Die Einsamkeit des Wurstfachverkäufers

Am Ende des Gemetzels wankt der Koloss mit der Kettensäge langsam ins Dunkel. Sein Tagewerk ist verrichtet, das Geheimnis der Familie bewahrt. Doch er strahlt keine Freude aus, kein rauschhafter Triumph beflügelt ihn. Sein Kopf ist gesenkt, er wankt wie ein angeschlagener Boxer, erschöpft. Dann verschluckt ihn die Nacht. Der nächste Morgen wird auch nur einen weiteren Tag der Arbeit für ihn bereithalten, die er gewohnt zuverlässig verrichten wird.

Nie wurde es so deutlich wie in diesem Bild, mit dem Liebesman seine Zuschauer aus dem Kino entlässt: Leatherface ist unter den Leinwandmonstern der Repräsentant des einfachen Arbeiters. Er verrichtet sein Handwerk zwar nicht mit filigraner Präzision, dafür aber mit absoluter Zuverlässigkeit, für die er jedoch nie den Respekt erntet, der ihm zusteht. Man verbindet kein Gesicht mit seinen Taten, nur das dumpfe Glotzen der Maske, die er zum Schutz vor Spöttern trägt.

tcm2thebeginning-poster1.jpgDass Leatherface ein tragischer Held ist, mehr noch als ein Monster, wurde mit jedem Film der Texas-Chainsaw-Massacre-Reihe deutlicher. Dennoch blieb der grobmotorische Schlachter stets ein Mysterium: So sehr auch versucht wurde, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen, immer wieder kam nur eine weitere Maske darunter zum Vorschein; anstatt sein Geheimnis preiszugeben, entzog er sich mit jedem Erklärungsversuch weiter unserem Blick. Regisseur Jonathan Liebesman tritt mit „Texas Chainsaw Massacre: The Beginning“ nun an, endgültig alle Fragen zu beantworten, indem er uns in die Vergangenheit seines Monsters führt. Wer ist der Mensch hinter der Maske? Was ließ ihn zum Mörder werden? Und woher zum Teufel hat er die Kettensäge?

Mit dieser Strategie ordnet er seinen Film aber konsequent dem voyeuristischen Bedürfnis der Zuschauer unter und besiegelt damit seinen eigenen Untergang. In dem Vorhaben, die vermeintlich ganze Wahrheit zutage zu fördern, verkennt Liebesman, was uns in Hoopers Film (und im Horrorfilm allgemein) erschreckt und ängstigt: Nicht die lückenlose Dokumentation von Fakten lässt uns das Blut in den Adern gefrieren, sondern gerade der Mangel an Information. Das Grauen beginnt erst dort, wo die Bilder keine Antworten mehr zu geben vermögen. So bezog „The Texas Chain Saw Massacre“ seine beträchtliche Spannung eben gerade daraus, dass er das Unfassbare wie aus dem Nichts über seine Protagonisten hereinbrechen ließ und so gut wie gar nichts erklärte.

Diesen „Mut zur Lücke“ ließ schon Nispels Remake vermissen, das ganz dem Wunsch erlag, einmal hinter die Maske des mordenden Monsters mit der Kettensäge zu schauen, und dieselbe Zeige- und Erklärungswut zieht sich auch durch den neuesten Ableger der Serie: Die Kamera suhlt sich so exzessiv in Bildern des Todes, des Drecks und der Fäulnis, dass die Grenze zum Kitsch weit überschritten wird. So wenig bleibt der Phantasie überlassen, dass man sich als denkender Zuschauer nicht anders als bevormundet fühlen muss: „Ekle dich! Erschreck dich! Hab Angst!“ schreit es einem von der Leinwand entgegen, doch so laut es auch schreit, es funktioniert nicht. Zumal Liebesman auch inhaltlich nichts Neues eingefallen ist. Er formuliert lediglich laut aus, was in Hoopers Film unsichtbar zwischen den Zeilen schlummerte: Das gipfelt darin, dass Hoopers unterschwellige Kritik am Vietnamkrieg hier zum Handlungsmotor wird. Wie übermächtig Hoopers Film tatsächlich ist, lässt sich auch daran ablesen, dass man sich wieder einmal ganze Handlungselemente von ihm geborgt hat: die unheimliche Begegnung mit dem Bösen auf der verlassenen Landstraße, die bizarren Schlachtrituale im Keller, das pervertierte Abendmahl im Kreise der Familie, die Flucht durch das Gestrüpp des texanischen Buschs.

Offensichtlich waren auch die Macher von „Texas Chainsaw Massacre: The Beginning“ nicht davon überzeugt, dass die Biografie ihres Monsters einen ganzen Film würde tragen können. So wird der Prequel-Ansatz nach einem gerade einmal fünfminütigen Prolog, der Leatherface’ Geburt zeigt, komplett über Bord geworfen. Seine erzählerische Schuldigkeit hat er damit getan und legitimiert immerhin noch dazu, den Film mit dem werbewirksamen Versprechen der Enthüllung zu bewerben. Letztlich ist „Texas Chainsaw Massacre: The Beginning“ jedoch auch nur ein weiteres x-beliebiges Sequel, das in seiner deutschen Inkarnation – einer trotz 18er-Freigabe radikal geschnittenen Fassung – fatal an die im Keller der Familie Hewitt vor sich hin modernden, verstümmelten Leichen erinnert. Da ist“Texas Chainsaw Massacre: The Beginning“ dann endlich ganz bei sich angekommen. Und unter der Maske des mordenden Biedermanns kullert eine Träne hervor: Niemand wird ihn je verstehen …

Texas Chainsaw Massacre: The Beginning
(Texas Chainsaw Massacre: The Beginning, USA 2006)
Regie: Jonathan Liebesman, Drehbuch: Sheldon Turner, Kamera: Lukas Ettlin, Musik: Steve Jablonsky, Schnitt: Jonathan Chibnall, Jim May, Joel Negron
Darsteller: Jordana Brewster, Taylor Handley, Diora Baird, Matthew Borner, Lee Tergesen, R. Lee Ermey
Länge: 83 Minuten
Verleih: Warner Bros.

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