Serbien, postapokalyptisch

Marko ist ein junger, ambitionierter Filmschüler und will eigentlich Kunstfilme machen. Nicht als gefälliges Arthousekino, sondern in Horror- und Science-Fiction-Stoffe verpackt die nationalen Mythologien Serbiens erkundend. Natürlich findet er für seine ehrgeizigen Projekte keine Finanziers, und so nimmt er, was er bekommen kann: zunächst einmal das Geld des schmierigen Pornoproduzenten Cane. Damit inszeniert er einen surreal-prätentiösen Kunstpornofilm, der bei seinem Auftraggeber und dessen Kompagnon, einem skrupellosen Polizisten, auf wenig Begeisterung stößt. Marko wird gefeuert, bedroht und schließlich brutal zusammengeschlagen. Darauf entschließt er sich zu einem Medienwechsel und begründet das erste serbische Porno-Theater. Noch während der Premiere von der Polizei zerschlagen, entschließt sich die bunte Truppe um Marko herum schließlich, auf Tournee durch die Dörfer des ländlichen Serbiens zu gehen.

Bereits am Anfang verankert Regisseur Mladen Djordjevic, der bereits in dem Dokumentarfilm „Made in Serbia“ (2005) die traurigen Realitäten der serbischen Pornoindustrie erforschte, seinen ersten fiktionalen Film tief in der Gegenwart seines vom Krieg verwüsteten und traumatisierten Landes: Den ersten Pornodreh absolviert Marko, während die Bomben des Kosovokrieges auf Belgrad fallen, und alles Folgende ist stets vor dem Hintergrund einer geradezu postapokalyptischen Nachkriegszeit zu sehen. Dabei zielt das Personal von „The Life and Death of a Porno Gang“ zunächst einmal auf Allgemeingültigkeit ab: Ein bizarres Spektrum sozialer Outcasts findet sich im Zeichen der freien Liebe und deren künstlerisch-kommerzieller Verwertbarkeit zusammen. Abgewrackte Pornodarsteller, Drogensüchtige, ein aidskrankes schwules Pärchen, ein zoophiler Transvestit – gleichwohl allesamt mit sehr zärtlichem Blick eingefangen und ernstgenommen in ihrem Versuch, dem korrupten Apparat zu entrinnen und ein hippieeskes Leben als sexuelle Bohème zu beginnen. Dieses ist freilich von vornherein zum Scheitern verurteilt: Die Bewohner der bereisten Dörfer beschimpfen, verlachen und verjagen die „Porno Gang“, und schließlich kommt es zur Eskalation. Zunächst (erneut) in Polizeigewahrsam genommen und auf barbarische Weise gefoltert und gedemütigt, trifft die zur Weiterreise gedrängte Truppe im Wald auf einen bewaffneten Mob von Bauern. In einer Sequenz von animalischer Gewalt werden alle Protagonisten von den entfesselten Dörflern brutal vergewaltigt, Männer wie Frauen, homo- wie heterosexuell, ganz egal. Dieser Moment ist auch ein Umschlagpunkt des Films: Die sexuelle Utopie, so überspitzt und campy sie hier auch gezeichnet war, ist nun endgültig gescheitert, das rohe, hässliche Leben dringt in die Künstlerträumereien ein und zerstört sie, unwiederbringlich. Der Moment der Demütigung, der gewaltsamen Aneignung der Körper und der künstlerischen Ideen, die an ihnen und ihrer Befreiung aufgehängt wurden, ist dabei auch ein Moment der Erkenntnis: Während sie noch von den viehischen Vergewaltigern anal penetriert werden, verzerren sich die von Schmerz gezeichneten Gesichter der erniedrigten Protagonisten zu einem brüllenden Lachen – ein Moment, der das Blut gefrieren lässt. Aus der aus den sozialen Fesseln herausgelösten Lebensfreude, die sie in liberalem Sex und absoluter Toleranz gegenüber jeder Form sexueller Normabweichung auf die Bühne bringen wollten, ist hier etwas zutiefst Verzweifeltes geworden. Die Wirklichkeit hat sie eingeholt und unterworfen, und sie ist grausam.

Mit dieser Niederlage der Ideale, unter denen Marko die Porno Gang ins Leben rief, ist der Weg gebahnt für die folgende Entwicklung, die seine Helden ebenso wie den Film selbst immer weiter dem Herz der Finsternis entgegentreibt: Marko trifft auf den Deutschen Franz, der einst als Kriegsberichterstatter mit selbstgedrehten Videos von Genozid und Massaker ein lukratives Geschäft auftat und dieses nun, als Produzent von Snuff-Filmen, professionalisiert hat und mit äußerstem Erfolg auch in der Nachkriegszeit weiterführt. An willigen Opfern für seine Filme mangelt es nicht: vom Krieg körperlich und seelisch verkrüppelte Lebensmüde, von Schuldgefühlen zerfressene Kriegsverbrecher, und schließlich auch einfache, arme Menschen, die mit der an die Hinterbliebenen gezahlten „Gage“ für ihre Familien sorgen wollen und die nichts mehr zu geben haben als ihr eigenes Leben. Franz bietet Marko an, einen entscheidenden Schritt weiter zu gehen: „Die Pornographie bleibt, der Tod kommt hinzu.“ Er könne der erste Künstler des Snuff werden, so Franz, und Marko kann auf Dauer nicht widerstehen. Schon früh im Film legt er die Ursache seiner Faszination an der Pornographie dar: den Kampf zwischen Eros und Thanatos, dem Liebes- und dem Todestrieb, den Thanatos in letzter Konsequenz für sich entscheide. Somit ist für Marko, den zunächst noch vorgeschützt edlen Motiven zum Trotz – Geld verdienen, um damit dann »das Richtige zu tun« –, der Weg zum Snuff ebenso konsequent vorgezeichnet wie für Franz jener von den Hinrichtungen des Krieges zu den Hinrichtungen des Friedens.

Die folgenden, als äußerst blutige set pieces in Szene gesetzten Morde und die darüber sich ereignende Zersetzung der Gruppe setzt Mladen Djordjevic in dokumentarischem Gestus in Bilder von einer rohen Unmittelbarkeit um, wie man sie in einer solchen Drastik schon lang nicht mehr auf einer Kinoleinwand gesehen hat. „The Life and Death of a Porno Gang“ ist nichts anderes als die Wiedergeburt des sozialkritischen Splatterkinos im Geiste der frühen Hooper, Romero und Craven – und zusammengedacht mit einer europäischen Kunstfilmtradition. Das Ergebnis ist ein Werk von brutalster Wucht, voll von Tabubrüchen in der ungeschminkten, bewusst grenzüberschreitenden Darstellung von Akten extremer Sexualität wie extremer Gewalt. Wie ein Faustschlag in die Magengrube kommt dieser kompromisslose Debütfilm daher, brennt sich vorerst unauslöschlich in die Erinnerung ein und schlägt in seiner fast körperlich spürbaren, aus politischem Bewusstsein wie Exploitation-Kinotradition befeuerten Dringlichkeit vielleicht gar, kurz vor dem Ausklingen der Dekade, ein neues, aufregendes Kapitel in der Kinogeschichte auf.

The Life and Death of a Porno Gang
(Zivot i smrt porno bande, Serbien 2009)
Regie & Buch: Mladen Djordjevic; Kamera: Nemanja Jovanov; Schnitt: Marko Glusac, Milina Trisic
Darsteller: Mihajlo Jovanovic, Ana Jovanovic, Predrag Damnjanovic, Radivoj Knezevic, Srdjan Jovanovic, Ivan Djordjevic, Natasa Miljus, Srdjan Miletic u.a.
Länge
: 105 Min.

Dieser Text ist erstmals erschienen in Splatting Image Nr. 80 (Dezember 2009).

6 Replies to “Serbien, postapokalyptisch”

  1. Wow, meine Landsleute haben wohl’s drauf, anspruchsvolle Kunstfilme zu drehen :) – Der Film klingt mehr als interessant, allein schon wegen seiner enormen Absurdität. Mich würds interessieren, wo du den Film her hast bzw. wo du ihn gesehen hast???

  2. Der Film ist tatsächlich mehr als interessant, eigentlich das Beste, was ich 2009 gesehen habe.

    Er war im Oktober beim Pornfilmfestival Berlin zu sehen. Bis jetzt gibt es leider noch keinen deutschen Verleih, es bleibt nur zu hoffen, dass sich das noch ändert.

  3. Pornofilmfesival, na ja, das hätte ich jetzt nicht öffentlich zugegeben :) Aber im Ernst, ich frag mal bei meinem serbischen Import-Export-Händler nach… Die verkaufen fast nur CDs / DVDs aus Serbien und Kroatien. Meist ist das zwar nur Ramsch, aber vielleicht haben die ja zufälligerweise auch den Film…

  4. Ach, das gebe ich ganz gern zu, da ich seit 3 Jahren als einer von mehreren Kuratoren des Festivals tätig bin… ;)
    In Serbien hatte der Film jedenfalls einen regulären Kinostart, eine DVD könnte also durchaus zumindest in der Planung sein.
    Hier lohnt es sich im Übrigen auch, Anfang Februar noch einmal reinzuschauen – dann geht ein Interview mit Mladen Djordjevic online!

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