Die Befindlichkeit der Montage

Wenn Schnitt und Montage im Film nicht nur als technische Mittel der Herstellung von Linearität gesehen werden, sondern auch als ästhetische Konstitutiva (post)moderner Kunstproduktion, so stellt sich früher oder später die Frage, welche Rolle diese Mittel für den kreativen Schaffensprozess spielen. Jene Schriften, die sich als reine Werkanleitungen verstehen und in einer technischen Beschreibung des Filmschnitts münden – für das Hollywoodkino der 40er und 50er Jahre wurde dieser Ansatz besonders intensiv durchdekliniert –, lassen demnach das Feld unbeachtet, das man, mit Eisenstein gesprochen, eine psychologische Wirklichkeit nennen könnte. Wie lässt sich aber über das Schneiden und Montieren schreiben, ohne sich auf technische Aspekte des Arrangements zu reduzieren? Schnitt und Montage funktionieren immerhin auf Basis notwendiger Regeln der Wahrnehmung, der Technik u.s.w. Wo endet das Handwerk und wo beginnt das intuitive Spiel mit den Möglichkeiten? Nimmt der schöpferische Prozess seinen Anfang am Schneidetisch, oder sind ihm bereits Bedingungen vorläufig, die nicht aus der Sache selbst ableitbar sind?
Gabriele Voss Gabriele Voss – ihres Zeichens Filmemacherin, Editorin und Autorin – geht diesen Fragen in ihrem Buch „Schnitte in Raum und Zeit – Notizen und Gespräche zu Filmmontage und Dramaturgie“ nach. Sie verzichtet darauf, sich einem Diskurs über Regeln und Gesetzmäßigkeiten einzureihen und findet stattdessen ihren Zugang zu dem Thema über ihre Notizen zum Filmschnitt, die sie über die Jahre hinweg gesammelt hat. Ähnlich einem Dokumentarfilm, auf den sich der Band auch im wesentlichen bezieht, arrangiert sie im ersten Teil des Buches gekonnt ihre Gedanken zum Thema der analogen und digitalen Schneidetechnik, berührt Fragen der Wahrnehmungspsychologie, der Dramaturgie im Dokumentarfilm, lässt sich aber auch von Heißenbergs Arbeiten zur Quantenmechanik, Zeitschriftenartikeln oder ausgewählten Stücken der Weltliteratur inspirieren. Sie macht aber auch die Unsicherheit des Editors spürbar, die mit jeder Entscheidung, mit jedem Entwurf und mit jeder Verwerfung einhergeht. Am Ende ihrer literarischen Montagearbeit steht somit nicht nur ein intensiver Gedankenkomplex zum Thema, sondern auch die Einsicht, daß die Auseinandersetzung mit der Montage und dem Schnitt durchaus ihre Parallelen in nicht-filmischen Bereichen hat.

Das, worum die zahlreichen Fragmente sich zentrieren, ist bei Voss die Beschreibung eines Prozesses an dessen Ende eine erzählende, Konstruktion steht, die ihrerseits einen Mittelwert darstellt, zwischen mannigfachen Möglichkeiten der Kombination und der Notwendigkeit das gegebene an einen „konventionellen“ Rahmen anzunähern, der es dem Betrachter erst erlaubt den Film als solchen – als narratives Gefüge – erfahrbar zu machen. Es geht ihr um die Gratwanderung zwischen Mittelwert und Variation, zwischen Regel und Spiel oder zwischen innerer Notwendigkeit und subjektiver Aneignung des Materials.

Der zweite Teil des Buches folgt einem ähnlichen Prinzip, jedoch lässt Voss hier einige namenhafte Schnittmeister im Gespräch zu Wort kommen (u.a. Elfi Kreiter, Beate Mainka-Jellinghaus und Peter Przygodda). Sie montiert die Gesprächsfragmente dergestalt, dass ein fiktiver Dialog entsteht, der aber wiederum genau den bereits im ersten Teil diskutierten Tenor umkreisen. Gesondert von dieser Debatte tauchen zwei Gespräche auf, die sie zum einen zu dem Hirnforscher Wolf Singer und zum anderen zu dem Filmemacher Alexander Kluge führt. Singer gibt in seinen Ausführungen zu wahrnehmungspsychologischen Fragen unter anderem seinen Bedenken gegenüber einer radikalen Videoästhetik Ausdruck, die aufgrund sehr schneller Schnittfolgen auf mittlere Sicht die Blickökonomie des Zuschauers verändert. Dementsprechend verkürzt sich, so Singer, auch die Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten, was schließlich eine stetige Unsicherheit mit konzentrationsintensiven Alltagsaufgaben zur Folge hat. Im Gespräch mit Alexander Kluge wird deutlich wiesehr die Arbeit im Schneideraum auf die Erwartungen und Anforderungen des Zuschauers bezogen ist. Für ihn ist das Stiften von Zusammenhang die zentrale Kategorie.

Interessant ist die Lektüre, weil sie nicht nur Jahrzehntelange persönliche Erfahrungen mit dem Schnitthandwerk aufarbeitet, sondern auch, weil sie eine Stellungnahme zur Befindlichkeit eines Berufszweiges abgibt, der ansonsten nur in anderen Kontexten verhandelt wird. Gabriele Voss schafft es, dessen nicht immer eindeutigen Bedingungen literarisch zu dokumentieren und den Schaffensprozess im Dunkel des Schneideraumes aus der Emballage technischer Beschreibungen zu befreien. Wenn man also aus Voss‘ Buch eine Quintessenz ziehen kann, dann die, dass die Montage ein höchst lebendiger Faktor ist, ohne den Film praktisch undenkbar bleibt.

Aber eben genau darin liegt auch die Schwäche des Buches, das, ohne es vielleicht zu wollen, immer wieder auf die Mangelnde Würdigung des Cutters von Seiten der Audienz verweist. Ohne den Editor gäbe es keinen Film, ohne die kreativen Köpfe im Schneideraum keine packenden dramaturgischen Elemente etc.. Voss macht uns ständig aufs Neue auf die Notwendigkeit einer zureichenden Würdigung des Filmschnitts und dessen Protagonisten aufmerksam, so dass man sich die Frage stellt, worum es der Autorin und ihren Gesprächspartnern letzten Endes eigentlich geht, ob diese Notwendigkeit wirklich bestehen mag oder ob hier nicht vielmehr eine Grundhaltung gegenüber dem eigenen Beruf zum Ausdruck kommt, die so nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Dennoch, als literarisches Projekt hält der „Vorwerk 8“-Verlag mit „Schnitte in Raum und Zeit“ eine gelungene Arbeit bereit, die der Lektüre lohnt.

Gabriele Voss
Schnitte in Raum und Zeit
Notizen und Gespräche zu Filmmontage und Dramaturgie
Texte zum Dokumentarfilm, hrgg. von der Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NRW
Berlin: Vorwerk 8 2006
252 Seiten (broschiert)
19,00 Euro

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