Luzi Kryn ist eine alleinstehende Frau im fünften Lebensjahrzehnt. Ihre Alltagsprobleme kreisen um den Grabschmuck ihrer Mutter und Fragen innenarchitektonischer Geschmacks. Dieses mit Fug und Recht als „gut-bürgerliche“ zu bezeichnende Leben ändert sich schlagartig, als sie den zwanzig Jahre jüngeren Dietmar Kracht kennen und lieben lernt. Dietmar ist Luzi in der Exzentrität seines Auftretens recht ähnlich, unterscheidet sich jedoch von ihr vor allem durch seine Vergangenheit, in der er Kontakt zu „leichten Mädchen und schweren Jungs“ hatte. Das letzere immer noch eine Rechnung mit ihm zu begleichen haben, hindert ihn nicht daran, mit Luzi in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen und sein Leben ebenfalls auf ein bürgerliche Fundament zu stellen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Die Vergangenheit holt ihn ein und nachdem Luzi von Gaunern entführt wird, greift Dietmar zur Gewalt um sie zu befreien und seinem biografischen Ballast entgültig über Bord zu werfen.
„Die Bettwurst“ weiterlesen
Picking up the Pieces
Zugegeben: Der Humor, der aus heutiger Perspektive die „typischen“ 80er Jahre-Filme kennzeichnet, ist nicht jedermanns Sache: albernes Wörtlichnehmen von Redewendungen, zotiges Entblößen von Körperteilen oder aufdringliche Running Gags … Das zeichnet etliche Filme jener Epoche aus. Im Horrorfilm ging es jedoch zumeist bierernst zu. Lächerlichkeit war dort den Parodien vorbehalten. Und zu solch einer zählt wohl auch der 1991 erschienene Picking up the Pieces (auch bekannt unter dem Titel: Bloodsucking Pharaos from Pittsburgh), der in Anlehnung an den Klassiker Blood Feast (1963) alle Arten von Mystic-Cult-Horror auf den Arm nimmt. „Picking up the Pieces“ weiterlesen
Elephant
Ein schlichter Film eigentlich, in ihm geschehen die Dinge beiläufig. Hier hat (auf den ersten Blick) jedes Ereignis einen ähnlichen Rang und die gleiche Aufmerksamkeit verdient: das Gehen durch die Schule ebenso wie ein Gespräch unter Freunden, oder am Ende des Films jeder einzelne Schuss. „Elephant“ weiterlesen
Jesus lebt!
Nicht wenige Kommissare ermitteln sich von Fall zu Fall durch die Filmgeschichte, darunter auch und vor allem Franzosen: Von Claude Chabrols Inspektor Lavardin bis Blake Edwards Jacques Clouseau. Und ihnen gesellt sich nun offenbar ein weiterer hinzu: Commissaire Pierre Niemans, gespielt von Jean Reno in Die purpurnen Flüsse 2 – Die Engel der Apokalypse. „Jesus lebt!“ weiterlesen
Dichtung und Wahrheit
Aus der Außenperspektive ist jede Biografie eine Dichtung: Sie lässt zur Raffung lang(weilig)e Passagen weg, verändert einzelne Begebenheiten zur Erzeugung von Kohärenz und kontrastiert die wichtigen Momente gegenüber den unwichtigeren durch stilistische Mittel. Verzeihlich ist dies, wenn es nicht des Biografen eigenes Leben ist, das so beschrieben wird. Unverzeihlich hingegen bei der Autobiografie, weil das dahinterstehende Prinzip mehr als (Lebens)Lüge, denn als Dichtung empfunden wird. Doch was, wenn diese Lügen nicht Mittel zum Zweck sind, sondern dem Leben durch das Erzählen Anekdoten erst Sinn verliehen wird? Tim Burtons neuer Film „Big Fish“ stellt genau diese Frage. „Dichtung und Wahrheit“ weiterlesen
Gurkensalat a la Card
Wenn Horrorfilmregisseure das Internet als Quelle oder Handlungsschauplatz des Bösen entdecken, wird es nicht selten heikel, weil der Horror zu oft auf einer diffusen Technologie-Angst basiert, die wiederum allzu häufig aus einem Unverständnis der neuen Technologien und deren Möglichkeiten beim Autor entsteht. Internet-Horrorfilme sind daher häufig reaktionär und technophob. Problematisch wird es, wenn hinzukommt, dass das Internet nur den Erzählvorwand für eine Geschichte bildet, die auch jederzeit anders hätte erzählt werden können, sich durch ihre technologische Grundierung jedoch den Anstrich des modernen verleihen möchte. Dario Argento zeigt in The Card Player wie so etwas geht: „Gurkensalat a la Card“ weiterlesen
Blaubeeren und Braunbären
Die filmische Adaption von Comics ist auch eine recht „dankbare“ Form der Übertragung des einen Mediums in ein anderes, weil der Sprung vom Comic-Bild zum Film nicht so groß zu sein scheint, wie von der Schrift. Heikel wird es allerdings, wenn die vorliegenden Comics das Grafische vor dem Narrativen betonen. Denn entgegen den „leicht übertragbaren“ Superhelden-Strips kann die Adaption eines Comics von Jean Giraud (alias Moebius) als solche ordentlich missraten, wenn versucht wird, die Bildsprache in Film zu übersetzen. Dies zeigt jüngst Jan Kounens Blueberry.
Wie interpretiert man einen Film?
So lautet der Titel der bei Reclam erschienenen Einführung in die Filminterpretation, und selbst der Laie mag sich wundern: Was hat ein Filmbuch in einer Reihe „Literaturwissen“ zu suchen? Ist hier vielleicht eine fast hundertjährige Diskussion verschlafen worden, die seinerzeit den Stellenwert des Massenkulturprodukts Film an der Würde der hehren Kunstgattung Literatur zu messen suchte? Wird hier auf eine Herkunft des Films aus der Literatur angespielt und das Problem rigoros als Prioritätenfrage beantwortet? Oder geht es um eine Verwechslung?
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Etwas durchgeben
Werner Herzogs Stroszek ist nur auf Grund eines gebrochenen Versprechens entstanden: Nachdem Herzog zusammen mit dem Laiendarsteller Bruno S. 1974 den Film Jeder für sich und Gott gegen alle – Kaspar Hauser inszeniert hatte, versprach der Regisseur dem Berliner Hinterhofmusiker noch einen weiteren Film, nämlich Woyzeck, mit ihm zu drehen. Als sich Herzog an die Planung zu Woyzeck heran machte, stellte er jedoch fest, dass dies keine Rolle für Bruno S. sei, sondern viel besser zu Klaus Kinski, mit dem er bereits bei Aguirre – Der Zorn Gottes (1971) zusammengearbeitet hatte, passte. Und so versprach Herzog Bruno S. am Telefon, dass er ein neues Drehbuch für einen ganz neuen Film für ihn schreiben würde – und das innerhalb einer Woche. Stroszek klingt deshalb nicht nur zufällig so ähnlich wie Woyzeck. „Etwas durchgeben“ weiterlesen
Die Nacht des Lebendigen weicht vor der Helligkeit des Todes
Der Körper des Verurteilten und der pathologische Körper
Leben wir in einer Gesellschaft, die den körperlichen Horror und das Spektakel ausschließt und gegen Disziplin und Überwachung eingetauscht hat? Der französische Philosoph Michel Foucault geht von einer solchen Verschiebung im Diskurs z. B. bei der Strafgewalt aus. Wie Steffen Hantke bemerkt, findet man eine der härtesten Horrorszenen nicht in einem Film des gegenwärtig boomenden Slashergenres (z. B. Scream, USA 1996), sondern auf den ersten Seiten von Foucaults Überwachen und Strafen: »Am 2. März 1757 war Damiens dazu verurteilt worden, vor dem Haupttor der Kirche von Paris öffentliche Abbitte zu tun«, wohin er »in einem Stützkarren gefahren werden sollte, nackt bis auf ein Hemd und eine brennende zwei Pfund schwere Wachsfackel in der Hand; auf dem Grève-Platz sollte er dann in Stürzkarren auf einem dort errichteten Gerüst an Brustwarzen, Armen, Oberschenkeln und Waden mit glühenden Zangen gezwickt werden; […]« (Foucault 1994, 9)
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Die Geburt des urbanen Grauens aus dem Musikfernsehen.
»Der Himmel über dem Hafen
hatte die Farbe eines Fernsehers,
der auf einen toten Kanal eingestellt ist.«
(William Gibson: Neuromancer)
»Ich will ihn schon die ganze Zeit davon überzeugen,
dass wir zusammen einen Zombiefilm machen.
Wenn Chris den drehen würde, wäre das der beste verdammte Zombiefilm ever.
Aber er macht sich zuviel Gedanken um sein Bild in der Öffentlichkeit
und will nicht so recht.«
(Aphex Twin)
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Naivität ist Täuschung
Im Zentrum des neuen Derrida-Films steht immer die Frage des »Wer oder Was«. Sowohl bei den Valenzen der Liebe als auch bei denen der Vergebung: Lieben wir jemanden oder lieben wir jemanden für etwas? Vergeben wir jemandem oder vergeben wir jemandem etwas? Diese Frage, die nach Subjekt oder Objekt, dominiert Derridas Überlegungen im Dokumentarfilm Derrida.
Opiumhöhle und ästhetisches Asyl
»I’m in the front row with popcorn.
I get to see you – close up.«
(Alanis Morrissette)
Der französische Philosoph Michel Foucault zählt das Kino, jenen „merkwürdigen, viereckigen Saal, in dessen Hintergrund man auf einem zweidimensionalen Schirm einen dreidimensionalen Raum sich projizieren sieht“ (2002:42, Übersetzung leicht abgeändert), zu den Heterotopien. Mit diesem Begriff bezeichnet er eine eigentümliche Klasse von Orten, die im sozialen Ordnungsgefüge, das auch und vor allem ein Gefüge von Räumen ist – Foucault spricht von „Plazierungen“ (ebd. 38) –, eine präzise Funktion wahrnehmen, diese Funktion aber zugleich transzendieren und damit unerwartete Effekte produzieren. Heterotopien haben mithin „die sonderbare Eigenschaft […], sich auf alle anderen Plazierungen zu beziehen, aber so, daß sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren“ (ebd.) Inwiefern der Kinosaal ein solcher Ort ist, wird bei Foucault nur angedacht. Die Heterotopologie, die Analyse der Heterotopien, wird von ihm nur mit groben Pinselstrichen skizziert. Ausgeführt hat er dieses Programm selbst nicht.
»The Retina of the mind’s Eye«
In seiner einhundertjährigen Geschichte haben der Film (1) und seine Autoren stets versucht, den Nimbus der bloßen Unterhaltungsware abzulegen. Eines der nachhaltigsten Ergebnisse dieser Bemühung war, dass nach dem zweiten Weltkrieg zwischen Unterhaltungs- und Kunstfilm unterschieden wurde. Die Theorien der „Neuen Wellen“ haben aber nicht „ausgegrenzt“, sondern den vormals als Unterhaltung per se diskreditierte Genrefilm ebenfalls vom Verdacht befreit, anspruchslos zu sein: Die Western John Fords oder die Thriller Alfred Hitchcocks sind zwei Beispiele von hochgradig reflektierendem Autoren-Genre-Kino. Hinter der Differenzierung von ernstem und Unterhaltungsfilm scheint ein besonderes Ansinnen zu stecken: Der Autorenfilm soll nicht allein gefallen, sondern Intention oder doch wenigstens Bedeutung transportieren, die dem Zuschauer dann auch jenseits der Kinomauern „nützt“.
Derrida/derrida
»Was über diesen Abschluss hinausreicht ist nichts:
weder Präsenz des Seins, noch der Sinn, noch die Geschichte,
noch die Präsenz; sondern Anderes, das keinen Namen hat,
das sich im Denken dieses Abschlusses ankündigt und hier unsere Schrift leitet.«
(Derrida, Grammatologie, S. 491)
»Schrecklich doch, o Phaidros,
hat doch die Schrift Ähnlichkeit mit der Malerei.«
(Platon, Phaidros, 275 d)
Wie der Vater so der Sohn
Der spanische Grusel-/Horrorfilm hat in den vergangenen Jahren ein ganz eigenes Gesicht bekommen. Fast so etwas wie eine narrative und visuelle Tradition hat sich heausgebildet. Daher sind sich Balaguerós The Nameless oder Amenábars The Others und jetzt Darkness in ihrer Handschrift recht ähnlich. Hauptmerkmal ist vor allem eine Rückbesinnung auf die Motive der Gothic Novel und eine recht originelle visuelle Präsentation des Unheimlichen. „Wie der Vater so der Sohn“ weiterlesen
Unterwegs zur Sprache
1974 befand sich Werner Herzog am Beginn seiner Karriere. Mit Aguirre – Der Zorn Gottes (1973) war ihm der Durchbruch als international gefeierter Autorenfilmer gelungen, der selbst unter größten Schwierigkeiten und Gefahren für Leib und Leben Filme drehen konnte – ja, musste, wenn man seinen Worten glauben möchte. Jeder für sich und Gott gegen alle – Kaspar Hauser hat ihn zurück nach Europa geführt, wo er eine Reihe „radikaler Heimatfilme“ inszenierte: Nach Kaspar Hauser folgten Herz aus Glas, Stroszek, Nosferatu und Woyzek. Bis auf Stroszek allesamt Stoffe die auch sehr von den europäischen Landschaften zehren. „Unterwegs zur Sprache“ weiterlesen
Der erotische Film
Es ist eine gewisse Freude, mitansehen zu dürfen, dass sich die ehemals „schmuddeligen“ Filmgenres Sexfilm, Pornofilm und Horrorfilm nun nach und nach in den Betrachtungen kulturwissenschaftlicher Seminare und Tagungen wiederfinden. Stellt sich doch ein Verständnis der Kultur nicht in den hohen Sphären künstlerischen Schaffens, sondern gerade „in der Trivialität“ (Engell) ein. Und so haben sich die Untersuchungen zum Erotik- und Pornofilm von den zuvor häufig ideologisch-feministischen Perspektiven abgewandt und stellen nun multiperspektivisch Fragen an das Genre. Doch an den Anfang der Auseinandersetzung mit der Interpretation sollte auch hier die Auseinandersetzung mit dem Film und seinen filmografischen Daten stehen, damit die empirische Basis der Untersuchung stimmt. Bei Königshausen und Neumann ist vor kurzem ein Sammelband zum „erotischen Film“ erschienen, der diese Notwendigkeit leider nicht immer ganz beherzigt.
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Der Nebel kommt immer wieder
Antonio Bay ist ein Fischerstädtchen an der kalifornischen Küste mit Kirche, Krämerladen und sogar einem eigenen Radiosender, der in einem alten Leuchtturm untergebracht ist. Doch wie so viele Kleinstädte im Horrorfilm wird auch die Idylle von Antonio Bay durch ein dunkles Geheimnis kontrastiert: Vor einhundert Jahren lockten sechs habgierige Strandpiraten durch ein falsches Leuchtfeuer ein ein mit Gold beladenes Schiff in die Klippen. Die Mannschaft ertrank und das Gold wurde ich der Kirche des noch jungen Ortes versteckt. Kurz vor der 100-Jahr-Feier passieren seltsame Dinge in Antonio Bay. Wie von Geisterhand bewegen sich Gegenstände und Möbel, Autos beginnen zu hupen, obwohl niemand darin sitzt und ein Fischkutter gerät in einen plötzlich aufziehenden Nebel und kehrt nicht mehr zurück in den Hafen. Als man das Schiff am nächsten Tag vor der Küste treibend findet, sind fast alle Seeleute davon spurlos verschwunden – nur eine Leiche, die aussieht, als hätte sie bereits Jahre lang unter Wasser gelegen gibt Rätsel auf. Doch diese Rätsel zu lösen bleibt keine Zeit. Denn der Nebel, der das Schiff verschlungen hatte, bewegt sich nun auf Antonio Bay zu. In ihm sind die Geister des vor hundert Jahren versenkten Schiffes und sie fordern ihr Gold zurück … und Rache. „Der Nebel kommt immer wieder“ weiterlesen
Sieh, was von der Welt noch übrig ist …
Das Zombiefilm-Genre ist ein dankbares Feld, um die eigenen filmerischen Fähigkeiten zu erproben. Zu den ersten deutschen Horror-Undergroundproduktionen gehörten Zombiefilme wie „Zombie 90 – Extreme Pestilence“ , mit dem Andreas Schnaas 1990 debütierte. Die stillschweigende Überinkunft der Horrorfilmfans, die selbst zur Kamera greifen, scheint es seither zu sein, dass das Schaffen mit einem Film über Untote eingeweiht werden muss. Nun hat Jens Wolf mit „Noctem“ ebenfalls das Parkett betreten. „Sieh, was von der Welt noch übrig ist …“ weiterlesen

