Der Lebenszyklus eines Genres findet per definitionem einen traurig-komischen Abschluss. Hat das Publikum die Wiederkehr eines Topos mit leichten Variationen über, macht sich dies nicht ausschließlich durch sinkende Verkaufszahlen, sondern auch durch einen humoristischen Trend bemerkbar: die Genreparodie. Der Zombiefilm steht wie seine namensgebenden Figuren immer wieder von den Toten auf, speziell seit Beginn unseres Jahrzehnts haben die Untoten einen neuen Schub an Popularität erfahren, und das nicht zuletzt durch Zack Snyders furioses Remake des George A. Romero Klassikers „Dawn of the Dead“.
Arabo-was?
„Wir brauchen Sie in Ägypten. Einen Experten der arabo-muslimischen Welt.“ – „Arabo-was?“ Dieser Witz, in der Auftaktviertelstunde zum Besten gegeben, ist der eine Witz, den Michel Hazanavicius’ Agentenfilmpersiflage „OSS 117: Le Caire, nid d’espions“ in den gut 95 Minuten seiner Laufzeit stets aufs Neue variiert. Das ist nicht einmal besonders schlimm, handelt es sich dabei doch zumindest um einen recht guten Witz, aber es schränkt die komischen Möglichkeiten seines Trägerfilms doch einigermaßen ein.
Drei Dinge, so scheint es, gehören zu den zentralen komödiantischen Aufgaben der Agentenfilmpersiflage: zunächst, das Umkippen der globalen Kontrollphantasien, die sich in den 007s der Kinogeschichte bündeln, in die Lächerlichkeit – und damit auch stets gleichzeitig die Freilegung des kolonialistischen Weltbildes und der narzisstischen Selbstverliebtheit der westlichen Nationen. Dieses gelingt Hazanavicius’ Film, der jetzt mit dreijähriger Verspätung und dem deutschen Untertitel „Der Spion, der sich liebte“ erscheint (und damit gleichzeitig eine Brücke zu einer anderen kulturellen Traditionslinie des internationalen Spionagekinos schlägt), auf das Schönste. Manifest wird dieses Topos im Protagonisten Hubert Bonisseur de la Bath, alias OSS 117, perfekt besetzt mit einem vollkommen überzeugenden Jean Dujardin. Diese Figur, direkt aus einer einstmals äußerst erfolgreichen Filmreihe des Eurospy-Kinos der 1950er und 1960er Jahre herausgegriffen, bleibt grundsätzlich vollkommen flach, aber Dujardins exaltiertes, aber nie hysterisches Minenspiel und sein grandioses Timing vermag ihr doch genug Kontur zu verleihen, um den Film zu tragen. Darin offenbart sich ganz große komödiantische Schauspielkunst. Weiterhin ginge es um die Offenlegung und Dekonstruktion der Genremechanismen des Spionagefilms sowie, drittens und idealiter, die Verzerrung hin zu einer eigenen, produktiven Vision des Genres und damit einer Korrektur des darin verfälschten Weltbildes. Leider sind dies Ambitionen, die nur die wenigsten Beiträge zum Subgenre der Agentenfilmpersiflage überhaupt erst entwickeln. In den besten (wenigen) Momenten ließ Jay Roachs „Austin Powers: International Man of Mystery“ (1997) ein grundlegendes Verständnis dieser Zusammenhänge erahnen, leider aber verlor sich die daran anschließende Reihe ja schnell in den Tiefen des Kloakenhumors (und wurde, auch dies soll nicht verschwiegen werden, erst damit so richtig erfolgreich). Und jüngst versuchte sich eine Reihe eher aus dem Wirtschaftsthriller der Soderbergh/Clooney-Schule gespeister Satiren wie „Burn after Reading“ von den Coen-Brüdern, „The Informant!“ von Soderbergh selbst oder der recht avancierte „Duplicity“ von Tony Gilroy auf interessante Weise an einer parodistischen Zuspitzung von Modellen des Agentenkinos im Hinblick auf eine gegenwärtig gedachte Gesellschaftskritik.
So weit denkt „OSS 117“ in keinem Moment, obgleich sein fish out of water-Grundplot den extrem überspitzten Culture Clash zwischen dem „Alten Europa“ und der muslimischen Kultur fest in den Blick nimmt. Die Witzeleien sind oft mehr, auch mal weniger komisch, meist repetitiv, aber nie wirklich bissig. Einzelne Episoden sind fantastische Solonummern von Jean Dujardin, aber Regisseur Hazanavicius gelingt es niemals, aus einer Aneinanderreihung von Gags etwas zu kreieren, das über die Summe seiner Teile hinausgeht. Somit bietet er auch nie wirklich eine Anschlussmöglichkeit an Diskurse der Gegenwart an, sondern erschöpft sich – daran erinnert er an den zwar wenig komischen, aber in seinem Retro-chic ähnlich angelegten „The Good German“, wieder von Soderbergh – in der möglichst (und tatsächlich annähernd) perfekten Nachstellung der Bildwelten seiner Vorlagen. Die Farben, die Kulissen, die Ausstattung, das alles zeugt von großer Sorgfalt und liebevoller Detailarbeit – aber es friert den Film eben auch in den Grenzen der Hommage fest. Das ist nicht wenig, und es ist bedeutend mehr als etwa die beiden „Austin Powers“-Sequels noch zu bieten hatten. Der vielleicht größte Vorteil einer solchen Verspaßung ohne wirkliche Dekonstruktion des persiflierten Genres liegt freilich letztlich in der erneuten Serialisierbarkeit, und konsequenterweise erschien die Fortsetzung „OSS 117: Rio ne répond plus“ bereits in diesem Jahr. Ein dritter Teil ist bereits in Planung.
OSS 117: Der Spion, der sich liebte
(OSS 117: Le Caire, nid d’espions, Frankreich 2006)
Regie: Michel Hazanavicius; Drehbuch: Jean-François Halin, Michel Hazanavicius; Musik: Ludovic Bource, Kamel Ech-Cheik; Kamera: Guillaume Schiffman; Schnitt: Reynald Bertrand
Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, Aure Atika, Philippe Lefebvre, Constantin Alexandrov, Richard Sammel
Länge: ca. 95 Minuten
Verleih: Koch Media
Zur 2 DVD Collector’s Edition von Koch Media
Der Film erscheint bei Koch Media in tadelloser Qualität auf DVD wahlweise als Single-DVD oder 2 Disc Collector’s Edition, letztere erscheint auch als BluRay. Dieser Rezension liegt die 2 DVD Collector’s Edition zugrunde. Diese ist randvoll mit Extras, die es an Unterhaltungswert durchaus mit dem Hauptfilm aufnehmen können. Als besondere Attraktion kann zudem (jedenfalls für seine Fans) die von Komiker Oliver Kalkofe vorgenommene und überraschend akzeptable deutsche Synchronfassung gelten. Diese hat erfreulicherweise wenig mit den Vergewaltigungen fremdsprachiger Filme zu tun, derer Kollegen wie „Richie“ oder „Erkan & Stefan“ bereits schuldig wurden und bemüht sich um eine angemessene Übertragung des Witzes der Vorlage.
Bild: 2,35:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Französisch (DTS, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar mit Michel Hazanavicius und Jean Dujardin, Keine Ferien für OSS 117 (ca. 67 Minuten), Versprochen und verspielt (ca. 12 Minuten), Gaumont Wochenschau: Weltnachrichten (ca. 5 Minuten), entfallene Szenen (ca. 16 Minuten), Making of (ca. 20 Minuten), Featurette über die Synchronarbeiten, Trailer, 3 Teaser, Promo Reel
FSK: ab 12 Jahren
Bibelschwarze Flamboyanz
Wenn sich Welt und Scheinwelt nur noch von den nervösen Zeigefingern der Pathologie auseinanderhalten lassen, trifft das meist diejenigen am härtesten, die den Unterschied selbst nicht zu sehen in der Lage sind. In seinem 2008 erschienenen Debütwerk „Franklyn“, für das der Brite Gerald McMorrow auch das Drehbuch schrieb, werden die Geschichten von vier Menschen erzählt, für die diese Grenze auf die eine oder andere Art zu verschwimmen droht. Angesiedelt zwischen der heutigen Metropole London und der düsteren Parallelwelt Meanwhile City machen sich die vier auf, um ihrem Dasein die entscheidende Wendung hin zum Sinnhaften zu geben. „Bibelschwarze Flamboyanz“ weiterlesen
Kafka im Käfig oder vom Zwang kein Häftling zu sein
“Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeiten zu hungern fühlte er keine Grenze.“ Kafka hatte diese Gedanken einst seinem Hungerkünstler eingegeben. Einer Figur, die sich nicht für Geld sondern für Anerkennung, für Ruhm, für die Unsterblichkeit einer Kunst aufzuopfern wusste. Einer Kunst allerdings, die das Verschwinden betrifft, die sich also nicht im Medium des Überzeitlichen halten lässt, deren Fundament und Dasein vielmehr auf dem Sich-Verschwinden-Machen und auf der aufmerksamen Kontrolle dieses Prozesses durch die anderen beruht. „Kafka im Käfig oder vom Zwang kein Häftling zu sein“ weiterlesen
Sadismus ohne Spaß
Drei aufmüpfige Bewohnerinnen einer vermutlich südamerikanischen Militärdiktatur werden beim Fluchtversuch geschnappt und in ein Gefängnis gesteckt, wo sie vom kreativen Folterarzt Dr. Milton (Howard Vernon) einigen höchst unangenehmen „Experimenten“ unterzogen werden. Nachdem die Damen der Reihe nach „behandelt“ wurden, gelingt ihnen schließlich unter Einsatz ihrer gottgegebenen Waffen die unbekleidete Flucht in den Urwald, bevor sie schließlich doch von ihren Häschern gestellt und exekutiert werden. Ende. „Sadismus ohne Spaß“ weiterlesen
Kindchen, wechsel dich!
Der wissenschaftliche Fortschritt und die daraus erfolgte (vermeintliche) Aufgeklärtheit des Publikums hat sich für den Horrorfilm durchaus als produktiv erwiesen. Dass gefährliche Neigungen und rätselhafte Verhaltensweisen heute nicht mehr auf das Wirken des Teufels und seiner illustren Dämonenschar geschoben, sondern meist psychologisch untermauert werden, hat dem erschreckenden und furchteinflößenden Potenzial des Genres keinen Abbruck getan, sondern im Gegenteil dessen Möglichkeiten vergrößert und sein Fortbestand gesichert; zumal jeder rationale Erklärungsversuch immer noch dieses kleine Hintertürchen für den nicht totzukriegenden menschlichen Aberglauben offen lässt. Eine Tatsache, die sich vor allem das Horrorsubgenre des Besessenheitfilms zunutze macht. „Kindchen, wechsel dich!“ weiterlesen
Serpiccolo
Wenn man ihm auf den Straßen Roms begegnen würde, würde man die eigene Geldbörse wohl unweigerlich fester halten, denn Tony Marroni, „genannt ,die Kastanie’“, ist nicht gerade das, was man als vertrauenswürdigen Typen bezeichnen würde: Sein markantes braungebranntes Gesicht ziert ein schmuddeliger schwarzer Vollbart, der den expressiven, ständig in Bewegung befindlichen Mund einrahmt. Auf den langen fransigen Locken trägt er eine Strickmütze oder eine andere wahrscheinlich von irgendeinem Wühltisch abgestaubte Kopfbedeckung. Marronis liebstes Kleidungsstück ist jedoch der praktische Blaumann, den er auch gern auch mal mit einem Jackett oder einem Trenchcoat kombiniert und dessen Reißverschluss immer etwas geöffnet bleibt, sodass darunter die haarige Männerbrust zum Vorschein kommt. Seine Füße schließlich stecken in praktischen Sportschuhen, denn Maroni muss in seinem Job gut zu Fuß sein: Doch entgegen seinem äußeren Erscheinungsbild ist er nicht etwa ein Taschendieb oder sonstiger Kleinkrimineller, sondern vielmehr ein Polizist und zwar der beste, den die Stadt Rom zu bieten hat. „Serpiccolo“ weiterlesen
Der pawlowsche Zuschauer
Der Film „Porndogs“ war eine der großen Überraschungen des diesjährigen, vierten Berliner Pornfilmfestivals: Ein Pornofilm, in dem ausschließlich Hunde mitspielen, sychronisiert von teilweise bekannten Pornofilmstars. Nach dem Festival hat Stefan Höltgen mit dem Regisseur Greg Blatman gesprochen und ihn über den Produktionshintergrund und die Rezeption von „Porndogs“ befragt.
Was ist Kino?
Lustvolle Zerstörung – das ist Roland Emmerichs filmisches Projekt seit seinem Debüt „Das Arche-Noah-Prinzip“. Dass er sich dabei von Mal zu Mal mit seinen visuellen Zerstörungsorgien steigert und dabei seine Erzählungen minimiert, verhilft seinen Filmen letztlich dazu zu immer stärkeren Argumenten für das Kino zu werden.
Schrei mal drei
Mit seinem Film „Scream“ hat Wes Craven 1996 ein schon beinahe beerdigtes Subgenre des Horrorfilms zurück auf die Leinwände gerufen: den Slasherfilm. Craven ging dabei geschickt vor: Die durch Jonathan Demmes „Silence of the Lambs“ (1991) ausgelöste Renaissance des Horrorfilms nutzte er, um mit seinen hervorragend produzierten und besetzten Film die neuen Fans des Genres zu gewinnen. Durch einen Plot, der von Genrezitaten und Anspielungen an Horrorklassiker nur so wimmelt, begeisterte er die alten Horrorhasen.
Die Kunst der (Ent-)Täuschung
Der Beginn ist verwirrend: In den Dreißigerjahren dringt ein junger japanischer Polizist in das Haus seiner Geliebten ein, findet dort zunächst eine enthauptete Leiche, erschießt dann aus Versehen genau jene Frau, die er doch eigentlich vor dem Mörder retten wollte. Der taucht schließlich aus seinem Versteck auf und stellt den Helden zum Zweikampf, aus dem er nach einem tödlichen Schwerthieb triumphierend hervorgeht. Der Killer verlässt den Ort des Blutbads und plötzlich laufen japanische Credits über das Bild: Der Film scheint zu Ende, noch bevor er richtig begonnen hat. „Die Kunst der (Ent-)Täuschung“ weiterlesen
… 9, 10, never sleep again?
„Don’t see it alone“ mahnt die Unterzeile auf den US-Kinoplakaten an, und die Filmdatenbank imdb.com trägt Forumsdiskussionen zur Schau, in denen Menschen offenbaren, nach dem Genuss des Films nicht mehr geschlafen zu haben. Videoaufnahmen einiger Testscreenings zeigen Zuschauer, die sich ihre Pullover über die Augen ziehen, sich an ihren Nebenmann klammern, zögerlich durch vorgehaltene Hände schielen und regelmäßig kreischend aufschrecken.
Märchen-Haft
Der Traum vom Kind, ein wichtiges Indiz für eine gesunde Gesellschaft. Vielleicht muss man sich Sorgen machen, denn auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest ist dieser Traum besonders laut geplatzt. Wo man auch hinsah, überall kämpften Eltern mit der eigenen oder auch der fremden Leibesfrucht, die ihnen längst nicht mehr in bedingungsloser Liebe zugetan war. Ob besessen, infiziert oder einfach nur wütend: Die Kinder greifen die natürliche elterliche Hegemonialstellung vehement an und setzen ein unmissverständliches Zeichen gegen ihre Vereinnahmung durch die Leistungsgesellschaft. Der südkoreanische „Hansel & Gretel“ konfrontiert seinen männlichen Protagonisten mit gleich drei rachsüchtigen Exemplaren und zollt nicht nur im Titel den Veteranen des kindlichen Erwachsenenmords Tribut: Er führt seinen Protagonisten geradewegs in eine Märchenwelt, in der innere Konflikte eine ganz reale Repräsentation erfahren. „Märchen-Haft“ weiterlesen
Bankman
Es ist ja nichts Neues mehr: Die Welt ächzt unter der Wirtschafts- und Finanzkrise, einst als krisensicher geltende Unternehmen brauchen staatliche Unterstützung, um weitermachen zu können, oder gehen pleite, und Millionenvermögen schrumpfen so schnell zusammen, wie sie einst angewachsen waren. Die Präsidentschaftswahl in den USA war nicht weniger als die Suche nach dem Helden, der das gelobte Land retten kann. Doch wer nimmt in Europa das Heft in die Hand? „Bankman“ weiterlesen
Ars Moriendi
Wie ein Detail aus Hieronymus Boschs berühmten Tritychon „Der Garten der Lüste“ sieht jenes seifenblasenartige Raumschiff aus, mit dem im 26. Jahrhundert ein Mann in Richtung des Sternennebels Xibalba unterwegs ist. Er hofft dort, seine verlorene Liebe, die Frau, die fünfhundert Jahre zuvor an einem Gehirntumor gestorben ist, just bevor er das Heilmittel für ihre Krankheit entdeckt hat, wiederzuerlagen. Besagtes Heilmittel stammt aus einem in Lateinamerika wachsenden Baum und besiegt nicht nur den Krebs, sondern darüber hinaus den Tod selbst. Darren Aronofskys dritter Spielfilm „The Fountain“ erzählt die Geschichte des Mannes, der dieses Heilmittel zu spät entdeckt. Tom Creo (Hugh Jackman) ist sein Name, und Tom ist Biochemiker, dessen einziger Wunsch nach der Heilung seiner totkranken Frau Izzi (Rachel Weisz) strebt. Während diese sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden hat, kann Tom nicht loslassen. Er widmet jede freie Sekunde der Suche nach Heilung und verliert dabei das wichtigste aus den Augen: den Wunsch seiner sterbenden Frau nach Zweisamkeit.
„Ars Moriendi“ weiterlesen
Von hinten durch die Brust ins Auge
Zyklisch wiederholt sich beinahe in jedem Jahrzehnt das Ansinnen, dem Film dadurch mehr Realitätsanschein zu verschaffen, dass man ihn aus seiner scheinbaren Zweidimensionalität heraus in die dritte Dimension zerrt und den Zuschauerraum dabei zu einem Teil des Filmraums macht. Vor allem der Horrorfilm ist immer wieder Versuchsfeld für 3D-Produktionen gewesen. Angefangen mit André de Toths „House of Wax“ (USA 1953) über etliche Sequels und Remakes in den 80er-Jahren (worunter aber auch so originelle Filme wie Paul Morriseys „Flesh for Frankenstein“ aus dem Jahre 1973 waren) bis hin zu neuesten Produktionen, wie dem jüngst erschienenen Re-Make von George Mihalkas Slasher-Klassiker „My Bloody Valentine“ (Kanada 1981). Der Film, der jetzt in die Kinos gekommen ist, hat dem Titel einfach ein „3D“ angehängt, die Optik noch einmal auf den Geschmack des noch jungen 21. Jahrhunderts angepasst und natürlich etliche Dreidimensionalitäten ins Bild gemischt.
The Hillside Strangler/s
Zwischen 1977 und 1979 ermorden Kenneth Bianchi und sein Cousin Angelo Buono insgesamt zehn Frauen in Hollywood. Die nackten Leichen werden – teilweise in extrem verhöhnenden Stellungen – an Straßenrändern und in den Hügeln von Los Angeles abgelegt. Als Bianchi sich in Los Angeles zusehends unsicher zu fühlen beginnt (die Polizei hatte ihn bereits einmal im Zusammenhang mit den Morden verhört, weil eines seiner Opfer entkommen konnte und seinen Wagen identifizierte), siedelt er Ende 1978 in einen Vorort von Washington über. Nachdem er dort zwei junge Frauen ermordet und dabei allzu offensichtliche Spuren hinterlässt, fasst man ihn. In seiner Wohnung findet die Polizei Schmuck, den er seinen Opfern nach deren Tod gestohlen hatte. In einem Kronzeugenabkommen mit dem Staatsanwalt belastet er seinen Cousin, um auf diese Weise der Todesstrafe zu entgehen.
„Chicks with Guts“
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A History of Violence
Ein Mann um die 70, die Haare militärisch kurz geschoren, die zusammengekniffenen, südostasiatisch anmutenden Augen hinter einer Nickelbrille, der Mund eine harte Linie: ein Gesicht voller Härte, Ungerührtheit und Arroganz – aber auch voller Selbstsicherheit. Vor seinem Körper hält er seine zu Fäusten geballten Hände nebeneinander, in einer Geste, die man gerade als Filmseher aus unzähligen Polizeifilmen kennt. Sie sagt: Nehmt mich fest, ich ergebe mich, ich bekenne mich schuldig. Aber sie steht im Kontrast zu diesem Gesicht, aus dem keinerlei Reue spricht; nur die absolute Gewissheit, richtig, gerecht gehandelt zu haben. Der Mann ist Jacques Vergés, französischer Staranwalt und Verteidiger zahlreicher Terroristen und Kriegsverbrecher, das Foto ist ein Plakatmotiv zu Barbet Schroeders Dokumentation „Im Auftrag des Terrors“ und es spiegelt das Spannungsfeld, das dieser Film durchschreitet, perfekt wider.
Gefühle sind ein verdammter Luxus
Um panache geht es in diesem Film: jene Tugend kompromissloser Tapferkeit vor dem Feind, jener eiskalte und schnörkellose Professionalismus, der den harten Jungs irgendwann einmal – wohl mit dem Verlust des Gangsterethos – verloren gegangen ist. Man muss nicht zuerst schießen, man muss lediglich zuerst treffen, das wusste bereits William Munny in Clint Eastwoods epochalem Spätwestern „Unforgiven“. So wie dieser ist auch Jesse V. Johnsons „The Butcher“ ein Film der alten Männer, aber statt Zynismus und Bitterkeit herrschen hier Wärme und Wehmut vor. Die melancholische Färbung der Erzählung etabliert bereits in den ersten Sekunden des Films der große, tragische Mime Michael Ironside mit einem Monolog über die guten alten Zeiten und die harten Jungs, die heute einfach nicht mehr so sind, wie sie einmal waren. Ironside ist nur in diesem Film, um diese wenigen Sätze zu sprechen, und sie bestimmen den Tonfall für alles Folgende.
Jesse V. Johnson, der in den letzten Jahren bereits mit einigen ungewöhnlichen Arbeiten aus der Masse der Low-Budget-Actionregisseure herausstach, erzählt in seinem bisher ambitioniertesten Werk die Geschichte des alternden Mobsters Merle „Butcher“ Hench (Eric Roberts), einem ehemaligen Preisboxer, der nach seiner Karriere zum Handlanger in einer mafiösen Organisation geworden ist, dort aber nie über den Status als kleiner Gauner hinausgekommen ist und nun „einen Drink einem Kampf vorzieht“, wie es im einführenden Off-Kommentar des Prologs über ihn heißt. Merle sieht dem Herbst seines Lebens und seiner kriminellen Karriere entgegen, als er zur Kenntnis nehmen muss, dass ihm im Grunde niemand wirklich Achtung entgegenbringt. Sein Boss Murdoch (Robert Davi) rät ihm zum vorzeitigen Ruhestand, weil er einen jungen Gangster, der ihm wiederholt Schwierigkeiten bereitet hat, mit warnenden Worten davonkommen lässt, statt ihn dem Jobprofil entsprechend kaltblütig hinzurichten, und sein Rivale Eddie lockt ihn gar in eine Falle, um ihn zunächst zu ermorden und ihm dann den Raub von knapp 5 Millionen Dollar Mafiageld in die Schuhe zu schieben. Doch Merle mag nicht zu den ehrgeizigsten oder brutalsten Jungs im Syndikat zu gehören – ein kühl kalkulierender Professional ist er in jedem Fall. Somit stellt sich Merle gegen den als Vaterfigur fungierenden Murdoch und macht sich mit der Kellnerin Jackie (Irina Björklund) auf den Weg in ein neues Leben – oder doch zumindest auf einen letzten großen Rachefeldzug zur Wiedererringung seiner lang verlorenen Würde.
Die Art und Weise, wie Regisseur Johnson und Hauptdarsteller Roberts diesen Merle Hench zeichnen, als nicht aus Neigung oder Selbstzweck brutalen, aber im Angesicht seiner Gegner absolut kaltblütigen Profi und dennoch gutmütigen, duldsamen und von einem langen Leben auf der falschen Seite des Gesetzes gezeichneten Mann, ist schlichtweg eindrucksvoll. Dabei ist es vor allem Eric Roberts, der „The Butcher“ geradezu beherrscht: Während um ihn herum, und wesentlich durch sein Zutun, der Film insbesondere in der zweiten Hälfte der beinahe zweistündigen Laufzeit immer mehr explodiert in einen blutigen Alptraum, scheint sein Merle in jeder Sekunde in sich zu ruhen – wie eine Art Zen-Meister des Tötens. „Vielleicht lebe ich nicht lang, Eddie – aber immerhin länger als du.“ All den großen alten Männern in diesem Film – Roberts, Ironside, Davi –, die sich nach ihren unvergesslichen Kinorollen in den großen Filmen der 1980er und 90er Jahre nun schon dekadenlang durch den Sumpf achtklassiger DTV-Genreproduktionen schlagen, scheint bewusst zu sein, dass es hier um so viel mehr geht als nur einen weiteren hyperblutigen Gangsterfilm. Es ist eine vielleicht letzte Chance, in einem großen Film zu spielen (und wenn das auch niemand merken wird; diese Rollen scheinen viel zu intim, um sie mit allzu vielen Menschen zu teilen); es ist ein Geschenk, eine Wiederaneignung der zwischen Trashfilm und Massenmanufaktur abhanden gekommenen Selbstachtung. Gleichzeitig ist es ein Abschied, eine in einen exquisiten Jazzsoundtrack voller letzter Klänge hineingeschmiegte Hinterlassenschaft an die Nachwelt, die fortan bleiben und immer wieder von einem ausgesuchten, sehr glücklichen Publikum entdeckt werden wird.
„Ich habe nie einen Mann um etwas gebeten. Jetzt wird einfach gestorben.“ Weltabgewandter, jenseitiger als „The Butcher“ kann ein Film kaum sein, und das unaufgeregte, aber niemals ungerührte Spiel von Eric Roberts, für den dies hier ein Alterswerk in der Dimension von Tarantinos „Jackie Brown“ darstellt, behält Johnsons gewagtes Konzept in jedem Moment vor dem Umkippen in Kitsch oder schlichten Gewaltfetisch. Tatsächlich ist „The Butcher“ das erste Meisterwerk eines hochtalentierten, kühnen DTV-Filmemachers und einer der schönsten, sentimentalsten Filme des Kino(video)jahres. „Gefühle sind ein verdammter Luxus“, so heißt es einmal darin, und Merle Hench lächelt nur wissend und ein bisschen traurig. Die getragene Erzählweise, die sanfte Elegik. die hyperbetonten Gewalteruptionen, die erlesene Besetzung noch der kleinsten Nebenrollen – das alles macht „The Butcher“, dem kaum nennenswerten Budget zum Trotz und Widerspruch, zu einem wahrhaft luxuriösen Film. Und warum eigentlich sollte man sich mit weniger zufrieden geben?
The Butcher – The New Scarface
(The Butcher, USA 2007)
Regie & Drehbuch: Jesse V. Johnson; Musik: Marcello Di Francisci; Kamera: Robert Hayes; Schnitt: Ken Blackwell
Darsteller: Eric Roberts, Robert Davi, Irina Björklund, Michael Ironside, Keith David, Bokeem Woodbine, Geoffrey Lewis
Länge: ca. 109 Minuten
Verleih: Mr. Banker/Sunfilm
Zur DVD von Mr. Banker
Hier ist Vorsicht geboten, da neben der ungekürzten Fassung mit JK-Freigabe auch eine um knapp 9 Minuten gekürzte Fassung mit FSK-Siegel KJ existiert. Die ungekürzte DVD des Labels Mr. Banker ist aber tadellos und bietet den Film in guter Bild- und Tonqualität im englischen Originalton mit optionalen deutschen Untertiteln sowie in einer (gerade noch) akzeptablen deutschen Synchronfassung. Ein wenig Bonusmaterial gibt es auch noch.
Bild: 1,85:1 (anamorph)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Stereo 2.0), Englisch (Dolby Stereo 2.0)
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer, Teaser, Behind the Scenes, Bildergalerie
FSK: JK

