Die Gegenwart gibt es nicht

Die Gegenwart, sagt Godard, kommt im Kino nicht vor, außer in den schlechten Filmen. Gilles Deleuze erweitert dieses etwas enigmatische Diktum in seiner Kinotheorie zu einem Modell, dem zufolge die Gegenwart im Kinobild sich in zwei Strahlen aufspalte, deren einer zu den Vergangenheiten und deren anderer zu den Zukünften führt, mit denen sie nicht linear verbunden sind, sondern die sie als Potenzialitäten in sich tragen. Die Gegenwart kann folglich nicht existieren, ohne im gleichen Moment bereits als zukünftige Vergangenheit gedacht zu werden. Deleuze konkretisiert diesen Gedanken in einem an Bergsons Zeittheorie angelehnten doppelten Kegelmodell, in dem jeder Zeitabschnitt einen beweglichen Schnitt markiert und die Gegenwart den Ort der größtmöglichen Verengung darstellt – ohne jemals wirklich Punkt sein zu können. Dieses Modell nähert das Kino dem Augustinischen Gedanken einer „Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart des Zukünftigen“ an und zielt darauf ab, so Deleuze, das, was vor und nach dem Film ist, ins Innere des Films zu versetzen und so die einfache, sukzessive Verkettung vorüberziehender Gegenwarten aufzusprengen.

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Wir sehen tote Menschen

Er zählt bereits zu den modernen Klassikern des Mystery-Thriller- und Horrorfilms, der erste „typische“ Film des indischstämmigen Regisseurs M. Night Shyamalan. Mit „The Sixth Sense“ hat Shyamalan eine Handschrift gefunden, die er für die darauf folgenden drei Filme „Unbreakable“ und „The Village“ beibehalten und weiter ausdifferenziert: Seine Filme erzählen bis zu einem bestimmten Punkt traditionelle Grusel-Geschichten, wenden die Perspektive auf die Story jedoch in einem „Plottwist“ und zeigen daraufhin, dass wir, die Zuschauer, alles ebenso falsch gesehen haben, wie die Protagonisten. Einzig „Signs“ bildet hiervon eine Ausnahme, ähnelt den anderen drei Filmen jedoch in anderer struktureller Hinsicht. In „The Sixth Sense“ ist es noch „nur“ die Charakterisierung der Hauptfigur, die sich im Plottwist wandelt. Die späteren Filme entwerfen Erzählungen, die weit großere Verschwörungen darstellen.

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Wölfe bauen

Eigentlich hatte alles nur ein Scherz sein sollen. Doch dann wurde Ernst daraus … und dann doch wieder ein Spaß, weil das Highschool-Leben an der „West Lake“ so langweilig ist und weil jeder jeden zu kennen glaubt und weil ein Neuer in der Schule ist, der sich noch nicht auskennt. Setting und Personage erinnern bereits an den einen oder anderen Teen-Slasherfilm, von denen es besonders in den 1990ern etliche gegeben hat. Jeff Waldlow versucht das Sub-Genre des „School Slashers“ in „Cry_Wolf“ jedoch zu transzendieren. Er greift dabei auf eine gar nicht so unkluge Erkenntnis zurück: Serienmörder kennen wir alle, aber die meisten nur aus den Medien.

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Kurz vor viertel nach

Zuletzt hat es Pete Travis „Vantage Point“ (hierzulande unter dem Titel  „8 Blickwinkel“) wieder gezeigt: Film, das ist viel mehr als Literatur eine Kunst des Point of View. In dem Maße, wie eine Figur zum Erzähler wird, bestimmt sie nicht nur, was wir wissen, sondern wie wir dieses Wissen moralisch bewerten. Die Manipulation der Erzählzeit unterstützt den Effekt noch: Durch ein filmisches Zurückspulen wird es möglich, eine Begebenheit noch einmal von vorn und dieses mal anders zu zeigen. Diesen Effekt haben Filme wie Jim Jarmuschs „Mystery Train“ und die Werke des britischen Filmkünstlers Mike Figgis auf fruchtbare Weise genutzt. Greg Marcks’ „11:14“ steht in der Tradition jener Werke und versucht das Experiment zu einem Thriller auszubauen.
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Den Krieg gibt es nicht

Dass es in einem Konflikt und damit erst recht im Krieg bedeutsam ist, welche Perspektive man auf das Geschehen einnimmt, hat zuletzt Brian de Palmas pseudo-dokumentarischer Irak-Kriegsfilm „Redacted“ gezeigt. Dort steht ein Kriegsverbrechen im Zentrum des Geschehens, ein Verbrechen, das zwar unzweifelhaft stattgefunden hat, aber aus ganz verschiedenen Blickwinkeln ganz unterschiedlich wahrgenommen wurde – vor allem angesichts der Schuldfrage. Einen ähnlichen Fall nimmt sich Ari Folmans Film „Walz with Bashir“ vor, der vom Krieg zwischen Israel und dem Libanon im Jahre 1982 erzählt. Besonders an dieser Erzählung ist einerseits, dass sie im Gewand eines Zeichentrickfilms daherkommt. Andererseits konstruiert sie die Ereignisse – oder eben die verschiedenen Wahrnehmungen davon und Erinnerungen daran – aus Gedächtnisfragmenten.

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Ein Märchen vom Erwachsenwerden

Fragt man nach den Gemeinsamkeiten der Filme des 1995 verstorbenen Filmregisseurs Louis Malle, so muss die Antwort überraschenderweise „ihre Unterschiedlichkeit“ lauten. Malle hat in vielen Ländern gedreht, viele Genres bedient und ist dabei nicht selten stilbildend gewesen. Der Erfolg beim Publikum und den Kritikern ist ihm dabei zumeist sicher gewesen. Nur mit wenigen Ausnahmen, wie seinem 1975 entstandenen Film „Black Moon“, konnten die meisten Zuschauer nichts anfangen. Das sich bis heute bei „Black Moon“ nur ein wenig geändert hat – vielleicht einer der Gründe dafür, dass der Film erst jetzt als DVD in Deutschland erscheint.

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Mit der Achterbahn durchs Kinderzimmer

Dass es ihnen zwischen Teddybären und Vereinsbettwäsche auf Dauer zu langweilig werden würde, war abzusehen. Ob Hulk, Iron Man oder Batman, die Superhelden von damals dominieren die globale Kinolandschaft von heute: Sie retten mit sagenhaften Einspielergebnissen die Welt der großen Filmstudios. Nebenbei bedienen sie die ewig aktuelle Sehnsucht des Publikums nach Spektakel, nach Feuerwerk und großem Zirkus.

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Ungeniert realitätsflüchtig

Ohne Frage schuf das Team um Jungregisseur Toke Constantin Hebbeln mit „Nimmermeer“ ein beachtliches Filmpoem, das in handwerklicher und stilistischer Hinsicht voll überzeugen kann. Ebenso behagen die darstellerischen Leistungen, allen voran der zehnjährige Leonard Proxauf, der in der Rolle des Fischersohns Jonas den gesamten Film zu tragen vermag (und der in Breloers „Buddenbrooks“-Verfilmung den jungen Christian verkörpern wird). So überrascht es nicht, dass diese Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg mit allerlei Preisen und Nominierungen überschüttet wurde: u.a. erhielt man von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences den begehrten Studenten-Oscar für den besten ausländischen Film.
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„Why do Cars mean so much to them?“

Mensch und Auto bilden eine fatale Symbiose: Diese Abhängigkeit hat auch irgendwann der Horrorfilm erkannt, so z. B. in „Christine“ (1983) und „Maximum Overdrive“ (1986, später folgt das TV-Remake „Trucks“), beides Stephen-King-Adaptionen, in denen sich die Vehikel gegen den Menschen wenden. Schon 1971 lieferte sich Dennis Weaver mit einem Stahlkoloss ein „Duell“ (Regie: Steven Spielberg), 1974 erwachte der „Killdozer!“ zu mörderischem Leben, 1977 folgte „The Car“, 1981 dann „Der Autovampir“ aus Tschechien. Das Auto symbolisiert wie kein anderer Gegenstand des Alltags Fluch und Segen des zivilisatorischen Fortschritts: als Klimakiller einerseits, als Garant für grenzenlose Mobilität und somit Freiheit andererseits.

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Mutter ist die Beste

Zwei Mädchen, in einem dunklen Keller, lehnen sich über staubige Kisten. Gleich werden sie mit einem Gürtel geschlagen werden, eine Erziehungsmaßnahme, die in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht unüblich ist. Doch die Ausführende ist nicht die Mutter der beiden Mädchen und der Grund für die Bestrafung eine um einen Tag verspätete Unterhaltszahlung. In diesem fatalen Moment bietet das ältere Mädchen an, die Schläge für ihre jüngere Schwester zu übernehmen; sie zeigt Opferbereitschaft und besiegelt damit ihr Schicksal. Drei Monate später wird sie im selben Keller sterben, abgemagert, gefoltert und gebrandmarkt.

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»den langweiligen Teil weglassen«

Umberto Eco hat 1989 über den Pornofilm resümiert: „Wenn die Protagonisten des Films länger brauchen, um sich von A nach B zu begeben, als man es sehen möchte, dann handelt es sich um einen Pornofilm.“ Ende der 1980er Jahre schien diese Aussage trotz all ihrer Ironie noch zuzutreffen: Das Kino war langsamer und gerade Filme, in denen es schnell „zur Sache“ gehen muss, haben durch die Länge ihre Einstellungen mehr Erwartungen im Zuschauer aufgebaut als das Kommende dann häufig rechtfertigen konnte. Mit der zunehmenden Dynamisierung der Montage, angeleitet durch die Ästhetiken des Musikfernsehens hat sich zusätzlich eine Ungeduld im Zuschauer breitgemacht, die es heutigen, jüngeren Generationen angeblich schon schwer machen soll, Plansequenzen in Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ überhaupt noch pausenfrei durchzustehen. Diese „junge Generation“ von Filmzuschauern scheint genau die Zielgruppe von Filmen wie „Speed Racer“ oder „Jumper“ zu sein. Erstaunlich, dass gerade letzerer einen der ältesten Filmtricks überhaupt benutzt, um derartig neu zu wirken.

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Blut und Tränen

Mick Garris, seines Zeichens ein eher mediokrer Regisseur, der vorzugsweise Stephen King für das Fernsehen adaptierte („The Stand“, „The Shining“), gebührt das Verdienst, die qualitativ hochwertige „Masters of Horror“-Serie für den amerikanischen Kabelsender Showtime ins Leben gerufen zu haben. Neben der Riege der Altmeister (Tobe Hooper, John Carpenter, John Landis, Stuart Gordon, Larry Cohen, Joe Dante, Dario Argento, Don Coscarelli, John McNaughton) durften auch einige Hoffnungsträger des jüngeren Horrorkinos ihre Visitenkarte abgeben, u.a. Tausendsassa (nicht nur in punkto Masse) Takashi Miike („Auditon“) mit seiner Episode „Imprint“,  Lucky McKee („May“) mit „Sick Girl“ und Rob Schmidt („Wrong Turn“) mit „Right to die“.

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Der Mann ohne Kanten

Peter Karmann (Peter Alexander) ist Lehrer für arabische Sprachen und pflegt einen lockeren Umgang mit seinen ausschließlich weiblichen Schülern, die ihn allesamt anhimmeln. Einen Ausgleich von seinem Beruf, den er zwar fachkompetent, aber immer mit spielerischer Leichtigkeit und Lockerheit ausübt, findet er in der „Dilli Dalli Band“, mit der er bis spät in die Nacht auftritt. „Der Mann ohne Kanten“ weiterlesen

Jedem sein Kino

Die internationalen Filmfestspiele in Cannes feierten dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Zeit, diesem vielleicht wichtigsten Festival des Kinos überhaupt einmal ein Dankeschön auszurichten und ein filmisches Denkmal zu setzen. Wer wäre geeigneter dazu als die zahlreichen Regisseure, die dort Preise gewonnen, Berühmtheit erlangt und sich in den Juries engagiert haben? „Chacun son Cinéma“ – „Jedem sein Kino“ heißt eine Komplilation mit 33 Kurzfilmen von 36 Regisseuren, jeder nur wenige Minuten lang und alle mit einem zentralen Thema: Das Kino muss darin vorkommen.

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Heute schütte ich mich zu

An apokalyptischen Visonen und Weltuntergangsszenarien hat es dem Kino in den vergangenen Jahren nicht gemangelt und vor allem der Horrorfilm profitierte ganz erheblich von der neuen pessimistischen Grundstimmung nach 9/11. Von London („28 Days Later“) bis nach New York („I am Legend“) ließen Filmemacher die Menschheit aussterben – und in Pittsburgh als Zombies wiederauferstehen. Es erscheint verwunderlich, dass ausgerechnet dem Endzeitfilm, der die Angst vor einer Eskalation des Kalten Kriegs und dem Super-GAU in den Achtzigerjahren widerspiegelte, eine Renaissance bislang verwehrt blieb: trotz  anhaltenden Achtziger-Revivals und genereller Ideenlosigkeit. Mit Neil Marshall hat sich nun endlich ein Regisseur gefunden, um die Erinnerung an das einst so erfolg- und einflussreiche Genre aufzufrischen. Um das Fazit vorauszuschicken: Das Ergebnis kommt einer Grabschändung gleich. „Heute schütte ich mich zu“ weiterlesen

Bei Knopps Zuhause

Erinnert sich noch jemand an diese Zorrokostüme, die es früher (immer noch?) für Kinder zu kaufen gab? Meist bestanden diese aus einem schwarzen Umhang, einem Hut und einer Maske, manchmal war auch noch ein Plastikdegen dabei. Das auf dem Hut aufgeklebte „Z“ schien mir als Kind noch akzeptabel, dass Zorro jedoch einen Umhang getragen haben sollte, auf dem sowohl sein Name als auch sein Konterfei prangte, hielt ich damals schon für fragwürdig: Als bedürfe es der unnötigen Bestätigung einer doch unumstößlichen Gewissheit. Mit Xavier „Hitman“ Gens’ Horrorfilm und TCM-Hommage „Frontiére(s)“ und seinen Artgenossen – „Hostel“, „Turistas“, den „TCM-“ und „Hills have Eyes“-Remakes und -Prequels etwa – verhält es sich ganz ähnlich wie mit jenen gutgemeinten Zorrokostümen: Sie verdoppeln gewissermaßen ihren Inhalt, legen ihn offen, holen ihn aus dem Schatten des Impliziten ins grelle Licht des Offenkundigen – und zerstören damit im schlimmsten Fall ihre eigene Prämisse. „Bei Knopps Zuhause“ weiterlesen

Der Film ohne Grund

Zack Snyder gelang vor vier Jahren mit „Dawn of the Dead“ das außergewöhnlich gute Remake des gleichnamigen und unsterblichen Klassikers von George Romero, obwohl einem doch schon die Idee, dass sich jemand an diesem vergreifen wollte, wie ein Sakrileg erschien. Was für ein unwahrscheinlicher Glücksfall diese Neuauflage tatsächlich war, wird einem schmerzhaft bewusst, wenn man das nach deren Erfolg unvermeidliche Remake von „Day of the Dead“, dem dritten Teil von Romeros ursprünglicher Zombie-Trilogie und dem direkten Nachfolger von „Dawn“, durchleidet. Das einzige, was man diesem ohne Sinn und Verstand zusammengeschusterten Rohrkrepierer zugutehalten kann: Er versucht gar nicht erst, ein echter Film zu sein, sondern begnügt sich ganz mit der Funktion des Wegwerfprodukts für Splatternerds. Aber auch als solches versagt er auf ganzer Linie. „Der Film ohne Grund“ weiterlesen

Der Falke als Décadent

Es regnet aus Kübeln an diesem Tag im Juni 1993. Auf der malerischen Wiener Donauinsel warten über 100.000 Menschen auf den Auftritt ihres Idols bei einem der größten Konzerte, die Österreich je erlebt hat. Wenige Stunden zuvor lassen Falcos besorgte Bandmitglieder eiligst einen Arzt herbei rufen, denn ihr Frontmann liegt im Delirium. Nachts hat er sich mal wieder mit allem Möglichem zugedröhnt – so lange, bis nichts mehr ging. Der Star, nur noch ein Zombie. Abends ist er dann doch noch rechtzeitig fit. Es wird sein größter Auftritt, der Höhepunkt seiner Karriere.
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