Pornfilmfestival Berlin 2010 – Modern Love is Automatic

Der Eröffnungsfilm des Pornfilmfestivals war gar kein Pornofilm, sondern ein Spielfilm, in dem es um Pornografie geht, wobei vor allem die „Pornografisierung“, also Entmenschlichung der Gesellschaft gemeint sein dürfte.

Die junge Krankenschwester Lorraine verkörpert das, wovor der moderne Mensch, schon seit E.T.A. Hoffmann, ein Unbehagen empfindet: Sie ist ein lebendiger Automat – nicht durch eine technische Erfindung hervorgebracht, sondern ganz „natürlich“, auf dem Wege der Anpassung an die Anforderungen des Berufsalltags zustande gekommen. Man könnte meinen, sie teile das bedauerlicherweise mit vielen Zeitgenossen. Doch die Automatisierung verläuft bei ihr schon etwas „untypisch“. Je leerer sich Lorraine innerlich fühlt, desto mehr achtet sie auf ihre äußere Erscheinung, was natürlich fatale Folgen hat: Auf das andere Geschlecht wirkt sie ausgesprochen attraktiv, ohne dass sie auch die geringste Lust verspürt, den männlichen Avancen nachzugeben.

Und das kann man auch irgendwie nachvollziehen, denn die Beziehungsmuster, die sie tagtäglich beobachten muss, entsprechen keinesfalls ihren Vorstellungen, da die emotionale Abhängigkeit der Frauen und die Dominanz der Männer dabei zu offensichtlich werden. Anziehend wirken auf Lorraine nur die Aufnahmen aus Femdom-Magazinen, die die Frauen in der „stärkeren“ Position zeigen. So entscheidet sie sich schließlich für die zweite, heimliche Karriere als Domina, und kann nun aus ihrer Lebenseinstellung Kapital schlagen. Parallel zu Lorraines Geschichte können wir auch den verzweifelten Lebenskampf ihrer weniger anpassungsfähigen Mitbewohnerin beobachten, die, im Gegensatz zu Hauptheldin, emotional ständig am Rande des Zusammenbruchs agiert und von Männern ausgenutzt wird (einschließlich des Versuchs, sie mit List in einen Pornodreh zu verwickeln). Aber auch Lorraines Position ist nicht unangreifbar, denn der Kunde bleibt doch ständig der König, auch wenn er vorübergehend zum Sklaven degradiert wird …

Der Film, der auf der Oberfläche als flotte erotische Satire daherkommt, entwickelt sich auf dieser Weise zur pessimistischen Diagnose einer Gesellschaft, in der die soziale wie sexuelle Ungleichheit die Menschen entweder zur Hysterie oder aber zur völligen Erstarrung der Gefühle treibt.

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