Ohne Frage schuf das Team um Jungregisseur Toke Constantin Hebbeln mit „Nimmermeer“ ein beachtliches Filmpoem, das in handwerklicher und stilistischer Hinsicht voll überzeugen kann. Ebenso behagen die darstellerischen Leistungen, allen voran der zehnjährige Leonard Proxauf, der in der Rolle des Fischersohns Jonas den gesamten Film zu tragen vermag (und der in Breloers „Buddenbrooks“-Verfilmung den jungen Christian verkörpern wird). So überrascht es nicht, dass diese Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg mit allerlei Preisen und Nominierungen überschüttet wurde: u.a. erhielt man von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences den begehrten Studenten-Oscar für den besten ausländischen Film.
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„Why do Cars mean so much to them?“
Mensch und Auto bilden eine fatale Symbiose: Diese Abhängigkeit hat auch irgendwann der Horrorfilm erkannt, so z. B. in „Christine“ (1983) und „Maximum Overdrive“ (1986, später folgt das TV-Remake „Trucks“), beides Stephen-King-Adaptionen, in denen sich die Vehikel gegen den Menschen wenden. Schon 1971 lieferte sich Dennis Weaver mit einem Stahlkoloss ein „Duell“ (Regie: Steven Spielberg), 1974 erwachte der „Killdozer!“ zu mörderischem Leben, 1977 folgte „The Car“, 1981 dann „Der Autovampir“ aus Tschechien. Das Auto symbolisiert wie kein anderer Gegenstand des Alltags Fluch und Segen des zivilisatorischen Fortschritts: als Klimakiller einerseits, als Garant für grenzenlose Mobilität und somit Freiheit andererseits.
Mutter ist die Beste
Zwei Mädchen, in einem dunklen Keller, lehnen sich über staubige Kisten. Gleich werden sie mit einem Gürtel geschlagen werden, eine Erziehungsmaßnahme, die in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht unüblich ist. Doch die Ausführende ist nicht die Mutter der beiden Mädchen und der Grund für die Bestrafung eine um einen Tag verspätete Unterhaltszahlung. In diesem fatalen Moment bietet das ältere Mädchen an, die Schläge für ihre jüngere Schwester zu übernehmen; sie zeigt Opferbereitschaft und besiegelt damit ihr Schicksal. Drei Monate später wird sie im selben Keller sterben, abgemagert, gefoltert und gebrandmarkt.
»den langweiligen Teil weglassen«
Umberto Eco hat 1989 über den Pornofilm resümiert: „Wenn die Protagonisten des Films länger brauchen, um sich von A nach B zu begeben, als man es sehen möchte, dann handelt es sich um einen Pornofilm.“ Ende der 1980er Jahre schien diese Aussage trotz all ihrer Ironie noch zuzutreffen: Das Kino war langsamer und gerade Filme, in denen es schnell „zur Sache“ gehen muss, haben durch die Länge ihre Einstellungen mehr Erwartungen im Zuschauer aufgebaut als das Kommende dann häufig rechtfertigen konnte. Mit der zunehmenden Dynamisierung der Montage, angeleitet durch die Ästhetiken des Musikfernsehens hat sich zusätzlich eine Ungeduld im Zuschauer breitgemacht, die es heutigen, jüngeren Generationen angeblich schon schwer machen soll, Plansequenzen in Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ überhaupt noch pausenfrei durchzustehen. Diese „junge Generation“ von Filmzuschauern scheint genau die Zielgruppe von Filmen wie „Speed Racer“ oder „Jumper“ zu sein. Erstaunlich, dass gerade letzerer einen der ältesten Filmtricks überhaupt benutzt, um derartig neu zu wirken.
Blut und Tränen
Mick Garris, seines Zeichens ein eher mediokrer Regisseur, der vorzugsweise Stephen King für das Fernsehen adaptierte („The Stand“, „The Shining“), gebührt das Verdienst, die qualitativ hochwertige „Masters of Horror“-Serie für den amerikanischen Kabelsender Showtime ins Leben gerufen zu haben. Neben der Riege der Altmeister (Tobe Hooper, John Carpenter, John Landis, Stuart Gordon, Larry Cohen, Joe Dante, Dario Argento, Don Coscarelli, John McNaughton) durften auch einige Hoffnungsträger des jüngeren Horrorkinos ihre Visitenkarte abgeben, u.a. Tausendsassa (nicht nur in punkto Masse) Takashi Miike („Auditon“) mit seiner Episode „Imprint“, Lucky McKee („May“) mit „Sick Girl“ und Rob Schmidt („Wrong Turn“) mit „Right to die“.
Der Mann ohne Kanten
Peter Karmann (Peter Alexander) ist Lehrer für arabische Sprachen und pflegt einen lockeren Umgang mit seinen ausschließlich weiblichen Schülern, die ihn allesamt anhimmeln. Einen Ausgleich von seinem Beruf, den er zwar fachkompetent, aber immer mit spielerischer Leichtigkeit und Lockerheit ausübt, findet er in der „Dilli Dalli Band“, mit der er bis spät in die Nacht auftritt. „Der Mann ohne Kanten“ weiterlesen
Jedem sein Kino
Die internationalen Filmfestspiele in Cannes feierten dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Zeit, diesem vielleicht wichtigsten Festival des Kinos überhaupt einmal ein Dankeschön auszurichten und ein filmisches Denkmal zu setzen. Wer wäre geeigneter dazu als die zahlreichen Regisseure, die dort Preise gewonnen, Berühmtheit erlangt und sich in den Juries engagiert haben? „Chacun son Cinéma“ – „Jedem sein Kino“ heißt eine Komplilation mit 33 Kurzfilmen von 36 Regisseuren, jeder nur wenige Minuten lang und alle mit einem zentralen Thema: Das Kino muss darin vorkommen.
Staatsgewalt und Voyeurismus
Es gibt immer zwei Seiten. Oder drei, wie wir seit „Rashomon“ wissen. Ganz ähnlich wie Kurosawas Klassiker baut Davids Tochter Jennifer Lynch ihren „Unter Kontrolle“ auf, und verabschiedet sich dann doch mittendrin aus diesem Konzept. Sicher aber: eine Grenze zwischen Gut und Böse zieht auch sie nicht.
Heute schütte ich mich zu
An apokalyptischen Visonen und Weltuntergangsszenarien hat es dem Kino in den vergangenen Jahren nicht gemangelt und vor allem der Horrorfilm profitierte ganz erheblich von der neuen pessimistischen Grundstimmung nach 9/11. Von London („28 Days Later“) bis nach New York („I am Legend“) ließen Filmemacher die Menschheit aussterben – und in Pittsburgh als Zombies wiederauferstehen. Es erscheint verwunderlich, dass ausgerechnet dem Endzeitfilm, der die Angst vor einer Eskalation des Kalten Kriegs und dem Super-GAU in den Achtzigerjahren widerspiegelte, eine Renaissance bislang verwehrt blieb: trotz anhaltenden Achtziger-Revivals und genereller Ideenlosigkeit. Mit Neil Marshall hat sich nun endlich ein Regisseur gefunden, um die Erinnerung an das einst so erfolg- und einflussreiche Genre aufzufrischen. Um das Fazit vorauszuschicken: Das Ergebnis kommt einer Grabschändung gleich. „Heute schütte ich mich zu“ weiterlesen
Bei Knopps Zuhause
Erinnert sich noch jemand an diese Zorrokostüme, die es früher (immer noch?) für Kinder zu kaufen gab? Meist bestanden diese aus einem schwarzen Umhang, einem Hut und einer Maske, manchmal war auch noch ein Plastikdegen dabei. Das auf dem Hut aufgeklebte „Z“ schien mir als Kind noch akzeptabel, dass Zorro jedoch einen Umhang getragen haben sollte, auf dem sowohl sein Name als auch sein Konterfei prangte, hielt ich damals schon für fragwürdig: Als bedürfe es der unnötigen Bestätigung einer doch unumstößlichen Gewissheit. Mit Xavier „Hitman“ Gens’ Horrorfilm und TCM-Hommage „Frontiére(s)“ und seinen Artgenossen – „Hostel“, „Turistas“, den „TCM-“ und „Hills have Eyes“-Remakes und -Prequels etwa – verhält es sich ganz ähnlich wie mit jenen gutgemeinten Zorrokostümen: Sie verdoppeln gewissermaßen ihren Inhalt, legen ihn offen, holen ihn aus dem Schatten des Impliziten ins grelle Licht des Offenkundigen – und zerstören damit im schlimmsten Fall ihre eigene Prämisse. „Bei Knopps Zuhause“ weiterlesen
Kugelhelden
Teilnehmer: Matthias Huber, Stefan Höltgen
Moderation: Stefan Höltgen
Der Film ohne Grund
Zack Snyder gelang vor vier Jahren mit „Dawn of the Dead“ das außergewöhnlich gute Remake des gleichnamigen und unsterblichen Klassikers von George Romero, obwohl einem doch schon die Idee, dass sich jemand an diesem vergreifen wollte, wie ein Sakrileg erschien. Was für ein unwahrscheinlicher Glücksfall diese Neuauflage tatsächlich war, wird einem schmerzhaft bewusst, wenn man das nach deren Erfolg unvermeidliche Remake von „Day of the Dead“, dem dritten Teil von Romeros ursprünglicher Zombie-Trilogie und dem direkten Nachfolger von „Dawn“, durchleidet. Das einzige, was man diesem ohne Sinn und Verstand zusammengeschusterten Rohrkrepierer zugutehalten kann: Er versucht gar nicht erst, ein echter Film zu sein, sondern begnügt sich ganz mit der Funktion des Wegwerfprodukts für Splatternerds. Aber auch als solches versagt er auf ganzer Linie. „Der Film ohne Grund“ weiterlesen
Der Falke als Décadent
Es regnet aus Kübeln an diesem Tag im Juni 1993. Auf der malerischen Wiener Donauinsel warten über 100.000 Menschen auf den Auftritt ihres Idols bei einem der größten Konzerte, die Österreich je erlebt hat. Wenige Stunden zuvor lassen Falcos besorgte Bandmitglieder eiligst einen Arzt herbei rufen, denn ihr Frontmann liegt im Delirium. Nachts hat er sich mal wieder mit allem Möglichem zugedröhnt – so lange, bis nichts mehr ging. Der Star, nur noch ein Zombie. Abends ist er dann doch noch rechtzeitig fit. Es wird sein größter Auftritt, der Höhepunkt seiner Karriere.
„Der Falke als Décadent“ weiterlesen
Die Depression nach dem Wirtschaftswunder
In einem Monat, in dem Autos als fahrende Fahnenmasten in Erscheinung treten, wirkt eine Serie wie „PS – Geschichten ums Auto“ noch fremdartiger als sie es rund 30 Jahre nach ihrer Entstehung eh schon ist. Keine Rede ist hier von Ökosprit, Navigationsgeräten, Klimaanlagen oder Freisprechanlagen, völlig abwesend sind pastellene Trendfarben, ornamentale Felgen und aerodynamische Formen. Wenn hier Schäden mit Kfz-Mechanikern diskutiert werden oder der Verkäufer die Vorzüge des Gefährts preist, dann meint man, ein Auto würde von einem vierschrötigen Herrn im grauen Kittel nach den Lehren einer geheimen Wissenschaft aus einem riesigen Brocken Eisenerz herausgemeißelt, nur um dann wie durch Geisterhand in Bewegung zu geraten. Um die Befremdung, die den Zuschauer dieser Serie unweigerlich ereilt, verständlich zu machen: Das Auto wird in „PS – Geschichten ums Auto“ als technisches Mysterium dargestellt und als Statussymbol, das eine einfache Familie an den finanziellen Abgrund führen kann. Aber verkörpern soll diese Eigenschaften ausgerechnet ein Fiat Amalfi … „Die Depression nach dem Wirtschaftswunder“ weiterlesen
Agitprop mit Biss
Rechtzeitig zum 40. Jahrestag der 68er-Revolte veröffentlicht Kinowelt nun endlich Hans W. Geißendörfers Vampirfilm „Jonathan“ auf DVD. Im 19. Jahrhundert blutet das Terrorregime eines finsteren Vampirgrafen (Paul Albert Krumm) eine ländliche Gegend nahe der Ostsee aus. Doch gegen den Usurpator formiert sich Widerstand, als ein Vampirismus-Professor seine Studenten zum Umsturz aufruft. Da die eigenen Streitkräfte den Feinden hoffnungslos unterlegen sind, wird der Student Jonathan (Jürgen Jung) vorausgeschickt, um die im Schloss des Grafen gefangengehaltenen Bauern zu befreien und als Waffenbrüder hinzuzugewinnen.
Finding Nero
Ein rast- und heimatloser Revolverheld, der den Mord an seinem Bruder rächen will; eine Stadt voller geldgieriger Lügner, Heuchler und feiger Mörder; ein cholerischer mexikanischer Rebell mit abgehacktem Arm; ein Finale, in dem die gedemütigte Stadtbevölkerung nackt im Staub der Hauptsraße herumkriecht: Die Weichen scheinen gestellt für für einen Film, mit dem Corbucci an seine Meisterwerke „Django“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ anknüpft. Aber „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ teilt mit diesen beiden Klassikern nur wenig – leider. „Finding Nero“ weiterlesen
Kompromissfreudige Vorarbeit
Zwei der wohl interessantesten Filmemacher der Gegenwart erhalten die hierzulande längst überfällige Publikation. Der Freude über diese folgt aber schon nach einem flüchtigen Blick die Ernüchterung. Der Band bringt es gerade einmal auf schmale 200 Seiten, von denen 20 auf Bio-, Filmo- und Bibliografien entfallen.
Wenn einer eine Zeitreise tut …
Zwei Zeitreisefilme sind im Jahr 1984 in den USA erschienen, deren Erzählparadigmen einander merklich gleichen. James Cameron begründet mit „Terminator“ seine Laufbahn als Regisseur. Zusammen mit seiner Co-Drehbuchautrin Gale Anne Hurt erzählt er die Geschichte eines in der Zeit versprengten Soldaten, der aus der Zukunft in die Gegenwart des Jahres 1984 gereist ist, um dort eine Frau zu findn, deren (Über)Leben er sichern soll. Verfolgt wird er von der feindlich gewordenen Technologie seiner Zeit in Form eines Cyborgs, der seinen Auftrag zu verhindern trachtet. Natürlich „finden“ sich der Zeitreisende und die Frau im Verlauf des Films und kommen einander näher und natürlich formuliert der Zeitreisefilm in diesem Zusammentreffen auch das Paradox zwischen Hier und Dort, Jetzt und Dann. John Carpenter produzierte im selben Jahr den Zeitreisefilm „Das Philadelphia Experiment“, der eine ganz ähnliche Geschichte – nur unter umgekehrten Vorzeichen – erzählt:
Biografische Katastrophe
Biographische Vergangenheitsbewältigung im Film hat es zuhauf gegeben. Neben den Bildern des Erinnerns nimmt das Verdrängen und Vergessen einen besonderen Stellenwert ein. Denn es ist ein besonders reizvolles filmisches Motiv, dem Zuschauer Einblick zu gewähren in die »kranke Welt« des Protagonisten. Wir sind in der Lage, seine Welt so verzerrt und fragmentiert wahrzunemen, wie er sie wahrnimmt, und werden gezwungen, das zu übersehen, was er übersieht. Wir adaptieren seine Lebenslügen. Als Gesunde erlaubt uns das Kino, für kurze Zeit mit dem kranken Protagonisten krank zu werden.
„Biografische Katastrophe“ weiterlesen
Zombie 5
Was wir über Zombies wissen, das wissen wir aus den Massenmedien. Filme und Bücher (zuletzt vielleicht Max Brooks’ „Zombie Survival Guide“) haben die Regeln des Sub-Genres erweitert, die George A. Romero 1968 mit „Night of the Living Dead“ und 1978 mit „Dawn of the Dead“ aufgestellt hat. Seine Epigonen aus Italien, Frankreich, Spanien, den USA, Japan und anderswo haben sich zumeist daran gehalten und damit die Umrisse des Zombiefilms immer klarer herausgearbeitet, die es heute ermöglichen, das Motiv aus dem Horrorfilm in andere Genres zu überführen. Zombies tauchen nun als politische Botschafter (Joe Dantes Kurzfilm „Homecoming“) oder Witzfiguren (Edward Wrights „Shaun of the Dead“) auf. Und sogar zu Sinnbildern für (bittere) sozialpolitische Kommentare sind sie jüngst (etwa in Andrew Curries „Fido“) geworden. Was Romero seinem eigenen Mythos, der sich also zweifelsfrei längst von seinem Schöpfer emanzipiert hat, noch hinzuzufügen hat, versucht sein fünfter Zombiefilm „Diary of the Dead“ zu klären.

