Etwas hin und her gerissen ist man zunächst: Da versucht also einer, Chris Marker (nahezu im Alleingang), auf Teufel komm raus die melancholischen, oft tristen, dennoch aber immer eigentümlich schönen Bilderwelten der Filme Tarkowskijs mittels Parallelmontage und erklärender Tonspur als, gewissermaßen, ikonographische Vorwegnahme auf der Leinwand seiner, Tarkowskijs, letzten Lebenstage zu zeichnen. „Ein Tag im Leben des Andrej Arsenewitsch“ weiterlesen
Who killed the TV Star?
Der etwas bodenständigere Zwilling zu George Clooneys Regiedebut: auch hier ein TV-Star, den die Geltungssucht in die Medien treibt, den vor allem aber die Libido umtreibt, auch hier ein retro-chices Ästhetikdestillat der 60er und 70er. Allein, in Auto Focus geht's ein wenig ernsthafter zu als beim "The Showbiz Must Go On"-Kollegen. Bob Crane steht hier im Mittelpunkt, den man hierzulande wohl vor allem als Hogan aus Ein Käfig voller Helden, dieser bisweilen recht witzigen Klamotte im Nazi-Gefangenenlager, kennt, und wie er – Schrader bleibt sich treu – einsam in der Masse ist, mit den Konventionen seiner Zeit nicht umzugehen weiß, an diesen zusehends zu ersticken droht. Am Ende ist er tot: ermordet, 1978, der Schuldige wurde nie gefasst.
„Who killed the TV Star?“ weiterlesen
Otésanek
Adaption des gleichnamigen, über die tschechischen Landesgrenzen hinaus kaum bekannten Märchens mit Witz: Verlegt in unsere Neuzeit, entblättert sich nicht nur die Erzählung des Märchens, nein, ein den Verlauf des Geschehens beobachtendes Mädchen wird sich dessen gewahr – es kennt das Märchen aus dem Buch! – und versucht das drohende Ende zu verhindern. Dass das nicht klappt, ist schon allein Svankmajers Vorliebe für die Verquickung des Organischen mit dem Mechanischen geschuldet: Das Organische wird gleichsam mechanisch, das Fleischliche ist stets im fremdbestimmten Fluss, der Vorgang gleich welcher Art ist nur als automatisiert verstehbar.
„Otésanek“ weiterlesen
Ihr könnt uns nicht entkommen!
Groundhopper nennen sich Fußballfans, die rund um den Erdball reisen, um möglichst viele Spiele in fremden Arenen zu sehen. Kein Weg ist ihnen zu weit, und keine Kosten werden gescheut. Dafür ernten sie Respekt bei Gleichgesinnten und Kopfschütteln im sonstigen Bekanntenkreis. Zora, Silvia, Stefan, Katrin und Co. stehen auch immer in der ersten Reihe, wenn ihre Helden aufspielen. Notfalls geht es sogar bis nach Tokio, all das gehört zum Fan-Dasein. Doch sind sie keine Fußballfans, hier soll es um die größten Fans der selbst ernannten „besten Band der Welt“ gehen: Die Ärzte – bekanntlich aus Berlin.
„Ihr könnt uns nicht entkommen!“ weiterlesen
What Time is it there?
Liebestrunken sitzt Hsiao-Kang in Taipeh/Taiwan nachts vor dem Fernsehschirm, schaut sich sehnsüchtig Truffauts 400 COUPS (F 1959) an, denn seine Liebste, Shiang-Chyi, lediglich eine Projektionsfläche, weilt in Paris, wo sie, wie wir wenig später sehen werden, etwa zum gleichen Zeitpunkt auf einer Parkbank sitzt, neben sich – Nanu! – Jean-Pierre Léaud. Hektisch kramt sie in ihrer Tasche, sucht, wie sie Léaud auf dessen Frage nebenbei antwortet, nach einer Telefonnummer, nach Hsiao-Kangs Nummer, wie wir wissen, auch er fungiert als Projektionsfläche. Ganz französischer Charmant kritzelt Léaud die eigene Nummer auf einen Zettel, reicht ihr diesen mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, stellt sich als „Jean-Pierre“ vor und meint, da habe sie nun eine – seine – Telefonnummer. Mal ganz ehrlich, muss man einen Film nicht alleine schon für diese Szene, diese Idee lieben?
„What Time is it there?“ weiterlesen
Gangs of Rio de Janeiro
Schwarze Leinwand, wirbelnde Rhythmen, – Schnitt –, ein Messer zerschneidet das Dunkel, sogleich wieder von der Schwärze verschlungen, – da! – wieder! Es wird gewetzt, in der Detailaufnahme, geschärft wie unser Blick, dieser muss sich zurecht finden in der schnellen Monatge, im schnellen Bildersturm des Films – mitten in der Vendetta! Oder etwa doch nicht? Das Messer wird gewetzt – soviel ist sicher, das haben wir gesehen -, nicht aber um Menschenkehlen zu schlitzen, nein, ein Huhn soll dran glauben! Ein ausgelassenes Fest! Singende Menschen, fröhliche Menschen, keine Vendetta, nirgends. Oder etwa doch nicht? Das Huhn flieht, konsterniert ob des Schicksals, es wird gejagt, Schusswaffen werden wie beiläufig den Bildkader getragen. „Holt das beschissene Huhn zurück! Knallt es ab!“ Dann plötzlich die Gewalt, Menschen werden umgerannt, die zuvor Lachenden, ganz schön aggressive Schweine sind das. CITY OF GOD spielt im wesentlichen mit den zwei Wahrnehmungsebenen eines Bildes: dem Bildinhalt als solchen und dem Kontext, in dem dieser formuliert wird. Was hier, in wenigen Sekunden, mittels hektischer Einstellungen und Schnitte kommuniziert wird, ist nichts weniger als das strukturelle Konzept des Filmes: Das Spiel mit dem scheinbar eindeutigen Bild und seiner nicht ganz so eindeutigen Aussage. Wir befinden uns auch gar nicht am Anfang der Erzählung, stehen vielmehr am Anfang vom Ende des Films, sehen die bis an die Zähne bewaffneten Menschen vor uns noch mit unschuldigem Blick, wissen nicht um ihre Geschichte. Dann also der Sprung um 10 Jahre zurück, ins Jahr 1968, an den Beginn des Ganzen. Wie entwickelten sich die Fronten, deren Zeuge wir gerade wurden? Füllen wir die Menschenhülsen auf der Leinwand mit Biographie, ergänzen wir den Bildersturm um Kontext!
„Gangs of Rio de Janeiro“ weiterlesen
Ganz Zion tanzt den Lipsischritt
Das mittlere Kind, so heißt es, genießt am wenigsten von der elterlichen Zuwendung. Während das älteste und mittlerweile fast erwachsene Kind die Hoffnungen, die man in es gesetzt hat, schon sichtbar erfüllt (wer weiß: wäre es ein Versager geworden, hätte man vielleicht keine weiteren geplant) und das jüngste, vielleicht noch nicht geborene aber schon geplante, neues Elternglück verheißt, wird das Kind in der Mitte zu dem, mit dem sich keine großen Hoffnungen verbinden. Es ist einfach nur da – um eine Brücke zwischen dem Erstgeborenen und dem Nesthäkchen zu bilden. Was so als elterliches Selbstverständnis wohl allenfalls ein Vorurteil ist, scheit für Filmtrilogien nicht selten zuzutreffen. In Matrix Reloaded zeigen sich viele Probleme des mittleren Kindes.
„Ganz Zion tanzt den Lipsischritt“ weiterlesen
Vorhof zum Paradies
Um nichts geringeres als um den schönsten Moment des Lebens geht es, bzw. um die Auswahl desselben. Drei Tage lang hat man nach dem Tod für diese schwierige Aufgabe Zeit, doch wird man damit zum Glück nicht alleine gelassen. Gänzlich unspektakulär tritt man durch eine Pforte, die die Lebenden von den Toten trennt, verweilt eine Woche lang in einer Art Schulgebäude, bekommt dort einen persönlichen Berater zur Seite gestellt und beginnt, sein Leben in besagter Spanne Revue passieren zu lassen, jenen Moment zu destillieren. Den Rest der Woche schließlich beschäftigen sich jene Berater mit dem erörtertem Stoff, besorgen Requisiten, konzipieren eine liebevoll improvisierte Inszenierung und drehen schließlich, am Ende des Turnus, einen Film aus dieser Erinnerung. Den bekommen die zwischen den Daseinsebenen Verweilenden dann im Kino gezeigt, werden schließlich endgültig ins Jenseits entlassen, wo allein jener Film gewordene Moment größten Glücks in einer Art Loop ihr Bewusstsein erfüllen wird. Am nächsten Tag dann die nächsten Verstorbenen, eine neue Woche nimmt ihren Lauf.
„Vorhof zum Paradies“ weiterlesen
My Bonnie is over the Ocean!
Remake des, zumindest international, gleichnamigen Films von Lina Wertmüller aus dem Jahr 1974: Tony (Bruce Greenwood), ein überaus reicher Funktionär der Chemiebranche, mietet für sich und seine nicht minder wohlhabenden Freunde aus den USA einen zur Yacht umfunktionierten Kutter für einen Urlaub auf dem Mittelmeer. Seine Gattin Amber (Madonna) ist dabei ganz besonders zickig und großkotzig, macht vor allem dem jungen Matrosen Giuseppe (Adriano Giannini, in der Rolle seines Vaters aus dem Original) die Arbeit auf dem Schiff zur Hölle. Wie das Drehbuch es so will, stranden beide nach einem vermeidbaren, durch Ambers bornierter Dummheit aber geradezu provozierten Zwischenfall auf einer einsamen Insel. Dort wird der Spieß genüsslich umgedreht: Vollkommen von Giuseppes Know-How, in der Wildnis zu überleben, abhängig, erduldet Amber so manche Lektion in Sachen Demut. Selbstverständlich aber – wer hätte nach unzähligen, teils äußerst groben Erniedrigungen und einer Nahezu-Vergewaltigung daran auch Zweifel – verliebt sich Amber in Giuseppe und umgekehrt. Das vormoderne Paradies auf Erden scheint nunmehr entdeckt, man liegt am Strand, aalt sich in der Sonne, vögelt durch die Wildnis, sagt sich liebe Worte und ist im wesentlichen ganz und gar bei sich. Als ein Schiff in der Bucht auftaucht, schlägt Amber das Versteck vor, doch Giuseppe besteht auf den wahren Beweis ihrer Liebe: Beruht ihr gemeinsames Glück nur auf den Bedingungen der besonderen Situation oder haben beide auch in Ambers Welt eine Chance auf die große Liebe?
„My Bonnie is over the Ocean!“ weiterlesen
About Schmidt
About Schmidt macht unumwunden Spaß, soviel ist sicher, und Nicholson fährt alle Register seines Könnens auf, legt eine one-man-show hin, die einmal mehr seinen Ruf als einen der größten Schauspieler unserer Zeit zementieren und ihm unter Umständen sogar den 4. Oscar seines Lebens einbringen wird. Schön, dass nicht alle Ikonen der Zunft, im Gegensatz zu Robert de Niro etwa, ihre Reputationen im fortgeschrittenen Alter zusehends verspielen.
„About Schmidt“ weiterlesen
… und die Hölle auf Erden
Es gibt Menschen, die halten Filme von Douglas Sirk für seichte, schwülstige Melodramen, für Heulkino der übelsten Sorte. In seinem 1955 entstandenen Film „All That Heaven Allows“ (mit Jane Wyman und Rock Hudson in den Hauptrollen) erzählte Sirk die Geschichte der reichen Witwe Scott, die sich in einen viel jüngeren Mann verliebt, einen Gärtner. Nachbarn, Freunde, Bekannte, ihre ganze soziale Umgebung reagiert mit Aggression, Intrige, Druck. Sirk thematisierte in diesem Film, wie Verhalten, das nicht in die sozialen Normbereiche integriert ist, mit aller Gewalt bestraft wird. Vor allem aber tauchte Sirk seine Filme in Emotion. Das heißt, er ließ die Emotionen und die damit verbundenen Handlungen seiner Figuren die Szene beherrschen. Ein Melodrama der besonderen Art war geboren oder vielleicht nur weiterentwickelt.
„… und die Hölle auf Erden“ weiterlesen
Steven Soderbergh und seine Filme
Stefan Rogall (Hrsg.): Steven Soderbergh und seine Filme, Marburg: Schüren 2003
Längst schon ist die „Gelbe Reihe“ aus dem Marburger Schüren Verlag so obligatorischer Bestandteil wie liebgewonnene Tradition der hiesigen Filmbuchpublizistik. Bereits seit geraumer Zeit erscheinen in diesem Rahmen Monografien und Aufsatzsammlungen mit populärwissenschaftlichem Anspruch über mit Bedacht ausgewählte Regisseure. Eine Grundproblematik der Reihe offenbart indes schon der konzeptbedingt stets gleich strukturierte Titel: Der Filmemacher und seine Filme. Die Spiegelung des Werks in der Person des Autors also oder umgekehrt, ein Portrait gar des Künstlers an sich, nachgezeichnet anhand seiner Filme. Eine filmwissenschaftlich gewiss nicht unumstrittene Arbeitsweise, die den Balanceakt sucht, in vorangegangenen Beispielen sogar nicht selten gelungen vollzog.
„Steven Soderbergh und seine Filme“ weiterlesen
The Legend Of Gingko
Der Name deutet es bereits an, episch soll es in THE LEGEND OF GINGKO zugehen, episch und, wie wir gleich im Vorspann erfahren, nationalmythisch. Von zwei Völkern ist dort die Rede, den Hawks und den Volcanos, deren Schicksale im völkisch-historischen Sinne vom Gott eines heiligen Berges gelenkt werden. Hierbei haben die Hawks, ein elend böse gezeichnetes Grüppchen, als vom eigenen Land und Boden Vertriebene klar den kürzeren gezogen, wohingegen es sich die Volcanos, ganz klar auch die Sympathieträger des Films, ganz heimelig einrichten durften. Doch noch besteht Hoffnung für die Hawks, spricht doch die Prophezeiung davon, dass der Fluch, der über ihnen liegt, gebrochen werden kann. Und zwar dann, wenn – Samenraub ist auch in archaischen Zeiten groß in Mode – dem König der Volcanos von der Königin der Hawks ein Kind abgerungen werden kann und dieses während einer Mondfinsternis im Tempel der Hawks geopfert wird. Dann springe die Seele des Kindes auf das „Schwert des Himmels“ über, mit welchem nicht nur der Gott des heiligen Berges besiegt, sondern auch der Fluch gebannt und zusätzlich die Volcanos auch noch ausgelöscht werden können. Ganz so glatt geht das natürlich nicht über die Bühne, denn der Säugling, die kleine Vee, wird während des Zeremoniells in letzter Sekunde von ihrem Vater gerettet und in einem Dorf vorm Zugriff der Hawks versteckt. Jahre später, Vee ist mittlerweile zu einer jungen Frau heranwachsen, geben die Hawks natürlich noch immer keine Ruhe: eine neue Mondfinsternis naht, die Klauen werden erneut ausgestreckt. Dass sich gleich zwei der jungen Volcanokämpfer in Vee verlieben, dass Vee zudem durch einen selbstgewählten Opfertod die Volcanos retten könnte, macht die Sache zunehmend verstrickter – das Schicksal der beiden Völker lässt sich nur im Schicksal der Liebenden fortschreiben.
„The Legend Of Gingko“ weiterlesen
Endlich!
Welch eine bewegte Geschichte: bereits in den Sechzigern geplant, immer wieder verschoben, von Produzenten verworfen, weiter und weiter konzipiert, immer wieder angekündigt, stets präsent, bis endlich – endlich! – in den späten Achtzigern in Italien unter äußerst zweifelhaften Produktionsbedingungen die erste Klappe fallen konnte. Ein Kind, geboren aus Leidenschaft und totaler Hingabe. Kinskis persönlichster Film, sein Vermächtnis, den eigenen Tod vorausahnend, an die eigene Biographie angelehnt, diese dennoch mythisierend, all das und darüber hinaus ein Stück europäischer Filmgeschichte. Entstehen konnte der Film, dessen war sich Kinski sicher, nur in Italien, jene Filmnation mit einer ganz eigenen Affinität zum Film und dessen Schaffungsprozess. Und in der Tat: der Film wirkt wie das in einem einzelnen Produkt kulminierte europäische Kino der 60er bis 80er Jahre: klassischer Autorenfilm, der Trash-Appeal der goldenen Ära der Co-Produktionen von Franco über Wendtland hin zu Joe D’Amato, Softpornographie, manische Kunst, all das in einem vereint. Ein Abgesang gewissermaßen – dass er Venedig, irgendwie immer auch Sinnbild des alten Europas, wie kaum ein zweiter Film in Szene setzt passt da nur zu gut.
Ein Film, der in sich solch bewegte Geschichte vereint, hat es eigentlich kaum noch nötig, eine eigene zu erzählen. Warum auch, wofür? Alles an diesem Film ist bereits Legende, bedient sich klassischer Stoffe, verhandelt Mythen neu. Paganini, Kinski, die europäische Kino-Tradition, Venedig, Musik als Aphrodisiakum, der Künstler gegen die Wächter der Moral, der Künstler, der sich selbst für seine Passion zugrunde richtet – eine Ausformulierung ist nicht nötig, es reicht das Zitat, die Andeutung, das Zeichen. Auf was es ankommt, ist das Verschmelzen dieser Zeichen und nicht deren kohärente Einbettung in ein narratives Ganzes. Klassisch erzählt wird wenig in diesem Film, er versteht sich eh als Akt der Selbstinszenierung der Zwitterpersönlichkeit Kinski-Paganini, die dem Film seinen Namen gab, als ausgeschmücktes Bild – ein Panorama mit Details, Bildnis einer Persönlichkeit im Widerstreit mit ihren eigen Lüsten, den Widrigkeiten und den Leidenschaften.
Nun ist der Film Jahre später nun auch endlich – endlich! – auch regulär in die Kinos gekommen, eine Auswertung auf VHS wurde ihm ebenfalls – einem passionierten Kinski-Anhänger sei Dank! – gegönnt. Die Fans und Anhänger Kinskis pilgerten zuhauf in die Kinos, kauften die Edition – ein Stück traurige Filmgeschichte wurde wieder gut gemacht. Obwohl ein kleiner Stich geblieben ist: die „versione originale“, wie Kinski seinen eigenen, persönlichen Cut zu nennen pflegte, galt als verschollen, unauffindbar, auf ewig verloren. Das, was in den Kinos zu sehen gewesen war, war lediglich die von den Produzenten entschärfte und umgeschnittene Fassung des Filmes. Besser als nichts, zugegeben, und auch in dieser Fassung wirkt KINSKI-PAGANINI noch immer als das opulente Gemälde, das es ist, noch immer lebt der Film von der ungeheuren Präsenz Kinskis, die in diesem Film wie in kaum einem zweiten zu spüren ist, doch der krönende Abschluss der langen Odyssee dieses Ausnahmefilms ist es (noch) nicht gewesen und sollte auch weiterhin auf sich warten lassen.
Doch vor kurzem war es dann soweit, eine kleine Sensation machte die Runde in der Filmwelt: In Kinskis umfangreichem Nachlass wurde doch in der Tat noch eine erhaltene Arbeitskopie der „versione originale“ gefunden, komplett geschnitten und mit Ton unterlegt – ein Schatz der Filmgeschichte, der erfolgreich geborgen wurde. Eine Auswertung auf DVD, eh schon lange fällig, bot sich da nur noch dringender an. Jedoch scheint die Odyssee symptomatisch für diesen Film zu sein, interessierten sich doch immer wieder Labels für den Film, sprangen aber – oft wegen geringfügiger Kleinigkeiten wie Differenzen hinsichtlich der Covergestaltung – wieder ab. Mit spv hat sich nun ein noch unbeschriebenes Blatt in der Welt der DVD-Labels gefunden, welche der langen Reise dieses Films nun endlich – endlich! – ein würdiges Ende bereitete: seit 03. Februar liegt KINSKI-PAGANINI auf DVD vor. Ungeschnitten. Und in der „versione originale“. Wenige Wörter, sicherlich, doch erzählen sie viel von Passion und der Crux eines unvergleichlichen Künstlers.
Es ist ein schönes Set geworden, das kann man vorab festhalten. Neben dem lange schon herbeigesehnten Kinski-Cut befindet sich auf der ersten dieser zwei DVDs die reguläre Kinofassung – interessant, ja, danke auch, aber die kennt man schon, also weiter! Das augenscheinlichste an der „versione originale“ ist die geänderte syntaktische Struktur des Filmes – so beginnt der Film schon mit komplett anderen Sequenzen als die bisher bekannte Fassung und besticht auch im weiteren Verlauf durch eine andere Montage der einzelnen Elemente. Ferner ist sie um ca. 12 Minuten länger, ergänzt durch expliziteres Material, das Kinskis künstlerische Manie, seinen Willen, ein umfassendes Portrait seiner eigenen Dämonen, die ihn ritten, auf die Leinwand zu zaubern, noch drastischer und intensiver zu illustrieren weiß. Doch bei aller Freude, die die schlussendlich ermöglichte Verfügbarkeit dieser Schnittversion bereitet, muss auch gesagt werden, dass es sich hierbei um eine Auswertung einer Arbeitskopie handelt, die gewohnten Bild- und Tonstandards natürlich beileibe nicht das Wasser reichen kann. Da es sich aber vermutlich um die einzige Möglichkeit handelt, den Film überhaupt in der vom Schöpfer konzipierten Version zu sehen, sollte dieser Aspekt kaum eine Rolle spielen – der filmhistorische Gewinn übertüncht solch Kleinigkeiten mit Leichtigkeit. Schade nur, dass spv der „versione originale“ – aus welchen Gründen auch immer – keine deutsche Untertitelung gegönnt haben, wohingegen doch die Kinofassung – eine deutsche Synchronisation liegt nicht vor, eine nachträglich angefertigte wurde uns zum Glück ebenfalls erspart – mit einer solchen aufwarten kann. Die altbekannte Version liegt indes in einer absolut befriedigenden Bild- und Tonqualität vor, wenn auch die Möglichkeiten einer DVD nicht vollends ausgereizt wurden.
Auch was die Extras angeht, werden die zahlreichen Anhänger Kinskis reich belohnt: mit „Gewaltig – Erinnerungen an Klaus Kinski“ bekommt man einen netten, anekdotenreichen Einblick in die Bedingungen der Produktion von KINSKI-PAGANINI, eine schöne Bildergalerie mit allerlei seltenen Aufnahmen und Erinnerungsstücken sowie den Original-Kinotrailer präsentiert. Auf der DVD der „versione originale“ befinden sich als Bonus knapp 50 Minuten Rohmaterial, welches zum Teil in keiner der beiden vorliegenden Versionen Verwendung fand oder umgeschnitten ist. Mit „Kinski dreht Paganini“ gibt es ferner eine Art Making Of, das seinen Namen im Gegensatz zu den meisten anderen Vertretern dieses Genres auch in der Tat verdient. So erhalten wir in knapp 50 Minuten vielfältige Eindrücke von den Dreharbeiten und erleben den Schaffungsprozess – unter anderem Kinski auch an der Kamera – dieses außergewöhnlichen Filmes mit. Auf einen altklugen Kommentar oder ergänzende Hinweise wurde verzichtet, die Bilder und Impressionen sprechen für sich und Kinskis Arbeitsweise am Set. Die legendäre, wenn auch sehr kurze Pressekonferenz in Cannes, in der Kinski das Gremium des Festivals wüst wegen deren Verweigerung, KINSKI-PAGANINI ins Festivalprogramm aufzunehmen, beschimpft, rundet die DVD gelungen ab.
Unterm Strich herrscht Begeisterung. Begeisterung für den Film, das sowieso, aber vor allem auch Begeisterung für diese filmgeschichtlich ungemein wichtige Edition der „versione originale“, die nun endlich – ich wiederhole mich ja nur ungern, aber dennoch: endlich! – ihren Weg in die weite Welt gefunden hat. Zum Glück waren Freunde des Kinski’schen Schaffens am Werk, so dass man mit dieser Edition eine im Gesamtbild vollkommen zu überzeugen wissende im heimischen Regal unterbringen darf. „Was mich interessiert ist, daß das Kinopublikum meinen Film sieht. Der Kampf um den Verleih meines Filmes wird nicht eher enden, als bis die ganze Welt Kinski Paganini sehen kann.“, schrieb Klaus einst im 3. Teil seiner Autobiographie „Kinski-Paganini“. Wenn es einen Himmel gibt, dann lächelt Klaus gerade. Es sei ihm gegönnt.
Kinski Paganini
Italien, 1988
Regie, Drehbuch, Schnitt: Klaus Kinski
Kamera: Pier Luigi Santi
Darsteller: Klaus Kinski, Nicolai Kinski, Debora Kinski,
Dalila Di Lazzaro, Tosca D’Aguino, Eva Grimaldi, u.v.a.
Bella Martha
Na, diesen Film, der aus der Fülle ähnlicher nett daher kommender Fernsehfilme nicht besonders hervorsteche, hätte man auch unter vielen im ZDF-Samstagsabendprogramm zeigen können, war damals in der örtlichen Presse zu lesen. Harmloses Geschichtchen mit ein bisschen Pasta? Sehenswert ist der Film allein schon wegen Martina Gedeck. Und was ist eigentlich gegen gute Samstagsabend-Fernsehunterhaltung zu sagen?
„Bella Martha“ weiterlesen
Reise nach Kandahar
Regisseur Makhmalbaf musste sich bei der Vorstellung seines Films bei den Festspielen in Cannes im Mai 2001 noch fragen lassen, warum er ein so unwichtiges Thema wie Afghanistan für seinen neuen Film gewählt habe. Nach dem 11. September war das Land in aller Munde, und heute? Sicher findet man in der Presse und den Medien immer noch Meldungen, Berichte und Artikel zu Afghanistan. Aber sobald eine irgendwie geartete Friedensregelung für das Land greifen sollte …
„Reise nach Kandahar“ weiterlesen
Nirgendwo in Afrika
Die Bilder dieses Films von Caroline Link erinnern wirklich oft an das 1985 gedrehte »Jenseits von Afrika« mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus-Maria Brandauer. Doch Caroline Link erzählt in eindrücklichen Bildern eine ganz andere Geschichte, und die auf dem Roman von Stefanie Zweig basierende Erzählung hat es ebenso in sich wie die Inszenierung.
„Nirgendwo in Afrika“ weiterlesen
My Big Fat Greek Wedding
Romantische Komödien sind vertrackte Angelegenheiten – jedenfalls wenn sie aus der sehr eigenen, extraordinären Welt der Studios von Hollywood kommen. Da mühen sich Julia Roberts, Sandra Bullock und viele andere ab, und wir sind begeistert, gerührt, manchmal zutiefst enttäuscht. Zuletzt sorgte Reese Witherspoon in SWEET HOME ALABAMA (USA 2002) für die Aufrechterhaltung der ewigen Legende von der ewigen Romanze und trotz aller Zweifel, allen Realitätssinns, der uns danach beschleicht, bleibt doch der nicht unter zu kriegende Traum vom glänzenden Helden respektive der wunderschönen Heldin in unseren Herzen bestehen (Ende der Schwärmerei).
„My Big Fat Greek Wedding“ weiterlesen
„Der Inhalt eines Filmes ist ein anderer Film“
Die Geschichte, eine oft erzählte: Ein junges, etwas naives Mädchen vom Lande zieht es hinaus in die Welt, nach Hollywood um genau zu sein, wo sie den süßen Versprechungen gemäß ein großer Star werden möchte. Der Einstieg ist schnell gefunden, doch bald – nach einigen schlechten Engagements, die sie von einem zweifelhaften Film zum nächsten bringen – muss sie sich eingestehen, dass Hollywood eben nicht jene glitzernde Traumfabrik ist, sondern ein Moloch aus geldgeilen Regisseuren, schlechten Agenten und Intrigen. Ein Moloch, in dem die Unterschrift unter einem Vertrag beinahe schon mit dem Verkauf der eigenen Seele, zumindest aber mit einem Verzicht auf elementare Menschenrechte und die eigene Würde, gleichzusetzen ist.
„„Der Inhalt eines Filmes ist ein anderer Film““ weiterlesen
Hurra, Hurra – Die Schule Brennt …
Der Trashfilm unterliegt ganz eigenen Regeln und Konventionen. Ein kohärenter Plot, gut gezeichnete Charaktere und das versierte Einbeziehen filmischer Mittel zur Entwicklung der Erzählung gehören sicherlich nicht dazu. Trashfilme sind, vor allem im klassischen Exploitationkino, in der Regel durch und durch kommerzialisierte, schnell runtergekurbelte Filme mit geringem Budget, die streng auf einen ganz speziellen Markt – deswegen ja auch „Exploitation“ – zugeschnitten sind und normalerweise erst an 2. Stelle, wenn überhaupt, ein künstlerisches Projekt verfolgen. Von der hehren cineastischen Warte aus betrachtet wohl nichts als reine Zeitverschwendung, doch was interessiert den Filmfreund schon ein Elfenbeinturm, der sich eh nur durch reine Befindlichkeiten legitimieren lässt!
„Hurra, Hurra – Die Schule Brennt …“ weiterlesen

