Wölfe bauen

Eigentlich hatte alles nur ein Scherz sein sollen. Doch dann wurde Ernst daraus … und dann doch wieder ein Spaß, weil das Highschool-Leben an der „West Lake“ so langweilig ist und weil jeder jeden zu kennen glaubt und weil ein Neuer in der Schule ist, der sich noch nicht auskennt. Setting und Personage erinnern bereits an den einen oder anderen Teen-Slasherfilm, von denen es besonders in den 1990ern etliche gegeben hat. Jeff Waldlow versucht das Sub-Genre des „School Slashers“ in „Cry_Wolf“ jedoch zu transzendieren. Er greift dabei auf eine gar nicht so unkluge Erkenntnis zurück: Serienmörder kennen wir alle, aber die meisten nur aus den Medien.

Das Bild des Serienmörders ist vor allem durch Film und Literatur geprägt. Er kleidet und verhält sich beinahe schon standardisiert, man erkennt ihn an untrüglichen Zeichen: eine Maske, ein Messer, das Muster, nach welchem er seine Verbrechen verübt. So gesehen, sind Serienmörder auch soziale Konstruktionen (vor allem, wenn man sie mit den oftmals erbärmlichen Vorbildern in der Kriminalgeschichte vergleicht). Die Clique um die attraktive Dodger (Lindy Booth) denkt sich zusammen mit dem neu zur „West Lake“-Schule strafversetzten Owen (Julian Morris) einen solchen Serienmörder aus. Anlass ist, dass in der Nähe der Schule eine ermordete Mitschülerin gefunden wurde und dass man die Schüler gern in ein Spiel verwickeln würde, bei dem es darum geht, dass jeder jeden verdächtigt. Hierzu versendet Owen eine E-Mail an alle Mitschüler, in der er behauptet, „der Wolf“, wie sich der Serienmörder nenne, habe bereits andere Schulen heimgesucht. Und Owen beschreibt nicht nur den Täter, sondern auch dessen künftige Opfer.

Der Serienmörder in „Cry_Wolf“ ist also bloß ein Gerücht. Aber wie die mythologische Figur Fama bekommt er bald eine körperliche Existenz. Denn wenigstens einer der Mail-Empfänger scheint an dem real passierten Mord beteiligt gewesen zu sein und macht nun Jagd auf Owen und seine Freunde – und zwar genau in der von ihnen beschriebenen Aufmachung. Ein solcher Serienmörder wäre an einem Internat natürlich schnell dingfest gemacht, wenn a) Owen nicht als notorischer Querulant bei der Schulleitung berüchtigt wäre und ihm deshalb niemand glaubt (siehe Filmtitel) und b) nicht sowieso gerade Halloween vor der Tür stünde: die ideale Gelegenheit für die Schüler, sich als der Serienmörder zu verkleiden, der ihnen in der E-Mail so detailreich beschrieben wurde.

Wie eingangs geschrieben: „Cry_Wolf“ hat vor allem durch dieses Konstruktionsmotiv das Potenzial zu einem nicht undummen Genre-Beitrag zu werden. Dass die Wahrheit hinter der Geschichte sich letztlich als vertrackter herausstellt, als sie hier skizziert wurde, gehört zu den Plot-Geheimnissen des Films. Leider banalisiert dieser Plot-Twist, wie schon so oft im Thriller und Horrorfilm, die Grundidee ganz gehörig und zerstört damit auch den Anschein von Transzendierung. Wadlows Film wird dadurch zu einem bloß x-beliebigen Beitrag der Serienmörderfilmgeschichte. Die Hauptschuld dafür trägt jedoch die schlampige Figurenzeichnung und deren Darstellung.

Denn ausnahmslos alle Protagonisten sind eben solche Konstruktionen wie ihre Erfindung, der Serienmörder – nur eben in negativer Hinsicht. Sie verhalten sich ständig ironisch, überreagierten auf jede Anspielung, werden ständig Opfer ihrer eigenen Hypothesen stehen in einem Verhältnis zueinander, das absolut nebulös ist. Nun könnte man argumentieren, dass dieses schlechte Spiel in Wirklichkeit das absichtlich schlecht Gespielte ist, was auch durch die finale Auflösung plausibel gemacht werden soll. Aber bis zu dieser Auflösung hat sich der Zuschauer eineinhalb Stunden lang mit der hölzernen Darstellung von verwöhnten Mittelstandsteenager herumzuschlagen, von denen einige kläglich versuchen so etwas wie eine problematische Identität wiederzugeben. „Cry_Wolf“ ist also leider nicht mehr als ein etwas missglücktes Experiment, weil neben der guten Idee für die Story zu wenig auf diejenigen geachtet wurde, die sie spielen müssen.

Cry_Wolf
(USA 2005)
Regie: Jeff Waldlow; Buch: Jeff Waldlow & Beau Baumann; Musik: Michael Wandmacher; Kamera: Romeo Tirone; Schnitt: Seth Gordon
Darsteller: Julian Morris, Lindy Booth, Jared Padalecki, Jon Bon Jovi, Sandra McCoy u. a.
Länge: 97 Minuten
Verleih: e-m-s

Die Blu-ray von e-m-s

e-m-s hat es sich wohl zur Aufgabe gemacht, die Preise für das immer noch sehr teure High-Def-Medium zu drücken und bringt deshalb seit einiger Zeit Blu-rays für rund 20 Euro auf dem Markt. Wer sich fragt, wie sich der Dortmunder Konzern das leisten kann, wird bei einem Blick auf die Ausstattung belehrt: Außer den beiden Tonspuren (Originalton und Deutsch) sowie der hauseigenen Trailer findet sich nichts auf den 25 bzw. in diesem Fall 50 GB großen Datenträgern. Das ist eine sinnlose Verschwendung von Speicherplatz, die lediglich dazu führen wird, dass potenzielle Käufer auf besser ausgestattete Editionen warten oder diese importieren. Ob jene Käufer nämlich, nachdem dieses Spiel bereits bei den DVD-Veröffentlichungen mit ihnen gespielt wurde, auf eine neue Runde Doppelkäufe Lust haben, kann man mit Spannung erwarten.

Leider hat die also spartanisch ausgestattete Blu-ray von „Cry_Wolf“ aber auch qualitative Mängel. Das Bild wirkt kontrastarm, ähnelt einer besseren DVD und in dunklen Szenen, die im Film nicht selten sind, wird es sogar so körnig, dass Standbilder kleinen pointilistischen Kunstwerken ähneln.

Die Ausstattung der Blu-ray im Einzelnen:

Bild: 2,35:1 (anamorph), 1080p/24p
Ton: Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1), Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer
FSK: ab 16 Jahren
Preis: 20,95 Euro

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