Gefangenendilemma

Seit ein paar Jahren feiert der so genannte Backwood-Slasherfilm, der in den 1970er Jahren mit Werken wie „Deliverance“ (1972) und „The Hills have Eyes“ (1977) reüssierter, Renaissance. Auf dem letztjährigen Fantasy-Filmfest wurde Michael Bassetts Mixup aus gleich mehreren Inspirationsquellen mit dem Titel „Wilderness“ vorgestellt, der nun vom Kölner Label Legend Home Entertainment auf DVD erhältlich ist.

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No ordinary Killer

Von Beginn an schon nutzt der Serienmörderfilm sein zentrales Sujet, den scheinbar motivlosen Mord an Menschen, dazu, an ihm soziale, psychologische und politische Themen zu spiegeln. Zusammen mit dem „Werdegang“ des Killer oder der Detektion seiner Taten stehen daher immer auch andere Diskurse auf dem Programm, die mal mit dem Serienmord homologisiert werden, mal als seine Gründe angeführt werden, immer aber als zentrale Diskussionsangeboten an den Zuschuer formuliert werden. Im koreanischen Film „Bystanders“ ist einmal mehr das Thema „Schule“ der Hauptaspekt. Bereits aus dem japanischen Genrekino („Suicide Club“, „Battle Royale“, …) ist es als Problemthema bekannt. „Bystanders“ nimmt sich hier nun aktuellerer Schulschwierigkeiten an.

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»Ich finanziere meine Filme mit Nazi-Gold«

Alle paar Jahre hat der deutsche Regisseur Uwe Boll es wohl nötig, all die Kritik, die ihn wegen der Art und Weise, wie er seine Filme finanziert und wegen der Filme selbst, die zu den am meisten verrissenen gehören, die die Filmgeschichte zu bieten hat, seinem Frust Luft zu machen, sich auf eine Bühne zu stellen und es seinen Kritikern mal richtig zu heimzuzahlen. „Postal“ ist nach „German Fried Movie“ der (mir bekannte) zweite Film, in dem Uwe Boll dies praktiziert.

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pars pro toto

Dass Woody Allen nicht nur ein Meisterregisseur, sondern auch ein begabter Darsteller ist, hat er nicht allein in seinen eigenen Filmen immer wieder unter Beweis gestellt. Seit dem ersten Spielfilm, in dem er zu sehen war („What’s new Pussy Cat“, 1965 von Clive Donner) ist Allen für Regie-Kollegen immer wieder auch vor die Kamera getreten und hat dabei so bemerkenswerte Leistungen wie in „Mach’s nochmal Sam“ (USA 1972, Herbert Ross), Martin Ritts „Der Strohmann“ (USA 1976) oder „Ein ganz normaler Hochzeitstag“ (USA 1991, Paul Mazrusky) hingelegt. Eine seiner jüngsten Darbietungen dieser Art lieferte er in Alfonso Araus „Picking up the Pieces“ (USA 2000) ab.

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Toll trieben es die Nachkriegsdeutschen

Mitten auf der Straße in München: Zwei pubertierende Jungen, der eine als klassische „Brillenschlange“ erkennbar, der andere mit neurotischem Mundwinkelzucken ebenfalls als sexuell unerfahren gekennzeichnet, überreden ein durchtriebenes Luder auf der Straße dazu, ihnen endlich die Jungfräulichkeit zu nehmen. Weil der Brillenträger jedoch eine äußerst neugierige urbayrische Vermieterin hat, müssen sie das Mädel im Karton eines Fernsehapparates in dessen Zimmer schmuggeln, was die entsprechenden Kapriolen nach sich zieht („Der Fernseher hat geniest!“ „Ja, das ist ja auch ein Farbfernseher!“). Dieselbe Vermieterin begegnet einem andernorts (und in beinahe allen Hartwig-Sexfilmen) als schelmische Putzfrau wieder, die ein junges Mädchen vor den Übergriffen des immergeilen italienischen Gastarbeiters beschützen will und mit ihr schließlich einen Plan zur Abkühlung des Schürzenjägers entwickelt. Am Ende steht der enttäuschte Italiener allein nackt da und wird von der herbeigerufenen Feuerwehr „abgespritzt“.

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Wolken aus Blut

Drei Killer stehen am hellichten Tag auf der Straße und warten auf die Ankunft ihrer Zielperson. Es handelt sich um einen alten Freund und Weggefährten, der wegen Verrats auf der Abschussliste des Triadenbosses steht. Was dieser jedoch nicht weiß: Auch einer seiner Killer war an diesem Verrat beteiligt, wurde aber von der Zielperson gedeckt. Als das Opfer ankommt, begleiten die Killer ihn in seine Wohnung, wo dessen Frau mit einem Säugling auf dem Arm wartet. Eine unangenehme Stille belastet die Situation. Bis das Baby beginnt zu schreien …

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Löcher im Gelsenkirchner Barock

„500kg/m² oder 8t pro Fahrzeug“, so steht es an der Wand einer Lagerhalle, die Frau Moll bewacht. Gäbe es ein Maß für seelische Belastbarkeit, würde es sicher in Royblacks gemessen. Dessen 65er-Schlager Du bist nicht allein steht in dem gleichnamigen Film von Bernd Böhlich für die unerfüllte Sehnsucht der Zukurzgekommenen, der wirtschaftlich Gescheiterten im deutschen Euphoriesommer 2006.

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Ein Zimmer ohne Aussicht

Was „Motel“ als Thriller sofort sympathisch macht ist dass er ohne Umschweife zur Sache kommt. Die Bilder eines unbeschwerten Alltags, die dann in ein Horror-Szenario umschlagen, werden hier ausgespart. Alles beginnt bereits denkbar düster und ungemütlich: Ein Paar nachts im Auto auf einer entlegenen Landstrasse, völlig orientierungslos und mit einem Verdacht auf Motorschaden. Aber auch abgesehen von dieser recht unangenehmen Situation sind die beiden beziehungsmäßig auf einem Horrortrip: Nach dem tödlichen Unfall ihres kleinen Kindes herrscht zwischen den jungen Eheleuten Kälte und Entfremdung. Die Scheidungspapiere sind auch schon eingereicht. Doch die Frage ist nun, ob sie überhaupt jemals dazu kommen werden, sie zu unterzeichnen …

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»Ein Sex-Schocker neuen Stils«

„Soll niemand sagen, es gäbe keinen Horror in Deutschland“, konstatieren Georg Seeßlen und Fernand Jung am Ende eines viel zu kurzen Kapitels zum bundesdeutschen Horrorfilm. Und für die Periode zwischen 1928 und 1969 verzeichnen die beiden gar keine deutschen Genrebeiträge, wobei unverzeihlicherweise die Gruselkrimis der Edgar-Wallace-Reihe (ab 1959) ebenso ausgespart bleiben, wie ihre Derivate (die Adaptionen der Bryan-Edgar-Wallace-Romane), die Dr. Mabuse- und Fu Manchu-Filme der 60er, aber auch so kleine verrückte Filme wie das Hans-Albers-Vehikel „Vom Teufel gejagt“ (1951), der Zirkusgrusler „Das Phantom des großen Zeltes“ (1954), das Serienmörder-Sequel „Dr. Crippen lebt!“ (1958) oder die psychotronischen Glanzstücke „Die Nackte und der Satan“ (1959) und „Ein Toter hing im Netz“ (1960). Mit der DVD-Veröffentlichung von „Alraune“ kehrt nun endlich ein Stück deutscher Horrorfilmgeschichte aus der Versenkung zurück – wenn man denn gewillt ist, den Film auch als Horrorfilm zu begreifen.

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Ein Knüller

Eines von den vielen Dingen, die man von Woody Allen nicht erwartet hat, ist, dass er seinem Heimatland Amerika und besonders seiner Stadt New York einmal den Rücken kehren würde, um einen Film im Ausland zu produzieren. Genau dies hat er bei „Match Point“ (2005) bereits getan und es in seinem neuen Film „Scoop“ noch einmal wiederholt. Beide Filme spielen in England, genauer: in Lodon. Letzterer wartet aber noch mit einer weiteren Novität auf: Ein Sujet, dass man wohl ebenfalls nie zu denen des Komikers gerechnet hätte, wäre der Serienmord. „Scoop“ ist jedoch ein Serienmörderfilm, ein Londoner Serienmörderfilm und steht damit auch in einer gewissen Tradition. „Ein Knüller“ weiterlesen

Sehen und gesehen werden

Zombies sind einfach nicht tot zu kriegen. So sehr man auch versucht sie loszuwerden, so hartnäckig kehren die Untoten immer wieder aus der Versenkung zurück, um sich am Fleisch unbescholtener Bürger schadlos zu halten. Die Bedrohung ist dabei stets eine innere und zugleich äußere, denn was die Zombies zu Zombies werden lässt, ist – so die plotlogische Erklärung – in aller Regel die Infektion durch ein Virus. „Sehen und gesehen werden“ weiterlesen

Die Nacht vor dem goldenen Schuss

Eine Bombe. Auf den Rücken geschnallt und direkt ins Zentrum gebracht – um der Erleuchtung Willen. Das klingt nach einem Selbstmordattentat und genau darum geht es in Danny Boyles spektalurärem Film Sunshine auch. Nur, dass der Anschlag nicht in den Widerstandsregionen des Weltinnenraums stattfindet, sondern tief im Orbit. Erzählt wird von einem gigantischen Angriff auf die Sonne. Acht Astronauten befinden sich auf dem Weg zu unserem planetarischen Zentralgestirn, um dort einen atomaren Sprengkörper von ungeheurer Zerstörungskraft abzusetzen. Ziel der Aktion ist ein kühner Schöpfungsakt, die Erzeugung einer solaren Supernova. Aus der altersschwachen, kurz vor dem Verglühen stehenden Sonne, soll ein neuer Luxstern geboren und so die Erde vor dem Untergang im ewigen Nachtdunkel bewahrt werden. Und: die Uhr tickt, denn die Mission ist der letzte mögliche Versuch.

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Die Hunde beißen die Letzten

Während der von den Helden eroberte und unter Kontrolle gebrachte Zug unaufhaltsam auf den Zielort zurollt, macht sich von diesem ein einsamer Streiter auf, um das Dampfross abzufangen: Der Bahnhof, in den der Zug sicher einrollen soll, wurde nämlich unerwartet von den Schurken überfallen, die die Ankunft der Helden nun mit dem Gewehr im Anschlag erwarten. An Bord des Zuges finden indessen die letzten vereinzelten Gefechte statt, ausgetragen in der Hoffnung, siegreich und vor allem lebend aus der ganzen Sache rauszukommen …

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Ich ist zwei andere

Die dissizioative Persönlichkeitsspaltung ist ein Topos des Thriller-Kinos, der in den vergangenen Jahren immer beliebter wurde. Nicht nur lassen sich mit der Hilfe dieses Krankheitsbildes besonders beunruhigende Plots und Wendungen konstruieren, auch scheint die Teilung einer Figur in mehrere andere ein besonders filmaffines Gestaltungsmittel zu sein, mit dem sich eine Brücke zwischen Figuren, Plot und Zuschauern schlagen lässt. Im koreanischen Kino ist diese Form der Film-Erfahrung besonders eindrücklich in Kim Ji-woons „A Tale of Two Sisters“ (2004) inszeniert worden. Der Film „Spider Forest“, seines Landsmannes Song Il-gon nutzt das Motiv nun für eine ebenso beunruhigende, jedoch weniger auf den Horror, denn auf eine moralische Frage abzielende Geschichte.
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Auf der Suche nach der verlorenen Aura

Am Beginn von Werner Herzogs Werk steht einerseits die Perfektion und in ihr bereits der große Mangel. Neben den Kraftmeier und Körperbauer tritt der hochfahrende Selbstzerstörer. Weiters treten auf, die mythologischen Figuren Sisyphos und Ikarus, filmisch rekonfiguriert in Herakles (1962) und nahezu 40 Jahre später wieder aufgegriffen in Wings of Hope (dt.: Julianes Sturz in den Dschungel, 1999). In der Zwischenzeit vollzieht sich im Schaffen des Münchner Filmemachers eine künstlerische Entwicklung, der eine dezidierte Ethik innewohnt, welche ich die Ethik der Aura nennen möchte. Wesentlich ist ihr ein Ge- und Verborgen-Sein, das im Staunen über das Einzigartige der Erfahrung, der Erhabenheit eines numinosen Moments ins Offene drängt. Herzog sucht diesen Momenten, obschon ganz offensichtlich mit der Kamera, vielmehr noch mit seiner ganzen Physis, seinem Körper, ja, mit dem immensen Lebendgewicht seiner kinematografischen Biografie Gestalt zu geben. So soll die unnachgiebige Gewalt seines Blicks Unsichtbares in Erscheinung treten lassen.

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Die Interessen Grisus können unmöglich die Interessen sein, die Sir Cedric hat.

1977 reüssierte im deutschen Fernsehen die zwei Jahre zuvor in Italien entstandene Zeichentrickserie um den kleinen Drachen Grisu. Grisu lebt im Schottland im Drachental zusammen mit seinem Vater Fume. Der kleine Drache ist von dem Wunsch beseelt, Freuerwehrmann zu werden. Damit stößt er einerseits auf das Unverständnis seines Vaters, der es als die traditionsgemäße Pflicht der Drachen ansieht, Feuer zu entfachen anstatt es zu löschen. Auf der anderen Seite handelt er damit den Interessen des Grafen Sir Cedric McDragon zuwider, unter dessen feudaler Obhut das Drachental steht und der deshalb entscheiden kann, ob Grisu Feuerwehrmann werden darf oder nicht. Die Serie, die seit den 1970er Jahren häufig im deutschen Fernsehen wiederholt wurde, ist nun in einer limitierten 4er-DVD-Box erschienen.

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Filmfest München 2007: Scheitern jenseits des Dschungels

Es fehlt ein wenig das, was Herzogs Werk so ausmacht: Das Hauptmotiv ist natürlich da, das Auflehnen eines Menschen gegen übermächtige Natur und/oder Umwelt. Aber das triumphale Scheitern, das fehlt. Zumindest auf den ersten Blick. Erst im Kontext mit „Little Dieter needs to fly“, dem anderen Dieter-Dengler-Film, zeigt sich, was „Rescue Dawn“ dann doch zu einem typischen Herzog-Film macht.

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Filmfest München 2007: „Half Nelson“

Es ist ein Film mit so vielen Enden, und keines davon wäre unangemessen: Da gibt es zuerst den Protagonisten, High School-Lehrer Daniel Dunne (großartig: Ryan Gosling), bei seinen Eltern. Er ist irgendwie am Boden zerstört bei diesem kleinen Familientreffen, bekommt seine Drogensucht nicht in den Griff, unausgesprochen. Ob die Eltern überhaupt davon wissen, könnte man sich fragen, bis Daniel mal wieder sein unvollendetes Buch erwähnt, gegenüber der Freundin seines Bruders: „It’s about change“, sagt er, und sein Vater fällt ihm – angetrunken – ins Word. „Yeah, Dan, what is change?“, Schweigen die Folge, und eine Versöhnung. Ein wenig Aufwind eben, der Abspann kann kommen.

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