Das Treibhaus der Lüste

Der Garten ist wahrscheinlich die älteste und bekannteste Metapher für das Paradies, aber genau da wachsen auch die verbotenen Früchte, deren Genuss zum Ausschluss aus der paradiesischen Geborgenheit führen kann. Deshalb ist der Garten in Dai Sijies Film von Anfang an ein bedrohlicher Ort, dessen Schönheit durch auferlegte Verbote einen makabren Beigeschmack bekommt. Auf die Einhaltung aller Restriktionen achtet nämlich aufs Peinlichste der Besitzer und eigentlicher Schöpfer (oder zumindest Mitschöpfer) der auf einer einsamen Insel gelegenen Gartenlandschaft, der Botanikprofessor Chen. Sein Zugang zu seltenen und faszinierenden Pflanzen, die er mit Vorliebe durch eine Lupe beobachtet und bei ihren lateinischen Namen nennt, ist rein intellektuell, das sinnliche Vergnügen von der Berührung mit der Natur scheint ihm fremd zu sein.

toechter1.jpgVöllig anders ist es bei seiner Tochter An, die eine intime, fast körperliche Beziehung zu ihrem Garten pflegt und Respekt vor seiner Magie bewahrt. Als Chens neue Praktikantin Li Ming auf der Insel ankommt, führt An sie in die Geheimnisse der verführerischen Pflanzenwelt ein, was schließlich in die zärtliche gegenseitige Zuneigung mündet. Die strenge Aufsicht des Vaters schweißt die jungen Frauen sogar noch enger zusammen. Die Beziehung wird für sie zu einer Art Zuflucht vor der despotischen Ordnung des Hausherren. Hinzu kommt auch, dass die beiden miteinander die Erfahrung des frühen Todes der Mutter teilen, deren Gestalt sie als Ausgleich zur Gefühlskälte ihrer Umgebung verklären und deren verlorene Zärtlichkeiten jede von ihnen unbewusst in den Armen der anderen sucht.

toechter2.jpgDer Film von Dai Sijie lebt vor allem von der sorgfältigen Behandlung der Details, die allesamt in eine metaphorische Richtung weisen. Wenn der Botaniker etwa mit einer Pinzette die Raupe an eine fleischfressende Pflanze verfüttert oder wenn der Reis in der Hochzeitsspeise mit roter Sauce vermischt wird, werden beim Zuschauer sofort die entsprechenden Assoziationen aktiviert. Die Dutzende der im Käfig verschlossenen Tauben, die von Tempelmönchen zur Gewähr der Wunscherfüllung nur gegen ein empfindliches Honorar freigelassen werden sollen, veranschaulichen die Sehnsüchte der beiden Frauen auf eine eindrucksvolle Weise. Doch wenn es um die Abbildung der sexuellen Begegnungen geht, scheint sich der Film eher bei den Softpornovorbildern zu bedienen. Der trivial-voyeuristischer Blick, den die Kamera auf die nackten Körper der Protagonistinnen richtet, wird der gewählten metaphorischen Bildsprache nicht gerecht. Auch die Eindeutigkeit der Charaktere, die vom Anfang bis zum Schluss in ihrer Entwicklung festgelegt sind sowie die melodramatische Intrige, die im Wesentlichen die Handlung dominiert, enttäuschen gegenüber den gesetzten künstlerischen Ansprüchen. Die parabelhafte Anspielung auf die Grundstimmung im China der 80-er Jahre, das mit dem restriktiven politischen System nicht mehr zu recht kommt und sich nach neuen Freiheiten sehnt, gerät ebenfalls etwas zu plakativ.

toechter3.jpgIm Gegensatz zum thematisch verwandten „Brokeback Mountain“, der mit den Figuren der homosexuellen Cowboys stark am patriarchalen Mythos rüttelt, hat „Die Töchter des chinesischen Gärtners“ keine subversive Vision der Geschlechterkonstellationen anzubieten. Die Protagonistinnen in Dai Sijies Film erfüllen vielmehr die gängigen Erwartungen an eine schutzbedürftige, gefühlsbetonte Weiblichkeit, die von der aggressiven Männlichkeit physisch und psychisch bedrängt wird. Auch ihre Libido ist, trotz der lesbischen Neigung, um den imaginären Phallus zentriert: Bei dem gemeinsamen Betrachten einer phallisch geformten Wurzel geraten die Freundinnen in eine beinah extatische Entzückung, und die gegenseitige Entjungferung stellt für sie das entscheidende sexuelle Erlebnis dar. Und wenn man genau hinschaut, haben die Männer im Film sowieso fast immer Anteil an den lesbischen Freuden, die erst durch ihr verbietendes, eifersüchtiges Verlangen besonders intensiv erlebt werden.

Die Töchter des chinesischen Gärtners
Frankreich/Kanada 2006
Regie: Sijie Dai
Buch: Sijie Dai, Nadine Perront
Musik: Eric Levi
Kamera: Guy Dufaux
Darsteller: Mylène Jampanoi, Xiao Ran Li, Ling Dong Fu u.a.
Länge: 95 Minuten
Verleih: Universum

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