Sekai no Owari

Die ersten Bilder zeigen Bäume, Laub, durch dieses hindurch scheinendes Licht. Ein kleines Funkeln entsteht, so beiläufig, dass es bewusst ins Bild gesetzt sein oder sich zufällig ergeben haben könnte. Dieses Spiel mit dem bewusstem Understatement und dem Zufälligen ist charakteristisch für diesen sanften Film, der gemächlich plätschert, aber nie selbstgefällig wird. Man kann sich aussuchen, wie man die kleinen Details und Begebenheiten auffasst, nie wird man mit Sinn, Bedeutung, Atmosphäre erschlagen. Ein Film, der sich von Moment zu Moment hangelt, mit dem man sich anfreunden mag oder auch nicht, den man vielleicht so oder ähnlich auch aus dem eigenen Leben kennt. Es sind Angebote, aber nie verbindliche, von denen gar Freundschaften abhängig wären. Eine sympathische Grundhaltung, eine filmische Gemütlichkeit, der jeglicher Muff des Behäbigen fehlt. Man kennt diese Haltung bereits, aus einem anderen, ähnlich grundsympathischen und behutsamen Film, aus Kasei no Kanon (filmz.de) nämlich, der vor drei Jahren im gleichen Rahmen zu sehen war und von der selben Regisseurin stammt: Kazama Shiori, an die man sich als quirlig-kleine, junge Filmemacherin mit ausgelatschten Lederstiefeln erinnert. Schön, dass das Forum Beziehungen pflegt und den Werdegang junger Künstler, die in seinem Rahmen vorgestellt wurden, auch weiterhin im Auge behalten werden.
„Sekai no Owari“ weiterlesen

Colour Blossoms

Die Begegnung mit der verschrobenen japanischen Diva Madam Umeki (Matsuzaka Keiko) eröffnet der jungen Immobilienverkäuferin Meili (Teresa Cheung) eine seltsame erotische Schattenwelt. Deren nostalgisch-luxuriös eingerichtetes Apartement steht zum Verkauf und Meili obliegt es, es nach bestem Wissen und Gewissen an den wohl Geeignetsten zu verkaufen. Bei einer Besichtigung begegnet sie dem jungen attraktiven Kim (Sho), der sie in seinen Bann zieht und sie verführt. Doch auch die stattliche Erscheinung des Polizeioffiziers #4708 fällt ihr bei ihren täglichen Wegen durch die Gassen der Stadt auf. Der ist ganz sinnlich und streift alles im Vorbeigehen mit seinen Fingerkuppen. Eine junge Frau (Harisu) stößt zu dem Geflecht, die sich als die junge Madam Umeki ausgibt, kurz nach ihrer Geschlechtsumwandlung, die sie durchgeführt hat, um Kim zu gefallen. Der wiederum findet bald Gefallen an #4708. Und vor dem feinen Ambiente ihres Apartements führt die ältere Madam Umeki Meili in die wunderbare Welt des Fetischs und des Masochismus ein …
„Colour Blossoms“ weiterlesen

Beyond the Sea

Der Swing-Entertainer Bobby Darin ist, im Gegensatz zu seinem alles überragenden Vorbild Frank Sinatra, eine tragische Figur der populären Kultur der 50er Jahre. Trotz einiger Evergreens, die er der Musikgeschichte beschert hatte immer eine Nummer kleiner als Sinatra geblieben, kehrten ihn die 60er Jahre – trotz einiger Versuche, an sie anzuschließen – beinahe schon rüpelhaft unter den Teppich. Mit 37 starb er schließlich an den Folgen einer Krankheit aus Kindertagen, die sein Herz geschwächt hatte; ein stolzes Alter eigentlich, wenn man bedenkt, dass ihm seine Ärzte – folgt man Spaceys Film – maximal 15 Jahre vorausgesagt hatten. In jüngsten Jahren erfuhr Darin zumindest in zweiter Ordnung eine kleine Renaissance: Durch Robbie Williams’ Neuauflagen diverser Darinsongs, darunter auch, eingesungen für den Soundtrack des Pixar-Animationsspektakels Findet Nemo, Beyond the Sea.
„Beyond the Sea“ weiterlesen

Adam & Paul

Adam und Paul kennen sich von Kindesbeinen an. Sie leben in Dublin, im unteren Milieu, wo man sich schon morgens zum Dosenbier im Park verabredet. Sie selbst hat es dabei am härtesten getroffen: Beide Junkies, ziehen sie verwahrlost durch die Stadt, immer auf der Suche nach etwas Geld, um sich den nächsten Kick zu besorgen. Man trifft sich auf der Straße mit Schicksalsgenossen, klaut im Supermarkt, trifft alte Bekannte, die nichts mehr mit einem zu tun wollen und lässt sich generell durch die Rand- und Abfallbezirke einer bürgerlichen Welt treiben. Adam & Paul schildert dabei die Ereignisse eines einzelnen Tages.
„Adam & Paul“ weiterlesen

Die Fluchtlinien des Textes und die Grenzen des Films

Das Misstrauen der Philosophie gegenüber der medialen Vermittlung philosophischen Wissens ist wohl ebenso alt, wie die Philosophie selbst. Und die Liste der Vorwürfe, die gegen die „Träger des Gedankens“ vorgebracht worden sind, ist bekanntlich lang: Die Rhetorik trügt und blendet, die Metapher verführt, die Schrift macht vergessen und nicht zuletzt das Bild ist ein minderwertiges Erkenntnismedium, dem nicht zu trauen – vor allem – nichts zuzutrauen ist.
„Die Fluchtlinien des Textes und die Grenzen des Films“ weiterlesen

Vom »Wir« zum »Ich«

2001 erschien vom britischen Regisseur Andrew Parkinson der Zombiefilm “Dead Creatures”. Er griff ein Thema auf, dass Parkinson bereits zwei Jahre zuvor – man könnte sagen: in einer Art “Vorstudie” – behandelt hat. Es geht darum, die filmische Zombie-Metapher als moralphilosophisches Gedankenexperiment zu lesen. “Dead Creatures” widmete sich dabei dem Konflikt zwischen Gesellschaft und infizierter Gruppe – in “I, Zombie” geht es, wie der Titel bereits andeutet, um die Isolation des kranken Einzelnen in der Masse.
„Vom »Wir« zum »Ich«“ weiterlesen

»Fressen und Gefressenwerden«

»Die Entwertung der Dingwelt in der Allegorie
wird innerhalb der Dingwelt selbst
durch die Ware überboten.«

(Walter Benjamin)

… ist die Leitdoktrin kapitalistischer Wirtschaftslogik. Die „Fressen“-Metaphorik zieht sich durch die gesamte Wirtschaftstheorie und -terminologie und ist selbst schon Gegenstand kulturwissenschaftlicher Überlegungen geworden. Was wäre da idealer, als das Fressen einmal wörtlich zu nehmen und die sozial-ethischen Konsequenzen der Produktions-, Vermarktung- und Konsumptionslogik an der wörtlich genommenen Metapher auszubuchstabieren? Der Däne Anders T. Jensen hat dies getan und den Betrieb einer Kleinschalchterei zur Parabel für den Wirtschaftskreislauf erklärt.
„»Fressen und Gefressenwerden«“ weiterlesen

Shaun of the Dead

Der Zombiefilm, ein Phänomen des unterschlagenen Films der siebziger und achtziger Jahre, feiert seine Renaissance. Und zwar nicht nur auf der Ebene der postmodernen Referenz, wie es beispielsweise „Scream“ mit dem Slasher-Subgenre gemacht hat, sondern tatsächlich auch in ernsteren Projekten: So startete im vergangenen April mit „Dawn of the Dead“ ein mit beachtlichem Aufwand produziertes Remake des gleichnamigen Klassikers von George A. Romero (der inzwischen mit den Arbeiten an seinem vierten Zombie-Film „Land of the Dead“ begonnen hat). Und selbst Bernd Eichingers Verleihfirma Constantin steht mit der deutschen Zombie-Komödie „Die Nacht der lebenden Loser“ in den Startlöchern.
„Shaun of the Dead“ weiterlesen

Casshern – Im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit

Wir schreiben eine ferne Zukunft, deren Gesicht die Züge archaischer Technisierung und gigantomanischer Fortschrittsgläubigkeit trägt. Die Technik hat ihre Entwicklung zu einer zweiten Natur vollendet und die Dystopie einer Welt voll Krankheit, Seuchen und einem Krieg um den eurasischen Kontinent, der an die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts erinnert, zur Realität werden lassen. Inmitten dieser von Zerrüttung gezeichneten Welt gelingt dem Wissenschaftler Azuma die Erlösung versprechende Erfindung der Neo-Cells; Stammzellen, aus denen sich lebende Materie generieren lässt. Azuma, der von dem Gedanken an die Heilung seiner todkranken Frau besessen ist, merkt nicht, wie die amtierenden Machthaber – allesamt alte, kranke Männer – seine Erfindung für ihre eigenen Bedürfnisse missbrauchen wollen.
„Casshern – Im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ weiterlesen

Dr. Mabuse, ein Porträt

Dr. Mabuse ist eine der dunklen Gestalten des deutschen Films zwischen den Kriegen. Wie Dr. Caligari, Nosferatu oder der Golem ist er ein Agent des Übernatürlichen. Er ist übermächtig, spricht von sich selbst als einem „Staat im Staate“. Die Weimarer Republik vor der Inflation wird im zweigeteilten Dr. Mabuse, der Spieler als eine Zeit des Spielens gezeichnet. Diese kommt Mabuse entgegen. Seine regelwidrigen Einmischungen reichen bis hin zur Manipulation der Börse. Da erscheint er geradezu als „unsichtbare Hand des Marktes“, die alles regelt, als das Bild seines Gesichts über das Chaos im Börsenhaus geblendet wird.
„Dr. Mabuse, ein Porträt“ weiterlesen

Life at 25 Frames per Seconds

Life at 25 Frames per Seconds, Deutschland 2003, Andreas Flack/Eva Rebl

Das Videdrom zu Berlin, Deutschlands – vielleicht sogar Europas – bestsortierteste Videothek, ist so ein bisschen wie der Plattenladen aus High Fidelity. Oder wie ein gewisses Tabakgeschäft aus Brooklyn. Man kommt hin und kennt sich. Man schwatzt. Unterschiedliche Welten und Geschmäcker treffen aufeinander: Das ist nicht weiter tragisch – im Videodrom wird Pluralität groß geschrieben und als Bereicherung verstanden. Und man leiht sich Videos aus. Das wird dann fast schon zur Nebensache (natürlich nicht). It’s a big little family. Und hier bekommt man, was es sonst nirgends sonst zum Leihen gibt. Asien, Klassiker, Trash, Horror, Splatter, Import, Mainstream, Kunst. Und so weiter und so fort.
„Life at 25 Frames per Seconds“ weiterlesen

Exorzist – The Beginning

1973, Nord Irak: Bei archäologischen Grabungen wird ein komplettes Gebäude freigelegt. In ihm befinden sich Artefakte aus unterschiedlichsten Zeiten und Weltgegenden. Der leitende Archäologe des Projektes, Pater Lankester Merrin, entdeckt den Kopf einer kleinen Teufelsskulptur – in ihm keimt ein Verdacht und er bereitet seine Abreise vor. Als er tags darauf noch einmal zum Fundort zurückkehrt, steht er unversehends einer manngroßen Teufelsstatue gegenüber, die zuvor noch nicht dort gewesen ist. Nun ist er sich sicher, bei den Ausgrabungen etwas ans Tageslicht gebracht zu haben, das besser verborgen geblieben wäre. Und tatsächlich ist der Teufel selbst auf die Erde gekommen und ergreift am anderen Ende der Welt Besitz von der Seele eines kleinen Mädchens.

„Exorzist – The Beginning“ weiterlesen

Seventies revisited

Was wir über die 70er Jahre sagen, verrät oft mehr über uns als über die 70er Jahre. Das gilt insbesondere für den Film. Das Ende der Jugendrevolte, die Pervertierung der Hippie-Kultur und der Wegfall immaterieller Werte werden in der Retrospektive zum Beispiel von Filmen wie Terry Gilliams Fear and Loathing oder Spike Lees Summer of Sam unterstellt. Noch interessanter wird es, wenn der Film selbst als kulturhistorisches Ereignis vom Film reflektiert wird, wie bei Rob Zombies House of 1000 Corpses, in dem der Blick auf die siebziger Jahre ein „verklärender Blick“ auf den Terror ist.
„Seventies revisited“ weiterlesen

The secret Life

Irgendetwas an der Biografie Jeffrey Dahmers muss sich filmischer Explikation sträuben. Zwei Versuche hat es bereits gegeben, das Leben und die Taten des zweitberüchtigtsten Serienmörders aus Wisconsin im Film aufzubereiten: Im Jahre 2002 erschien David Jacobsons Film „Dahmer“ und 8 Jahre zuvor David Bowens „The Secret Life: Jeffrey Dahmer“. Beide Filme ähneln sich darin, keine Thriller zu sein, die ein Monster inszenieren, das es dem Zuschauer leicht macht, gut und böse zu differenzieren. „The Secret Life“, der jetzt erstmals in Deutschland erschienen und zeigt eine zeitnahe Analyse der Fallgeschichte.

„The secret Life“ weiterlesen

Dawn of the Dead2

1978 war die Welt noch „in Ordnung“: Es gab zwei gut gegeneinander abgrenzbare politische Ideologien. Es gab noch eine florierende Wirtschaft, die ihre Waren (zumindest in einem der beiden Systeme) für alle zugänglich anbot; alles war käuflich und nichts schien mehr einen Wert zu haben, der nicht auch fiskalisch benennbar war. Der Kapitalismus jener Tage war kein Schimpfwort, sondern ein Glaubenssystem. Es gab noch Überblick und Langsamkeit: Man konnte alle wesentlichen Neuigkeiten noch einer einzigen Nachrichtensendung entnehmen und war danach total-informiert. Und dann gab es noch ein noch längst nicht verblasstes Bild vom Krieg, von den Genoziden, von der Treibjagd auf Menschen und dem Überlegenheitsdenken einer „Rasse“. 1978 gab es noch allgegenwärtige „Motive“ für Horrorfilme mit einer klaren Message.

„Dawn of the Dead2weiterlesen

White Skin

„Ich mag keine Rothaarigen, mit ihrer blassen Haut, unter der die Adern blau durchscheinen. Das macht mir Angst“, gibt Thierry zu Beginn des Films zum Besten. Und doch verfällt er kurz darauf Claire, einer anämischen Schönheit mit schneeweißem Gesicht und hexenhaft rotem Haar.
„White Skin“ weiterlesen

Me evil – You good?

Als 1992 der belgische Film „Mann beißt Hund“ in die Kinos kam, schien es so, dass der authentisierte Serienmörderfilm damit seinen Höhepunkt erreicht hatte. Getarnt als Dokumentarfilm über einen Berufskiller, der den Filmemachern Einblick in seine Arbeit verschaffen will, reizte „Mann beißt Hund“ alle Simulationsästhetiken voll aus. Die schwarz-weißen Bilder, die scheinbare Zufälligkeit und Inkohärenz der Szenen, die mise-en-abyme, mit der Kamera, Filmteam und selbst Filmfehler immer wieder mitinszeniert wurden, vermittelten den Eindruck absoluten Dokumentarismus. „Mann beißt Hund“ war als hyperrealistischer Serienmörderfilm gleichzeitig eine Kritik an den Medien, die solche Stoffe auf immer reißerische und realistischere Weise inszenierten und sich damit selbst „schuldig“ machten.
„Me evil – You good?“ weiterlesen