Das Versprechen

Die Rettung der Filmkunst als soziales Erlebnis – mit keiner geringeren Erwartung ist der nun endlich erfolgte Kinostart von James Camerons 3D-Epos „Avatar“ verbunden. Der angesichts der immer avancierteren Heimkinotechnik und des zunehmenden Niederganges der Kinokultur ersehnte neue Mehrwert des Kinos gegenüber DVD/BluRay, digitalen Downloads und vereinsamtem Filmgenuss vor dem heimischen Flatscreen scheint endlich greifbar mit den neuen digitalen 3D-Projektionstechniken – die zum ersten Mal überhaupt auf eine qualitativ hochwertige Weise das Kinobild dreidimensional gestalteten. Bereits die ersten Filme, die in RealD auf den (deutschen) Kinoleinwänden zu sehen waren – der gediegene Animationsfilm „Monster und Aliens“ und Patrick Lussiers Slasherfilmremake „My Bloody Valentine“ – machten zumindest in manchen Momenten ein Versprechen, das sie selbst freilich noch nicht einlösen konnten. Das in die Tiefe geöffnete Filmbild, das sich eben nicht, wie so viele in der mangelhaften Rotgrüntechnik produzierte Streifen bis hin zu jüngsten Versuchen wie Robert Rodriguez’ „Spy Kids 3D: Game Over“, in den Huibuh-Wegduck-Effekten in der Tradition der thrill rides erschöpfte, wie man sie etwa aus Freizeitparks kennt, versprach dem Kino als Kunstform ganz buchstäblich neue Türen zu öffnen, die selbstverständlich auch grundlegend neue Formen filmischen Erzählens erforderlich machen würden.

Bereits in dem ansonsten sehr schlichten „My Bloody Valentine“ war in einzelnen Augenblicken die Ahnung eingeschrieben, wie radikal sich die Struktur, die Erzählweise und die Wahrnehmung im Falle eines genuin dreidimensionalen Kinobildes verändern müssten. Ein Erzählen im Raum, das nicht gerade neu oder einzig in der Kinogeschichte ist, das aber so eher im experimentellen Film verortet wäre, müsste sich Bahn brechen in Genre- und Spektakelkino und könnte so einer Utopie der Annäherung von Kunstfilm, Blockbuster und vermeintlichem Schund Vorschub leisten. Die Perspektiven auf diese Erweiterung des filmischen Werkzeugkastens gehen jedoch bis heute krass auseinander. Während Hollywoods Filmmanufakturen kaum eine Gelegenheit auslassen, die Technologie als Wunderwerk und künftigen Produktionsstandard zu preisen, bildete sich auch schnell eine zumeist in der (bürgerlichen) Filmkritik wurzelnden, aber auch im Nerdtum weitergetragene Opposition, die das dreidimensionale Kinobild mit größter Vehemenz ablehnt und es als bloßes Marketinginstrument der großen Produktionsschmieden abtut. Lediglich als Gimmick und als Rechtfertigungsinstanz für eine Erhöhung der Eintrittspreise trete es gewissermaßen zum Filmbild hinzu, das sich dadurch in seinem Sosein nicht verändere, und das ist natürlich ganz großer Unfug.

Größerer Unfug beinahe als die PR-Plädoyers eines Jeffrey Katzenberg, der RealD als die alleinige Zukunft des Kinos preist, enthalten diese doch lediglich implizit die unsinnige These, das dreidimensionale Kinobild sei dem zweidimensionalen grundsätzlich überlegen. Das ist es natürlich nicht, ebenso wenig wie der Farbfilm dem Schwarzweißfilm grundsätzlich überlegen wäre. Oder der Tonfilm dem Stummfilm, auch wenn die Filmgeschichte dies anders gesehen hat. Das dreidimensionale Kinobild stellt eine weitere Möglichkeit in den Händen derer dar, die sich um das Kino als Kunstform bemühen. Nicht mehr, aber ganz bestimmt auch nicht weniger, und das Gegenteil zu behaupten ist bloß plump-konservativer, kaum kaschierter Kulturpessimismus. Und seinen besonderen Reiz und seine kaum zu überschätzende Relevanz für den cinephilen Diskurs der Gegenwart bezieht es vor allem aus dem Umstand heraus, dass es noch so ganz und gar am Anfang seiner künstlerischen Ausformung steht. Es gibt schlicht noch keine Geschichte des digitalen 3D-Bildes in der Filmkunst, und somit ist nahezu jedes Bild, das wir in dieser Form vor uns sehen, ein erstes, ein originelles Bild. Von diesen Bildern, die auch der erfahrenste cinephile Rezipient so zum ersten Mal zu sehen bekommt, enthält James Camerons „Avatar“ eine Vielzahl. Aber das hat wohl noch nicht einmal der hartnäckigste Skeptiker der neuen Technologie anders erwartet: Wer, wenn nicht der Guru der Tricktechnik und der wohl erfolgreichste Megalomane der zweiten Generation des Blockbusterkinos, der eine gute Dekade an seiner Vision werkelte und nun den Film ins Kino bringt, der in direkter Folge des erfolgreichsten Films der Kinogeschichte steht, sollte ihn inszenieren, den großen, epischen und nie dagewesenen 3D-Film, der alle Zweifler sprachlos macht?

Nun ist ja eine solch gigantische Erwartungshaltung ein Fluch, an dem man im Grunde nur scheitern kann. Sollte man meinen, doch hat Cameron im Grunde von einem frühen Zeitpunkt in seiner Karriere an stets gegen seinen eigenen, immer länger werdenden Schatten angekämpft. Mit „Aliens“ inszenierte er ein spektakuläres Sequel zu Ridley Scotts Meisterwerk; ein bisschen schlechter, aber wesentlich erfolgreicher. Mit „Terminator 2: Judgment Day“ inszenierte er ein spektakuläres Sequel zu seinem eigenen Kult-B-Film „The Terminator“; ein bisschen schlechter, aber wesentlich erfolgreicher. Mit „Titanic“ reanimierte er die große epische Tradition des Hollywood-Melodrams; ein bisschen schlechter, aber wesentlich erfolgreicher. Irgendwie ist also doch auch „Avatar“ ein Ausnahmefall für Cameron: Für das, was er hier macht, gibt es keinen Präzedenzfall. Auch wenn ihn natürlich trotzdem alle an früheren Großtaten messen werden: die Nerdbasis an ihren Pubertätserinnerungen an jene Zeit, in der „T2“ der coolste Film der Welt war; und die Businesswelt an den prosaischen Zahlen. Wieviel weniger als „Titanic“ wird „Avatar“ am Ende eingespielt haben? Und wieviel im Vergleich zum astronomischen Budget? Und wird sich das Umrüsten der Multiplexe, als Vertrauensvorschuss gewissermaßen vor allem in diesen einen Film und seine Wirkung, am Ende tatsächlich auszahlen? Wird man gar noch einen neuen BluRay-Standard damit durchpeitschen können?

Am Ende dieser langen Kritik sollen zumindest noch ein paar Sätze zum Film „Avatar“ selbst stehen, obgleich sich im scheinbaren Missverhältnis der Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft der Filmkunst angesichts des dreidimensionalen Kinobildes nur die kulturelle Relevanz spiegelt, die diesem Artefakt am Ende dieser Kinodekade zukommt. Nein, „Avatar“ ist kein Meisterwerk, und ja, „Avatar“ ist ein sehr gelungener Film, der hinter den früheren Werken Camerons keinen Deut zurückstehen muss. Im Grunde teilt er Vorzüge wie Nachteile aller Cameron-Filme, jedenfalls von „Aliens“ bis „Titanic“. Er ist visuell überwältigend in seiner Kreation einer leuchtenden, farbenfrohen, magischen Dschungelwelt, und baut gar auf einer Reihe recht kluger Gedanken auf, tendiert dabei aber auch in seinem Erzählrhythmus zum Überladenen und fragwürdig Aufgeblasenen. Tricktechnische Avantgarde trifft im Universum des James Cameron meist auf eine narrative Gefallsucht, die aber letztlich dann doch nicht der (biederen, gleichwohl eben darin auch sehr ehrlichen) Naivität etwa eines Roland Emmerich entspricht. Eher steht Cameron in der Tradition eines Steven Spielberg, dem es auch zuvorderst daran gelegen war, seine Gedankengebäude jedem Zuschauer verständlich vor die Nase zu setzen, und der zugunsten dieser Konsumierbarkeit akzeptieren musste, dass er sie eher nicht als intellektuelle Wolkenkratzer auftürmen, geschweige denn subversiv unterkellern kann. Im Gegenzug inszeniert Cameron aber jeden seiner Filme mit einer Sorgfalt, die im Spektakelkino ihresgleichen sucht und vermittelt auch in jedem Augenblick, in jedem seiner Filme, dass er nicht gekommen ist, um seine Zuschauer für dumm zu verkaufen. Im Gegenteil steht Cameron für eine Unterhaltungstradition des Hollywoodkinos, die zwar offensiv den Anspruch von Verständlichkeit und Unterhaltungswert vor sich herträgt, dabei aber niemals in die schiere Idiotie etwa eines Michael Bay abrutscht. Gediegenes Handwerk, wenn man so will. Der Zusammenprall dieses Handwerks mit dem durchaus experimentierfreudigen Umgang mit der dritten Dimension, der sich etwa in einem ausgeprägten Interesse für Materialitäten, Transparenzen, Licht- und Spiegelreflexe ausdrückt, macht aus „Avatar“ vielleicht den einen Film am Ende des Jahres 2009, den man sowohl als Multiplexgänger mit gesenktem Anspruch als auch als Cinephiler – will man sich künftig in irgendeiner Form relevant zum Gegenwartskino äußern – schlicht und einfach gesehen haben muss.

Avatar – Aufbruch nach Pandora
(Avatar, USA/UK 2009)
Regie & Buch: James Cameron; Musik: James Horner; Kamera: Mauro Fiore; Schnitt: James Cameron, John Refoua, Stephen Rivkin
Darsteller: Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Giovanni Ribisi, Stephen Lang, Michelle Rodriguez, Joel Moore, CCH Pounder, Wes Studi u.a.
Länge: ca. 162 Min.
Verleih: 20th Century Fox

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