Klößchen

Sicher einer der spannendsten Filmemacher aus Hongkong ist Fruit Chan, der 1997 mit seinem selbstproduzierten Low-Budget Streifen „Made in Hong-Kong“ auf Anhieb den Zugang in die Welt der internationalen Filmfestivals geschafft hat und dem der Ruf des kompromisslosen Autorenfilmers vorauseilt; nebenbei bemerkt, denn so wichtig ist das nun auch nicht. Interessanter schon, dass man beim Betrachten von „Dumplings“, der übrigens weltweit als Horrorfilm vermarktet wird, überrascht ist, immer wieder und auf unterschiedliche Weise.

Die Geschichte ist geschmacklos. Eine schöne, zumindest nicht unansehnliche, reiche Frau (Box-Office Queen Miriam Yeung mit Spießerlady-Hairdo) kann sich mit dem Prozess des Alterns nicht abfinden. Sie sucht eine ehemalige Gynäkologin auf (Bai Ling), die sich mittlerweile aufs Schamanentum verlegt hat und die ewige Jugend verspricht. Ihr Geheimrezept: das Verspeisen abgetriebener Föten. Das ist, staubtrocken formuliert, der Plot von „Dumplings“ und ähnlich trocken ist Fruit Chans Humor, der in den Schnittbildern, scheinbar beilläufig, das zuvor gesehene kurz und knapp kommentiert. Da wird eine Hirschattrappe von einem Wasserstrahl umgenietet – man fragt sich ob Chan neben das Skript grinsend „Schluß mit Röhren“ gekritzelt hat – oder es wird ein andermal ein Gartenschlauch ins Bild gerückt, der sich, orgiastisch enthemmt, wild blubbernd aus einer Badewanne windet – oder wars ein Swimmingpool? Paßt das mit der angeschlagenen Thematik zusammen? Erstaunlich gut! Und warum auch nicht.

Wie lächerlich ist es wohl sich selbst beim Schauspielern zu beobachten, über einen 16:9 Plasmafernseher aus einer mit Blumenblüten übersähten Badewanne heraus, und dabei die verblichene Schönheit zu begrämen? Wenn man dazu ganz genau weiß, dass man vom Ehemann (ein blondierter Tony Leung Ka Fai) schon lange zur Edelhure degradiert wurde, nicht etwa für gewährte sexuelle Gefälligkeiten, sondern vielmehr um den Schein zu waren? Es geht natürlich nicht um Liebe, sondern um verletzte Eitelkeit; um raubtierhafte Gier, nicht um Nähe. Der Film macht diese wenig sympathische Figur zum Herzstück einer zuweilen erheiternden, im Kern aber deprimierenden Dreierkonstellation.

Deprimierend, weil man die Ausweglosigkeit der Figuren spürt: Menschen sind eben so. Da wird gefressen, betrogen und verzehrt und am Ende siegt der Stärkere. Hier verbirft sich denn auch der wahre Horror des Films. Hilflos muss man zusehen, wie die Kamera das Drehbuch wörtlich nimmt und eine Abtreibung im Schmuddelbad inszeniert während sich wenig später die Entbundene blutend über den Gehweg schleppt. Am Ende ist Fruit Chan bei der Groteske angelangt. Wenn alles nichts hilft, gesagt werden muss es doch.

Thomas Reuthebuch

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