Zwei mal Mars und zurück

In den frühen 1960er-Jahren eroberte der Science-Fiction-Film das Fernsehen und ermöglichte so der populärsten SF-Gattung, der Kurzgeschichte, in Serien zu einem Bild zu kommen. Mit Serien und Reihen wie „Star Trek“, „Doctor Who“ oder – hierzulande – „Raumpatrouille“ konnte das Genre seine fan base erweitern und vor allem zu einer eigenen episodischen Erzählweise finden, die es dann auch möglich machte, längere Plots in Einzelfolgen aufgeteilt ins Fernsehen zu bringen. Zwei Jahrzehnte später waren solche Formate dann schon nicht mehr unüblich, wie „The Tripods“ (der in Deutschland als „Die dreibeinigen Herrscher“ lief) und „The Martian Chronicles“ („Die Mars-Chroniken“) deutlich zeigen.

Dabei sind „Die Mars-Chroniken“ ursprünglich gar kein in Episoden angelegter Roman gewesen, sondern eine Kurzgeschichten-Sammlung. Ray Bradbury hatte diese Ende der 1940er-Jahre zu einem Buch zusammengefasst und erst damit als episodisch strukturierten Roman veröffentlicht. Die Stories, die darin enthalten sind, hatte er zuvor über Jahre hinweg unabhängig von einander geschrieben und für das Buch chronologisch (nach ihrer Handlungszeit) sortiert und mit „Scharnier“-Texten versehen. Der episodische Charakter dieses Pseudo-Romans erschien daher für eine TV-Mehrteiler-Adaption sehr passend. Niemand geringeres als Richard Matheson (unter anderem Autor des Romans „The Last Man on Earth“) wurde kurz nach der Landung der Viking-1-Sonde (1976) mit der Adaption betraut.

Dabei herausgekommen sind drei circa 90-minütige Episoden, die verschiedene, aber nicht alle Erzählungen des Bandes enthalten. Der erste Film „Die Expedition“ erzählt von der Landung dreier Astronauten auf dem Mars, die dort verblüffenderweise eine US-amerikanische Kleinstadt voller Menschen vorfinden, so dass sie zunächst glauben, sie seien nicht zum Mars geflogen, sondern, ohne es geplant zu haben, zur Erde zurück gekehrt. Dass sich diese Stadt und ihre Bewohner dann als eine von den Marsianern ausgelöste Illusion entpuppt, offenbart bereits einen der philosophischen Kerne der Erzählungen (und ihrer Filmadaptionen). Es geht in „Die Mars-Chroniken“ stets auch um die Begegnung mit dem Fremden, in dem das Eigene wiedergefunden wird, was sich hier an Themen wie dem Kolonialismus spiegelt. Dass die Menschen zum Ende der Serie selbst durch einen irdischen Atomkrieg heimatlos werden und auf dem Mars mit den mehr oder weniger anwesenden Marsianern zusammenleben müssen, erscheint sogar noch im Erscheinungsjahr des Films, 1980, als Dystopie und bittere Erkenntnis.

Die Serie ist damals mit großem Produktionsaufwand hergestellt worden – allein schon die Besetzung, die von Rock Hudson bis Maria Schell reicht, hatte „Die Mars-Chroniken“ für TV-Zuschauer attraktiv gemacht. In Deutschland lief sie erst 1983 im TV – einem Jahr, in dem der Kalte Krieg noch einmal besonders heiß wurde und die atomare Apokalypse am Ende der Serie daher als Möglichkeit konkreter denn je erschien. Als eine Art Teaser waren Teile der Serie allerdings schon zuvor im „Nachmittagsprogramm“ zu sehen (das es ja damals eigentlich noch gar nicht gab): Als ARD und ZDF mit der Testausstrahlung des Zweikanaltons begannen, wurde eine Sequenz aus „Die Mars-Chroniken“ ausgewählt, die in deutschem und englischem Ton gezeigt wurde.

Das entgegen gesetzte Bild des Kolonialismus konnte 1984 (in Deutschland zwei Jahre später) in der britischen TV-Serie „Die dreibeinigen Herrscher“ betrachtet werden: Hier waren es nun Außerirdische, die die Erde gewaltsam kolonisiert und sich dabei die Menschen als Sklaven unterworfen hatten. Die titelgebenden dreibeinigen Riesenmaschinen, die über den Planeten wandern, erinnern sehr an die Maschinen-Marsianer aus H. G. Wells‘ „Krieg der Welten“, die ebenfalls die Erde überfallen hatten. Wurden Wells‘ Marsianer noch durch irdische Mikroben ausgerottet (wie dann auch die Marsianer in Bradburys „Mars-Chroniken“ – was beides zurück auf Begebenheiten des Kolonialismus referiert), so erzählt die TV-Serie „Die dreibeinigen Herrscher“ wie es wohl gekommen wäre, wenn die Menschen den Kampf verloren hätten.

Die Welt, die die Serie zeigt, ist eine postapokalyptische: Die meisten Menschen sind im Krieg gegen die Tripods ums Leben gekommen, die großen Städte sind zerstört und die Menschen in kleinen Gruppen aufs Land geflüchtet. Doch selbst dort werden sie von den Außerirdischen kontrolliert: Mit Vollendung des 14. Lebensjahres bekommt jeder Mensch von den Invasoren eine „Kappe“ in den Schädel implantiert, die seine Kreativität und seinen Willen zur Freiheit unterdrücken. Die Menschen haben gelernt, den Zeitpunkt, an dem sie die Kappe erhalten, als Initiationsritus zu feiern. Zwei Jungs halten allerdings nichts davon, gleichgeschaltet zu werden und fliehen in Richtung Alpen, wo es eine Kolonie freier Menschen geben soll. Sie durchqueren Frankreich, stets verfolgt von den Tripods, und erreichen schließlich ihr Ziel – nur um dort als Spione der Außerirdischen verdächtigt zu werden und in Gefangenschaft zu geraten.

Die Vorlage zur Serie entstand in den späten 1960er-Jahren als Romanreihe von Samuel Yaud und ist zwischen 1984 und 1985 von der BBC ausgestrahlt worden. Das TV-Serien-Flair ist in Ausstattung und Darstellung deutlich zu spüren. Es koinzidiert allerdings perfekt mit dem (heute würde man sagen) „Retro“-Charme des Serieninhaltes selbst: Einer Gesellschaft, die technisch zurück in die frühe Neuzeit katapultiert wurde, größtenteils subsistenzwirtschaftlich organisiert ist und in der Aber- wie Wunderglaube herrschen. Die Jugendrevolte, die sich an den beiden jungen Helden zeigt, zeichnet nicht nur den Umbruch von einer (nach Claude Levi-Strauss benannten) „kalten“ in eine „heiße“ Gesellschaft nach – sie steht natürlich gleichermaßen für den Ausbruch aus den Selbstverständlichkeiten der Nachkriegs-Elterngeneration Ende der 1960er.

Die Mars-Chroniken
(The Martian Chronicles, USA 1980)
Regie: Michael Anderson; Buch: Ray Bradbury, Richard Matheson; Musik: Stanley Myers; Kamera: Ted Moore; Schnitt: Eunice Mountjoy
Darsteller: Rock Hudson, Roddy McDowall, Maria Schell, Fritz Weaver, Laurie Holden u. a.
Länge: 281 Minuten
Verleih: KOCH Media

Die dreibeinigen Herrscher
(The Tripods, UK/Australien 1984)
Regie: Graham Theakston, Christopher Barry, Bob Blagden; Buch: John Christopher, Alick Rowe, Christopher Penfold; Musik: Ken Freeman; Schnitt: Mike Taylor, Alan Dixon; John Shackley, Ceri Seel, Jim Baker u. a.
Länge: 623 Minuten
Verleih: KOCH Media

Die DVDs von KOCH Media

„Die dreibeinigen Herrscher“ ist nie „vollständig“ als TV-Serie adaptiert worden. Die dritte Staffel, in der die Menschen den Befreiungskrieg gegen die Tripods führen, blieb allein den Lesern der Bücher vorbehalten. In der bei Koch Media erschienenen DVD-Box finden sich nun jedoch neben den drei Video-DVDs vier Audio-CDs, auf denen diese Staffel als deutschsprachiges Hörbuch (recht aufwändig mit der Musik der Serie versehen) nachgereicht wurde. Dies allein stellt schon eine große Wertschätzung der Serie – auch vor dem Hintergrund der Aufarbeitung der TV-SF-Geschichte – dar; hinzu kommen noch einige Specials (wie Dokumentationen und Audiokommentare), die den Hintergrund der Serie beleuchten. Die ebenfalls bei Koch erschienene DVD-Box der „Mars-Chroniken“-Miniserie bietet einiges Promomaterial sowie ein Booklet mit einem interessanten Essay über den Produktionshintergrund der Serie. Den deutschen und den Originalton bringen beide Veröffentlichungen mit.

„Die Mars-Chroniken“ im Detail:

  • 3 DVDs
  • Bild: 1.33:1 (4:3)
  • Ton: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0)
  • Untertitel: keine
  • Extras: Booklet von Thomas Willmann,  Bildergalerie mit seltenen Pressefotos und internationalen Artworks
  • FSK: ab 12 Jahren
  • Preis: 29,90 Euro

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„Die dreibeinigen Herrscher“ im Detail:

  • 6 DVDs & 4 CDs
  • Bild: 1.33:1 (4:3)
  • Ton: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Extras:
  • Promoreel von 1984 (ca. 10 Minuten)
  • Hinter den Kulissen (ca. 43 Minuten)
  • „The Cult oft he Tripods“: Dokumentation über die Kultserie mit aktuellen Interviews von Cast und Crew (ca. 29 Minuten)
  • „Blue Peter“: Hintergrundbericht über die Dreharbeiten und die Spezialeffekte (ca. 28 Minuten)
  • Stuntproben (ca. 3 Minuten)
  • Visual Effects Tests (ca. 11 Minuten)
  • Audiokommentare mit Darsteller Jim Baker
  • FSK: ab 12 Jahren
  • Preis: 45,99 Euro

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