Erst eine Kugel, die in seiner Medulla Oblongada stecken bleibt, kann den Polizisten Anthony Stowe (Jean-Claude Van Damme) stoppen – schon zuvor hatte sein Vorgesetzter ihm prophezeit, dass er seine neun Leben bald aufgebraucht habe. Anthony Stowe ist nämlich nicht nur der genretypische lone wolf, der Außenseiter, der bestehende Regeln und Vorschriften beugt oder gar bricht, er ist der sprichwörtliche bad cop und ein Schwein wie es im Buche steht: Er verprügelt und verrät seine Kollegen, betrügt seine Ehefrau, säuft und ist trotz seines Jobs bei der Drogenfahndung heroinabhängig. Sein ehemaliger Partner – sowohl als Polizist als auch als aufstrebender Dealer – und jetziger Gegenspieler Callahan (Stephen Rea) erinnert im Namen noch an den archetypischen Vigilantencop Dirty Harry. Und diese Umkehrung setzt sich auch darin fort, dass die im Actiongenre Recht sprechende bullet in the head aus der Waffe des Schurken stammt und die Wandlung des bad cops zum good cop überhaupt erst ermöglicht.
Im Kreise der Familie
Die eigene Biografie, die Herkunft, die Familie – das sind Themen, die, wenn sie im Horrorfilm zur Sprache kommen, nicht selten die intensivsten Erlebnisse zutage fördern. Schon seit Begründung des Genres in der Schauerromantik war kaum ein Sujet so häufig vertreten, die das des family horror, denn alles, was mit dieser intimen Sphäre des Individuums zu tun hat, hat stets auch mit dem Individuum selbst zu tun: Sag mir, wo du herkommst und ich sage dir, wer du bist. Die filmische Selbstfindung und -situierung in einer Familie ist auch das Thema von Nacho Cerdás „The Abandoned“ – einem Horrorfilm, der auf dem diesjährigen Fantasy-Filmfest lief und nun auf DVD erschienen ist.
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Casey is coming home …
Dass Horror nie nur Plot, sondern stets auch Subplot ist, haben Interpretationen seit der romantischen Schauerliteratur immer schon gezeigt. Insofern ist die Verwendung des Genres und der Rückgriff auf ein standardisiertes Sujet auch verbunden mit einer Übernahme an Nebenbedeutungen, die durch die Situierung der Horror-Erzählung in einem konkreten Raum und einer konkreten Zeit immer auch eine Verschmelzung dieser Nebenbedeutung mit ihrem neuen Kontext bedeutet. Konkret lässt sich das an einem Film wie „Mulberry Street“ zeigen: Ein Hybrid aus Tier- und Zombie-Horror, situiert im New York der Gegenwart.
Die Blechdose, die aus dem Osten kam
Der berühmte amerikanische Wissenschaftler Dr. Lucas Martino (Joseph Bova), der mit dem rätselhaften Neptun-Projekt betraut ist, verunglückt bei einem schweren Verkehrsunfall in der UdSSR, überlebt aber schwer verletzt. Monate später erhält der amerikanische Geheimdienst die Nachricht, dass die Sowjets Martino an einem Grenzübergang übergeben wollen. Die Übergabe findet statt, doch statt des Wissenschaftlers überquert ein ganz in Metall gehüllter Mann die Grenze. Zwar behauptet jener, Martino zu sein, doch der Geheimdienst in Vertretung des Agenten Sean Rogers (Elliott Gould) hat berechtigte Zweifel an der Identität des Mannes …
Jenseits der Sprache wartet der Tod
Nur ein kurzer Moment in einer deutschen Großstadt. Zwei Gesichter rasen an einander vorbei, der Himmel ist für sie geteilt. Ihr Blick, traurig und verloren, bleibt am Fenster hängen, wird zurück geworfen. Eine Begegnung, die keine ist.
Alice im Wüsten-Level
In Videospielen lassen sich die einzelnen Level häufig nur durch das jeweilige Leveldesign unterscheiden: da gibt es dann Dschungel-Level, Schnee-Level, Unterwasser-Level und eben auch Wüsten-Level. Das Spielprinzip aber bleibt – ein Jump’N’Run bleibt ein Jump’N’Run und ein Ego-Shooter bleibt ein Ego-Shooter.
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Re-Maskierung
In John Carpenters „Halloween“ von 1978 gibt es eine Szene, die aus dem ansonsten sehr streng komponierten und kohärent erzählten Film herausfällt: Gegen Ende verschanzt sich Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) vor dem Killer Michael Myers in einem Schrank und biegt einen Drahtkleiderbügel auf, mit dem sie ihm schließlich ins Gesicht sticht, um ihm sogleich die Maske vom Kopf zu reißen. Die von Carpenter den ganzen Film über als entmenschlichte Kampfmaschine, als personifiziertes Böses inszenierte Figur erhält so sprichwörtlich ein menschliches Gesicht. Doch die Demaskierung dauert nur Sekunden: Myers legt die Maske wieder an und damit alles Menschliche endgültig ab, verwandelt sich in Sekundenbruchteilen zurück in das abstrakte Prinzip, das nur die Zerstörung kennt.
Kein Grund sich zu schämen: Horror als Karrieresprungbrett
Nicht wenige renommierte Regisseure verdienten sich die Sporen im Horrorfilm: Steven Spielbergs erster Langfilm „Duell“ (1971) kann dem Genre ebenso zugeordnet werden, wie sein Haunted-House-Movie „Haus des Bösen“ (1972). Francis Ford Coppola lieferte mit „The Terror – Schloss des Schreckens“ und „Dementia 13“ (beide 1963) rund dreißig Jahre vor seinem Welterfolg „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) zwei veritable B-Film-Schocker ab. Peter Weirs frühe Werke „Die Killerautos von Paris“ (1974) und insbesondere das elegische Mystery-Drama „Picknick am Valentinstag“ (1975) gelten als Klassiker des phantastischen Films. Oliver Stones „Die Herrscherin des Bösen“ (1974) und sein Kurzfilm „Mad Man of Martinique“ (1979) sind womöglich bisher zu recht unentdeckte Meisterwerke geblieben. Doch seinen Psycho-Horror „Die Hand“ (1981) mit Michael Caine darf man bedenkenlos empfehlen.
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Hiss, hiss, der Schlangenmann
Dass der Horrorfilm bei aller Zeigefreude im Grunde seines Herzens ein prüdes Genre ist, ist nicht erst bekannt, seit diverse Maskenmänner mit langen Dolchen Jagd auf allzu freizügige Teenager machen. Können triefende Wunden, abgeschnittene Gliedmaßen und ausgeräumte Bauchhöhlen sonst kaum detailliert genug ins Bild gerückt werden, werden charakteristische Körperteile oft mittels ungemein einfallsreicher Methoden verschleiert, verdeckt oder – die Radikallösung – auch dann nicht entblößt, wenn es die Situation eigentlich zwingend erfordert. Besonders beliebt ist sicherlich das Verbergen der Geschlechtsteile hinter am Set befindlichen Gegenständen (einst trefflich vorgeführt in „Austin Powers“). Im Falle von „Ssssnake Kobra“ musste Regisseur Bernard Kowalski besonderen Einfallsreichtum aufbringen, weil sich offensichtlich keine geeignete Kameraposition finden ließ, um die Genitalien seiner Hauptdarsteller Dirk Benedict und Heather Menzies zu verdecken. Was könnte in einem solchen Fall einfacher sein, als die verhüllenden Blätter eines Baumes auf das Kameraobjektiv zu malen? Eine Szene, die einen in ihrer geradezu rührenden Prüderie geradewegs in die Fünfzigerjahre katapultiert und damit in eine Zeit, in der Filme wie „Ssssnake Kobra“ Hochkonjunktur hatten.
Ein Superhirn in Aktion
Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes darf als eine der berühmtesten fiktiven Figuren der Literaturgeschichte bezeichnet werden. Mehr noch: Wie kaum einem zweiten erfundenen Charakter ist es dem Meisterdetektiv gelungen, die Restriktionen der Fiktion hinter sich zu lassen und zur Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zu werden. In London pilgern auch 130 Jahre nach seinem ersten Auftritt immer noch Fans und Touristen in die Baker Street 221B und besichtigen dort seine Wohnung, die er doch in Wahrheit niemals betreten hat. Seine immense Popularität verhalf ihm auch in der Welt des Films zu früher Präsenz. Sein erster dokumentierter Leinwandauftritt – ein 30-sekündiger Stummfilm namens „Sherlock Holmes baffled“ – datiert auf das Jahr 1900; insgesamt listet die IMDb 87 Filme, die sich explizit der Doyleschen Figur annehmen.
Schießen Sie auf den Zuschauer!
Der Schriftsteller Walter Kranz (Kurt Raab) hat seine große Zeit hinter sich: in den Sechzigerjahren noch gefeierter Autor der linken Revolution, jetzt ausgebrannt, ohne Ideen und pleite. Der Vorschuss fürs nächste noch nicht mal angefangene Buch ist schon verprasst, die keifende Ehefrau Luise (Helen Vita) fordert Disziplin, während der schwachsinnige Bruder (Volker Spengler) tote Fliegen sammelt. Als Kranz seine reiche Geliebte und Gönnerin, die masochistisch-nymphoman veranlagte Irmgard von Witzleben (Katharina Buchhammer), erschießt, sind die Geldsorgen fürs erste gestillt und auch die Schreibblockade scheint überwunden: Doch das wie im Rausch geschriebene und für genial befundene Gedicht „Der Albatros“ entpuppt sich als bereits von Stefan George verfasst (es handelt sich um die Übertragung eines Gedichts von Baudelaire). Das lässt für Kranz nur einen Schluss zu: Er ist George. Und so lässt er sich dann von einem spontan eingekauften Bewundererkreis aus Jünglingen feiern und bewundern, versucht sich an der Homosexualität und behandelt alle ihn umgebenden Menschen wie Untertanen, während er immer tiefer in die Pleite rutscht …
Ein psychologischer Lehrbuch-Fall
Was treibt einen normalen Mann aus dem Mittelstand dazu, auf der Autobahn ein Auto abzudrängen, den Fahrer des Wagens zu erschlagen und dessen Frau zu entführen, nur um sie ein paar Monate lang im Kofferraum des eigenen Autos gefangen zu halten? Diese Frage filmisch zu beantworten hätte einigen Reiz, könnte man mit ihr doch sowohl auf eine Psychopathologie des Normalbürgers wie auch auf eine Gesellschaft, in der es möglich ist, dass solch ein Verbrechen stattfindet und unentdeckt bleibt, insistieren. Der belgische Spielfilm „Ordinary Man“ führt genau diese Geschichte vor – die Fragen hingegen beantwortet er nicht, er wirft sich sogar nicht einmal auf.
Das paranoide Weltbild
„Sehen Sie?“, fragt der orthodoxe Jude immer wieder, doch Detective Robert Gold, seines Zeichens selbst Jude, sieht nichts. Die Ausführungen des Juden bleiben für ihn rätselhaft, konfrontieren ihn mit einer ihm völlig fremden Weltanschauung. Am Ende dieser Schlüsselszene von Mamets Film stellt der studierende Jude die Identität Golds radikal infrage: Als er ihm eine Kopie aus dem Buch Esther in hebräischer Schrift reicht und erneut fragt „Sehen Sie?“, gesteht Gold, dass er den Text nicht lesen könne. „Sie sagen, Sie seien Jude und können kein Hebräisch? Was sind sie dann?“
„Ein unglaubliches Ding!“
Anders als im echten Leben geht vom Proleten, dem Asozialen, dem kleinen Gauner und Halunken eine unerklärliche Faszination aus, wenn er auf der Leinwand erscheint.Möchte man vor saufenden, sich in peinlichem Imponiergehabe ergehenden Halbwüchsigen in der Realität am liebsten die Flucht ergreifen oder ihnen wenigstens ein paar Monate Stubenarrest aufbrummen, sind Marlon Brando und James Dean mit ihren rebellischen Halbstarkenrollen zu Ikonen und Idolen nicht nur der Jugendkultur geworden. Ein seltenes deutsches Filmbeispiel für den Typus des Halbstarken ist Freddy Borchert aus Georg Tresslers Nachkriegsklassiker „Die Halbstarken“, genial interpretiert von einem jungen Horst Buchholz, der damit den Grundstein für eine internationale Karriere legte.
Erkenne deinen Feind
Algerien während des Kriegsjahres 1942: Der desertierte britische Major Donald Craig (Rock Hudson) wird von vermeintlich neutralen Franzosen aufgegriffen und zum Abtransport in ein deutsches Internierungslager vorbereitet. Wenig später wird er jedoch von Captain Kurt Bergman (George Peppard) befreit, einem Nazi, der sich dann jedoch als deutscher Jude im Dienste des britischen Geheimdienstes entpuppt. Die Briten möchten aufgrund der sich zuspitzenden Situation in Nordafrika einen alten, einst abgeschmetterteten Plan Craigs in die Tat umsetzen, um die Eroberung El Alameins durch die Nazis zu verhindern und deren Siegeszug aufzuhalten: Die in Tobruk befindlichen Treibstoffvorräte für Rommels Panzerdivision sollen zerstört werden. Doch bis Tobruk ist es ein weiter Weg …
Wüste Hoffnung
Brennend heißer Wüstensand… Davon und von anderer Orientromantik träumt Daniel (Matthias Schweighöfer), der sich nach bestandenem Jura-Staatsexamen einen Marroko-Urlaub mit seiner Freundin Laura (Maria Zielcke) gönnt. Bei einem spontanen Ausflug mit dem Jeep in die Wüste, wandelt sich jedoch die Urlaubsszenerie zu einem Alptraum: Autopanne und Orientierungslosigkeit. Nach tagelangem Umherirren scheint das Ende unausweichlich, doch dann taucht ein geheimnisvoller Fremder (Jean-Hugues Anglade) auf. Anstatt das Pärchen aber in die Zivilisation zurückzuführen, beginnt eine Reise immer tiefer ins Zentrum der Wüste. Es folgen Zweifel, Angst, Entfremdung und zuletzt ein in Gewalt kulminierender Showdown.
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Soldaten sind Marder
Die in selbstmörderischer Mission befindlichen Soldaten haben sich in die ausweglose Situation manövriert. Sie schauen sich an, erkennen, dass sie Freunde geworden sind und als Freunde gemeinsam in den Tod gehen werden. Ihr Land hat sie verraten, trotzdem singen sie jetzt alle gemeinsam tränenüberströmt ihre martialische Nationalhymne. Mit dem schon vergossenen Blut schreiben sie ihre Namen an die Innenwände des Busses, in dem sie sitzen. Dann sprengen sie sich mit ihren Handgranaten selbst in die Luft …
Out of Focus
Mit „Schläfer“ war im vergangenen Jahr bereits ein Film erschienen, der die Auswirkungen der „allgemeinen Moblimachung“ gegen den Terrorismus zum Thema hatte. Spätestens seit dem 11. Spetember 2001 stehen Menschen aus dem nahen Osten unter Generalverdacht. Allein schon, dass die aus jenen Ländern rund ums Mittelmeer stammenden Menschen überhaupt – wie in „Civic Duty“ – als „Middle Eastern Guys“ klassifiziert werden, scheint ein Hinweis auf die Paranoia des Westens zu sein. In „Schläfer“ war es die Freundschaft zwischen einem Deutschen und einem algerischen Forscher, die durch die Verdächtigungen des Staatsschutzes zerstört wurde. In „Civic Duty“ muss die „Homeland Security“ nicht einmal mehr selbst tätig werden, damit der Bürger gegen den Bürger zu Felde zieht.
Zwei Filme mit Freddy Quinn
Freddy Quinn, ein Mann wie Kernseife: praktisch, zuverlässig, anpassungsfähig, rustikal und einfach. Aber allen unzweifelhaft vorhandenen Vorteilen zum Trotz: Kernseife hinterlässt immer auch einen etwas muffigen Geruch. Freddy Quinn wurde 1931 in Österreich geboren und mit seiner charakteristischen Mischung aus aseptischem Charme und hemdsärmeliger Bodenständigkeit sowohl als Schauspieler als auch als Sänger und Entertainer im Deutschland der Nachkriegsjahrzehnte berühmt. Seine Filme und Lieder bedienten den dringenden Wunsch nach Eskapismus, gleichzeitig besänftigten sie aber auch stets das Gewissen der Deutschen: In der Heimat ist es immer noch am schönsten, man darf also ruhig zu Hause bleiben.
Nicht ohne meinen Hasen.
4.07.2006. Dortmund, Westfalenstadion. 83. Minute. Mehmet Scholl kommt für Bernd Schneider. Die Menge bebt, Italien taumelt. Plötzlich läuft ein Hase übers Spielfeld, schlägt einen Haken. Zwei. Wackelt kurz – und zieht ab. Deutschland im Finale!

