Die Nase der Rose

Drei Romane, darunter zwei von deutschsprachigen Autoren, haben in den 1980er und 1990er Jahren auf besondere Weise von sich reden gemacht, weil sie schon bald nach ihrem Erscheinen zum Inbegriff populärer postmoderner Literatur geworden sind. Die Rede ist von Umberto Ecos "Der Name der Rose", Robert Schneiders "Schlafes Bruder" und Patrick Süskinds "Das Parfum". Die Verwertungslogik der Kulturindustrie hat die ersten beiden recht schnell in zwei ganz unterschiedlich anspruchsvolle Filme verwandelt, wohingegen Süskind für seinen Text die Verfilmungsrechte lange Zeit nicht abgeben wollte. Nun ist es – nach über 20 Jahren – doch geschehen und nicht nur, weil sich dem Stoff dasselbe Produktions- und beinahe dasselbe Drehbuch-Team wie bei "Der Name der Rose" angenommen hat, ist das Ergebnis der Annaud-Adaption näher als Vilsmairs "Schlafes Bruder"-Film.

„Die Nase der Rose“ weiterlesen

Der Wille zum Krach

Sean Jones (Nathan Phillips) beobachtet, wie der Schwerverbrecher Eddie Kim einen Staatsanwalt umbringt. FBI-Agent Neville Flynn (Samuel L. Jackson) soll dem wichtigen Zeugen Geleitschutz auf dem Flug von Hawaii nach L.A. geben, wo er gegen den Bösewicht aussagen soll. Dessen Mordanschläge misslingen und so greift er zum Äußersten: Er setzt eine Horde giftiger Schlangen an Bord des Flugzeugs aus, die er mit einem Duftstoff zusätzlich aggressiv macht … „Der Wille zum Krach“ weiterlesen

Die Schönheit des Schweigens

Mann und Frau setzen sich wortlos an einen Tisch. Er schenkt zuerst ihr, dann sich selbst ein Schälchen Tee ein. Beide gleichzeitig setzen sie an und trinken. Ihre Gesichter bleiben dabei ausdruckslos, ihre Körper bewegen sich nicht. Unter dem Tisch schiebt sich ihr linker Fuß langsam nach rechts, ihre Zehen berühren seine. Mit der selben Ausdruckslosigkeit schaut er sie nun an und sie schaut zurück – beider Züge bekommen etwas Engelhaftes. An diesem Punkt zeigen sie sich, dass sie einander gesucht und gefunden haben. Sicherlich einer der zärtlichsten Momente der Filmgeschichte, die Kim Ki-duk uns hier in „Bin-jip“ präsentiert.

„Die Schönheit des Schweigens“ weiterlesen

Coffee and Pie – Oh my!

Eines der Lieblingsthemen der dem Kulturpessimismus verpflichteten Medien ist die Jugendsprache. Durch Talkshows und Feuilletons geistern in regelmäßigen Abständen die Mütter, die ihre Kinder nicht mehr verstehen, und Lehrer, die an den sprachlichen Fertigkeiten ihrer Schüler verzweifeln. In seinem beängstigend perfekten Debüt BRICK greift Regisseur Rian Johnson dieses Thema mit großem Geschick und verblüffender Wirkung auf, ohne sich des mahnenden Tonfalls der Spachpuristen zu bedienen. Vielmehr stilisiert er die Jugendsprache als Äquivalent zum Gossenslang der hardboiled-Literatur und verleiht ihr so die zustehende poetic justice. „Coffee and Pie – Oh my!“ weiterlesen

Science Faction

Gabriel Noone (Robin Williams) ist ein berühmter Romancier, Moderator der nationalen Radioshow „Noone at Night“, homosexuell und soeben von seinem jüngeren, HIV-positiven Geliebten verlassen worden. In seinen Trennungsschmerz platzt sein Verleger mit dem Auftrag, ein Buch zu lektorieren und zu begutachten. Bei diesem Buch handelt es sich um die Autobiografie des erst 14-jährigen Pete Logand (Rory Culkin), der von seinem Vater und dessen pädophilen Freunden jahrelang missbraucht wurde und nun aidskrank im Sterben liegt. „Science Faction“ weiterlesen

Moneyshots

Linda Williams stellt in ihrem Buch „Hard Core“ die Gemeinsamkeit von Porno- und Splatterfilm heraus: Beide Genres zielten auf somatische Effekte beim Zuschauer ab, die sexuelle Erregung auf der einen, die Übelkeit auf der anderen Seite. In dieser Intention weiten beide Genres den Filmraum von der Leinwand/dem Bildschirm auf den Zuschauerraum aus und lassen den Zuschauer ganz unmittelbar am Geschehen teilhaben. „Moneyshots“ weiterlesen

Hackfresse

FFF 2006Ganz wie seine blutrünstigen Titelhelden ist der Slasherfilm einfach nicht totzukriegen. Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest widmeten sich mit HATCHET, dem thailändischen Vertreter SCARED, dem selbstreflexiven BEHIND THE MASK und Gregory Darks SEE NO EVIL gleich vier Filme dem kreativen Morden. „Hackfresse“ weiterlesen

» … to entertain you.«

Über die Jahrzehnte seines Bestehens ist der Serienmörderfilm bemüht, seine Erzählung plausibel zu gestalten. Die verschiedensten Motive und Ästhetiken haben sich in das Genrebewusstsein der Zuschauer eingeschrieben, die den jeweiligen Film als „authentisch“ ausweisen – selbst wenn diese genau das Gegenteil – man könnte sagen „Medialität“ – anzeigen. Ein Spiel zwischen Zuschauer, Film und Produktion ist dabei entstanden, das mit Erwartungen operiert und diese erfüllt oder enttäuscht, ganz im Sinne authentisierender Wirkung. Vor allem mit dem Dokumentarischen ist der Serienmörderfilm eine Verbindung eingegangen, da die Sujets beider Genres/Gattungen einem Konzept von Wirklichkeit verpflichtet sind, die sich angeblich filmisch abbilden lässt.
„» … to entertain you.«“ weiterlesen

Bruderliebe

Django (Franco Nero) musste als Kind mit ansehen, wie sein Vater von dem Verbrecher Cisco Delgado (José Suárez) erschossen wurde. Jahre später, aus dem Jungen ist mittlerweile der respektierte Sheriff des Örtchens White Rock geworden, macht er sich auf die Suche nach dem Halunken, um ihn in Texas der Justiz zu überantworten und endlich mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Sein jüngerer Bruder Jim (Cole Kitosch) begleitet ihn dabei. In Mexiko treffen sie den reich gewordenen Übeltäter wieder. Doch der hat für die beiden eine handfeste Überraschung.
„Bruderliebe“ weiterlesen

Rambos großer Bruder

Rund 20 Jahre nach dem Riesenerfolg von „Django“ verspürte Franco Nero Lust, noch einmal in die Rolle des Revolverhelden zu schlüpfen und Antwort auf die Frage zu geben, was aus dem Herrn nach seinem ersten Abenteuer geworden ist. Regisseur Corbucci war damals schwer krank (er starb nur ein Jahr später) und so nahm Nello Rossati unter dem Namen Ted Archer auf dem Regiestuhl Platz.
„Rambos großer Bruder“ weiterlesen

Impressionen aus der Hölle

Sergio Corbuccis „Django“ gehört zusammen mit Sergio Leones Western zu den Filmen, die das Genre des Italo-Westerns definierten. Verbitterte, zynische Revolverhelden, die in der trostlosen Ödnis der amerikanischen (bzw. jugoslawischen) Prärie Tod und Verderben über skrupellose Viehbarone, Eisenbahner oder brutale Generäle brachten und am Ende wieder in dem Nichts verschwanden, aus dem sie zu Beginn gekommen waren: so sah die Bilderwelt des italienischen Western aus, die sich radikal von den romantisierenden Heldengeschichten ihrer amerikanischen Vorbilder unterschied.

„Impressionen aus der Hölle“ weiterlesen

Impressionen aus der Hölle

Sergio Corbuccis „Django“ gehört zusammen mit Sergio Leones Western zu den Filmen, die das Genre des Italo-Westerns definierten. Verbitterte, zynische Revolverhelden, die in der trostlosen Ödnis der amerikanischen (bzw. jugoslawischen) Prärie Tod und Verderben über skrupellose Viehbarone, Eisenbahner oder brutale Generäle brachten und am Ende wieder in dem Nichts verschwanden, aus dem sie zu Beginn gekommen waren: so sah die Bilderwelt des italienischen Western aus, die sich radikal von den romantisierenden Heldengeschichten ihrer amerikanischen Vorbilder unterschied. „Impressionen aus der Hölle“ weiterlesen

»Der Terror ist da!!!«

Gleich zwei Mal eroberte der Terrorismus auf dem letztjährigen Filmfest in München das deutsche Kino. In „Schläfer“ wurde die allgegenwärtige Paranoia gegenüber muslimischen Mitbürgern zum Thema gemacht. Dabei war es ganz gleichgültig, ob der Verdächtigte auch tatsächlich ein Terrorist ist; die Unsicherheit, dass er einer sein könnte, mobilisierte die Verdachtsmomente seines Umfeldes. „Falscher Bekenner“ handelt nun ebenfalls davon, dass in Zeiten globaler Bedrohungen hinter jeder unscheinbaren Fassade ein potenzieller politischer Mörder stecken könnte.

„»Der Terror ist da!!!«“ weiterlesen

»Ich häute mich für jeden Film«

Die iranische Regisseursfamilie Makhmalbaf gehört seit Jahren zu den international gefeierten Künstlern des Landes. Mohsen Makhmalbaf, der seit 1979 filmisch aktiv ist, seine Frau Marziyeh Meshkini sowie die Töchter Hana, Samira und der Sohn Maysam haben zusammen oder jeder für sich bereits zahlreiche Preise für ihre gesellschafts- und religionskritischen Spiel- und Dokumentarfilme erhalten. Im Frühjahr 2005 musste die Familie den Iran verlassen, weil aufgrud der Zensur eine Arbeit dort nicht mehr möglich war. Vera Tschechowas Dokumentarfilm erzählt die Hintergründe dieser Flucht nach Paris und stellt die einzelnen Künstler der Familie und deren Werk vor.
„»Ich häute mich für jeden Film«“ weiterlesen

Ins Wasser gefallen

Vom indisch-stämmigen Regisseur M. Night Shyamalan ist man ja einiges gewohnt – vor allem aber Verlässlichkeit, was die Konstruktion seiner (zumeist) Grusel-Erzählungen angeht: Da geschehen Dinge fernab unserer Alltagslogik, die für die Protagonisten zur Normalität werden, die scheinbar immer tiefer in eine fantastische und mysteriöse Welt führen – um am Ende dann in einem von Shyamalans berüchtigten Plot-Twists aufgehoben zu werden. Nichts war, wie es schien – die Wahrheit ist ganz anders und manchmal sogar noch fürchterlicher als die Lüge. Es ist vorstellbar, dass Shyamalan bei seinem neuen Film „Das Mädchen im Wasser“ eine Art Meta-Plottwist vorgeschwebt haben mag, um seine Zuschauer, die mit seinen finalen Überraschungen längst rechnen, doch noch einmal zu erstaunen. Das wäre allerdings eine sehr wohlwollende Lesart des Films.
„Ins Wasser gefallen“ weiterlesen

Abgesoffen

Der klassische Katastrophenfilm vereinte stets zwei Motive: die Ohnmacht des Menschen vor der übermächtigen und unbezähmbaren Natur und die Angst vor dem trügerischen Segen der Technik. In den technischen Errungenschaften des Menschen – Schiffe, Hochhäuser, Flugzeuge – spiegelt sich seine Hybris, die im Verlauf der Hnadlung den Zorn eines alttestamentarischen Schöpfergottes in Form von Erdbeben, Feuersbrünsten, Sturmfluten und Wirbelstürmen auf sich zieht. In einem Jahrzehnt wie den 70ern, das durch die Ölkrise und innenpolitische Skandale geprägt war, war der Katastrophenfilm der perfekte Katalysator für den aufkeimenden Zivilisationspessimismus.
„Abgesoffen“ weiterlesen

Werner Herzog Filmabend I

1.

Anfang der siebziger Jahre etablierte sich der abenteuerlustige Filmemacher Werner Herzog als eine einzigartige Erscheinung innerhalb der deutschen Filmlandschaft. In zahlreichen Filmen, oft kongenial mit Klaus Kinski besetzt, erzählte er von der „Eroberung des Nutzlosen“ (Bernd Kiefer), einem monumentalen aber tragischen Scheitern fiktiver und historischer Abenteurer. Den prominentesten Versuch dieser Art unternahm Herzog in einem unvergesslichen Klassiker von 1971: „Aguirre – Der Zorn Gottes“. Die Amazonasexpedition einiger spanischer Konquistadoren gerät hier zum Himmelfahrtskommando – in dem Wahn, das legendäre Goldland Eldorado zu entdecken, dringt Aguirre mit seinen Leuten immer tiefer ins „Herz der Finsternis“ vor. Wenn man Werner Herzogs eigenen Aussagen glauben darf, verschmolzen Dreharbeiten und Film zu einer irrwitzigen Melange, die sich deutlich in der fieberhaften Intensität der Inszenierung spiegelt.
„Werner Herzog Filmabend I“ weiterlesen

The Heart of the Warrior

Dass das spanische Unterhaltungskino blüht und gedeiht, davon konnte man sich in den letzten Jahren anhand der Filme von Jaume Balaguero, Javier Fesser, Santiago Segura oder Alex de la Iglesia immer wieder überzeugen. Mit großem Selbstbewusstsein, handwerklichem Geschick, Witz und neuen Ideen entstanden Filme, die sich nicht darin erschöpften, große Vorbilder aus Übersee zu kopieren oder sich mit künstlerischer Verweigerungshaltung des potenziellen Publikums zu berauben. Ein gutes Beispiel für dieses neue spanische Kino ist Daniel Monzóns 2000 entstandener „The Heart of the Warrior“.
„The Heart of the Warrior“ weiterlesen