When whiteness attacked us …

Horrorfilme nach den literarischen Vorlagen Stephen Kings zählen zwar nicht unbedingt zu den besten, aber häufig zu den erfolgreichsten Beiträgen des Genres, was wohl damit zusammenhängt, dass Kings Stoffe oft den „kleinsten gemeinsamen Teiler“ des Unheimlichen in den verschiedensten Rezipienten ansprechen. Seine Motive bedienen sich bei der Populärkultur, der Volksmythologie oder, wie er es nennt, bei den Ängsten der Kindheit, also verschiedensten Urängsten, greifen damit nicht selten auf kulturelle Stereotype zurück, die von Technikphobie bis hin zur puritanischen Sexualmoral reichen. Deshalb hängt die „Qualität“ eines Stephen-King-Films eigentlich immer davon ab, wer den jeweiligen Stoff für die Leinwand adaptiert. Die Bandbreite reicht vom herausragenden „The Shining“ Stanley Kubricks bis hin zu den sich sklavisch an der Vorlage heftenden Filmen eines Mick Garris. Auch Frank Darabont ist als „King-Verfilmer“ nicht unerfahren: Bereits 1983 hatte er dessen Geschichte „The Woman in the Room“ in einen überaus bedrückenden Kurzfilm verwandelt und 1994 mit „Die Verurteilten“ und 1999 mit „The Green Mile“ Lob und Preise eingeheimst. Seine jüngster Film „Der Nebel“ ist nun auf Blu-ray erschienen und dieser Film hebt sich wieder einmal deutlich von den anderen Leinwandadaptionen Kings ab.

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Unglaubliche Geschichten

In den 1980er Jahren erlebten fantastische Fernsehserien in den USA eine Renaissance. Neben den großen Quotenrennern „Dallas“ und „Dynasty“ über das Leben der Reichen und Schönen fanden teilweise alte Serien wie „The Twilight Zone“ (1985) eine Neuauflage sowie gänzlich neue Produktionen, wie „Tales from the Darkside“ (1984) ihren Weg ins Fernsehen. Sie knüpften damit an Erfolge großer TV-Serien der Sechzigerjahre wie „Outer Limits“ (1963-1965) oder „The Twilight Zone“ (1959-1964) an, die nebenher immer noch wiederholt wurden. Zu den herausragenden Versuchen der neuen kleinen Fantastik-Formate gehörte auch die von Steven Spielberg konzipierte Reihe „Amazing Stories“, die er zwischen 1985 und 1987 mit seiner Firma Amblin Entertainment produzierte.

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All diese Farben, die nie verblassen

Am Anfang steht ein Zitat, in Form eines kleinen Origami-Einhorns. Ein solches nämlich hatte Rick Deckard, dem „Blade Runner“ aus Ridley Scotts 1982er Meisterwerk, Aufschluss darüber gegeben, dass er selbst ein Replikant war. Einer jener androidischen Sklaven, denen die Menschen ein knapp begrenztes Leben geschenkt haben, einer von jenen, die er Zeit seines Lebens gejagt und getötet hat. Deckard schaut das Einhorn nur einen Moment lang an, nickt dann und betritt den Fahrstuhl, in dem die schöne Rachael auf ihn wartet. Die Fahrstuhltüren schließen sich, der Film ist (zumindest in der Director’s-Cut-Fassung) zu Ende. „I.K.U.“, jenes „Sci-Fi Porn Movie“ von der als Video-, Multimedia- und Internetkünstlerin bekannt gewordenen Shu Lea Cheang, beginnt an diesem Punkt erst. Bis zum Schließen der Türen folgt Cheang noch dem Vorbild, doch dann schneidet sie in den Innenraum des Fahrstuhls, wo sich jener heiße Sex ereignet, den Ridley Scott noch der Phantasie des Publikums überließ.

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Die Gegenwart gibt es nicht

Die Gegenwart, sagt Godard, kommt im Kino nicht vor, außer in den schlechten Filmen. Gilles Deleuze erweitert dieses etwas enigmatische Diktum in seiner Kinotheorie zu einem Modell, dem zufolge die Gegenwart im Kinobild sich in zwei Strahlen aufspalte, deren einer zu den Vergangenheiten und deren anderer zu den Zukünften führt, mit denen sie nicht linear verbunden sind, sondern die sie als Potenzialitäten in sich tragen. Die Gegenwart kann folglich nicht existieren, ohne im gleichen Moment bereits als zukünftige Vergangenheit gedacht zu werden. Deleuze konkretisiert diesen Gedanken in einem an Bergsons Zeittheorie angelehnten doppelten Kegelmodell, in dem jeder Zeitabschnitt einen beweglichen Schnitt markiert und die Gegenwart den Ort der größtmöglichen Verengung darstellt – ohne jemals wirklich Punkt sein zu können. Dieses Modell nähert das Kino dem Augustinischen Gedanken einer „Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart des Zukünftigen“ an und zielt darauf ab, so Deleuze, das, was vor und nach dem Film ist, ins Innere des Films zu versetzen und so die einfache, sukzessive Verkettung vorüberziehender Gegenwarten aufzusprengen.

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Wir sehen tote Menschen

Er zählt bereits zu den modernen Klassikern des Mystery-Thriller- und Horrorfilms, der erste „typische“ Film des indischstämmigen Regisseurs M. Night Shyamalan. Mit „The Sixth Sense“ hat Shyamalan eine Handschrift gefunden, die er für die darauf folgenden drei Filme „Unbreakable“ und „The Village“ beibehalten und weiter ausdifferenziert: Seine Filme erzählen bis zu einem bestimmten Punkt traditionelle Grusel-Geschichten, wenden die Perspektive auf die Story jedoch in einem „Plottwist“ und zeigen daraufhin, dass wir, die Zuschauer, alles ebenso falsch gesehen haben, wie die Protagonisten. Einzig „Signs“ bildet hiervon eine Ausnahme, ähnelt den anderen drei Filmen jedoch in anderer struktureller Hinsicht. In „The Sixth Sense“ ist es noch „nur“ die Charakterisierung der Hauptfigur, die sich im Plottwist wandelt. Die späteren Filme entwerfen Erzählungen, die weit großere Verschwörungen darstellen.

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Wölfe bauen

Eigentlich hatte alles nur ein Scherz sein sollen. Doch dann wurde Ernst daraus … und dann doch wieder ein Spaß, weil das Highschool-Leben an der „West Lake“ so langweilig ist und weil jeder jeden zu kennen glaubt und weil ein Neuer in der Schule ist, der sich noch nicht auskennt. Setting und Personage erinnern bereits an den einen oder anderen Teen-Slasherfilm, von denen es besonders in den 1990ern etliche gegeben hat. Jeff Waldlow versucht das Sub-Genre des „School Slashers“ in „Cry_Wolf“ jedoch zu transzendieren. Er greift dabei auf eine gar nicht so unkluge Erkenntnis zurück: Serienmörder kennen wir alle, aber die meisten nur aus den Medien.

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Kurzrezensionen Oktober 2008

  • QRT: Zombologie – Teqste. Berlin: Merve 2007
  • Oliver Schmidt: Leben in gestörten Welten. Stuttgart: ibidem 2008
  • Oliver Machart: Cultural Studies. Konstanz: UVK 2008
  • Alexander Böhnke: Paratexte des Films. Bielefeld: transcript 2007
  • Helen Donlon (Hg.): David Lynch Talking. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2008
  • Daniel Tyradellis/Burkhardt Wolf (Hgg.): Die Szene der Gewalt. Frankfurt am Main u. a.: Peter Lang 2007
  • Irmbert Schenk: Kino und Modernisierung. Marburg: Schüren 2008
  • Markus Schroer (Hg.): Gesellschaft im Film. Konstanz: UVK 2007
  • Susanne Marschall/Fabienne Liptay (Hgg.): Mit allen Sinnen. Marburg: Schüren 2006 „Kurzrezensionen Oktober 2008“ weiterlesen

Kurz vor viertel nach

Zuletzt hat es Pete Travis „Vantage Point“ (hierzulande unter dem Titel  „8 Blickwinkel“) wieder gezeigt: Film, das ist viel mehr als Literatur eine Kunst des Point of View. In dem Maße, wie eine Figur zum Erzähler wird, bestimmt sie nicht nur, was wir wissen, sondern wie wir dieses Wissen moralisch bewerten. Die Manipulation der Erzählzeit unterstützt den Effekt noch: Durch ein filmisches Zurückspulen wird es möglich, eine Begebenheit noch einmal von vorn und dieses mal anders zu zeigen. Diesen Effekt haben Filme wie Jim Jarmuschs „Mystery Train“ und die Werke des britischen Filmkünstlers Mike Figgis auf fruchtbare Weise genutzt. Greg Marcks’ „11:14“ steht in der Tradition jener Werke und versucht das Experiment zu einem Thriller auszubauen.
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Den Krieg gibt es nicht

Dass es in einem Konflikt und damit erst recht im Krieg bedeutsam ist, welche Perspektive man auf das Geschehen einnimmt, hat zuletzt Brian de Palmas pseudo-dokumentarischer Irak-Kriegsfilm „Redacted“ gezeigt. Dort steht ein Kriegsverbrechen im Zentrum des Geschehens, ein Verbrechen, das zwar unzweifelhaft stattgefunden hat, aber aus ganz verschiedenen Blickwinkeln ganz unterschiedlich wahrgenommen wurde – vor allem angesichts der Schuldfrage. Einen ähnlichen Fall nimmt sich Ari Folmans Film „Walz with Bashir“ vor, der vom Krieg zwischen Israel und dem Libanon im Jahre 1982 erzählt. Besonders an dieser Erzählung ist einerseits, dass sie im Gewand eines Zeichentrickfilms daherkommt. Andererseits konstruiert sie die Ereignisse – oder eben die verschiedenen Wahrnehmungen davon und Erinnerungen daran – aus Gedächtnisfragmenten.

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Ein Märchen vom Erwachsenwerden

Fragt man nach den Gemeinsamkeiten der Filme des 1995 verstorbenen Filmregisseurs Louis Malle, so muss die Antwort überraschenderweise „ihre Unterschiedlichkeit“ lauten. Malle hat in vielen Ländern gedreht, viele Genres bedient und ist dabei nicht selten stilbildend gewesen. Der Erfolg beim Publikum und den Kritikern ist ihm dabei zumeist sicher gewesen. Nur mit wenigen Ausnahmen, wie seinem 1975 entstandenen Film „Black Moon“, konnten die meisten Zuschauer nichts anfangen. Das sich bis heute bei „Black Moon“ nur ein wenig geändert hat – vielleicht einer der Gründe dafür, dass der Film erst jetzt als DVD in Deutschland erscheint.

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Mit der Achterbahn durchs Kinderzimmer

Dass es ihnen zwischen Teddybären und Vereinsbettwäsche auf Dauer zu langweilig werden würde, war abzusehen. Ob Hulk, Iron Man oder Batman, die Superhelden von damals dominieren die globale Kinolandschaft von heute: Sie retten mit sagenhaften Einspielergebnissen die Welt der großen Filmstudios. Nebenbei bedienen sie die ewig aktuelle Sehnsucht des Publikums nach Spektakel, nach Feuerwerk und großem Zirkus.

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