das Wesen des Erotikfilms in Abgrenzung zum Porno zu beschreiben, und damit ein Genre zu definieren, das zur Mitte der Siebzigerjahre, als „Emmanuelle“ nicht nur zu einem Welterfolg, sondern geradezu zu einem Massenphänomen avancierte, in dieser Form noch gar nicht existierte. Und dass der Tanz auf diesem schmalen Grat zwischen Erotik und Porno im Verlauf der ursprünglichen „Emmanuelle“-Trilogie nicht immer gelingt, hilft ebenfalls dabei, die angrenzenden Genres zu konturieren. „Erektion statt Orgasmus“ weiterlesen
»Ich lausche deiner Stimme, Kleines«
Die Synchronbranche fristet analog zu ihrer bedauerlicherweise nicht sichtbaren Effektivität noch immer ein relatives Schattendasein. Dabei kann sie nunmehr auf eine historische Pflege zurückblicken, die beinahe so betagt ist wie der Tonfilm selbst. Darüber hinaus erleichtert die sprachliche Transponierung von Filmen und Serien Millionen von Kinogängern und TV-Schauern ihr alltägliches Entertainment immens. Niemand käme hierzulande auf die Idee, sich darüber zu wundern, dass Matthew Fox, Held der Serie „Lost“, bei seiner Ausstrahlung im deutschen Fernsehen regelmäßig in gestochenem Hochdeutsch parliert, obgleich es sich um einen US-Akteur handelt, der vermutlich bestenfalls ein paar Bruchstücke unserer Sprache beherrscht. Umgekehrt zöge die Ausstrahlung einer Folge „Lost“ im Originalton sicher eine andere Reaktion nach sich: Das Programmmanagement könnte sich vor nachfolgenden Protestbriefen vermutlich kaum retten.
The Making and Unmaking of Jean-Claude Van Damme
JCVD – ein Filmtitel, wie er luzider kaum sein könnte. JCVD, das ist Jean-Claude Van Damme, und im Grunde ist das bereits das Wesentliche, was man über einen Film mit Jean-Claude Van Damme wissen muss. „JCVD“ ist nicht einfach nur ein Film mit Jean-Claude Van Damme, aber dazu später mehr.
Vor einer Annäherung an Mabrouk El Mechris Film müsste ein Nachdenken über die Karriere und den Rollentypus des Jean-Claude Van Damme stehen, denn letztlich entschlüsselt sich wesentlich vor dessen Hintergrund das Oeuvre des Belgiers, und dann vor allem auch „JCVD“. Van Damme, das war im Grunde immer einer der Guten, auch wenn das meist keiner so richtig gemerkt hat. Vielleicht war es vor allem der Zeitgeist, der an ihm vorüber gezogen war – auch, wenn er ihn zunächst in den Himmel zu tragen schien. Der Durchbruch gelang dem belgischen Karatemeister 1986 mit einer Schurkenrolle in der US-asiatischen Coproduktion „No Retreat, No Surrender“, die hierzulande unter dem Titel „Karate Tiger“ eine schier endlose Filmreihe begründete, deren einzelne Beiträge meist rein gar nichts miteinander zu tun hatten. 1986, das war das Jahr, in dem die Überikonen des Actionkinos, Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, sich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität befanden und sich mit „Cobra“ einerseits, und „Raw Deal“ andererseits, ein Duell um Publikumsgunst und Box Office lieferten. Das Actionkino war eine Wachstumsbranche, und folgerichtig zog es Kampfsportmeister aus aller Welt vor die Kamera, um in die überlebensgroßen Fußstapfen der Hyperstars zu treten. Eine überaus virile B-Movie-Industrie pumpte einen schnell und günstig produzierten Prügel- & Schießfilm nach dem anderen in einen stets nach mehr verlangenden Markt hinein, und die mal mehr, mal weniger kinematographisch kompatiblen Recken dieser kleinen Filme einte vor allem der Traum, die Nachfolge der allmählich, aber unaufhaltsam alternden Stallone und Schwarzenegger antreten zu können und zum größten Actionhelden des Planeten zu werden. Ihre Stunde schien dann in den späten 80ern und frühen 90ern gekommen: Die Actionikonen sahen sich – vorerst – an den Grenzen ihrer Körperlichkeit angekommen und versuchten sich, mit eher mediokrem Erfolg, an einer zweiten Karriere als Komödiendarsteller. Und im Gegenzug wurden die Produktionen eines Van Damme oder auch Steven Seagal größer, aufwendiger, ambitionierter – der Sprung in die A-Liga schien für einen Moment lang, mit „Universal Soldier“ oder „Timecop“ für Van Damme oder mit „Under Siege“ für Seagal, möglich. Nur dass dann die A-Liga aufhörte zu existieren. Mit der Marginalisierung von Stallone und Schwarzenegger – die dann freilich noch über Jahre verschleppt und erst allmählich sichtbar wurde – starb auch das Kino, für das sie standen, und somit stießen die natürlichen Erben ihrer Rollen an neu gesetzte Grenzen.
Anders freilich als Steven Seagal, der sich recht bald in sein Schicksal zu ergeben schien und lustlos, resigniert und körperlich verfallend einen unambitionierten Streifen nach dem anderen herunterzukurbeln begann, schien Van Damme eher als tragische Figur greifbar zu werden. In seinem Regiedebüt „The Quest“ oder in Peter MacDonalds „Legionnaire“ versuchte er, im kleinen Maßstab an Hollywoods Tradition des großen, romantischen Abenteuerkinos anzuknüpfen – und lief stets aufs Neue mit dem Kopf gegen die Wand. Mit „Sudden Death“ legte er eine grundsolide Miniatur nach dem klassischen „Die Hard“-Modell vor, mit „Nowhere to Run“ oder „Lionheart“ Versuche eines eher dramatisch begriffenen Aktionskinos. Und dann sind da noch die Arbeiten mit den großen Regisseuren der Hongkonger New Wave, Ringo Lam, Tsui Hark und natürlich John Woo, mit denen er an den seinerzeitigen state of the art des internationalen Bewegungskinos anzudocken suchte. Vielleicht war er hier, im gloriosen und bis heute missverstandenen „Knock Off“ vor allem, für ein paar wenige Filme gar seiner Zeit voraus. Der Zeitgeist freilich war seinerzeit woanders: Die Bruckheimer-Schule kam auf die lukrative Idee, vornehmlich Charakterdarsteller in teuren, polierten Blockbusterkonstrukten zu besetzen und so sehr erfolgreich neue Publikumsschichten zu erschließen. Ein intellektuell sicher nicht avancierterer High-Concept-Actioner wie „The Rock“ oder „Con Air“ wurde so plötzlich interessant für ein Publikum, das sich einen Film mit Van Damme niemals ansehen würde. Um die Jahrtausendwende herum, nach einer Reihe von Flops mit ambitionierten Projekten, schien es dann für eine Weile so, als würde die Luft für Van Damme endgültig dünn. Immer tiefer in den Videothekenregalen verschwanden seine Filme, immer niedriger wurden offenkundig die Budgets und der kreative Aufwand, der für ihre Entstehung betrieben wurde. Als eine Brücke freilich durch dieses Tal der Tränen hin zu einem durch Philippe Martinez’ famosen „Wake of Death“ eingeleiteten Spätwerk, das clever bis melancholisch mit dem eigenen Alterungsprozess umgeht, sind aus heutiger Perspektive die betont finsteren Ringo-Lam-Filme „Replicant“ und „In Hell“ zu lesen, in denen sich jene Dekonstruktion der eigenen Rollenpersona, die nun in „JCVD“ ihren Höhepunkt erreicht, bereits ankündigt. Denn Van Damme, das war bis dahin vor allem: Der Aufrechte. Der Sympathieträger. Auch: der Jungenhafte. Und doch oft, nicht zuletzt: der Melancholiker. Ein Actionheld wider Willen, im Grunde nur zur falschen Zeit am falschen Ort, und ein Stück weit von der Gewalt mitgerissen. In den gemeinsamen Filmen mit Ringo Lam spätestens trat dieses Getriebensein deutlich hervor, und somit entstand eine Abgründigkeit, die erst den Nährboden für das Alterswerk des Jean-Claude Van Damme bilden konnte.
Das alles sollte man wissen, wenn man damit beginnt, über „JCVD“ nachzudenken. Und das weiß auch der Film, der schier genialisch beginnt. In einer langen, wuchtigen Plansequenz prügelt sich da Van Damme durch eine schier endlose Kaskade von Angreifern, wie in alten Zeiten und vielleicht noch ein bisschen toller. Dann, nach Minuten reiner Bewegungspoesie, tritt der Held durch eine Tür, die Tür schlägt zu – und die Kulisse fällt um. Nach hinten. Nicht die vierte Wand fällt, sondern zunächst – wenn man so will – die erste. Bevor sich „JCVD“ später nach vorn öffnet, in den Zuschauerraum und die Welt hinein, öffnet er sich in seine eigene Tiefe und die seines Protagonisten, der Kunstfigur Jean-Claude Van Damme. Dessen Rollengeschichte kommt auch dann zum Tragen, wenn sich der Regisseur des Film-im-Film als Karikatur eines asiatischen Jungfilmers entpuppt, der desinteressiert und voller Verachtung seinem Job nachgeht, während der sichtlich außer Atem geratene Van Damme verzweifelt versucht, etwas Herzblut in den Film einfließen zu lassen. Und außerdem klarstellt, dass er solche langen Plansequenzen mit vollem Körpereinsatz zu drehen kaum noch imstande ist. Schließlich ist er bereits 47 Jahre alt. Die Sequenz, und damit der Titelvorspann, endet mit einem verbrauchten, müden Actionhelden, der seinen Blick direkt in die Kamera und somit auf uns richtet. El Mechri bringt die Bewegungspoesie von Jean-Claude Van Dammes Kino für diesen Moment zum Stillstand, ganz buchstäblich zur Kunstpause. Denn mehr Bewegung ist eben nicht automatisch mehr Poesie. Dies ist kein normaler Jean-Claude-Van-Damme-Film.
In der Folge sehen wir einem Titelhelden beim verzweifelten Manövrieren in einer Sackgasse seiner Karriere wie seines Privatlebens zu. Von (authentischen) Drogenproblemen geplagt und in einem (ebenso authentischen) Sorgerechtsprozess um Sohn Nicholas aufgerieben, nimmt der Schauspieler eine würdelose C-Picture-Rolle nach der anderen an – und kommt allmählich an dem Punkt an, an dem ihm bereits der noch tiefer gesunkene Kollege Seagal die Rollen wegschnappt. Weil er verspricht, sich sein Zöpfchen abzuschneiden. Kurz vor dem endgültigen Verzweifeln stolpert dieser Actionstar und Antiheld nun in eine Geiselnahme in einem belgischen Postamt hinein – und löst somit eine Kettenreaktion im Innen und Außen des besetzten Raumes aus. Im Inneren insofern, als sich an der Konfrontation mit dem als Kinostar erkannten Van Damme die Konflikte in der Gruppe der Kidnapper verschärfen bis hin zur finalen Eskalation, und im Außen, wo sich alsbald ein gigantischer Medienrummel um den fälschlicherweise für den Verbrecher gehaltenen Van Damme bildet. Der Plot wogt nun ein wenig hin und her – und streift dabei auch durchaus gelegentlich ein wenig ausgetreten wirkendes Tarantino-Territorium –, und löst sich schließlich in einem bittersüßen Ende in Wohlgefallen auf. Die zentrale Sequenz von „JCVD“ findet sich jedoch eher im Zentrum des Films. Da nämlich trägt es den Hauptdarsteller und Helden für mehrere Minuten aus der fiktiven Welt hinaus – beziehungsweise: über diese hinaus. Nicht behind, sondern eher above the scenes spricht Van Damme einen mehrminütigen Monolog direkt in die Kamera, über sein Leben, seine Karriere, sein Scheitern. Über das Versprechen, das er einst dem Publikum gemacht hat und das er bis heute nicht eingelöst sieht. Über seine Sehnsucht, endlich bessere Filme zu machen. Spätestens in dieser Sequenz finden sich endgültig alle Begrenzungen von „JCVD“ niedergerissen, verschwimmen Rollenpersona und Privatperson, Film und Film-im-Film und die Realität zumindest der Klatschspaltenwelt ineinander, gehen Kunstfilm und Genrekino ineinander auf. Hier zeigt sich auch exemplarisch, was „JCVD“ nicht ist. Weder als Pop Art noch als reines Meta-Kino im Geiste Charlie Kaufmans lässt sich Mabrouk El Mechris Film wirklich fassen, und schon gar nicht als schnöde Persiflage. Tatsächlich ist „JCVD“ ein Genrefilm, der das Genre erweitert, statt es hinter sich zu lassen. Der sich elegant darüber erhebt wie sein Held über die Kulissen und zwischen Kameras und Scheinwerfern weiter davon spricht. Keine nachhaltige Dekonstruktion, sondern eher eine Rekonstruktion, im Geiste jenes Versprechens, das seinen Protagonisten mit uns, seinen Zuschauern, verbindet.
JCVD
(Belgien / Luxemburg / Frankreich 2008)
Regie: Mabrouk El Mechri; Buch: Mabrouk El Mechri, Frédéric Benudis, Christophe Turpin; Musik: Gast Waltzing; Kamera: Pierre-Yves Bastard; Schnitt: Kako Kelber
Darsteller: Jean-Claude Van Damme, François Damiens, Zinedine Soualem, Karim Belkhadra, Jean-François Wolff, Anne Paulicevich, Liliane Becker u.a.
Länge: 93 Min.
Verleih: Koch Media
Zur DVD von Koch Media
Mit der 2-Disc Edition hat Koch Media einmal mehr eine tadellose DVD-Veröffentlichung vorgelegt. Die Bild- und Tonqualität ist tadellos, und insbesondere mit den zwei langen Dokumentationen auf der Bonus-DVD sowie der Teaser-Kollektion auf der Film-DVD, bei der es sich im Grunde um eine Reihe eigenständiger Kurzfilme handelt, ist einiges höchst interessante Material zur weiteren Kontextualisierung und Vertiefung des Filmes vorhanden.
Bild: 2,35:1
Ton: Deutsch, Französisch/Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar mit Mabrouk El Mechri, 6 Teaser, Geschnittene Szenen mit optionalem Kommentar des Regisseurs, Vent d’Ame (Making of), Ein Tag im Leben von JCVD, Synchro-Outtake mit Charles Rettinghaus
FSK: ab 16 Jahren
Allem Anfang wohnt ein Unfall inne
Paul Virilio ist einer der letzten großen französischen Denker der postmodernen Kulturtheorie, der noch lebt und produktiv ist. Bekannt geworden durch seine Untersuchungen zur Bunkerästhetik, zur Beschleunigung sowie zur Vernetzung von Kriegs- und Medientechnologie hat sich Virilio zu einem der führenden Stichwortgeber der heutigen Medien- und Kulturwissenschaft etabliert. Vor allem sein Konzept der Dromologie hat weit reichenden Einfluss auf die Entwicklung medien-kultureller Theoriebildung bekommen. Autoren wie der Soziologe Hartmut Rosa haben Teile ihrer Forschung im Anschluss daran entwickelt um zu zeigen, dass die Beschleunigung eine Erklärungspotenz besitzt, die sich auf vielfältige(re) Bereiche als allein die Entwicklung von Verkehrs- und Medientechnologien beziehen lässt. Sie ist quasi als Paradigma der westlichen Moderne anzusehen. Doch mit der steten Beschleunigung – das hat Virilio auch immer wieder betont – wird die katastrophale Entschleunigung, also der Unfall, auch immer bedeutsamer.
Didi, das Chamäleon
Der Detektiv Harry App muss sich gegen zwei gefährliche Räuber zur Wehr setzen, die ihre Beute ausgerechnet im Käfig des wertvollen Zuchtkaninchens Mr. Theo versteckt haben, als dessen „Leibwächter“ Harry fungiert; Taxifahrer Herbert Böckmann gerät durch einen dummen Zufall zwischen die Fronten eines Spionagekrieges zwischen CIA und KGB und muss um sein Leben fürchten; Kneipenwirt Bruno Koob wird von seinem Doppelgänger, dem misanthropischen Konzernchef Hans Immer, für ein Wochenende als dessen Double engagiert, ohne zu wissen, dass dieser eine Entführung befürchtet; der mittellose Dieter Dödel sieht sich den Mordversuchen entfernter Verwandten ausgesetzt, die ihm eine Millionenerbschaft abspenstig machen wollen; dem LKW-Fahrer Didi verschweigen dessen Auftraggeber, dass die Ladung, die er nach Frankreich bringen soll, aus gefährlichem Giftmüll besteht, und der KFZ-Mechaniker und Politikverdrossene Willy Schulze wird mit einem berühmten Wahlkampfberater verwechselt, der vor der anstehenden Wahl eine marode Partei auf den richtigen Kurs bringen soll. „Didi, das Chamäleon“ weiterlesen
Pack die Badehose ein
Das getrennt lebende Ehepaar Carla (Claudia Karvan) und Peter (Jim Caviezel) will einen Wochenendtrip an eine entlegene Küste dazu nutzen, die eigene Ehe zu kitten, um die es nicht erst seit einer ohne Peters Einwilligung durchgeführten Abtreibung schlecht steht. Die eh nur mäßig gute Stimmung ist schon vor der Ankunft vollkommen verflogen: Als die Spannungen zwischen Carla und Peter immer handfestere Ausmaße nehmen, beginnt zu allem Überfluss auch noch die Natur, sich gegen die Touristen zu wenden … „Pack die Badehose ein“ weiterlesen
Der Film zum Amoklauf
Anlässlich des Amoklaufs von Winnenden ist erneut die Debatte um „Killerspiele“ und „Gewaltfilme“ entbrannt. Handtellergroße FSK-Aufkleber auf DVDs und Spielen stellen einen ersten besonders reflexhaften und hilflos wirkenden Versuch dar, solchen Gewalttaten präventiv entgegenzuwirken. Weitere Verbote werden eifrig diskutiert, während das Versagen der kleinsten gesellschaftlichen Zelle, der Familie, bestenfalls zur Kenntnis genommen, nicht jedoch als eigentliche Wurzel des Problems angegangen wird. Menschliche Wärme, soziales Engagement und Kommunikation bleiben in der Leistungsgesellschaft auf der Strecke, weil mit ihnen kein Gewinn zu erwirtschaften ist. Man muss kein ausgesprochener Fatalist sein, um sich ausmalen zu können, wo das hinführen könnte. Und genau hier setzt auch Jonas Akerlunds „The Horsemen“ an – verschenkt aber leider die Chance, seinem brisanten Inhalt mit der angemessenen Form zur Durchschlagskraft zu verhelfen. „Der Film zum Amoklauf“ weiterlesen

