L.A., offene Stadt

„Just wrap your legs round these velvet rims / And strap your hands across my engines.” (Bruce Springsteen)

Das Automobil zählt zweifelsohne zu den bedeutendsten Fetischobjekten des Kinos. Seine Faszinationskraft lässt sich nicht bloß thematisch begründen: viel eher ist von einer strukturellen Anziehung zwischen ihm und dem kinematographischen Apparat auszugehen. Die Bewegung: der Filmstreifen, die Fahrbahnmarkierung. Der glattglänzende Lack der Oberfläche, das Grob-Motorische, Zerklüftete unter dem Lack, und schließlich: der destruktive Akt, die Verformung der Oberfläche, die Offenlegung letztlich des versteckten Maschinellen – alles erotische Momente, nachzuschlagen etwa bei Ballard/Cronenberg. Die Bewegung: das Grundfaszinosum des Kinos. Allein im Dunkel sitzen und gebannt werden – nicht von Erzählung, sondern von Bewegung. Der Traum vom Kino: von einem Leben ohne Stillstand, immer on the road und on the run. Die Objekte des Bildes, von der Photographie noch in Ewigkeit eingefroren, werden vom Filmprojektor  stetig vorangepeitscht. Wo sie selbst stillstehen mögen, wird die Welt um sie herum in Bewegung gesetzt. „Aber nicht mehr die Figuren reagieren auf die optisch-akustischen Situationen, sondern die Bewegung der Welt tritt an die Stelle der zurücktretenden Bewegung der Figur.“ (Gilles Deleuze) Weil es auf eine grundlegende Sehnsucht des modernen Menschen zu antworten weiß – die Sehnsucht, es möge immer irgendeine Richtung geben, in die es weiterzugehen gilt –, muss die Beziehung des Menschen zum Kino als eine amour fou betrachtet werden.

„You got a fast car / And I want a ticket to anywhere.” (Tracy Chapman)

Das Road Movie als das vielleicht grundlegende Genre des Kinos, und gleichzeitig stets vom Melancholischen, Ziellosen flankiert. Die Bewegung selbst ist der Traum, ein Ziel hat sie längst nicht mehr. Höchstens vielleicht die eigene Eskalation: „Crash and Burn“; Katharsis und Kulminationspunkt, impliziert in jeder einzelnen Fahrt in jedem einzelnen Film; Struktur geworden in „Two-Lane Blacktop“, dem größten Autofilm der Kinogeschichte. Immer hat die Fahrt nur eine Fluchtlinie: raus hier. Überall dort ist es besser, wo wir nicht sind. Aber keiner kommt hier lebend raus, immer lauert irgendwo ein Big Tuna, Texas; ein Ort, wo alle Wege abbrechen. Es darf keinen Zwischenstopp geben, man darf nicht langsamer werden. „Crash and Burn“ von Russell Mulcahy: ein urbanes Road Movie, das niemals aus Los Angeles hinausfinden wird. Ein Film über die domestizierte Bewegung, erzählt in Schleifen.

„Brucey dreams life’s a highway / Too many roads bypass my way / Oh, but they never begin.” (Prefab Sprout)

Ein Post-Road-Movie, wenn man so will. Nichts, was nicht schon zuvor getan wäre für seinen Protagonisten Kevin Hawkins, der mythenumweht in seine Stadt zurückkehrt wie einst Tom Cody in Hills „Streets of Fire“ oder Motorcycle Boy in Coppolas „Rumble Fish“. Der Mythos freilich ist aus seiner Welt verschwunden, gestorben vielleicht gemeinsam mit Kevins Freund Jason, dessen Ermordung noch ungeklärt ist. „Crash and Burn“ reißt zahlreiche Lücken auf, in seiner Narration, in seinen Protagonisten und in seinen Schauplätzen. Kevin, der als Undercover-Cop zurückkehrt in seine persönliche dunkle Vergangenheit und in Loyalitätskonflikten zu zerreißen droht. Der Plot, der Polizeifilm sein könnte, oder Mafiakrimi, oder Tragödie, oder Thriller, oder Film Noir, und am Ende doch nur eine Variation auf „Gone in 60 Seconds“ sein will. Und, nicht zuletzt, vielleicht gar zuerst: L.A., offene Stadt. Neo-Noir, unter die gleißende kalifornische Sonne gezerrt, in einer Stadt, in der sich Handlungsfäden und Motivketten mit großer Zwangsläufigkeit nicht mehr zusammenfügen, weil sie sich selbst nicht mehr zu verdichten weiß. Metropole der Oberfläche: Hier führt keine Straße mehr hinaus, und hier bleiben selbst die Taten der Helden merkwürdig folgenlos, in der Ambivalenz stecken.

„I’m 0 to 60 in three point five / Baby you got the keys – / Now shut up and drive!” (Rihanna)
Russell Mulcahy ist aber nicht eben ein Regisseur der Innerlichkeit, und “Crash and Burn” ganz sicher kein grüblerischer Film. Nein, er bleibt – und darin wird er seinem Schauplatz sicher eher gerecht als seinen Charakteren – ganz und gar Oberfläche, bewegt sich durch die Straßen von Los Angeles und nirgendwo hin, gerät ins Kreiseln, Taumeln und drückt, statt die klassische Rhythmik des amerikanischen Bewegungskinos anzustreben, immer weiter aufs Gaspedal, ohne wirklich etwas zu beschleunigen zu haben. Darin wird er, vielleicht, zur adäquatesten strukturellen Metapher für Los Angeles, für das Road Movie, für die Autofahrt und das Kino an sich: eine Stadt ohne Zentrum, ein Erzählen ohne Zentrum. Ein Flottieren in endlos verzweigter Peripherie. Nowhere, fast. Shut up and drive!

Crash and Burn – Heiße Autos, heiße Deals
(Crash and Burn, USA 2008)
Regie: Russell Mulcahy; Drehbuch: Frank Hannah, Jack LoGiudice; Musik: Jeff Rona; Kamera: Maximo Munzi; Schnitt: Jennifer Jean Cacavas
Darsteller:
Erik Palladino, Michael Madsen, David Moscow, Heather Marie Marsden, Peter Jason
Länge: 90 Minuten
Verleih: Eurovideo

Zur DVD von Eurovideo

Die DVD ist qualitativ tadellos, Bonusmaterial gibt es leider keines. Weiterhin fällt die Abwesenheit einer englischen 5.1-Tonspur negativ ins Gewicht. Eine unambitionierte, aber zweckdienliche Edition.

Bild: 1,78:1 (16:9/anamorph)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: keine
Extras: keine
FSK: ab 18 Jahren

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