Seventies revisited

Was wir über die 70er Jahre sagen, verrät oft mehr über uns als über die 70er Jahre. Das gilt insbesondere für den Film. Das Ende der Jugendrevolte, die Pervertierung der Hippie-Kultur und der Wegfall immaterieller Werte werden in der Retrospektive zum Beispiel von Filmen wie Terry Gilliams Fear and Loathing oder Spike Lees Summer of Sam unterstellt. Noch interessanter wird es, wenn der Film selbst als kulturhistorisches Ereignis vom Film reflektiert wird, wie bei Rob Zombies House of 1000 Corpses, in dem der Blick auf die siebziger Jahre ein „verklärender Blick“ auf den Terror ist.

Vier Jugendliche auf einem Trip durch die USA. Als eines Nachts das Benzin auszugehen droht, machen sie Halt an einer Tankstellen-Freakshow-Hähnchengrill-Station, wo sie zum Sprit eine Exklusiv-Führung durch die Geisterbahn erhalten. Dort werden sie mit dem Mythos des Doctor Satan konfrontiert, der in der Gegend Menschenexperimente durchgeführt haben soll. Neugierig geworden, bitten Sie den Tankstellenbesitzer ihnen den Weg zum ehemaligen Anwesen Doctor Satans zu verraten. Sie landen in einem heruntergekommenen Farmhaus, in dem eine reichlich skurrile Familie lebt, deren Hauptbeschäfitung das Herstellen und Sammeln von Leichen ist. Einer nach dem anderen werden die jungen Leute brutal umgebracht. Als die Polizei auf Grund einer Vermisstenanzeige zum Anwesen gelangt, beginnt ein wahres Blutbad, an dessem Ende für die einzige Überlebende der jugendlichen Reisegesellschaft die Begegnung mit Doctor Satan steht.

House of 1000 Corpses ist ein würdiger Nachfahre und zugleich eine Reminiszenz des Terrorfilms der Siebziger. Etliche der Motive von Tobe Hoopers Texas Cahinsaw Massacre und dessen Sequel sowie anderer berüchtigter Horror- und Terrorfilme dieser Zeit werden aufgegriffen und vom Regisseur und Drehbuchautoren Rob Zombie zu einer Reise ins amerikanische Horror-Barock montiert. Kompromisslos präsentieren sich die Erzählung und die Darstellung von Gewalt und Angst. Dabei ist sich der Autor stets seiner kommentierenden Haltung bewusst und vermeidet allzu ästhetisierende Darstellung der Geschehnisse. Die Darstellung wird immer wieder durch invertierte bzw. solarisierte Bilder und Videokamera-Inserts unterbrochen. Dieses Verfahren leistet zweierlei: Erstens kaschiert es die Gewalt der Bilder, indem vor allem die Folter- und Mordsequenzen verzerrt werden und zweitens produziert House of 1000 Corpses gerade in diesen Brüchen das, was man als „seventies-like“ bezeichnen könnte. Denn diese Szenen verleihen dem Film jenen psychedelischen Charakter, den Hoopers und Cravens frühe Filme allein durch ihre damals avantgardistische Haltung erzeugt haben.

Rob Zombies Film ist damit zugleich eine Hommage an die Terror-Filme der Siebziger Jahre und deren Wertung aus heutiger Perspektive, gelten diese doch bis dato als die schonungslosesten und brachialsten Werke des Genres. House of 1000 Corpses wirft einen Blick zurück und zeigt uns, was diese Filme auch heute noch so unerträglich macht. Die ausgewählt grauenhaft ausstaffierten Settings, die geradezu von Leichenteilen, Blut und Knochen überquellen, die Qual der Opfer, welche vom Familien-Oberhaupt Otis (gespielt von Bill Moseley, einem der Maniacs aus Hoopers TCM 2) langsam und mit sadistischer Detailfreude ermordet werden, die physischen und psychischen Entstellungen der Gesellschaft – all das fügt sich zu einem Potpourri des Grauens zusammen, das dem Zuschauer keinerlei Verschnaufpause gönnt.

House of 1000 Corpses wird hierzulande sicherlich Probleme mit der Zensur bekommen. Der Film, der bereits in einer geschnittenen Fassung vorliegt, provoziert Abscheu auf allen Ebenen. Einerseits ist es seine schonungslose Haltung den Opfern gegenüber, andererseits die aggressive Grundstimmung, die immer wieder durch das irrationale Abschlachten und sehr kalkulierte Folterungen nach der nächsten originellen Tötungsmethode fragen lässt, den Zuschauer also ganz bewusst mit in die Geisterbahn hineinzieht. Dass aus dieser niemand entkommen kann, ist eine der letzten Messages der Seventies-Horrorfilme, der sich auch House of 1000 Corpses anschließt. Ein Meisterwerk.

House of 1000 Corpses
(USA 2003)
Buch & Regie: Rob Zombie
Kamera: Alex Poppas & Tom Richmond
Darsteller: Jennifer Jostyn, Irwin Keyes, Matthew McGrory, Jake McKinnon, Sheri Moon, Bill Moseley, Irvin Mosley Jr. u. a.
Verleih: Universal Pictures, Länge: 88 Minuten


Die DVD von Sunfilm

Eines vorweg: Dass Rob Zombies Film in Deutschland und zudem in der ungekürzten Fassung überhaupt erscheint, ist (angesichts der hiesigen Zensurschärfe und der doch recht martialischen Ästhetik des Films) erstaunlich und lobenswert. Sunfilm hat sich bei der Bearbeitung für die DVD alle Mühe gegeben: Tadelloses Bild und bester Ton.

Die deutsche Synchronisation ist dabei sehr bemüht, dem „Originalton“, der nicht nur dem „Was“ sondern auch dem „Wie“ des Gesprochenen verpflichtet ist, nahezukommen. Natürlich geht einiges an Vulgaritäten (vor allem Captain Spauldings) und Slang verloren. Da die DVD jedoch sowohl den Originalton als auch deutsche Untertitel besitzt, sind puristen bestens bedient.

Das Zusatzmaterial lässt etwas Schmunzeln: Nicht nur werden die Menüs der DVD durch die Figuren des Films begleitet (Captain Spaulding beleidigt den Zuschauer durch das Hauptmenü; Baby Firefly quietscht im Extras-Menü), auch die Extras selbst sind eher Erweiterungen des Films, denn zusätzliche Informationen. So gibt es (neben einem äußerst kurzen „Behind the Scenes“ und einem ebenso kurzen „Making of“) einen Kurzauftritt von Captain Spaulding, Baby Firefly und Otis Driftwood, die eine Art vulgärer Standup-Comedy performen (und dabei auch gleich noch ihr Spanisch ausprobieren). Ein paar Kurzinterviews, Trailer, Casting-Sequenzen (die ziemlich beunruhigende Szenen des Films vorwegnehmen) und Probeaufnahmen finden sich ebenfalls unter den Extras. Ein Audiokommentar von Regisseur Rob Zombie lässt sich als alternative Tonspur zum Film auswählen.

Die Ausstattung im Einzelnen:

# Bild: 16:9 (1:1,85 anamorph)
# Ton: Deutsch (DD 51. & DTS), Englisch (DD 5.1), engl. Audiokommentar
# optionale deutsche Untertitel
# Extras: moderiertes Menü, Making of, Behind the Scenes, Audiokommentar von Rob Zombie, „Tiny und der Baumspumpf“ (Performance), Casting, Trailer, Fotogalerie, Bei den Proben, Interviews, Bio- & Filmografien
# Sonderausstattung: Wendecover, Beilagenblatt mit Inhaltsverzeichnis
# Länge: ca. 85 Minuten
# Freigabe: JK-geprüft

Verleihstart: 29.09.04

Stefan Höltgen

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