Der Allestotmacher

In einer berühmten Szene von Woody Allens „Der Stadtneurotiker“ kontert Allens Alter Ego Alvy Singer in einem Kino-Foyer das selbstgefällige Geschwätz eines Intellektuellen über die Thesen Marshal McLuhans, indem er den berühmten Medienwissenschaftler höchstpersönlich hinter einem Plakataufsteller hervorzieht und ihn dem Dampfplauderer entgegnen lässt, dieser habe seine Thesen nicht im Geringsten verstanden. „Wenn es nur einmal so sein könnte“, seufzt Singer in die Kamera, die Szene als Wunschtraum eines am Leben Verzweifelten enttarnend. Auf den durchschnittlichen Actionhelden angewendet, könnte McLuhans Rolle von Steven Seagal eingenommen werden: Anstatt seine körperliche Unversehrtheit und sein Leben beim Kampf für die gute Sache zu riskieren, walzt Seagal von Anzahl und Qualifikation seiner Gegner vollkommen unbeeindruckt durch seine Filme und richtet jeden, der sich ihm entgegenstellt, auf brutalste Art und Weise hin, ohne das leiseste Anzeichen einer menschlichen Empfindung wie Mitleid oder auch nur ein Minimum an körperlicher Anstrengung zu zeigen. Wenn es doch nur einmal so sein könnte im Actionhelden-Leben …

Bukarest: Samuel Axel (Steven Seagal) arbeitet für die nach 9/11 von der US-Regierung zur Terrorprävention gegründete International Drug Task Force und ist auf der Suche nach dem Mörder seines Partners. Er vermutet den Nachtclubbesitzer und Drogendealer Costel (Darren Shahlavi) hinter der Tat, der neben seiner Haupttätigkeit auch noch als Raubmörder und Serienvergewaltiger agiert und sich dem Zugriff der Behörden bisher erfolgreich entziehen konnte. Das ändert sich, als Costel sich mit dem Drogen- und Waffenhändler Dimitri (Dan Badarau), einem ehemaligen russischen Speznaz-Soldaten, einlässt. Und als Costel den Fehler begeht, sich an Dimitris Familie zu vergreifen, hat der Cop einen zu allem entschlossenen Verbündeten …

Von den großen Actiondarstellern der Achtzigerjahre war Steven Seagal immer der unnahbarste: Dem Underdog Stallone, dem spießbürgerlichen Norris, dem erst übermenschlichen, dann selbstironischen Schwarzenegger und dem Sonnyboy Van Damme setzte er einen spirituell vergeistigten Martial-Arts-Meister entgegen, der stets den Eindruck erweckte, das irdische Dasein mit seinen Konflikten sei für ihn nur eine besonders lästige Episode auf dem Weg zum ersehnten Nirvana. Es ist die damit einhergehende Herablassung gegenüber seinen Feinden, aber auch gegenüber dem Fußvolk, mit dem er gezwungen ist, zusammenzuarbeiten, die ihn zu allererst charakterisiert; die Überheblichkeit, mit der er sich etwa in „Deadly Revenge – Das Brooklyn-Massaker“ seinem Gegner widmet, einem Proleten, der Seagal nicht das Wasser reichen kann, ihn mit sadistischer Raffinesse zusammenprügelt, bevor er dann endlich zum überfälligen Finishing Move ansetzt. Bei Seagal geht es nicht um so etwas Banales wie die Wiederherstellung von Gerechtigkeit, um Gesetze oder Recht, vielmehr scheint er sich als irdischen Vertreter kosmischen Karmas zu sehen. Es geht also immer um alles.

Wenn der Actionfilm dazu dient, den aufgestauten Aggressionen der Zuschauer ein Ventil, ihrer Angst, Wut und ihrem Zorn eine konkrete Gestalt zu geben und diese dann vom Actionhelden lustvoll pulverisieren zu lassen, dann ist Steven Seagal vielleicht der größte Dienstleister des Genres. Doch eine Sympathiefigur, einer, den man zum Kumpel haben wollte, um mit ihm nach einem harten Tag ein Bier zu trinken, ist er nicht. Zu selbstgefällig in seiner Askese, zu unnachgiebig in seinen Moralvorstellungen, zu selbstsicher, ja selbstverliebt in seinem Eigenbild, zu unantastbar in seinen Fähigkeiten und im Wissen über diese, zu unbarmherzig im Urteil über andere: Man könnte sich gleich mit einem Heiligen oder einer Politesse anfreunden. Und diese Tendenz hat sich in Seagals Spätwerk, man könnte boshaft sagen: proportional zu seinem Körperumfang und antiproportional zu seinem Bewegungsradius, noch verstärkt.

Aber gerade deshalb ist Seagal für eine bestimmte Spielart des neuen Actionkinos der ideale Protagonist, wie man an „Born To Raise Hell“  sehen kann. Wie viele Direct-to-DVD-Actioner der vergangenen Jahre in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gedreht, wird hier einer ausgesprochen nihilistischen, ja sogar zynischen Weltsicht gefrönt: Geld regiert alles, aber unter der verführerisch glänzenden Oberfläche – die Regisseur Chartrand bemüht ist, ins Bild zu rücken, mithilfe von manischen Schnittgewittern, verkanteten Einstellungen, barocken Settings, halbnackten Ostblock-Models und glänzenden Nobelkarossen – öffnen sich faulig stinkende Abgründe moralischer Devianz.

Die Antagonisten sind nicht wie einst politische Fanatiker, die dummerweise der falschen Ideologie angehören, sondern skrupellose Materialisten, die nur die Vermehrung des Eigentums kennen und selbst über Menschenleben mit der rechnerischen Kühle des Finanzbuchhalters entscheiden. Diesen Unmenschen tritt mit Seagal jemand gegenüber, der den Begriff „Effizienz“ im Actionfilm wie kein zweiter verkörpert – und hier muss man dann nicht mehr nur der Einfachheit halber vom Schauspieler selbst und nicht seinen Rollen sprechen: weil Seagals Kampfkunst Aikido, die ihre Kraft vor allem aus Hebelwirkungen und Gewichtsverlagerungen zieht, als perfekte Verkörperung von Effizienz verstanden werden kann und sein Werk der letzten zehn Jahre als Optimierung des Verhältnisses von Aufwand und Ertrag.

Seit 2001 hat Seagal in über 20 Filmen mitgewirkt, in denen er zwar die Hauptrolle spielt, zum Teil aber nur wenige Minuten zu sehen ist, in Kampfszenen gedoubelt, von Stand-ins und Synchronsprechern gleichermaßen ersetzt wird. Er erscheint in den eklatantesten Beispielen dieser Filme eher als Phantom, als Rachegeist, als immaterielles Ordnungsprinzip in Menschengestalt, als Repräsentant eines abstrakten philosophischen Konzepts, nicht länger als Mensch. In „Born To Raise Hell“ ist sein Einsatz quantitativ und qualitativ größer als in Filmen wie „Out of Reach“, dennoch bleibt er vor allem als physische Kraft im Gedächtnis. Er demütigt Gauner, indem er sie herablassend als „bitches“ beschimpft, drückt seine Überlegenheit gegenüber Untergebenen mit einem väterlich-peiorativen „boy“ aus, verteilt Schläge, die sich nur in ihrer Wirkung, nicht aber optisch von Ohrfeigen unterscheiden, bricht Arme, Beine und Nasen und probt am Schluss den Schulterschluss mit dem Gangsterboss, weil nur der die Probleme eines wahrhaft großen Mannes, wie er selbst einer ist, verstehen kann.

„Born To Raise Hell“ irritiert nachhaltig. Nicht, weil die Affektbildung beim Zuschauer nicht funktioniert, sondern weil der Versuch, ihn emotional ins Boot zu holen, gar nicht erst unternommen wird. Alex‘ ermordeten Partner lernt man nicht  kennen, sein Tod wird gleich zu Beginn lapidar per Off-Kommentar konstatiert, der Krieg, den sich Polizisten und Drogengangster liefern, bleibt letztlich ebenso folgenlos und arbiträr wie die Rache von Polizist und Drogenzar und nicht einmal Seagals Charakter mag am Ende noch echte Hoffnung dafür aufbringen, dass die Tode seiner Kollegen nicht umsonst waren. Das Leben im Ostblock ist billig und kurz, daran vermag selbst er nichts zu ändern. Der Actionhelden-Tagtraum, doch einmal einen Seagal hervorzaubern zu können, auf dass er auf seine unverwechselbare Art mit den Schurken aufräume und ein Zeichen setze, hat seinen Glanz verloren. Es bleibt nur das Sterben. Und es macht keinen Spaß mehr.

Born To Raise Hell
(USA 2010)
Regie: Lauro Chartrand; Drehbuch: Steven Seagal; Musik: Michael Neilson; Kamera: Eric J. Goldstein; Schnitt: Trevor Mirosh
Darsteller: Steven Seagal, Dan Badarau, Darren Shahlavi, D. Neil Mark, Geroge Remes
Länge: 95 Minuten
Verleih: Splendid Entertainment

Zur DVD von Splendid Entertainment

Bild: 1,78:1 (16:9/anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer
Freigabe: FSK 18
Preis: 14, 99 Euro

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