Mediologie

Div.: Mediologie Band 1-10, Reihe im DuMont-Verlag 2001-2004

In den 1980er Jahren sind in den Geistes- und Kulturwissenschaften alte Theorieparadigmen umgestürzt und neue errichtet worden. Strukturale Psychoanalyse, Postmoderne, Poststrukturalismus, Diskursanalyse, Dekonstruktion, New Historicism und andere Theoriebewegungen haben das Denken und Schreiben der deutschen Geisteswissenschaften radikal verändert und erst die Kultur- und Medienwissenschaften ermöglicht, wie wir sie heute kennen. Zwei jüngere Theoriestränge sind dabei spezifisch deutsche Formationen, und erst seit kurzer Zeit wird deutlich, wie hoch ihr Einfluss auf das gesamte Spektrum von Philosophie, Soziologie, Literatur-, Film- und Medienwissenschaften ist.

Die Rede ist von der technikorientierten Medientheorie Friedrich Kittlers und von der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Während Kittler nach seiner frühen Jacques Lacan-Rezeption vor allem im Anschluss an Marshall McLuhan, Alan Turing und Claude E. Shannon seine medialen Aprioris formuliert und Luhmanns Kommunikations- und Gesellschaftstheorie unscharf betrachtet eine Weiterentwicklung von Talcott Parsons’ Handlungstheorie darstellt, sind beide doch durch ein spezifisch kybernetisches Denken zwischen Mensch und Medium eng verbunden. Was bedeutet es aber, wenn diese zum Teil sehr abstrakten Theorien wieder auf das Feld der Kulturwissenschaft geerdet und auf die Mechanismen und Produkte von „Kultur“ angewendet werden?

Das Forschungskolleg Medien und kulturelle Kommunikation (SFB) der Universitäten Köln, Bonn und Aachen stellt sich dieser Aufgabe und versucht, vornehmlich am Leitfaden dieser beiden Master-Theorien aber ohne Reduzierung auf sie, medien- und kommunikationstheoretisch Kulturwissenschaft zu betreiben. In den Fokus geraten dabei neue wissenschaftliche Perspektiven, Leitkategorien und Wissensgegenstände (Archiv, Iconic Turn, Adresse, Präsenz, Manus Loquens) aber auch Literatur, Film und einzelne technische Medien. Seit 2001 sammelt das Kolleg seine Texte zu Medien- und Kulturwissenschaften und gibt sie im Kölner DuMont-Verlag in der Reihe „Mediologie“ heraus. Das Konzept lautet: „Die Zukunft des Wissens ist multimedial. Unsere tradierte historische Kultur ist konfrontiert mit einer ‚Medienrevolution’, der kulturkonservatives Ressentiment ebenso wie utopische Hardware-Gläubigkeit hilflos gegenüberstehen. Gefordert sind die Kulturwissenschaften im interdisziplinären Verbund mit Natur- und Sozialwissenschaften.“ Beiträger der Reihe sind Mitglieder und Vortragsgäste des Kollegs und fast ausschließlich arrivierte Literatur-, Film-, Medien- und Kulturwissenschaftler.

Das Format der Reihe ist bis auf eine Ausnahme der Sammelband. Das ist die Stärke, aber zugleich auch die Schwäche der Reihe. Von Nachteil deshalb, weil nicht jeder Beitrag gleich stark und gleich interessant ist und weil ein Sammelband nie die argumentative Schlagkraft einer Monographie erreichen kann. Häufig fehlt der große Atem einzelner Texte, die ihren Vortragscharakter nicht verbergen und zum Teil nur Appetizer der folgenden Monographien ihrer Autoren sind (z.B. in Bd. 1: Tholen, Bredekamp, Haverkamp). Der große Vorteil liegt auf der Hand: Man bekommt zum Thema einen repräsentativen und stets aktuellen Querschnitt aus der Forschung in verschiedenen Bereichen angeboten, und der spürbare Vortragsstil trägt sehr zur Lesbarkeit bei.

Das Themenspektrum der Sammelbände ist breit gefächert: Der erste Band beginnt eher unspezifisch mit dem Thema „Schnittstelle“ und kann als programmatischer Startschuss der Reihe verstanden werden. Die folgenden Bände widmen sich dann jeweils Spezialthemen an der Schnittstelle von Medien und Kultur. Für die Rezension stellen sich jetzt folgende Fragen ein: Wie aus den über 150 Beiträgen auswählen und was bewerten? Aufgrund der Fülle des Materials gibt es zwei Listen: Die erste sammelt die Beiträge aus neun Bänden direkt zum Thema „Film“. Die zweite gibt allgemeine und stichpunktartige Empfehlungen. Um es aber schon vorneweg zu sagen: Die Reihe wird uneingeschränkt empfohlen. Hier findet derzeit fast einzigartig die Gegenwart kultur- und medienwissenschaftlicher Forschung in Deutschland statt. Man mag mit einigen Beiträgen nicht einverstanden sein, die Qualität schwankt mit den Autoren, aber mehr als überzeugend ist das Konzept in Gänze. Wer sich für eine Kulturwissenschaft interessiert, die medientheoretisch argumentiert, aber sich nicht darauf reduzieren lässt, kommt an diesen Bänden nicht vorbei.

Liste 1:

* Gertrud Koch: Netzhautsex – Sehen als Akt. (Bd. 1): Mit Anschluss an Walter Benjamin („profane Erleuchtung“, sic!) eine problematische Diskussion über Körper-Kino und Pornografie als filmische „Schaulust“, ohne auch nur mit einer Fußnote Linda Williams zu erwähnen.
* Christoph Hoffmann: φ-Phänomen Film. Der Kinematograph als Ereignis experimenteller Psychologie um 1900. (Bd. 2): Frühe optische Apparate, Bild- und Bewegungstheorien, Physiologie, Psychologie, Wilhelm Wundt, Rudolf Arnheim und Panzerkreuzer Potemkin. Analyse eines komplexen Dispositivs um 1900 zwischen Mensch und Maschine (vgl. die Arbeiten von Stefan Rieger und Stefan Andriopoulos).
* Harun Maye: Nosce te ipsum. Korrespondenzen technischer Medien bei Ian Fleming und Thomas Hobbes. (Bd. 4): Eine pointenreiche Koppelung von Thomas Hobbes, Marshall McLuhan und James Bond am Leitfaden der Medien.
* Rembert Hüser: Found-Footage-Vorspann. (Bd. 6): Found-Footage-Film als Metafilm. Überlegungen zu den Genregrenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm anhand der Analogisierung von Found-Footage und Vorspann.
* Lutz Ellrich: Tricks in der Matrix oder Der abgefilmte Cyberspace. (Bd. 6): Mit Marshall McLuhan, Slavoj Žižek, Kittler und Luhmann entwickelt Ellrich eine Theorie zwischen Inhalt und Medium. Der exemplarische Film Matrix zeigt unter anderem die körperliche Befreiung aus einem passiven Mediengebrauch.
* Claudia Liebrand/Ines Steiner: Monströse Moderne: Zur Funktionsstelle der manus loquens in Robert Wienes ORLACS HÄNDE (Österreich 1924). (Bd. 7): Zu einer Rhetorik von Geste und Gebärde im Stummfilm an der Analyse von Orlacs Hände.
* Claudia Liebrands Gender-Topographien (2003): Eine buchlange Sammlung von gender-orientierten Einzelanalysen zu jüngeren Hollywood-Filmen (The English Patient; The Talented Mr. Ripley; Anna and the King; Crouching Tiger, Hidden Dragon; M. Butterfly; Pearl Harbor; The Others). (Bd. 8)
* Michel Chion: Mabuse – Magie und Kräfte des acousmêtre. Auszüge aus DIE STIMME IM KINO. (Bd. 9). Zum ersten Mal in deutscher Übersetzung die ersten drei Kapitel von La voix au cinéma (1982).
* Gereon Blaseio: Gendered voices in der Filmsynchronisation. FIRST BLOOD versus RAMBO. (Bd. 9): Basiert auf der einen (und nicht neuen) Beobachtung der maskulinierenden Synchronisation von Sylvester Stallone: Vietnam-Trauma vs. Heroisierung.
* Ines Steiner: The voice behind the curtain. Zur Inszenierung der Stimme in SINGIN’ IN THE RAIN. (Bd. 9): Ausführliche Analyse des Films am Thema der Stimme.

Liste 2:

* Anselm Haverkamp: Repräsentation und Rhetorik. Wider das Apriori der neuen Medialität (Bd. 1): Haverkamps dekonstruktiver Einsatz setzt allem kryptischen Formulierungswahn zum Trotz einen nachvollziehbaren rhetorischen Kontrapunkt zur Medientheorie.
* Eckhard Schüttpelz: Quelle, Rauschen und Senke der Poesie. Roman Jakobsons Umschrift der Shannonschen Kommunikation (Bd. 1): Ein Grundlagentext, um sich noch einmal Shannons Informations- und Noise-Theorie zu vergegenwärtigen.
* Klare Worte zum Verhältnis von Literatur und Medientheorie findet Georg Stanitzek in Kriterien des literaturwissenschaftlichen Diskurses über Medien (Bd. 1) und Fama/Musenkette. Zwei klassische Probleme der Literaturwissenschaft mit „den Medien“ (Bd. 1).
* Wer sich für Fotografie interessiert, kommt an Matthias Bickenbachs Texten nicht vorbei: Das Dispositiv des Fotoalbums: Mutation kultureller Erinnerung. Nadar und das Pantheon (Bd. 2), Der Chiasmus des Chiasmus: Text und Bild im Angesicht der Fotografie (Bd. 4) und Fotografierte Autorschaft: Die entzogene Hand (Bd. 7).

Mediologie
10 Bände:

Band 1:
Georg Stanitzek, Wilhelm Voßkamp (Hg.)
Schnittstelle
282 S. (broschiert), 24,90 Euro.
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Band 2:
Stefan Andriopoulos, Gabriele Schabacher, Eckhard Schumacher (Hg.)
Die Adresse des Mediums
282 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 3:
Jürgen Fohrmann, Andrea Schütte, Wilhelm Voßkamp (Hg.)
Medien der Präsenz
213 S. (broschiert), 24,90 Euo
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Band 4:
Matthias Bickenbach, Axel Fliethmann (Hg.)
Korrespondenzen. 215 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 5:
Hedwig Pompe, Leander Scholz (Hg.)
Archivprozesse
320 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 6:
Matthias Bickenbach, Annina Klappert u. Hedwig Pompe (Hg.)
Manus Loquens
368 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 7:
Cornelia Epping-Jäger, Erika Linz (Hg.)
Medien / Stimmen
304 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 8:
Petra Löffler, Leander Scholz (Hg.)
Das Gesicht ist eine starke Organisation
351 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 9:
Gisela Fehrmann, Erika Linz, Eckhard Schumacher, Brigitte Weingart (Hg.)
Originalkopie
324 S. (broschiert), 24,90 Euro
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Band 10:
Cornelia Epping-Jäger, Torsten Hahn, Erhard Schüttpelz (Hg.)
Freund, Feind & Verrat. ca. 300 S. (broschiert), 24,90 Euro (erscheint im Herbst 2004)
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Arno Meteling

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