Interview mit (mehr als) einem Vampir

In Belgien lässt es sich leben als Untoter. Gut, dass man wochenlang immer nur Schwarze zu essen bekommt, ist kulinarisch etwas eintönig, aber dafür liefert die belgische Polizei die illegalen Immigranten bis an die Haustür der Vampirfamilie um den Patriarchen Georges (Carlo Ferrante). Und wenn Untermieter Bienvenu (Batiste Sornin) sich einmal sexuell an kindlichen Opfern vergreift, drückt die staatliche Strafverfolgung beide Augen zu. Die belgische Mockumentary „Vampires“ (deutscher Titel: „Vampire – Verstecken war gestern!“) geizt nicht mit Seitenhieben auf die politischen Zustände des Landes, funktioniert aber – in Budget-bedingter Ermangelung visueller Highlights – primär über bissige Dialoge und bizarre Ideen, die mitunter tradierte Vorstellungen der Vampirmythologie erweitern.

So saugen die Vampire ihre Opfer nicht nur aus, sondern fressen sie auch auf. Zudem kann es passieren, dass ein Vampir zum Menschen regrediert, wenn er „schlecht gebissen“ wurde und dadurch seiner vampirischen Existenz skeptisch gegenübersteht. So ergeht es beispielsweise Georges‘ pubertär-widerspenstiger Tochter Grace (Fleur Lise Heuet), die pink statt schwarz trägt, einen menschlichen Freund hat und sich regelmäßig die Zähne abfeilt. Grace unternimmt ebenso verzweifelt wie erfolglos Suizidversuche, um endlich zu sterben – dumm nur, dass sie längst schon tot ist. Ihre Familienmitglieder versuchen sie mit dem Vampirdasein zu versöhnen, indem sie zu Graces Todestag passenderweise „Hoch soll sie leben!“ singen und ihr einen pinken Sarg schenken. Entsprechend geschätzt ist der Vampirclan beim lokalen Bestattungsunternehmer, schließlich gibt es „nicht viele Kunden, die mehr als einen Sarg kaufen“.

„Vampires“ orientiert sich in seiner Machart an Filmen wie „Blair Witch Project“, dem ebenfalls belgischen Beitrag „Mann beißt Hund“ oder der kürzlich erschienenen Satire „The Troll Hunter“ und ist ein mit viel Herzblut gemachtes Werk. Drei Filmteams, so informiert der Vorspann, sind bei den Dreharbeiten draufgegangen. Der dritten Crew gelang es aber zumindest, genügend Interviews mit und Aufnahmen von den Vampiren in ihrem ewigen allnächtlichen Alltag zu machen – auch wenn das für einige der Protagonisten nicht immer einfach war, schließlich sind sie „es nicht gewöhnt, mit dem Essen zu reden“. Eben jener Alltag wird durch ein von Graf Dracula höchstpersönlich verfasstes Regelwerk geordnet. Während die älteren Vampire sich in ihrer Unsterblichkeit mitunter langweilen, geht es für die jüngeren zunächst einmal in die Schule, wo man (Vampir-)Geschichte paukt und Beißtechniken lernt. Ausgerechnet bei Letzterem erweist sich Graces Bruder Samson (Pierre Lognay) als ziemlich talentfrei.

Zum Glück gibt es für die gastronomischen Bedürfnisse jedoch eine Haushälterin, die in der Familien-Villa eingesperrt ist, „das Fleisch“ genannt wird und die hinter Zäunen festgehaltenen afrikanischen Einwanderer zubereitet. „Essen ist fertig“ hallt es dann durch’s Haus – nur das in den Keller verbannte altmodische Paar darf nicht an der Mahlzeit teilnehmen. Aus traditionellen Gründen sind sie als kinderlose Vampire zu einer deprimierenden Existenz auf engstem Raum gezwungen – so eng, dass ihre Särge nur aufrecht ins Zimmer passen und die Beiden im Stehen schlafen müssen. Doch auch Georges‘ Familie gerät in eine missliche Lage, als Sohn Samson eine Affäre mit der Frau des lokalen Vampirchefs beginnt und damit das einzige unter Vampiren geltende Sexualtabu bricht. Auf Geheiß der rumänischen Botschaft in London, die für sämtliche Vampirangelegenheiten zuständig ist, wird die Familie ins kanadische Montréal exiliert. Der Kulturschock ist enorm: Vampire müssen dort arbeiten, ihre Opfer sind aufgrund des hohen Medikamentenspiegels im Blut nicht gerade eine Delikatesse und Liebesbeziehungen zwischen Vampiren und Menschen gelten als normal – gerade die Gothic-Szene zeigt sich davon begeistert.

„Vampires“ glänzt mit morbiden Dialogen und aberwitzigen Situationen: So zum Beispiel, wenn das Drehbuch die Unsterblichkeit der Protagonisten nutzt, um diese – wie schon im Berliner Vampirfilm „Wir sind die Nacht“ – in die Filmgeschichte einzubinden. Ein Paar lernt sich bei den Dreharbeiten zum Pionierfilm „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ kennen, ein anderer Blutsauger gibt mit seiner Rolle in „Panzerkreuzer Potemkin“ an. Ein (blut)roter Faden hätte dem Drehbuch allerdings gut getan, schließlich mäandert der Film mitunter etwas ziellos vor sich hin – allerdings mag diese Offenheit wiederum den gewünschten Eindruck einer dokumentarischen Arbeit verstärken, bei der die Handlung zumeist deutlich weniger planbar ist als im Spielfilm. Problematisch ist gerade in dieser Hinsicht die mehrfache Einspielung von nicht-diegetischer Musik, die jede Realismus-Illusion zerstört. Dass die Bilder zudem gelegentlich den Behauptungen des Drehbuchs widersprechen – beispielsweise wenn die Vampire bis zur Depressivität in Trauer versinken, obwohl zuvor versichert wurde, dass sie der Empfindung von Gefühlen nahezu unfähig sind – stellt eine weitere Unachtsamkeit dar. Vincent Lannoos Mockumentary gewinnt der Vampirmythologie amüsante Momente ab, die in Zeiten sich allzu ernst nehmender Genrebeiträge erfrischend wirken. Die begrenzten Mittel der Produktion sorgen für einen trockenhumorigen veristischen Kontrast zur Fantasiewelt der meisten Vampirfilme, zugleich verhindert dieser Mangel an spektakulären Szenen und übernatürlichen Bildern aber auch, dass sich „Vampires“ im Gedächtnis des Zuschauers festbeißt.

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Vampire – Verstecken war gestern!
(Vampires, Belgien 2010)
Regie: Vincent Lannoo; Drehbuch: Vincent Lannoo, Frédérique Broos; Kamera: Vincent van Gelder; Schnitt: Frédérique Broos
Darsteller: Carlo Ferrante, Vera Van Dooren, Fleur Lise Heuet, Pierre Lognay, Batiste Sornin, Selma Alaoui
Länge: 89 Minuten
Verleih: White Goatee Films

Zur Blu-Ray Disc von White Goatee Films

Die lieblos zusammengeschusterte Ausstattung hinterlässt einen mangelhaften Eindruck. Größtes Manko ist das vollständige Fehlen von Untertiteln. Der entscheidende Vorteil von DVDs und Blu-Ray Discs ist ja gerade die Möglichkeit, sich einen Film in Originalsprache anschauen zu können. Hier ist zwar der Original-Ton vorhanden, allerdings werden des Französischen nicht mächtige Zuschauer aufgrund der fehlenden Untertitel zur Nutzung der synchronisierten Fassung gezwungen. Die deutsche Synchronisation ist zudem viel zu deutlich und künstlich eingesprochen, steht im krassen Missverhältnis zu den Lippen-bewegungen der Schauspieler und lässt fast jegliche Geräuschkulisse vermissen. Extras bietet die Ausstattung auch keine.

Zur technischen Ausstattung:

Bild: 1,77:1
Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 2.0), Französisch (DD 2.0)
Untertitel: —
Extras:
Freigabe: FSK 16
Preis: 12,99 Euro (DVD), 19,99 Euro (Blu-Ray)
Erscheinungsdatum:
09.06.2011

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