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Das Wissen um den Nekrophilen und mutmaßlichen Serienmörder Edward („Ed“) Gein ist längst ins Archiv des kulturellen Allgemeinwissens eingegangen. Neben etlichen Filmen und Büchern, die sich mehr oder weniger direkt auf den authentischen Fall aus dem Jahre 1957 berufen und Motive daraus in ihre Plots übernommen haben, ist „Ed Gein“ so etwas wie ein Gründungsmythos des modernen Serienmörderstoffes an sich geworden. Dieser Gründungsmythos liefert seither die psychopathologische Struktur sexual devianter Tat-Erklärung in Realität und Fiktion und hat wesentlich zur Ausbildung (vermeintlicher) Kriminalkompetenz der Allgemeinheit beigetragen. Zu den ersten fiktionalen Adaptionen des Falls gehört der 1974 entstandene Spielfilm „Deranged“.


Deranged erzählt die Geschichte von Ezra („Ez“) Cobb. Ezra ist Mitte Vierzig und lebt zusammen mit seiner alten Mutter auf einer abgelegen Farm in fast symbiotischem Verhältnis: Seit die Frau querschnittsgelähmt ist, kümmert sich ihr Sohn liebevoll um sie. Sie bedenkt ihn dafür tagtäglich mit Warnungen vor der Bösartigkeit und Verruchtheit des weiblichen Geschlechts. Als sie schließlich stirbt hinterlässt sie ihren Sohn die Warnung: „Remember, Ezra: The wages of sin are syphilis, gonorrhea and death.“ Als Ez nach einem Jahr immer noch unter dem Tod seiner Mutter leidet, beginnt der verklemmte Junggeselle zu halluzinieren: Seine Mutter ruft ihn und bitten ihn, sie endlich „nach hause“ zu holen. Also fährt er eines Nachts zum Friedhof und gräbt die Leiche wieder aus. Weil diese jedoch im Zustand fortgeschrittener Verwesung ist, beschafft sich Ez weitere Leichenteile vom Friedhof. Seine Einsamkeit wird durch die Anwesenheit des mütterlichen Kadavers jedoch nur teilweise gelindert. Ez braucht eine Frau – das denken auch seine Freunde und ermutigen ihn, Kontakt zum weiblichen Geschlecht aufzunehmen. Doch die Beziehungsfähigkeit Ezras ist durch die Indoktrination der verstorbenen Mutter nachhaltig gestört. Und so werden die Frauen, denen sich Ed nähert zu Opfern und schließlich zu Körpern in seiner Sammlung.

Zwar nimmt der Plot respektvollen Abstand zum authentischen Fall, indem er Orts- und Personennamen ändert, schmiegt sich ansonsten jedoch mimetisch an die Geschichte Ed Geins an. Darüber hinaus unterminiert die Ästhetik des Film dessen fiktiven Charakter beständig: So weist etwa eine Texttafel im Vor- und Nachspann darauf hin, dass das Gezeigte auf einer „wahren Begebenheit“ beruhe. Unterstützt wird der dissimulative Charakter auch andere durch recht brachiale Methoden dokumentarischer Authentisierung. Hier fällt vor allem der Journalist auf, der den Film einleitet und ihn immer wieder durch Erscheinen im Bild unterbricht und durch Kommentare aus dem Off erklärt. Dieser Journalist (der letztlich die Rolle des Chronisten und Erzählers der „Story“ erfüllt) sorgt in Ez’/Eds „Geschichte des Wahnsinns“ nicht nur für narrative Kohärenz, sondern lädt den Zuschauer des Films auch gleich zur psychologischen Motivforschung ein. Ziel der Kommentare ist jenes Motiv, das in die Fallgeschichte Ed Geins (und danach zuerst von Robert Bloch in dessen Romanadaption „Psycho“) immer wieder hineininterpretiert wurde: Der Ödipus-Komplex des Täters, der sich nach dem Tod der Mutter perpetuiert und in die totale Misogynie steigert, die letztlich in Mord endet; Mord als Befehl der Mutter aus dem Jenseits.

Dass Eds bzw. Ez’ Motive schon in der Kindheit zu suchen seien, ist der Erklärungsansatz, den der Film und nach ihm eigentlich so gut wie alle „verstehenden Serienmörderfilme“ zu vermitteln versuchen. Die Psychoanalyse, deren Methode es ist, nichtsprachliche, psychische (D)Effekte in Sprache zu übersetzen, findet in Serienmörderfilmen wie „Deranged“ ihren perfekten Einsatz als Erzählstruktur(ierung). Doch solch ein Erzählen setzt beim Zuschauer einiges voraus: Die der Psychoanalyse ganz eigenen Argumentationsverfahren sind – wie der Ödipus-Komplex – gleichnishaft: die Muster werden aus der Kulturgeschichte (die der Gründungsvater der Theorie, Sigmund Freud, als „genotypisch“ interpretiert) auf das Individuum („phänotypsich“) übertragen. Kultur und Psyche werden so Bestandteile eines Textes, der vom Zuschauer des Films gelesen werden muss – und zwar zwischen den und unterhalb der Bilder des Films. Ziel des Verfahrens ist es, wie im klassischen Horror, das Grauen wieder „rational verstehbar“ zu machen. Damit richtet sich das Prinzip vom Film „Deranged“ (bzw. dem in ihm erscheinenden Kommentatoren) gegen das Prinzip des modernen Serienmörderfilms, das Grauen aus „unerklärlichen Gründen“ in die Welt zu bringen. Die Gründe werden psychoanalytisch nachgeliefert. Erstaunlicherweise ist dieses Spannungsfeld zeitgleich mit dem „Prinzip Ed Gein“ in die Kultur gelangt.

„Deranged“ verdeutlicht jedoch noch mehr. Die Authentisierungspraktiken der Erzählung weisen bereits eine Spur, die viel interessanter ist als jene Frage nach dem „was ist wahr?“ Die Frage danach, wie das zu bewerten ist, „was nicht wahr ist“, also was die Autoren des Films zu der faktischen Basis ergänzt haben: Dieses „Mehr“ ist es letztlich, dass den Medienmythos „Ed Gein“ mit konstruiert hat. Dieses „Mehr“ ist es auch, das einen immensen Teil des Motivfundus moderner Serienmörderfilme konstituiert. Hier wäre zunächst die „Tatsache“, dass Ez seine Mutter vom Friedhof zurück nach Hause holt. Die Fallgeschichte Ed Geins gibt keinen Hinweis auf eine Grabschändung bei seiner Mutter. Die Erzählungen seit Robert Bloch halten dies aber nicht nur für plausibel, sondern sogar für logisch, dass Ed zuerst seine Mutter, die für ihn „die Frau an sich“ darstellt, exhumiert hat. Dies hat nicht nur zu weit reichenden Spekulationen geführt (die schließlich sogar darin gipfelten, dass der Filmregisseur Werner Herzog bei Dreharbeiten in Plainfield im Grab der Mutter nachschauen wollte, ob die Leiche tatsächlich darin sei), sondern auch zur Umgestaltung des „Familienbildes“ im modernen Serienmörderfilm. Seit der mumifizierten Leiche in Hitchcocks „Psycho“ finden sich immer wieder tote und halbverweste Angehörige im Umfeld der Serientäter.

Ein anderer Medienmythos, der quasi mit „Deranged“ etabliert wurde, ist der über die weiblichen Opfer. Die Leichen, die auf Geins Anwesen gefunden wurden und nachweislich nicht vom Friedhof stammten, waren zwei vermisste Frauen mittleren Alters, die sich vor allem in ihrer Leibesfülle ähnelten. Von diesem fetischistischen Hang zur weiblichen Korpulenz erzählt auch Ez – und dennoch sind es jugendliche, schlanke Frauen die er entführt und ermordet. Hier ähnelt „Deranged“ sowohl „Psycho“ als auch den nachfolgenden Ed Gein-Adaptionen (eine Ausnahme bildet der hyperrealistische „In the Light of the Moon“ von 2001) und in diesen Frauentypen findet sich wohl auch eher der Geschmack des Filmproduzenten, den dieser auch für seine Zuschauer vermutet. Die Konsequenzen dieses Mythos’ sind jedoch weit reichend: Serienmörder bevorzugen seither weibliche, junge Opfer. Das macht ihre Geschichten kompatibel zu puritanischen Aufklärungsmythen von sexueller Enthaltsamkeit der Jugend. Auf diese Weise haben sich bis zum hyperrealistischen Serienmörderfilm solche Fiktionen als Parabeln der Adoleszenz verstehen lassen.

„Deranged“ entsteht in einer Zeit, in der das Horrorkino sich endgültig von den Paradigmen klassischer Erzählungen löst. Dazu gehört auch, die neue Unsicherheit der außerfilmischen Realität, die vor allem mit der politischen Situation und den Emanzipationsbewegungen der 1960er Jahre zusammenhing, einzufangen und filmisch umzudeuten. Aus der Distanz von nunmehr 30 Jahren eröffnet der Film in alle seiner Klarheit und Naivität einen interessanten Blick auf diese Zeit und den Gründungsmythos des Serienmörderfilms. Wie sich gezeigt hat, lassen sich an ihm viele Aspekte nachweisen, die im Verlauf der Tradition ins „Unbewusste“ des Subgenres eingegangen sind – zu Genreregeln geworden sind. Ein Blick auf die Ursprungsfilme kann da die Quelle so manches Motivs lichten.

Deranged
(USA 1974)
Regie: Jeff Gillen & Alan Ormsby
Buch: Alan Ormsby; Musik: Carl Zittrer; Kamera: Jack McGowan
Darsteller: Roberts Blossom, Cosette Lee, Leslie Carlson, Robert Warner u.a.
Verleih: Legend Films Int.
Länge: 78 Minuten (unrated)


Die DVD von Legend Films

Deranged ist hierzulande eine Seltenheit: Zwar existiert eine deutsche Fassung unter dem Titel „Besessen“ (von Ende der 1980er Jahre), die auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, doch eine DVD dieses Genreklassikers gab es bislang nur über den Export zu beziehen. Insofern hat Legend dem Archiv einen exzellenten Dienst erwiesen. Darüber hinaus wurde in die in Bild und Ton tadellos restaurierte Fassung eine Szene eingefügt, die der US-amerikanischen MGM-DVD fehlt: Nachdem Ez seine ehemalige Lehrerin vom Friedhof gestohlen hat, exerziert er an ihre sein neu erworbenes Präparationswissen, was der Film in recht expliziten Szenen vorführt.

Zur recht edel aufgemachten DVD gehören neben dem Hauptfilm drei Dokumentationen: Ein „Making of“ des Films sowie zwei Dokumentationen über Ed Gein, deren eine eine „Tatortgehung“ des Produzenten von „Deranged“ und deren andere eine recht schlecht erhaltenes Archiv-Dokumentation darstellt. Ein kurzer Ausschnitt des „Making of“ zum Amateurfilm-Sequel „Creep“ sowie drei Trailer zu „Deranged“ finden sich ebenso auf der DVD. Bemerkenswert ist auch noch das 24-seitige Booklet der DVD, das über die Geschichte des Falls und des Films informiert.

Die Ausstattung im Einzelnen:

# Disctyp: DVD-9, PAL, RC2
# Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)
# Ton: Englisch DD 1.0 & Deutsch DD 1.0
# Untertitel: Deutsch, Englisch (Hauptfilm), Deutsch (Bonusmaterial)
# Bonusmaterial: “Deranged Chronicles: The Making of Deranged“, „The Ed Gein-Story: Tom Karr on Locations“, „Ed Gein – American Maniac“, „Das Sequel, das keines war: Hinter den Kulissen von Creep“, 3 Trailer

FSK 16
Preis: 15,99 Euro

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Stefan Höltgen

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