Verwundete Seelen, verwüstete Landschaften

goeast-logo Mit der Großaufnahme eines Jungen, der in die Kamera blickt und dann schmerzerfüllt die Augen schließt, bevor die Leinwand schwarz wird, endet der große Gewinner des diesjährigen „goEast“-Festivals des mittel- und osteuropäischen Films, das Ende April in Wiesbaden zu Ende gegangen ist. Der zwölfjährige Tedo im georgischen Wettbewerbsbeitrag „Das andere Ufer“ (Gagma Napiri) von George Ovashvili schließt die Augen vor einer Welt, deren Anblick er nicht länger erträgt, weil sie ihn zutiefst verletzt hat. „Das andere Ufer“ spielt im heutigen Grenzgebiet zwischen Georgien und dem abtrünnigen Abchasien, einer vom Bürgerkrieg verwüsteten Region, in der Menschen wie Freiwild behandelt werden, elternlose Kinder ums Überleben kämpfen und Familien gewaltsam auseinander gerissen werden. So geht es auch Tedo, der verzweifelt nach seinem verschollenen Vater sucht. Die Verzweiflung des Jungen am Ende von „Das andere Ufer“ war wohl der bewegendste Moment des 9. „goEast“-Festivals. Zurecht wurde der 1963 geborene George Ovashvili, der in Wiesbaden seinen ersten Langfilm vorstellte, mit dem Hauptpreis „Goldene Lilie“ sowie dem Preis des internationalen Kritikerverbandes FIPRESCI ausgezeichnet.

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„Das andere Ufer“ (Gagma Napiri), Georgien / Kasachstan 2009, Regie: George Ovashvili

Verwüstungen in Landschaften und Verwundungen in Seelen, die aus der Vergangenheit des Sowjetreiches herrühren und noch heute die Region in Mittel- und Osteuropa prägen, waren das unausgesprochene Leitmotiv des Spielfilmwettbewerbs in Wiesbaden: Nahezu alle Beiträge porträtierten Menschen, die verwirrt zwischen Überbleibseln des Totalitarismus und einem neugeordneten, und doch chaotischen Jetzt hin- und hergestoßen werden: So begleitet die russische Tragikomödie „Verrückte Rettung“ (Sumasšedšaja pomošc) zwei Trottel durch ihren Moskauer Alltag und entlarvt dabei das Leben in der russischen Metropole als absurde Farce. In minutenlangen Einstellungen ohne Kamerabewegung tun sich der naive Landarbeiter Zhenja und ein geistig verwirrter Ingenieur zusammen, um eine Reihe seltsamer Missionen zu erfüllen – zum Beispiel Botschaften aus einem Vogelhäuschen zu empfangen oder das mysteriöse Aufklappen einer Mülltonne zu deuten. Zwischendurch werden die beiden von Straßenbanden verprügelt oder treffen immer wieder auf einen Polizeiinspektor, der sich selbst als Mobbing-Opfer fantasiert. So schwer verständlich und beliebig diese Inhaltsbeschreibung klingt, so ist auch das Kinoerleben von „Verrückte Rettung“. Regisseur Boris Chlebnikov, der bei „goEast“ mit dem Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden ausgezeichnet wurde, will seinen Film als Metapher auf das heutige Moskau verstanden wissen – einer Stadt, die 20 Jahre nach dem Mauerfall auf der Suche nach sich selbst zu sein scheint.

Bildunterschrift: „Verrückte Rettung“ (Sumasšedšaja pomošc), Russland 2009, Regie: Boris Chlebnikov
„Verrückte Rettung“ (Sumasšedšaja pomošc), Russland 2009, Regie: Boris Chlebnikov

Auch der Protagonist in Goran Rušinovićs „Buick Riviera“ hat sich selbst noch nicht wiedergefunden. Verloren hat er sich im Jugoslawienkrieg: Anfang der neunziger Jahre ist der Kroate Hasan aus Bosnien in die USA geflohen, wo er die Polizistin Angela geheiratet hat. Ziel- und arbeitslos lebt er in den Weiten North Dakotas in den Tag hinein und wird immer wieder von Albträumen geplagt, die ihn in die brutale Zeit des Bürgerkriegs zurückversetzen. Einzig sein Auto, ein Buick Riviera aus den Sechzigern, scheint Hasan Ruhe zu schenken: Sitzt er hinter dem Steuer des Wagens, entspannt sich Hasan und kann alle Sorgen und Erinnerungen abschütteln. Als der Buick Riviera eines Tages im Schnee stecken bleibt, kommt ihm zufällig Vuko zu Hilfe. Der Serbe stammt ebenfalls aus Ex-Jugoslawien und provoziert den Muslimen Hasan nach anfänglicher Freundlichkeit schon bald mit altbekannten Vorurteilen. Die Vergangenheit des ethnischen Konfliktes baut sich in der neuen Heimat der beiden Männer zu einer gefährlichen Spannung auf. „Buick Riviera“, eine Koproduktion zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Deutschland, entwickelte sich in Wiesbaden schnell zu einem Favoriten des Festivalpublikums: Zwei hervorragende Schauspieler, ein messerscharfes Drehbuch und vor allem der überzeugende Stilwillen des Regisseurs Goran Rušinović, der mit seinen trist-schönen Tableaus an die Filme des Isländers Fridrik Thor Fridriksson erinnert, prägen einen der besten Beiträge des diesjährigen goEast-Wettbewerbs.

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„Buick Riviera“ (Buick Riviera), Kroatien / Bosnien und Herzegowina / Deutschland 2009, Regie: Goran Rušinović

Einige Filme tauchten gleich ganz in die Vergangenheit ein und erzählten als historische Epen von den Repressalien der sowjetischen Besatzungsmacht und deren tragischer Wirkung auf das Leben in den einzelnen Regionen: „Geschenk an Stalin“ (Podarok Stalinu) von Rustem Abdrashov spielt im Jahr 1949 in der Einöde Kasachstans: Eisenbahnwaggons voller politischer Häftlinge durchrollen das Land auf dem Weg in weit entfernte Lager. Bei einem Zwischenstopp rettet der alte Kasache Kasym den jüdischen Jungen Sashka und nimmt ihn als Ziehsohn bei sich auf. Sashka glaubt, wenn er Stalin zum 70. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk schicken würde, könne er zur Belohnung seine Eltern wiedersehen. Doch diese sind längst tot. Jahre später – Sashka lebt inzwischen in Jerusalem – kehrt er als alter Mann nach Kasachstan zurück und erinnert sich. Regisseur Rustem Abdrashov erzählt in einer eigenwilligen Mischung aus Landschaftsbildern und prall-bunten Details – die nicht selten blutig sind. Auch „Die Jurte“ (Utov) von Ayub Shahobiddinov führt in die Vergangenheit einer abgelegenen Gegend des ehemaligen Sowjetreiches: Der Schafhirte Ubay lebt Anfang der achtziger Jahre in einem einsamen usbekischen Tal und kämpft verbissen darum, seinen Sohn Djavahir an die uralten Traditionen des Hirtenlebens zu binden. Dieser jedoch bringt einen Fernsehapparat mit ins Haus und verfällt bald den Verlockungen der Welt „da draußen“. Um sich von seinem strengen Vater loszureißen, geht er zum Militär – um Jahre später als vom Krieg gebrochener Ex-Soldat zurückzukehren.

„Geschenk an Stalin“ (Podarok Stalinu), Kasachstan 2008, Regie: Rustem Abdrashov
„Geschenk an Stalin“ (Podarok Stalinu), Kasachstan 2008, Regie: Rustem Abdrashov

Dass die Filme des „goEast“-Wettbewerbs thematisch in ähnliche Richtungen schlugen, liegt natürlich an der Auswahl der Festivalleitung und bietet nicht unbedingt einen Querschnitt über das Filmschaffen der Länder in Mittel- und Osteuropa. Wie abwechslungsreich dieses Kino sein kann, zeigt seit fast 20 Jahren das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus mit einem breiten, bunt gefächerten Programm. Dass man in Wiesbaden einen anderen Weg geht, passt zum Selbstverständnis dieses Filmfestes, das vor neun Jahren – trotz der großen Konkurrenz in Cottbus – vom Deutschen Filminstitut (DIF) ins Leben gerufen wurde: Mit erheblichem finanziellen Puffer des Landes Hessen und der Hauptstadt Wiesbaden ausgestattet, möchte „goEast“ exklusive Duftmarken setzen und Filmkunst zeigen, die sonst nirgendwo läuft. Dass man dabei auch Gefahr läuft, einen Tick zu aufzutreten, schwebte auch im neunten Jahr des Festivals im Kinosaal. Entsprechend blieben die Vorstellungen auch an Tagen wie Freitag- und Samstagabend, die auf anderen Festivals für ausverkaufte Räume sorgen, nur zu zwei Dritteln gefüllt. „goEast“ ist zu wünschen, dass es in Zukunft den Anschluss zum großen Publikum findet.

Mitten im Leben steht auch die große Überraschung des diesjährigen Spielfilmwettbewerbs in Wiesbaden: „Das glücklichste Mädchen der Welt“ (Cea mai fericită fată din lume) des Rumänen Radu Jude strahlte mit der Vitalität und Lebensnähe früherer Roberto Rossellini-Filme von der Leinwand im Wiesbadener Caligari-Kino: Mit Laiendarstellern und einfacher Technik auf den Straßen Bukarests gedreht, erzählt Radu Jude von der Teenagerin Delia, die ein Preisausschreiben gewonnen hat und deshalb als strahlende Gewinnerin für einen Werbespot Modell stehen soll. Ihre kleinbürgerlichen Eltern wittern die Möglichkeit einer Filmstar-Karriere und motzen ihr Töchterchen heftig mit Haarspray und Benimmregeln auf. Das Auto, das Delia gewonnen hat, wollen sie natürlich verkaufen, um ihr Eigenheim zu finanzieren. Doch Delia hat andere Pläne: Mit dem Wagen will sie vor allem bei ihren Klassenkameraden angeben. Was als Komödie beginnt, entwickelt sich schnell zur bitterbösen Satire auf Profitgier – und zum Porträt einer postkommunistischen Gesellschaft, die dem Kapitalismus bis zur Perversion verfallen ist.

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„Das glücklichste Mädchen der Welt“ (Cea mai fericită fată din lume), Rumänien / Niederlande 2009, Regie: Radu Jude

Vergangenheit und Gegenwart waren auch bestimmendes Thema der übrigen „goEast“-Sektionen: Die Retrospektive „Winter adé – Filmische Vorboten der Wende“ zeigte Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, die während der letzten Dekade vor der Wende entstanden und die Ahnung bargen, dass es mit den alten Verhältnissen zu Ende geht. Die Hommage galt der ukrainischen Filmemacherin Kira Muratova, deren regimekritische Filme in der UdSSR regelmäßig zensiert wurden und die nach der Wende als einzigartige Filmkünstlerin gefeiert wurde. Das Porträt galt dem Tschechen Jan Svěrák, der nach einem Filmstudium noch vor der Wende ab 1989 zum erfolgreichsten Regisseur seines Landes avancierte und für „Kolja“ 1996 sogar einen Oscar gewann.

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Der ukrainischen Filmemacherin Kira Muratova war in Wiesbaden eine Hommage gewidmet.

Eine besondere Aufgabe sieht das „goEast“-Festival in seiner Förderung des Nachwuchses: In einem Hochschulwettbewerb – an dem sich in diesem Jahr die staatliche Kiewer Universität für Theater, Film und Fernsehen „I. K. Karpenko-Kary“, die Staatliche Akademie für Theater und Filmkunst in Sofia sowie die Filmakademie Baden-Württemberg beteiligten – wurden drei Preise verliehen. Und in einer Projektbörse können Nachwuchsfilmer ihre noch nicht realisierten Ideen potentiellen Produzenten vorstellen und einen Förderpreis gewinnen. Die mit diesem Geld finanzierten Erstlingswerke können sich dann wiederum im kommenden Jahr um einen Nachwuchspreis bewerben. Dieses ungewöhnlich umfangreiche Förderprogramm des „goEast“-Festivals haben die jungen Filmemacher aus Mittel- und Osteuropa auch dringend nötig. Denn angesichts der Wirtschaftskrise dampfen immer mehr Filmländer ihre Fördergelder ein.

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Caligari - Festivalkino in Wiesbaden

Autor: Florian Vollmers

2 Replies to “Verwundete Seelen, verwüstete Landschaften”

  1. Das Filmfest zeichnet sich durch ein extremes Desinteresse der Wiesbadener Bevölkerung aus. Allerdings wirkt auch die Öffentlichkeitsarbeit der Veranstalter extrem unbeholfen…

  2. Unbeholfen ist ein recht sanftes Wort für die Öffentlichkeitsarbeit. Man schafft es ja nicht mal, dass die Lokalblätter ein paar größere Artikelchen zu der Veranstaltung bringen. In der Form in der das veranstaltet wird ist das Festival einfach nur Geldverschwendung. Da sollen sie die Kohle doch lieber Cottbus geben!

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