Monströse Depressionen

Alles beginnt damit, dass ein koreanischer Pathologe von seinem amerikanischen Vorgesetzten aufgefordert wird, den Inhalt einiger verstaubter Formaldehyd-Flaschen in den Ausguss zu kippen. Das sei doch verboten, der Ausguss führe schließlich direkt in den Han-Fluss, entgegnet dieser. Doch der Vorgesetzte lässt sich nicht beirren: Der Han-Fluss sei groß, was machten da schon so ein paar Flaschen? Der Kausalzusammenhang wird nicht explizit hergestellt, aber es scheint kein Zufall, dass ein paar Jahre später ein merkwürdiges Glibberwesen im Fluss gesichtet wird. Und so geht es weiter in „The Host“: Kleine Ursachen zeigen stets große Wirkungen …

thehost-poster5.jpgBong Joon-Hos Monsterfilm inkorporiert alle Elemente, die in der bis zu „King Kong und die weiße Frau“ zurück reichenden Geschichte des Monsterfilms etabliert wurden: Es gibt ein ekliges, gefräßiges Monster, einen tragischen Helden, dem niemand glauben schenken will, ein Opfer – die kleine Tochter des Helden – das gerettet werden muss, die unbelehrbaren und undurchsichtigen Staatsorgane und natürlich eine großzügige Portion Paranoia. Dennoch ist „The Host“ – nebenbei der erfolgreichste südkoreanische Film aller Zeiten – ein absolut untypischer Monsterfilm und dazu geeignet, das festgefahrene Genre, von dem man allerhöchstens noch kosmetische Verbesserungen erwartet hat, von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Wie schon „Memories of Murder“ (2003), Bong Joon-Hos vorletzter Film, so ist auch „The Host“ von feinen Humor und tiefer Melancholie durchzogen. So ist die Jagd auf das Monster und die Suche nach der Überlebenden weniger Mittel zum Thrill, sondern in erster Linie Ausdruck einer südkoreanischen Depression.

Der Held des Films, Kang-du (Superstar Song Kang-ho) ist ein Unterprivilegierter, der seit einem traumatischen Erlebnis in der Kindheit an der Grenze zur Schwachsinnigkeit vegetiert und von häufigen Schlafattacken heimgesucht wird. Zusammen mit seinem Vater betreibt er ein kleines Imbiss-Büdchen an einem Badestrand am Han-Fluss. Als dort das Monster auftaucht, wird eine Massenpanik ausgelöst, in der Kang-dus Tochter Hyun-seo dem Ungetüm zum Opfer fällt. In blindem Aktionismus pfercht der Staat daraufhin alle Bürger, die mit dem Monster in Kontakt kamen, in einem Parkhaus zusammen, weil man einen Virus fürchtet, ohne dass es dafür einen Anhaltspunkt gäbe. Als Kang-du nachts per Handy eine Nachricht seiner vermeintlich toten Tochter erhält, setzt er alles daran, eine Rettungsaktion in die Wege zu leiten, doch niemand will dem verwirrten Mann Glauben schenken. So rappelt sich die zerrüttete Familie um Kang-du zusammen, um Hyun-seo auf eigene Faust zu finden.

Etwas ist faul im Staate Südkorea, das kommt in „The Host“ ziemlich unmissverständlich zur Sprache. Schon die Kernzelle, die Familie, zerbricht an inneren Konflikten, die Staatsorgane glänzen durch Inkompetenz, die mehr Schaden anrichtet als das Monster, auf den Straßen Seouls herrschen Zustände wie in einem Dritte-Welt-Staat und der kleine Mann steht dem ganzen Treiben hilf- und ratlos gegenüber. Doch die wütende Kritik am Staat und der rebellische Gestus liegen Bong Joon-ho eher fern: Das vermeintliche „Böse“ hat ganz banale Ursachen, die dann nach chaostheoretischer Logik potenziert werden. Der Virus, dessen Träger Kang-du angeblich ist, ist nichts weiter als eine Erfindung der Wissenschaftler, um Forschungsgelder zu generieren, die Existenz des Monsters willkommener Anlass, um einen neuen chemischen Kampfstoff zu erproben. Doch hinter all diesen Taten steckt kein böses Genie, kein teuflischer Masterplan. Darin unterscheidet sich „The Host“ vom gewöhnlichen Monsterfilm, der ja ohne den gegen jede Vernunft operierenden, profitbesessenen Kapitalisten kaum auskommt.

Diesem inhaltlichen Re-Imagining des Monsterfilms wird auch die formale Gestaltung mehr als gerecht: Die in den USA programmierten CGI-Effekte um das Monster sind nichts weniger als beeindruckend, die Fotografie glänzt mit einprägsamen Bildern urbaner Tristesse und der eher leise, völlig untypische Score akzentuiert die tragikomische Seite des Films. Man wünscht dem Film nur einen Bruchteil des Erfolges in deutschen Kinos, den er in seinem Heimatland hatte, denn den hätte er unbedingt verdient. Leider wird er vermutlich daran scheitern, dass die Sehgewohnheiten hierzulande ganz auf das Hollywood-Einerlei programmiert sind. Gemessen an den auf Gefallen ausgerichteten Hochglanzwerken aus der Traumfabrik dürften die zahlreichen Irritationsmomente von „The Host“ das deutsche Publikum eher verwirren. Dabei ist es ein großartiges Erlebnis, sich von Bong Joon-hos Monsterfilm mal so richtig durch den Wolf drehen zu lassen. Da gilt es, der Chaostheorie zu vertrauen und zu hoffen, dass man mit dem eigenen Besuch des Films eine wahre Lawine der Begeisterung auslöst.

The Host
(Gwoemul, Südkorea 2006)
Regie: Bong Joon-ho, Drehbuch: Baek Chul-hyun, Bong Joon-ho, Ha Won-jun, Kamera: Kim Hyung-ku, Musik: Lee Byung-woo, Kim Seon-min
Darsteller: Song Kang-ho, Byeon Hie-bong, Park Hae-il, Bae Du-na, Ko Ah-sung
Verleih: MFA+ Film Distribution
Länge: 119 Minuten

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