The secret Life

Irgendetwas an der Biografie Jeffrey Dahmers muss sich filmischer Explikation sträuben. Zwei Versuche hat es bereits gegeben, das Leben und die Taten des zweitberüchtigtsten Serienmörders aus Wisconsin im Film aufzubereiten: Im Jahre 2002 erschien David Jacobsons Film „Dahmer“ und 8 Jahre zuvor David Bowens „The Secret Life: Jeffrey Dahmer“. Beide Filme ähneln sich darin, keine Thriller zu sein, die ein Monster inszenieren, das es dem Zuschauer leicht macht, gut und böse zu differenzieren. „The Secret Life“, der jetzt erstmals in Deutschland erschienen und zeigt eine zeitnahe Analyse der Fallgeschichte.


Jeffrey Dahmer (Carl Crew), der den gesamten Film „erzählt“ (ihn aus dem Off kommentiert), zieht 1982 mit 22 Jahren zu seiner Großmutter (Jeanne Bascom), nachdem sich seine Eltern haben scheiden lassen. Seit dem Highschool-Abschluss weiß er nichts rechtes anzufangen mit seinem Leben. Die Zurückweisungen und Erniedrigungen, die er als Kind erfahren hat, haben ihn in die Alkoholabhängigkeit geführt. Der Homosexuelle Dahmer ist bestimmt vom Verlustängsten. Und so beschließt er, sich einen „Freund“ zu suchen, der ihn nicht wieder verlassen wird. Einen Tramper nimmt er mit zum Haus seiner Großmutter, erschlägt ihn dort mit einer Hantel und vergräbt den Kadaver unter dem Haus. In den folgenden Jahren zieht er immer wieder durch die Gegend und sammelt junge Prostituierte und homosexuelle Männer in den Kneipen Milwaukees auf, um sie zu hause umzubringen. Bald schon beginnt er, Körperteile zu sammeln. Als er wegen seines Lebenswandels aus dem Haus der Großmutter fliegt, sucht er sich in Milwaukee ein eigenes Apartment. Hier gelangt Dahmers „Karriere“ als Serienmörder auf ihren Höhepunkt. Innerhalb von 3 Jahren (zwischen 1988 und 1991) ermordet Dahmer in seiner Wohnung über ein Dutzend junge Männer. Er löst ihre Körper in Säure auf, stellt ihre Gebeine auf Regale und macht Experimente mit den sterbenden und toten Körpern. Schließlich wird er – als einem seiner Opfer die Flucht gelingt – gefasst und wegen 17-fachen Mordes angeklagt und verurteilt.

Der Film erzählt die „wirkliche“ Geschichte Dahmers mit einigen Auslassungen und Raffungen recht minutiös nach. Das verwundert umso mehr, als im Prolog eine Texttafel ankündigt, „Events and Characters in some instances have been fictionalized and combined in Order to make a story that can be shown.“ Die Änderungen betreffen allerdings nur jene Aspekte aus Dahmers Leben, die wohl zu „langweilig“ gewesen wären, sie zu zeigen: Vor allem sein einjähriger Gefängnisaufenthalt wegen Missbrauchs eines Minderjährigen (1989/90) und seine Zeit bei der Armee, aus der er vorzeitig wegen seines Alkohol-Abusus entlassen wurde (1981). Dafür inszeniert der Film immer wieder Rückblenden (weichgezeichnete Zeitlupensequenzen), die Dahmer als Kind – als leidendes Kind – zeigen.

Die „Leidensgeschichte“ Dahmers ist es dann auch, die der Film in sein Zentrum stellt. Der pathetische Off-Kommentar, der Soundtrack des Films, die langsamen Kamerafahrten, die Unterhaltungen Jeffreys mit seiner Bewährungshelferin und natürlich die erwähnten Rückblenden in die Kindheit – dies alles „psychologisiert“ die Geschichte des Täters. Damit beschreitet „The Secret Life“ einen weg, der sich zu jener Zeit bereits in einigen engagierten Filmbüchern zum Thema andeutete. 1994, ein Jahr nachdem „The Secret Life“ erscheint, veröffentlicht Christian Fuchs sein Buch „Kino Killer“, in dem er einen Interpretationsansatz der Filme forciert, der von da ab immer wieder in der Film- und in der Fall-Bibliografie auftaucht und den man „verstehenden Fiktionalisierung“ nennen könnte. Denn analog zu den Filmen, die ihre Zuschauer über die psychopathologischen Zusammenhänge der Täterbiografien aufklären wollen (und das könnte einer der Gründe sein, warum „The Secret Life“ nicht „reißerisch“ ist). Und aus dieser Perspektive verstehen auch Autoren wie Fuchs (oder später Inga Golde) die Filme.

Das wird umso deutlicher, wenn man das Zusatzmaterial der DVD-Veröffentlichung betrachtet: Neben den „Last Words“ des Täters, in denen dieser seine Taten zu verstehen versucht und sich bei den anwesenden Angehörigen seiner Opfer entschuldigt, hat man den vom Gericht bestellten psychologischen Gutachter zu Wort kommen lassen, der seine Ausführungen auch prompt damit beginnt, dass Dahmer „soft sex“ am liebsten gemocht hat: kuscheln, küssen, umarmen. Damit sei sein seit der Kindheit bestehendes unbedingtes Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit erfüllt. Leider wollten seine Opfer zumeist mehr, was Dahmer dann schnell außer Kontrolle geraten ließ.

Mit der Veröffentlichung von „The Secret Life“ liegt nun einer der frühesten „verstehenden Serienmörderfilm“ überhaupt auch in Deutschland vor. In der Art, wie der Film die Kriminalhistorie bebildert und interpretiert ähnelt er mehr den Beiträgen jüngerer Serienmörderfilmgeschichte (einzig mit „Henry – Portrait of a Serial Killer“ von 1986 wäre er von diesem Duktus her vergleichbar). Der Zugang zum Fall, den der Film anbietet, ist jenseits spektakulärer Inszenierungen der Taten und Dämonisierungen des Täters bestens dazu geeignet, beim Zuschauer Reflexionen über derartige Verbrechen anzuregen. Damit gerät „The Secret Life“ zu einer Art posthumer Konfrontation mit dem Täter, der am 28. November 1994 im Gefängnis von Ohio von einem Mitinsassen ermordet wurde – ein Jahr nach Erscheinen des Films.

The Secret Life of Jeffrey Dahmer
(The Secret Life: Jeffrey Dahmer, USA 1993)
Regie: David R. Bowen
Buch: Carl Crew; Musik: David R. Bowen; Kamera: Ronald Vidor; Schnitt: Steven Nielson
Darsteller: Carl Crew, Cassidy Phillips, Donna Stewart Bowen, Jeanne Bascom, G-Jo Reed u.a.
Länge: 99 Minuten (uncut)
Lerleih: Dragon Film Entertainment


Die DVD von Dragon

Keine Frage: Dass „The Secret Life“ elf Jahre nach seiner Veröffentlichung überhaupt als deutsche DVD erscheint, ist einen Lob an Dragon wert. Es hat im Vorfeld der Publikation ja auch eine Menge Hin und Her gegeben. So ist die Veröffentlichung zunächst von Schnittauflagen „bedroht“ gewesen und vom Verleiher „I-ON“ kurzerhand zu Dragon gekommen.

Mit der Edition der DVD hat man sich Mühe gegeben. Zwar ist die Qualität des Films selbst ziemlich mittelmäßig (vor allem Kratzer, Verunreinigungen und ein reichlich „softes“ Bild bestimmen die Präsentation), doch kann sich vor allem das Zusatzmaterial blicken lassen: neben drei Szenen aus der Gerichtsverhandlung, die – wie in der Kritik angedeutet – alle in die Richtung der Rationalisierung der Taten zielen, hat man eine bebilderte Biografie Dahmers mit auf die DVD gebannt.

Leider etwas misslungen ist das Booklet. Nicht nur konterkariert es durch seinen eher reißerischen Stil die Subtilität des Films und seiner Beigaben, auch wird nicht ganz klar, was „Die kleine Serienkiler Fibel“ überhaupt mit dem Film zu tun hat: Neben den Darstellungen des Dahmer-Falls finden sich darin nämlich auf je einer Doppelseite Beschreibungen der Serienmord-Fälle Edward Geins, John Wayne Gacys, Theodor Bundys, Peter Kürtens (!) und Andrej Chikalitos. Eine etwas willkürliche, a-chronologische Zusammenstellung will man meinen (deren Texte im Übrigen dringend des Korrektorarts bedurft hätten). Die Dokumente, die zum Fall existieren hätten der DVD hier wesentlich besser zu Gesicht gestanden.

Die Ausstattung der DVD im Einzelnen:

# Bild: 4:3
# Ton: Deutsch & Englisch (DD 2.0), Englisch (DD 5.1)
# Untertitel: Deutsch (auch bei den Extras)
# Extras: Real Life Doku (d. i. Text-Bild-Talfen mit Biografie Dahmers), Last Words (Gerichtsverhandlung), Analysis (Gerichtsverhandlung), The Last Victim (Gerichtsverhandlung), animierte Menüs

FSK: k. J.
Preis: 21.99 Euro

Stefan Höltgen

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