Todessehnsucht

Kultur entsteht durch Leid. Die wohl überwiegende Zahl großer Kunstwerke basiert nicht etwa auf Freude und Glück, sondern auf Schmerz, Trauer und Einsamkeit. Auf das Werk Lars von Triers bezogen lässt sich aus dieser Einsicht folgern, dass es dem Regisseur noch nie so schlecht gegangen zu sein scheint wie bei der Arbeit an seinem Meisterwerk „Dogville“. Auch während der Produktion von „Antichrist“ litt von Trier bekanntlich unter schweren Depressionen – sein neuer, kürzlich in Cannes vorgestellter Film „Melancholia“ hingegen entstand unter besseren psychischen Bedingungen. Es nimmt daher nicht Wunder, dass in allen bisherigen Besprechungen ein Adjektiv verdächtig oft auftauchte: „Schön“ sei der Film, hieß es immer wieder. Das ist für das dänische Enfant terrible freilich ein vernichtendes Urteil. Von Trier macht schließlich keine Filme, die „schön“ sein, sondern, die den Zuschauer provozieren sollen, wenn sie das Böse im Menschen, die Hybris der Vernunft und das Leiden am Sein offenlegen. Aber ja, es stimmt, die größte Stärke von „Melancholia“ ist die auf Hochglanz polierte Fassade mit ihren opulenten Bilderwelten. Nur verbergen sich hinter dieser Fassade kaum Tiefen, geschweige denn ähnliche Untiefen wie sie in der völligen Fassadenlosigkeit von „Dogville“ ergründet wurden. „Melancholia“ ist mit seiner visuellen Brillanz, den Computeranimationen und der pathetischen, extradiegetischen Wagner-Musik das totale Gegenteil der asketischen „Dogma“-Bewegung, die von Trier einst begründet hatte.

Der Film erzählt die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Schwestern, die dem bevorstehenden Weltuntergang entgegen sehen. Die schwer depressive Justine (Kirsten Dunst) sehnt sich in ihrem Todesdrang nach der Apokalypse, während die erfolgreiche Claire (Charlotte Gainsbourg) am irdischen Sein und vor allem ihrem Sohn Leo hängt. „Melancholia“ ist in zwei etwa gleich lange Kapitel unterteilt, die jeweils nach einer der Schwestern benannt sind. Die erste Stunde inszeniert den psychischen Kollaps Justines und die Implosion ihrer Hochzeitsfeier. Was mit einer amüsanten Aufsicht beginnt, in der eine Stretchlimousine es nicht durch die gewundene Zufahrt zu einem Landschloss schafft, endet mit dem Scheitern der eben geschlossenen Ehe und einem folgenreichen Streit Justines mit ihrem Arbeitgeber. Die Rituale der Hochzeitsfeier erweisen sich für die psychisch instabile Frau als Spießrutenlauf voller abzuarbeitender Stationen – erdrückt von dieser Last erstarrt sie in völliger Lähmung, die letztlich das ganze Fest sabotiert. Justine merkt, wie die Welt um sie herum zusammenbricht noch bevor der Planet Melancholia auf die Erde stößt – doch ihre Labilität hinterlässt eine Ohnmacht, sich gegen diesen Verfall zu stemmen. Justine entgleitet zunehmend die Kontrolle über sich. Die für ihre Umwelt kaum erträgliche Frau verkörpert dabei immer mehr die Todessehnsucht der weltflüchtigen Romantik, sodass sie letztlich als übersinnlicher Messenger fungiert, um das Ende der Welt, die Erlösung, zu beschleunigen. „Die Erde ist böse. Es gibt keinen Grund ihr nachzutrauern. Niemand wird sie vermissen.“, rechtfertigt sie ihre Beweggründe. In diesem misanthropischen Pessimismus wird sie als offensichtliches Alter Ego des Regisseurs erkennbar.

Nach dem Zusammenbruch der privaten Welt, widmet sich der zweite Teil dem Ende der gesamten Welt. Hierbei steht Justines Schwester Claire im Vordergrund, die trotz der Beschwichtigungen ihres Mannes intuitiv Angst verspürt und an den Berechnungen jener Wissenschaftler zweifelt, die besagen, der fremde Planet werde an der Erde vorbei fliegen. Hier spiegelt sich die Vernunftkritik, mit der von Trier bereits in seiner TV-Serie „Geister“ („Riget“) für eine Rückkehr zur Spiritualität plädiert hatte. Anders als Claire, ist ihr Mann John voller Vertrauen in die Wissenschaft, mit der der Mensch die Natur beherrschen zu können glaubt – bis die Natur beim Rationalismusskeptiker von Trier wieder einmal obsiegt, den Menschen in seine Schranken verweist und der eigenen Ohnmacht ausliefert. Statt diese jedoch anzuerkennen, verweigern sich die Menschen des Films, die pars-pro-toto für die gesamte Menschheit in ihrer Selbstherrlichkeit stehen, der Einsicht ihrer eigenen Kleinheit und verdrängen sie.

Während der fremde Planet naht, geht das Leben im isolierten Mikrokosmos der Familie aus „Melancholia“ weiter wie zuvor. Lediglich die Tiere scheinen instinktiv die drohende Gefahr zu spüren – so sind es denn auch gerade mehrere Szenen mit Pferden, die atmosphärisch den größten Eindruck hinterlassen. Unter den Menschen sind es erneut die Frauen, die bei von Trier gemartert werden – Justine von ihrer Depression, Claire von der Angst, primär der Angst um ihr Kind. Wenn sich ihre Befürchtungen schließlich bewahrheiten, inszeniert von Trier die Zerstörung allen Lebens erstaunlich zurückhaltend als eine eher unentschlossene Katastrophe und weist damit der Menschheit ihre kosmische Irrelevanz zu. Erst ganz zum Schluss, wenn sich ein blauer Schleier der Melancholie über die Bilder schiebt, wird es brachial – wenn auch nur auf der Tonspur, die ein solches Rumpeln und Krachen entfaltet, dass sie die Apokalypse akustisch leibhaftig vermittelt.

Visuell repräsentiert wird der Weltuntergang bereits zu Beginn in einer opernhaften Ouvertüre wie sie bereits in „Antichrist“ zu sehen war. In von digitalen Effekten erweiterten Super-Zeitlupen entwickeln sich Bilder von malerischer Qualität. Spatzen fallen vom Himmel, während wir in das erstarrte Gesicht Justines schauen, gleich drei Monde stehen des Nachts über dem aristokratischen Anwesen, später folgt eine gespenstische Massenszene auf einem in Kunstlicht getauchten Golfplatz. Auch Bilder aus dem Weltall finden Eingang in den Film, allerdings wirken sie angesichts des kosmischen Bilderrausches von Terrence Malicks „The Tree of Life“ geradezu unspektakulär. Über all dem schweben schwülstig-dramatische Töne aus Wagners „Tristan und Isolde“, die den Bildern eine Aura des Erhabenen verleihen.

Gleichzeitig aber ist „Melancholia“ von so vielen humoristischen Einsprengseln durchzogen wie wohl kein anderer Film von Triers. Gleich drei Figuren – die zynische Mutter von Justine und Claire, ein Lakai von Justines Chef und Udo Kier als Hochzeitveranstalter – dienen rein als Karikaturen. Das vielleicht erstaunlichste an diesem so ganz anderen von-Trier-Film ist jedoch, dass Charlotte Gainsbourg die erste Hauptdarstellerin ist, die den exzentrischen Regisseur ein zweites Mal auszuhalten bereit war, statt ihn – wie einst Björk – zu beschimpfen. Letztere Aufgabe scheinen indes – ob bewusst oder unbewusst – jene Kritiker übernommen zu haben, die „Melancholia“ (leider völlig zu recht) als „schön“ bezeichneten.

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Melancholia
(Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland 2011)
Regie: Lars von Trier; Drehbuch: Lars von Trier; Kamera: Manuel Alberto Claro; Schnitt: Molly Marlene Stensgaard, Morten Højbjerg;
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Alexander Skarsgård, Charlotte Rampling, John Hurt, Stellan Skarsgård, Brady Corbet, Udo Kier, Cameron Spurr, Jesper Christensen
Länge: 130 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 06.10.2011

 

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