Die disziplinierte Rebellion

Sahara, USA/Spanien 2005, Breck Eisner

Wenn die Amerikaner sich mit einer (historischen) Mission in den Orient oder, ganz allgemein, in die dritte Welt begeben, sind sie meist nach modernsten Vorgaben bewaffnet und in reguläre militärische Einheiten organisiert. Im Kino sieht es dann häufig etwas anders aus: Schon Rambo kämpfte in Vietnam als Einzelgänger mit primitivsten Waffen gegen die feindlichen Hubschrauber. In „Sahara“ sind es wieder die Einheimischen, die über die überlegene Kriegstechnik verfügen, während die Amerikaner sich auf Guerillataktiken verlassen müssen. Ursprünglich sind die amerikanischen Helden im Film jedoch gar nicht als Krieger unterwegs, sondern als unabhängige Forscher und Abenteurer, die aber ganz nebenbei immer die Interessen ihres Landes zu verteidigen wissen, die (ebenfalls ganz zufällig) mit Interessen der ganzen aufgeklärten Menschheit übereinstimmen.
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Die Helden des technischen Zeitalters – StarWars Episode III

Star Wars Episode III – Die Rache der Sith, USA 2005, George Lucas

Es gibt Märchen, die einen guten Ausgang haben, solche die schlecht ausgehen und solche, bei denen man nicht weiß, ob das Ende gut war oder nicht. Das Märchen, so heißt es, spiegelt die Probleme der Alltäglichkeit auf einer symbolischen Ebene wider und zeichnet sich meist dadurch aus, dass der Held oder die Heldin, in der Regel aber ein Adoleszent, eine geistige, moralische oder sonst wie geartete Entwicklung durchmacht, an deren Ende sich die Gewissheit des guten Gelingens bestätigt und der Leser sich in Zuversicht der moralischen Erkenntnis zurücklehnen darf. Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Hier siegt am Ende bestenfalls die Einsicht, dass Wohlstand den Menschen nicht bessern kann; also sind auch solche Märchen, die schlecht ausgehen, eigentlich gute Märchen. Was beide Arten nun verbindet ist demnach die oft zitierte „Moral der Geschichte“, die uns den Alltag zu meistern helfen soll.
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Vorsicht Bluter!

Das College ist vorbei und die fünf Freunde Karen, Paul, Bert, Marcy und Jeff beschließen, in einer Waldhütte ein wenig Urlaub zu machen. Das Ganze beginnt als fröhlicher Urlaub im Redneck-Gebiet: Während Marcy und Jeff miteinander ihren sexuellen Obssessionen folgen, versucht der eher schüchterne Paul seine Freundschaft zu Karen zu vertiefen. Bert indes geht Eichhörnchen schießen – „because they’re gay“. Dabei begegnet er einem offensichtlich kranken Mann, der am ganzen Körper blutet und um Hilfe bittet. Mit dem Gewehr hält Paul ihn auf Distanz und verspricht ihm, Hilfe zu holen. Bei dem Versprechen bleibt es allerdings.

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Saw

Dass, wenn man Menschen entführt und/oder einsperrt und dann beobachtet, wie sie sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden versuchen, ein sehr lohnenswertes Motiv für einen Horrorfilm sein kann, haben Filme wie „The Cell“, „Das Experiment“ oder „Cube“ deutlich vorgeführt. In James Wans „Saw“ erwischt es zwei Männer, die sich in einer abgewrackten Herrentoilette wiederfinden. Der Chirurg Dr. Gordon und der Privatdetektiv Adam wissen zunächst nicht, warum sie verschleppt wurden. In dem Raum, in dem beide an den gegenüberliegenden Wänden mit Ketten an Rohren gefesselt sind, liegt eine Leiche. Nach und nach entdecken die beiden versteckte Hinweise (Fotos) und Hilfsmittel (Konchensägen), die sich als Spielbausteine im Spiel eines seit längerer Zeit aktiven Serienmörders entpuppen. Ein Spiel bei dem auch herauskommt, was die Spieler miteinander verbindet und zu was beide schließlich fähig sind, um das Spiel zu gewinnen.
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Tod als Skandal

Amityville Horror, USA 2005, Andrew Douglas

Alle Körper sind entweder tot oder sie werden tot sein. Dafür braucht man nicht mal einen grausamen Mörder: Die Natur wird es mit Sicherheit irgendwann für uns erledigen. Aber sind denn nicht all die angsteinflößenden Mörder der (Horror-)Filmgeschichte vielleicht nur Personifikationen dieser Unabwendbarkeit des natürlichen Todes? Das Offenlegen der verborgenen Zeichen des Todes, die sich hinter dem Lebendigen (manchmal sogar sehr Lebendigen!) aufspüren lassen, ist jedenfalls eines der häufigen Motive des Horrorfilms, das sich sowohl auf visueller als auch auf Handlungsebene entfaltet. Die Grenze zwischen Totem und Lebendigem ist fließend, und der Täter ist derjenige, der dazwischen vermittelt.
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Die Dolmetscherin

Die Dolmetscherin, USA 2005, Sydney Pollack

Es wäre vielleicht zuviel des Guten, wenn man einen Film, der die Frage nach der Beweiskraft der gesprochenen Sprache stellt, mit dem metaphysischen Streit über das Vorrecht der Stimme vor der Schrift in Verbindung bringt. Jedoch lassen sich diese tiefgründigen Sophistereien nicht wirklich ausblenden, wenn es sich dabei um einen Film handelt, dessen Thema gerade die Rolle der Stimme im globalen Machtpoker beschreibt. Sydney Pollacks neuestes Werk „Die Dolmetscherin“ stellt in einem packenden Polit-Thriller das Spielfeld internationaler Diplomatie dar und nimmt dabei dezidiert Stellung zur amerikanischen Außenpolitik, den jüngsten Entwicklungen in den Krisenregionen und zur Position der Vereinten Nationen.
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The Statement

The Statement, USA 2003, Norman Jewison

Wenn Slavoj Zizek die nationalen Besonderheiten deutscher, französischer und amerikanischer Toiletten beschreibt, hat die Sache weniger mit der Entsorgung menschlicher Exkremente zu tun, als mit Ironie. Jede Bauform spiegelt besondere Aspekte der jeweiligen Mentalität wieder, die, so scheint es, auf sozio-psychologischer Ebene ihren Anfang nehmen. Dabei stellen die deutschen „feuillées“ die hygienische Ordnung und das medizinische Interesse am eigenen Körper dar; die französische den impulsiven und radikalen Charakter seiner Erbauer und die amerikanische einen Hybrid aus den beiden anderen, der vorwiegend dem Pragmatismus dieses Volkes geschuldet ist. Was Zizek damit zeigt, ist schlicht und ergreifend die Tatsache, dass, wann immer man es mit dem nationalen Charakter zu tun hat, Klischees im Spiel sind.
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Keine runde Sache

In älteren Mathebüchern findet man häufig die klassische Textaufgabe mit der Schnecke und dem Brunnen: In einem 8 Meter tiefen Brunnen sitzt eine Schnecke. Jeden Tag schafft sie es, den Brunnenschacht sechzig Zentimeter hinaufzukriechen. Nachts rutscht die Schnecke aber wieder die Hälfte der zurückgelegten Strecke hinunter. Wann wird die Schnecke aus dem Brunnen herauskriechen können? Lässt man den mathematischen Subtext beiseite, so kann man aus dieser Geschichte immerhin noch lernen, dass das, was aus einem Brunnen herauskriecht, zwar mit Rückschlägen leben muss, aber letztlich doch irgendwann ans Ziel kommt.
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Biografie im Film

Dieses Frühjahr scheint die Zeit der Filmbiografien zu sein. Gleich ein ganzes Hollywoodgenre meldet sich mit historisch inszenierten Portraits berühmter Männer und Frauen zurück und besetzt dieser Tage die Programmlisten der Lichtspielhäuser. Angefangen bei »Alexander der Große« (Oliver Stone), über die Geschichte von Howard Hughes in »Aviator« (Martin Scorsese) bis hin zu »Sophie Scholl« (Marc Rothemund) und »Kinsey« (Bill Condon).
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Gespenster

Das Auto fährt hinein nach Berlin. Dazu leicht schwülstige klassische Musik. Gefilmt aus Kabinenperspektive, keine Personen. Nur die langen Kurven der Schnellstraße. Etwas Bedrohliches liegt in diesen Bildern. Es mag daran liegen, dass man weiß, dass das Automobil bei Petzold nie der Ort von familiärer Harmonie ist. Das ist das Eigentümlichste an diesen ersten Bildern: Dass man meint, den Regisseur an diesen auch ganz ohne Hintergrundwissen um den Film ablesen zu können.
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Jiang Hu

Es ist eine der berühmten letzten großen Nächte im (Film-)Hongkonger Triadenmilieu. Der Boss (Andy Lau) feiert die Geburt seines Sohnes, er will sich aus dem Geschäft etwas zurückziehen. Seine rechte Hand (Jackie Cheung), ihm seit Jahren treuer Freund, will ihn davon überzeugen, dass er drei küngelnde ältere Gangster in der internen Hierarchie ausschalten solle und hat selbst entsprechendes schon in die Wege geleitet. Doch der Boss will nicht so recht, er ist eher Typ Schachspieler als Bluthund. Beim Diner entfaltet sich das Gespräch über die Maßnahmen, während durch die Nacht von Hongkong die Gangster ziehen, und Leute, die es auf sie abgesehen haben. Gleichzeitig macht das Wort die Runde, dass der Boss noch in dieser Nacht Opfer eines Attentats werden solle …
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George Michael – A Different Story

Eigentlich wollte ich in diesem Saal die für diese Uhrzeit terminierte Pressevorführung von Violent Days aus dem Forum anschauen. Normalerweise haben die einzelnen Sektionen auch ihre eigenen Pressesäle, so dass man da eigentlich blind zum Termin reinlaufen kann. Blöderweise – und angeblich war es ausgeschildert – hatte man nun aber gerade diesen Programmslot an diesem Tag mit dem Panorama getauscht. Und ich staunte nicht schlecht, als ich zum Beginn eines semi-dokumentarischen Spielfilms über französische Rockabillies einen sehr zeitgenössischen Elton John erblicke, der mich mit rethorischem Geschick von den Qualitäten dieses „Guy“ überzeugen will. Wenige Sekunden später besteht kein Zweifel mehr: Ich sitze in George Michael – A Different Story, wo ich eigentlich nie hin wollte. Geschichten, die die Festivalübermüdung schrieb.
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The Life Aquativ with Steve Zissou

Wes Andersons Filme sind meist Ansammlungen von Skurrilitäten und Verschrobenheiten. Kleine Wundertüten, deren Inhalt breit ausgestreut wird und in denen es für jeden was zu finden gibt, das er sich rauspicken kann. Filme von Wes Anderson gehören zu jener Sorte, nach denen man sich austauschen kann: „Am besten gefiel mir …“ – und jeder sagt was anderes. Vielleicht ist das Bild von der Wundertüte aber auch falsch: Dieses suggeriert Beliebigkeit. Ein Andersonfilm aber wirkt zumindest immer so, als sei alles mit gutem Grund an seinem Platz.
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The Wayward Cloud

Endlich! Endlich gibt es im Wettbewerb einen Film zu sehen, der knistert und begeistert, der Wagnisse eingeht und gewinnt. Sperrig, einfallsreich, von erstaunlicher Frische. Höchst unterhaltsam, tragikomisch, oft bis zum absoluten Stillstand gehend, nahezu kein Dialog, dann wird er immer wieder zum Musical, urbane Tristesse, groteske Pornografie, cinephiles Kino. The Wayward Cloud von Tsai Ming-Liang ist all das und darin ungemein aufregend.
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Katze im Sack

Ich muss vorausschicken, dass ich in die Vorführung geplatzt bin, als bereits der Vorspann lief. Ich weiß also nicht ob es einen Prolog gab, der den Figuren, der Geschichte einen anderen Dreh verpasst hat. Ich befürchte, selbst wenn, es hätte nichts verändert. Die erste Szene zeigt Karl, gespielt von Christoph Bach, der schon in „Detroit“ eine schwierige Rolle zu verkörpern hatte. Er lässt sich per Anhalter von einem Mann mitnehmen, der ihn kurz darauf in einem Waldstück zum Oralsex überreden will, natürlich für Geld. Karl willigt zögernd auf das Angebot ein, um den Mann schließlich zusammenzuschlagen und ihm sein unmoralisches Verhalten vorzuwerfen. Später wird man erfahren, dass der Mann seine Frau schlägt. Das beschreibt bereits die Haltung des Films zu käuflichem Sex, eigentlich Sex im allgemeinen.
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Willenbrock

Im Kern erzählt der Film eine Verunsicherung. Andreas Dresen beschreibt in einem Interview, wie er bei einem Urlaub in Griechenland nachts wach wurde und plötzlich ein fremder Mann im Raum stand, wie er aufgesprungen ist, ihm nackt und schreiend begegnet ist. Diese Erfahrung findet sehr direkt und kaum verfälscht Eingang in den Film. Das ist jetzt kein Witz, aber mir ist tatsächlich vor etlichen Jahren etwas ganz ähnliches passiert. Auch in Griechenland, in Patras um genau zu sein. Da stand mein Zimmernachbar plötzlich im Raum, ein dubioser, vierschrötiger Sizilianer, wer weiß wie lange schon. Es war letztlich alles ganz harmlos, ich hab ihn verscheucht, aber der Interrailtrip sollte seine Unbeschwertheit verloren haben.
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The Life Aquatic with Steve Zissou

Man kommt den Filmen des Texaners Wes Anderson mit einer Plotbeschreibung nicht bei. Eher schon macht es Sinn exemplarisch eine Szene herauszugreifen und daran die Wirkungsweise des Films zu beschreiben. Ein Wes Anderson Film ist bereits nach einer Einstellung als solcher zu erkennen, unzweifelhaft, und wenn man so will ist das auch ein Verdienst. Das Problem, dass ich mit seinen Filmen bislang hatte, tritt in „Die Tiefseetaucher“ überdeutlich zu Tage. Es sind Fingerübungen, die ins Nichts laufen und schlimmer: die eine Leere in sich tragen, dir mir die Lust am Sehen nehmen. Ich fühle mich hinterher wie ausgekotzt.
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Verschwende Deine Jugend.doc

Man beginnt sich wieder für Punk zu interessieren. Punk dabei nicht als musikalisches Vehikel gestylter schöner Jungs aus den Staaten, die vor Hallenpublikum auftreten, und auch nicht als Synonym für vor allem das öffentliche Stadtbild prägende Hundebesitzer mit Hang zum penetranten Habitus verstanden. Vielmehr ist jene kurze Phase des elektrisierenden Kitzels gemeint – so grob ab ’77, in Deutschland eher zwischen ’79 und ’82 -, in der an allen Ecken kleine Garagenbands gegründet wurden, wo es weniger um die Musik selbst – die durfte gerne frei in den dilletantischen Raum hineindelirieren -, sondern vor allem um die richtige Attitüde, um spontane Kreativität und Ausbruch ging, um ein Spiel mit den Zeichen und einen eher inszenierten, denn wirklich praktizierten Nihilismus. Vor wenigen Jahren veröffentlichte Jürgen Teipel seinen Interview-Roman „Verschwende Deine Jugend“, in dem Protagonisten jener Phase zu Wort kommen und zurückblicken. Vor kurzem folgte dann Rocko Schamonis höchst unterhaltsamer, autobiografischer Roman „Dorfpunks“, dessen Titel Programm ist. Die Garde der ersten Punks in Deutschland blickt auf sich zurück, scheint sich historisieren zu wollen.
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Inside Deep Throat

“Deep Throat“ ist ein Mythos, tatsächlich in seiner filmhistorischen Bedeutung vergleichbar mit dem ebenfalls auf dem Festival gezeigten „Heavens Gate“. Wenn man „Inside Deep Throat“ mit der Heavens Gate-Doku „Final Cut“ vergleicht, begreift man, was dem letztgenannten fehlt. Der Film schafft es die ganz persönlichen Tragödien der Beteiligten in Bezug zu setzen, zur soziokulturellen Dimension des Films.
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The Ballad of Jack and Rose

Zur Abwechslung mal ein Film der etwas zu sagen hat. Zunächst größte Vorbehalte meinerseits. Es geht um Utopien, um Aussteigertum, Hippiekram und begrabene Träume. Der Film wählt die Form des klassischen Erzählkinos und muss dabei jede Menge Balast mit sich herumschleppen. Zu Beginn verspricht das Ganze furchtbar zu werden. Daniel Day Lewis und seine Filmtochter leben praktisch allein auf einer vorgelagerten Insel auf dem Gelände einer ehemaligen Kommune im Osten der USA. Zwei Dylan Songs etablieren mit dem Holzhammer die gewünschte Atmosphäre. Lewis, seine Figur natürlich, lebt nicht im Hier und Jetzt. Er belügt sich selbst und hat, nach einer überstandenen Herzattacke, nicht gerade das was man eine gute Zeit nennt.
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