Die Geburt des Roboters aus dem Geist der Science Fiction

Als der erste Industrie-Roboter mit Namen UNIMATE im Jahre 1961 seine Arbeit aufnahm, war das intellektuelle Konzept, das ihm zugrunde lag, schon längst durchdacht: Bis in die griechische Antike, zu den Golem-Sagen des Judentums oder der mittelalterlichen Philosophie lässt sich die Idee des künstlichen, mechanischen Menschen zurückverfolgen. Dass UNIMATE und seine Nachkommen diese Fantasien hernach in Qualität und Quantität stärker beeinflussten als ihre mythologischen Quellen, ist allerdings auch unzweifelhaft. Wie bei vielen Technologien ist die Beziehung zwischen Innovation und kultureller Verarbeitung wechselseitig. Eigentlich handelt das Jugendbuch „Roboter. Was unsere Helfer von Morgen heute schon können“ nicht davon. Doch bereits im Titel deutet sich dieser Subtext an, ja drängt sich förmlich auf, sodass eine Betrachtung des Buches unter diesem Paradigma allemal lohnenswert erscheint.

Der Bielefelder Robotik-Forscher Helge Ritter und der Biologe und Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr stellen in ihrem Band auf leicht verständliche Art die Geschichte der Robotik, ihre Ursprünge und insbesondere das, was man eine Typologie nennen könnte, vor: Welche Arten von Robotern gibt es – unterschieden nach Anwendungsgebiet, Form und Funktion. Roboter, die Forschungszwecken dienen und insbesondere die Möglichkeiten und Grenzen der Robotik explorieren helfen sollen, stehen dabei im Mittelpunkt. Aber, um zur Ausgangsperspektive zurückzukommen, auch die kulturelle Begegnung mit ihnen ist ein durchlaufendes Thema des Buches. Und der Film spielt dabei eine besondere Rolle, denn Roboter kennen die meisten Menschen heute aus filmischen Fiktionen von „Terminator“ bis „Wall-E“. Ihnen widmen die Autoren zunächst ein ganzes Kapitel, stellen aber auch vorher und nachher deutlich heraus, wie sehr sich die Robotik von derartigen Fiktionen immer wieder inspirieren lässt: So bemerken sie, dass die Erfinder des eingangs angesprochenen UNIMATE, „zwei von Science-Fiction begeisterte Ingenieure“ (S. 52) gewesen seien – und zwar nicht ganz zufällig direkt im Anschluss an das Film-Kapitel.

Inwieweit sich wissenschaftliche Robotik und robotische Fiktion immer wieder gegenseitig ein- und überholen, wird klar, wenn es um Service-Roboter geht, die immer anthropomorpher werden, um so immer besser als menschliche Helfer und teilweise sogar Surrogate (etwa in sexuellen Beziehungen, vgl. S. 215) zu dienen. Oder bei den Robotern im Kriegseinsatz – dem Gebiet der Robotik, das wie zahlreiche andere technologische Forschungsfelder über die meisten Geldmittel verfügt. Hier finden sich Maschinen wie „Big Dog“ (siehe Filmclip unten), deren „Vorbilder“ direkt aus Filmen wie „Krieg der Sterne“ oder „Aliens: Die Rückkehr“ stammen könnten. Dass Roboter und das Thema Robotik auch aufgrund solcher Innovationen von der Allgemeinheit zumeist skeptisch betrachtet werden oder sogar angstbesetzt sind, verschweigen die Autoren nicht und finden dafür einen doppelten Grund: Zum einen sind es jene immer „intelligenter“ werdenden Maschinen, bei denen gar nicht abgeschätzt werden könne, wie „selbstbewusst“ sie einmal werden und ob sie sich vielleicht einmal gegen ihre Erfinder „erheben“ könnten (Ritter und Weymayr stellen etwa Daniel Wilsons nur halbironisch gemeintes Buch „How to survive a Robot Uprising“ vor). Zum anderen ist es die soziale Unruhe, die seit den 1960er-Jahren mit dem Eindringen der Roboter in die Arbeitswelt vonstatten geht. Roboter als Job-Killer sind ein durchaus ernstes Problem, wenngleich sie auch derzeit immer noch als 3D-Geräte (für Jobs, die „dull, dirty und dangerous“ sind) Einsatz finden.

An dieser zweiten Angst scheinen sich – was eine Überlegung über den Text des Buches hinaus ist – auch die anderen Ängste in Bezug auf Roboter und Computer zu entzünden. Denn schon in der ersten Erwähnung des Begriffs in den 1920er-Jahren in der literarischen Science-Fiction „R.U.R.“ werden aus den Arbeitsmaschinen schrittweise und kausal Herrscher über die Menschheit – auch, weil mit dem vermehrten Einsatz von Robotern die zunehmende Phlegmatik des Menschen verbunden sein könnte. Die Autoren des Bandes schließen mit dieser „[g]rößte[n] Gefahr für unser Leib und Leben“, die sie gleichzeitig auch für die „vermutlich […] am meisten unterschätzte“ halten, indem sie die Bilder der verfetteten und gleichgültigen Menschheit des Animationsfilms „Wall-E“ herbeizitieren. Hier schließt sich der fiktionale Kreis dieses Sachbuchs. Eigentlich klärt es faktenreich über Roboter auf und darüber, was sie heute bereits alles leisten. Uneingentlich unterstreicht es jedoch unsere immer schon ambivalente Beziehung zu den Maschinen, die wir uns immer ähnlicher schaffen, damit sie uns besser dienen, vor denen wir aber Angst haben, wenn sie uns zu ähnlich werden.

Christian Weymayr/Helge Ritter:
Roboter. Was unsere Helfer von morgen heute schon können.
Berlin: Berlin-Verlag 2010
(Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher)
224 Seiten (Hardcover), durchgängig vierfarbig
17,90 Euro

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