Die Interessen Grisus können unmöglich die Interessen sein, die Sir Cedric hat.

1977 reüssierte im deutschen Fernsehen die zwei Jahre zuvor in Italien entstandene Zeichentrickserie um den kleinen Drachen Grisu. Grisu lebt im Schottland im Drachental zusammen mit seinem Vater Fume. Der kleine Drache ist von dem Wunsch beseelt, Freuerwehrmann zu werden. Damit stößt er einerseits auf das Unverständnis seines Vaters, der es als die traditionsgemäße Pflicht der Drachen ansieht, Feuer zu entfachen anstatt es zu löschen. Auf der anderen Seite handelt er damit den Interessen des Grafen Sir Cedric McDragon zuwider, unter dessen feudaler Obhut das Drachental steht und der deshalb entscheiden kann, ob Grisu Feuerwehrmann werden darf oder nicht. Die Serie, die seit den 1970er Jahren häufig im deutschen Fernsehen wiederholt wurde, ist nun in einer limitierten 4er-DVD-Box erschienen.

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Filmfest München 2007: Scheitern jenseits des Dschungels

Es fehlt ein wenig das, was Herzogs Werk so ausmacht: Das Hauptmotiv ist natürlich da, das Auflehnen eines Menschen gegen übermächtige Natur und/oder Umwelt. Aber das triumphale Scheitern, das fehlt. Zumindest auf den ersten Blick. Erst im Kontext mit „Little Dieter needs to fly“, dem anderen Dieter-Dengler-Film, zeigt sich, was „Rescue Dawn“ dann doch zu einem typischen Herzog-Film macht.

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Filmfest München 2007: „Half Nelson“

Es ist ein Film mit so vielen Enden, und keines davon wäre unangemessen: Da gibt es zuerst den Protagonisten, High School-Lehrer Daniel Dunne (großartig: Ryan Gosling), bei seinen Eltern. Er ist irgendwie am Boden zerstört bei diesem kleinen Familientreffen, bekommt seine Drogensucht nicht in den Griff, unausgesprochen. Ob die Eltern überhaupt davon wissen, könnte man sich fragen, bis Daniel mal wieder sein unvollendetes Buch erwähnt, gegenüber der Freundin seines Bruders: „It’s about change“, sagt er, und sein Vater fällt ihm – angetrunken – ins Word. „Yeah, Dan, what is change?“, Schweigen die Folge, und eine Versöhnung. Ein wenig Aufwind eben, der Abspann kann kommen.

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Sie haben es sich verdient

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann man ihn gut quälen.“ So ähnlich ließe sich das Konzept hinter dem im letzten Jahr aus der Taufe gehobenen und marktschreierisch „Torture Porn“ betitelten Horror-Subgenre beschreiben. In den definierenden Filmen „Wolf Creek“ und dem populären „Hostel“ durfte der Zuschauer den Protagonisten dabei zusehen, wie sich deren Urlaub in einen blutigen Albtraum verwandelte. Mit „Turistas“ findet der Torture Porn nun auch Eingang in den popcornigen Horror-Mainstream, nachdem Eli Roth in seinem als Nerdfest getarnten Film europäische US-Kritik und US-amerikanische Paranoia erstaunlich geschickt unter einen Hut brachte und „Wolf Creek“ seine Geschichte sehr artifiziell und stilistisch irgendwo zwischen Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“ und der dokumentarischen Authentizität des True-Crime-Cinemas angesiedelt aufbereitete.

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Der Tod und die Medien II

Die Welle von us-amerikanischen Remakes asiatischer Horrorfilme ebbt nicht ab. Nachdem zuletzt die beiden Teile von Takashi Shimizus „Ju-on – The Grudge“ ins Kino gekommen waren, gelangt nun das kleinere japanische Gruselkino ins Visier der Remaker. Einer der subtileren, aber dennoch etablierten Regisseure ist Kiyoshi Kurosawa, von welchem hierzulande bislang nur „Kôrei“ und „Kairo“ auf DVD erschienen sind. Kinowelt veröffentlicht nun Jim Sonzeros Remake zu letzterem – ein Film, der bereits im Original durch seine komplexe Verknüpfung von Leben, Tod und Medialität oft mehr verwirrtend als beängstigend war. Das Remake schafft – wie so oft bei US-Adaptionen – mehr Klarheit und Horror.

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Die unendliche Recherche

Anfang der 1970er Jahr erschütterte eine mysteriöse Mordserie die Region um San Francisco. Die Identität des Killers, der sich damals unter dem Pseudonym Zodiac mit kodierten Nachrichten an die Presse wandte, konnte trotz jahrelanger Spurensicherung nie eindeutig geklärt werden, da der Hauptverdächtige vor der Aufklärung einem Herzinfarkt erlag. Und so finden sich fast 40 Jahre später immer noch Gruppierungen und selbst ernannte Experten, die sich mit der Aufklärung dieses Traumas beschäftigen. David Fincher greift in seinem gleichnamigen Film die Geschichte der Zodiac-Morde auf und schafft eine teils gelungene teils langatmige Erzählung um vier Männer, deren Leben auf unterschiedliche Weise vom Killer beeinflusst worden sind.
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Das Treibhaus der Lüste

Der Garten ist wahrscheinlich die älteste und bekannteste Metapher für das Paradies, aber genau da wachsen auch die verbotenen Früchte, deren Genuss zum Ausschluss aus der paradiesischen Geborgenheit führen kann. Deshalb ist der Garten in Dai Sijies Film von Anfang an ein bedrohlicher Ort, dessen Schönheit durch auferlegte Verbote einen makabren Beigeschmack bekommt. Auf die Einhaltung aller Restriktionen achtet nämlich aufs Peinlichste der Besitzer und eigentlicher Schöpfer (oder zumindest Mitschöpfer) der auf einer einsamen Insel gelegenen Gartenlandschaft, der Botanikprofessor Chen. Sein Zugang zu seltenen und faszinierenden Pflanzen, die er mit Vorliebe durch eine Lupe beobachtet und bei ihren lateinischen Namen nennt, ist rein intellektuell, das sinnliche Vergnügen von der Berührung mit der Natur scheint ihm fremd zu sein.
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Forschungsreisende der Liebe

Der mittlerweile mit seiner Familie aus dem Iran nach Frankreich emigrierte Mohsen Makhmalbaf ist so produktiv wie kaum ein zweiter Regisseur seines Heimatlandes. Nicht nur sein eigener Output ist seit Beginn der 1980er Jahre ununterbrochen, auch seine Frau und seine Kinder, die ebenfalls Filme drehen, produziert der 49-Jährige in seinem „Makhmalbaf Film House“. Sein neuestes Werk in Eigenregie, „The Scream of the Ants“ war als Weltpremiere auf dem Münchner Filmfest zu sehen.
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Kaffee ohne Zucker ist kein Kaffee

Ressentiments über das Studentenleben und den Universitätsbetrieb existieren zu genüge. Man braucht bloß einen Blick in die einschlägige Campus-Literatur zu werfen oder sich Filme anzusehen, die in diesem Milieu spielen. Zumeist wird man dort auf Klischees vom Studentendasein und/oder bestimmten Studiengebieten treffen. Zum Bild der Literaturwissenschaft und der mit ihnen beschäftigten gehört offenbar die Vorstellung, dass es alles verhinderte Dichter sind, die nur mangels Gelgenheit die Seiten gewechselt haben, das Schreiben aber dennoch nicht lassen können. Desweiteren wird Geisteswissenschaft nicht selten auf das Daherbeten von Scheinparadoxien, die klug klingen, jedoch eigentlich dumm sind, reduziert. Emmanuel Bourdieus Film “Poison Friends” steht dem in nichts nach – im Gegenteil radikalisiert es dieses Bild noch dadurch, dass er seinen akademischen Protagonisten völlig unglaubwürdige Geschichten auf den Leib schreibt.
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actual case files

Der „Zodiak“-Killer, der zwischen 1968 und 1969 sieben Menschen überfallen und fünf davon getötet hat, gilt gemeinhin als der „amerikanische Jack the Ripper“. Nicht nur ist „Zodiac“ (den Namen hat er sich wie der Ripper selbst gegeben) trotz einer verhältnismäßig niedrigen Zahl von Opfern zu nachhaltiger Berühmtheit gelangt, weil er – wie beim Londoner Prostituiertenmörder – nie gefasst werden konnte; der Mythos, der sich um ihn herum gebildet hat, hat auch ganz ähnliche Ausmaße erreicht. So existieren private Detektivclubs, die die Identität des Serienmörders immer noch zu klären versuchen und eine enorme Anzahl an „Zodiac“-Devotionalien. Die bedeutsamste Ähnlichkeit mit „Jack the Ripper“ lag jedoch in der Fähigkeit des Täters begründet, die Presse für sich zu gewinnen, um so zu zeitweiser Allgegenwärtigkeit zu gelangen. Dies alles hat „Zodiac“ schließlich zu einer popkulturellen Ikone werden lassen, die – wie immer, wenn ein Serienmörder diesen Status erlangt – auch zahlreichen Niederschlag in Filmproduktionen gefunden hat.
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Kolateralschäden

Als die US-Armee 2003 Bagdad aus der Luft angreift, finden die Bomben und Rakenten nicht nur militärische Ziele. Zu den so genannten Kollateralschäden gehört auch eine psychiatrische Klinik, in der etliche Insassen und Ärzte sterben, der Rest flieht durch die kriegsgeschüttelte Stadt. Mohamed Al Daradjis Film „Dreams“ nimmt sich dieses Themas an und macht aus den statistischen Opferzahlen Lebensgeschichten. Drei von ihnen erzählt er in seinem mutigen Film, dessen Erstellung selbst immer wieder unter dem Zeichen des Krieges stand.
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Eine Filmgeschichte des kreativen Tötens

Der Erfolg des Dokumentarfilms „An American Nightmare“ aus dem Jahre 2000 hat gleich zwei Vorurteile widerlegt: Erstens ist das Horrorfilm-Genre keineswegs bloßes Affektkino, das einzig darauf aus ist, seine Zuschauer zu erschrecken, zu ekeln oder zu amüsieren. Und zweitens sind diese Zuschauer weit emanzipierter gegenüber den Filmen, als man ihnen immer unterstellen wollte. „An American Nightmare“ hat dem breiten Publikum eine langjährige, vielfältige und hoch interessante Forschungslandschaft offengelegt und ebenso gezeigt, wie sich die Filmemacher selbst in diese Landschaft einbringen. Vor allem der Slaherfilm hat seit 1978 zu einer Vielzahl an Untersuchungen aus der Gender-Medientheorie, der Medienwirkungsforschung und der Mentalitätsforschung geführt. Jeff McQueens Dokumenarfilm „Going to Pieces“, der das gleichnamige Sachbuch von Adam Rokoff mehr ergänzt als auf ihm zu basieren, nimmt sich nun dieses Subgenres an und schreibt damit die Agenda von „An American Nightmare“ fort.

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Das Schreckgesicht des amerikanischen Traums

Einer der drei großen Gangsterfilme der dreißiger Jahre (1932). Nach Mervyn Le Roys Little Caesar (1930) und William A. Wellmans The Public Enemy (1931) kann Scarface in der thematischen Entwicklung, Bildsprache und den Handlungsmustern als vorläufige Quintessenz des Gangster-Films jener Jahre gelesen werden. Das für damalige Verhältnisse äußerst gewalttätige Porträt einer Verbrecherkarriere, wie sie im Chicago der Prohibitonsära an jeder Straßenecke wuchert, ist zugleich ein nihilistisches Sittengemälde des amerikanischen Traums. Es ist das böse Märchen vom Aufstieg des unbedeutenden Habenichts zum mächtigen Selfmademan, von Regiemogul Howard Hawks nach der authentischen Lebensgeschichte Al Capones gedreht.
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Ein zauberhafter Kasten Licht

Ganz ohne weiße Kaninchen erzählt Hollywood von der alten Magie des Kinos.

Wenn man in den letzten Jahren auf der Leinwand eines nicht vermisst hat, dann wohl Magie. Unablässig wimmelt das Magische in Gestalt von notorischen Zauberlehrlingen, Trollen und Drachenjägern durch die oppulent gepixelten Welten des Übernatürlichen. Es herrscht eine Sagenhaftigkeit, die sich vornehmlich in den nackten Zahlen der Einspielergebnisse widerspiegelt und den Fantasy-Film zu einem weltweiten Massenspektakel gemacht hat. Offensichtlich funktioniert das Genre dabei nach der Zauberformel: Je greller der Schein, desto attraktiver das Unglaubliche.

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