Der (Selbst-)Bestrafer

Give ‚em Hell, Malone! (USA 2009, Russell Mulcahy)

Unter den tough guys des Neo-Noir ist Malone (Thomas Jane) der toughste, daran lässt schon die Einleitung von Russell Mulcahys „Give ’em Hell, Malone!“ keinen Zweifel. Da spritzen Blutfontänen meterhoch, werden böse Jungs dutzendweise und ohne Rücksicht auf die eigene Konstitution zerschlagen, zerstochen, zerschossen. Stechen, bevor der Gegner schlägt, und schießen, bevor er zusticht – so lautet die Maxime des Helden, der so gern ein Antiheld wäre, denn: „Once you’re dead, you stay that way.“ Die Form, an die Mulcahy hier Anschluss sucht, ist die des Film noir, doch der Auftakt erinnert eher an nerdige Splatter-Extravaganzen im Stile von Joe Carnahans „Smokin’ Aces“ oder Michael Davis‘ „Shoot’em Up“. Eine filmische Form also, die nicht unbedingt auf Augenhöhe mit den kreativen Tendenzen im gegenwärtigen Bewegungskino ist. Und auch wenn „Give ‘em Hell, Malone!“ es, nachdem er in den ersten zehn Minuten schon einmal das Splatternerdpublikum auf seine Seite gezogen hat, dann auch dabei belässt und in den restlichen gut 80 Minuten andere, ruhigere Pfade beschreitet, spiegelt sich darin doch der Grundzwiespalt eines nicht durchweg gelungenen Films.

Doch zunächst einmal zur Narration, die gar nicht ungeschickt aus unterschiedlichen Versatzstücken des Classic-Noir, des Neo-Noir und entfernter verwandter Formen des Kriminalfilms zusammengeklaubt ist. So ist die Hintergrundgeschichte seines Helden nahezu bruchlos Thomas Janes jüngerer Rollenvergangenheit als (bislang überzeugendste) Kinoinkarnation des Marvel-Antihelden „The Punisher“ entnommen. Wo freilich Frank Castle zum selbstgerechten „Bestrafer“ jenseits der gesetzlichen Ordnung geworden ist, wird Malone infolge der persönlichen Tragödie eher zum moralisch indifferenten Zyniker, gegen Bezahlung für (fast) jede Schandtat buchbar und ansonsten der Schnapsflasche zugetan. Eine klassische Noir-Figur also, wenn Mulcahy sie nicht in einem Nebenplot an eine resolut-schnippische und nicht weniger trinkfreudige Mutterfigur zurückbinden würde – ein Verfahren des ästhetischen Herunterbrechens gewissermaßen, das eine mythisch aufgeladene Figur in einen alltäglichen Mikrokosmos einbindet und somit gewissermaßen auf Normalmaß zurechtstutzt. Nicht unähnlich der narrativen Vorgehensweise von Rian Johnsons Schulhof-Noir „Brick“, der jedoch seine parodistischen Elemente durch ein im Grunde zutiefst melancholisches Fundament aufzuwiegen verstand und der somit meist den Eindruck vermitteln konnte, er verstehe sich als durchaus seriöse Aktualisierung des Noir-Kinos.

Im Gegensatz dazu bleibt „Give ’em Hell, Malone!“ leider ganz und gar an der Oberfläche. Die Tiefenstrukturen des Film noir interessieren ihn wenig, eher nimmt er dessen narrative und formale Versatzstücke zur Hand, um (meist persiflierende) humoristische Miniaturen oder Inszenierungskunstgriffe daran aufzuhängen. Diese inszeniert Mulcahy mal mit dem Stilmittel der Überspitzung (der klassischen Rollenbilder von tough guy, femme fatale, goon oder evil mastermind); mal durch die oben beschriebene Rückbindung an das Reale, Alltägliche, Prosaische; mal schlichtweg durch flotte Sprüche und schlagfertige Dialoge. Insgesamt funktioniert das mal besser, mal schlechter, meistens leidlich; was „Give ’em Hell, Malone!“ jedoch fehlt, das ist durchweg eine gewisse innere Spannung. Die Protagonisten sind Abziehbilder ihrer Funktionen in der Narration und bewusst comichaft und ohne Tiefe gehalten, der ganz klassisch von einem McGuffin ausgehende Plot bleibt ohne Relevanz, und der abschließende Plottwist exakt deshalb auch ohne Effekt. Dabei wäre hier durchaus Potenzial vorhanden gewesen, das Genre in einer so nicht vorhergesehenen Umkehrung einmal regelrecht vom Kopf auf die Füße zu stellen und so zu einer eigenen Vision des Noir-Kinos im Geiste von Thomas Elsaessers „post-mortem-Kinos“ zu gelangen.

„Give ’em Hell, Malone!“ ist aber nicht nur ein Film der verpassten Chancen, er ist auch eine makellose Stilübung. Russell Mulcahy, der in den 1980er Jahren als einer der ersten Regisseure von der noch jungen Kunstform Musikvideo zum Kinofilm gelangte und mit seinem bekanntesten Film „Highlander“ einen zweistündigen Heavy-Metal-Videoclip auf die Leinwand donnerte, hatte schon jüngst mit der Kleinstproduktion „Crash and Burn“ belegt, wie weit er sich endgültig vom narrativen Film entfernt hat hin zu einem Kino der Topographie. Auch hier geht es vornehmlich um die Inszenierung von set pieces, und stilistisch ist „Give ’em Hell, Malone!“ tatsächlich eine Augenweide. Nicht weit entfernt von den Noir-Paraphrasen eines Brian de Palma, einer vergleichbaren Artifizialität verpflichtet, aber ohne die Eleganz etwa seines großen Meisterwerks „The Black Dahlia“ erscheint seine Variation auf das Genre eher wie ein billiger, pulpiger Noir-Fiebertraum. „Dick Tracy“ ohne Saubermannattitüde und weit jenseits des Hays-Code. Das ist ja freilich schon mal etwas und macht auch durchaus Spaß, aber zum richtigen Noir-Antihelden fehlt seinem Malone, zur Hölle damit, dann doch noch einiges.

Give ‚em Hell, Malone!
(USA 2009)
Regie: Russell Mulcahy; Drehbuch: Mark Hosack; Musik: David C. Williams; Kamera: Jonathan Hall; Schnitt: Robert A. Ferretti
Darsteller: Thomas Jane, Ving Rhames, Elsa Pataky, French Stewart, Chris Yen, Doug Hutchison
Länge: 92 Minuten
Verleih: Splendid

Zur DVD von Splendid

Ähnlich wie der Film steht auch die DVD-Edition in einem Spannungsverhältnis von herausragender Präsentation und einer gewissen Substanzlosigkeit. In ein äußerst schickes Steelbook verpackt und als „Limited Edition“ angepriesen, findet sich auf der DVD der Film in herausragender Bildqualität – das war es freilich auch schon. Auf Bonusmaterial hat man vollständig verzichtet, lediglich eine Trailershow zu weiteren Filmen aus dem Splendid-Programm ist enthalten. Zum sehr gelungenen Design des Steelbooks tritt dann zudem auch noch ein PR-Text auf dem Backcover als Wermutstropfen hinzu, der grammatisch und orthographisch nur sehr entfernt in der deutschen Sprache verwurzelt ist. Hier würde ein wenigstens oberflächliches Lektorat wirklich nicht wehtun.

Bild: 2,35:1 (16:9/anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: keine
FSK: Keine Jugendfreigabe

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