»Dieses mal heißt er Andreas Winkelmann.«

Zwischen 1968 und 1969 entstehen vier Filme aus der Feder Ingmar Bergmans, in denen er das Verhältnis von Erzählung und Darstellung aufeinander bezieht. „Die Stunde des Wolfs“ (1968), „Schande“ (1968), „Ritus“ (1969) und schließlich „Passion“ (1969) erzählen ihre Geschichte selbstreflexiv, beziehen den filmischen Erzählprozess in die Diegese mit ein – entweder durch stark selbstreflexive Ästhetiken wie bei „Schande“ und „Ritus“ oder durch das Überlappen von Produktionskontext und Filmnarration. „Die Stunde des Wolfs“ begann mit Schwarzfilm, zu dem die Regieanweisungen Bergmans zu hören waren und fuhr fort mit einer Aufnahme von Liv Ullmann, die – direkt in die Kamera blickend – die Erzählsituation des Films zu kommentieren begann. „Passion“ geht hierin noch einen Schritt weiter: Er unterbricht seine Erzählung und lässt die beteiligten Schauspieler über ihre Rollen und Figuren reflektieren.
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Die große Desillusion

Wie gering doch die Halbwertzeit von manchmal Filmkritiken sein kann, zeigt die filmdienst-Besprechung zu Marco Ferreris „Das große Fressen“. In ihr wirft der Rezensent dem Film vor: „Ferreris umstrittenes Bild einer Konsum-Orgie, in Details überdeutlich und schockierend, insgesamt jedoch zu wenig reflektiert und verbindlich, um wirklich aufrütteln zu können. Die Allegorie auf eine nur am Konsum orientierten Gesellschaft geht in der vordergründigen Inszenierung unter.“ Aus der Distanz von über zwanzig Jahren stellt sich der Film und seine Stoßkraft ganz anders dar: Ferreris Film ist ein Sinnbild westlichen Lebensstils zu Beginn der 1970er Jahre. Dieser scheint im Rückblick – speziell auf Ferreris Film – weniger der Dekadenz zu huldigen als eine Sinnstagnation an der Zeitenwende des Ideologieverlustes zu bebildern.
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Kampf der Bilder


Wenn die Kunst im Auge des Betrachters entsteht, dann entsteht sie vermutlich noch einmal im Objektiv der Kamera, die sie filmt. Zwei Beiträge des letzten Festivaltags reflektieren die Möglichkeiten der Darstellung der bildenden Kunst in den filmischen Medien, wobei sie auf verschiedene Art und Weise mit bestehende Stereotypen umzugehen versuchen.
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Sex, Horror und Religion


Bei der Kunstfilmbiennale, die am 19. Oktober bereits zum vierten Mal in Köln startete, geht es um die Berührungen zwischen Film und bildender Kunst. Die Art dieser Berührungen kann allerdings sehr unterschiedlich sein: Es werden Filme von Performancekünstlern gezeigt, die sich zum Teil an ein Museumspublikum richten, aber auch filmische Produktionen, die den Lebensweg berühmter Künstlerpersönlichkeiten nachzeichnen oder über den Kunstbetrieb nachsinnen. Ein Blick in das diesjährige Programm macht deutlich, wie viele unterschiedliche Aspekte in das Festival einfließen. Ich werde hier über die spannendsten und diskussionswürdigsten Beiträge berichten.
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Geschichte und Zeit – Huhn und Ei

In „ Eine kurze Geschichte der Zeit “ verbindet Errol Morris die Biografie des Astrophysikers Stephen Hawking mit seinem intellektuellen Werdegang. Dass Hawking schon immer ein außergewöhnlicher Mensch war, wissen seine Familie, Freunde der Familie und Kollegen zu berichten. Er selbst, der sich als schwer ALS-Erkrankter kaum mehr bewegen und nur noch über einen Sprachsynthesizier mitteilen kann, sieht das anders. Für Hawking sind das Denken an den Grenzen von Kosmologie, die Philosophie und die Mathematik eine Art Spiel, das ihn herausfordert aber nie ganz einnimmt. Mit klugem Witz erzählt er von den größten Theorien seiner Laufbahn – etwa der Entdeckung der Verdunstung schwarzer Löcher oder dem Theorem der Imaginärzeit – und wirkt in seinem Understatement dabei doch nie künstlich. Dass dieses Understatement glaubhaft bleibt, liegt nur zu einem Teil daran, dass Hawking in bester britischer Wissenschaftsmaniert „populär“ geblieben ist, sich verständlich ausdrückt, stets originelle Vergleiche für die kompliziertesten Theorien findet und jedes Ereignis, sei es nun trivial oder dramatisch, mit einer Pointe zu erzählen im Stande ist.
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Filmosophie des Zeitreisens

Jeder Film ist eine „Zeitreise“: Er kündet mit seiner Ästhetik und Erzählhaltung von der Zeit seiner Entstehung – lässt sich mithin sogar als Beitrag zur „Mentalistätsforschung“ einer Epoche nutzen. Richard Kelleys „Donnie Darko“ ist so gesehen ein hochinteressanter Film, der so tut als käme er „aus den 80er“ Jahren, der uns vor Augen führt, wie wir die jüngste Vergangenheit sehen und der dieses Thema im Rahmen einer Zeitreise-Geschichte verdoppelt.
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Es ist nicht magisch, es glänzt nur

Terry Gilliam zählt sicherlich zu den ungewöhnlichsten Filmautoren, die derzeit tätig sind. Etliche seiner Filme, wie „Brazil“ oder „12 Monkeys“ sind aufgrund ihrer Thematik und ihrer Ästhetik stilbildend geworden. Vor allem in den fantastischen Genres kennt sich das Ex-Monty-Python-Mitglied aus und liefert die meisten Beiträge auch dort ab. Der oft märchenhafte, surreale Zug seiner Stoffe legt es nahe, dass Gilliam sich auch der einen oder anderen Märchen-Adaption annehmen könnte. Mit „Baron Münchhausen“ ist ihm ein erster Versuch, einen fremden Stoff filmisch umzusetzen, bereits misslungen; mit seinem neuen Film „Brothers Grimm“ nimmt er sich gleich einen ganzen Märchen-Kanon vor – und scheitert umso grandioser.
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Zurück zum Nichts

Es erweckt den Eindruck einer filmischen Selbstfindung, wenn man sich das Werk des kanadischen Filmregisseurs Vincenzo Natali betrachtet. Nach seinem Überraschungserfolg „Cube“ (1997), der minimalistisch ein sozialpsychologisches Experiment in einer Laborsituation abbildet, versucht der Folgefilm „Cypher“ (2002) daran anzknüpfen, indem er den Style aus Cube übernimmt, den Minimalismus jedoch gegen eine popöse Agentenstory austauscht. Das Publikum war enttäuscht von „Cypher“ – das Erzählen komplexer Plots zählt nicht zu den Stärken Natalis. Als hat er sich nun zurück zum Minimalismus besonnen und mit „Nothing“ einen weiteren „Experimantalfilm“ abgeliefert, der dieses Mal jedoch das Genre der Komödie bedient.
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„They’re using tools!“

Die lebenden Toten und ihre spezifische Sozietät im Verhältnis zu und im Widerstreit mit der des Menschen ist das bestimmende Thema von Romeros Living-Dead-Reihe. Mit jedem weiteren Film wurde die „Gesellschaft“ der wiederauferstandenen Toten näher beleuchtet, ja regelrecht (und in Day of the Dead sogar innerhalb der Narration) erforscht. Zusehends verschiebt sich dabei die Perspektive und mit ihr die Sympathie: 1969 waren die lebenden Toten noch geradewegs biblisch-mysteriöse, voneinander kaum unterscheidbare Wesen innerhalb einer wogenden Masse, die ihren ungleich lebendigeren Verwandten aus unerfindlichen Gründen nach dem Leben trachtet – und damit auch ein treffender Kommentar zum seinerzeit herrschenden sozialen Klima der USA, das von inneren Auflösungserscheinungen gezeichnet war.
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11 Jahre Riget – 10 Jahre Dogma 95

Die narrative Vorgabe kam von David Lynch: Man überforme das Konzept einer Fernsehserie so, dass sie zum Ausagieren von ästhetischen und narrativen Neuerungen eingesetzt werden kann. Mit „Twin Peaks“ hatte Lynch dies Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre erfolgreich in die Tat umgesetzt: Eine Soap mit Mystery-, Krimi-, Coming-of-Age- und Americana-Elementen. 1994 hat Lars von Trier das Konzept aufgegriffen und seine eigene Version einer Krankenhausserie inszeniert: Die ersten beiden Staffeln seines „Riget“ (Geister) sind nun in einer DVD-Box erschienen.
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Proaktives Opfer

Ben (Colin Firth) erwacht aus einem Koma, nachdem er einen Autounfall hatte. Er glaubt, dass seine Frau bei dem Unfall gestorben ist, kann sich aber an nichts erinnern. Die TV-Bilder der jüngst ermordet aufgefundenen Pop-Sängerin Laureen Parris (Alison David), mit der Bens Frau bekannt war, scheinen seinen Verdacht zu bestärken. Ben bringt auf Grund der Amnesie beide „Fälle“ immer wieder miteinander in Verbindung und würfelt die Fakten durcheinander. Das macht ihn bei der Polizei verdächtig, etwas mit dem Mord an der Sängerin zu tun zu haben. Nachdem Ben aus dem Krankenhaus entlassen ist, lernt er eine junge Frau (Mena Suvari) kennen, die in direkter Nachbarschaft zu ihm lebt. Sie will Ben helfen, wird von ihm jedoch immer tiefer in seine Welt aus Paranoia und Angst hinein gezogen. Als Bens Frau eines Tages unerwartet vor seiner Tür steht, bricht sein illusorisches Weltgebäude zusammen.
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Teuflisches Halloween

Dass sich kleine Jungs sehr für alles Böse interessieren, scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Der Horror-Film führte diese präpubertäre Begeisterung vor allem in den 1980er Jahren recht häufig vor Augen („Friday the 13th Pt. IV“, „Creepshow“, „The Gate“, …). Aus diesem Horror-Jahrzehnt meldet sich nun Jeff Lieberman („Dr. Franken“, „Remote Control“, „Just before Dawn“) zurück und präsentiert seine Version des Motivs – die wesentlich sarkastischer ausfällt als die Vorgänger.
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»Have your heared about the 4th dimension?«

Dass sich auf dem ästhetischen Tableau des film noir allerlei Genreelemente züchten lassen, hat die Filmgeschichte zur Genüge bewiesen. Vor allem Science-Fiction-Stoffe scheinen immer wieder bestens zum düsteren Ambiente und zu Kriminalerzählungen mit ambivalenten Schurken- und Heldenfiguren zu passen: „Blade Runner“ (1982) und „Dark City“ (1996) sind die besten Belege dafür. Ein Zeitreisestoff indes ist wohl noch nicht im Stil noir gedreht worden. „Puritan“ von Hadi Hajaig behebt dieses Defizit.
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Das Un-Ding aus den 80ern

Der im Rückblick oft reaktionär anmutende Horrorfilm der 1980er Jahre speiste seine Erzählungen oft auf drängende politschen und gesellschaftliche Probleme. Mit dem Erstarken des Umweltbewusstseins (und vor allem des Bewusstseins für die Folgen der Umweltverschmutzung) begannen damals so genannte „Ökohorror“-Filme die Videorekorder zu erobern. Vor allem Monsterfilme wie Lewis Teagus „Alligator“ (1980) oder Cravens „Swamp Thing“ (1982) waren die ästhetischen und ideologischen Vorlagen für das Sub-Genre. Wie letzterer basiert auch Brett Leonards „Man-Thing“ auf einem seinerzeit populären Comic und ebenso wie Cravens Film schlummert auch das Mannding in den Sümpfen des us-amerikanischen Südostens und wacht nur auf, wenn es Umweltzerstörungen zu rächen gibt. Der wesentlichste Unterschied zwischen beiden Filmen ist, dass der „Man-Thing“-Film dieses Jahr entstanden ist.
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Ende gut alles schlecht

Daniel Stieglitz studiert an der Kunsthochschule in Kassel und hat mit „Happy End.“ eine Art Semesterarbeit produziert. Für das minimale Budget von 10.000 Euro ist sein Film wirklich bemerkenswert professionell geraten und wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich um eigentlich um die Arbeit eines noch unerfahrenen Regisseurs handelt, bekommt man direkt Respekt vor dem Ergebnis. Dennoch muss sich auch ein solcher Film, einmal in den Diskurs gebracht, Kritik gefallen lassen. Und zu kritisieren gibt es an „Happy End.“ einiges.
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Das Böse kommt von Außen

Auf einer abgelegenen Halbinsel vor der walisischen Küste wird eine junge Frau, als sie mit ihrem Freund im Zentrum eines mysteriösen Steinkreises ein Schäferstündchen hält, von Aliens veschleppt. Der Freund wird getötet, sie von den Außerirdischen geschwängert. Als der auf Obskurantismus spezialisierte TV-Sender WoW von dem Fall hört, schickt er seine rasende „Reporterin“ Michelle Fox (Emily Booth) mit einem Team von „Spezialisten“ und „Schauspielern“ vor Ort, um den Fall zu „recherchieren“ und für einen „Dokumentarfilm“ aufzubereiten.
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