Der Blick in den Psychopathen

Eine Folge der zunehmenden Mediatisierung des Gewaltverbrechens ist die Verschiebung der Perspektive, die der Film seinem Gegenstand gegenüber einnimmt. Ließen sich in der Frühzeit des Psychothrillers noch hochgradig spekulative und reißerische Titel vermarkten, so verlangt das Publikum, dessen Wissen nicht zuletzt durch die Filmgeschichte selbst genährt wurde, heute nach differenzierten Betrachtungen. Der diesbezügliche Wandel wird recht deutlich, wenn man sich Remakes von bestimmten Stoffen (z. B. Es geschah am helllichten Tag, D 1958 vs. The Pledge, USA 2001) oder Wiederaufnahmen bestimmter authentischer Fälle (z. B. des Ted Bundy-Falls in The deliberate Stranger, USA 1986 vs. Ted Bundy, 2002) im Spielfilm ansieht. Mit dieser neuen Betrachtungsweise einher geht auch ein »intentionaler Gestus« des jeweiligen Filmautoren, der sein Werk nun nicht länger allein als reine Unterhaltung, sondern darüber hinaus auch als »Studie« über seinen Gegenstand verstanden wissen will (siehe meinen Beitrag über die Jack the Ripper-Adaptionen in dieser Ausgabe).


Auf diesen Aspekt des Serienkillerfilms wies in der deutschsprachigen Literatur zuerst Christian Fuchs in seinem Buch Kino Killer (1995) hin. Der seit kurzem vorliegende Band Der Blick in den Psychopathen, die Dissertation Inga Goldes, verweist in eine ähnliche Richtung. Die Autorin versucht aus einer Reihe von Filmen, von denen sie drei einer Detailanalyse unterzieht, einen Begriff von Psychopathie abzuleiten, welchen sie einem in der Einleitung des Bandes aufgestellten medizinischen Terminus gegenüberstellt. Ihre Aufmerksamkeit richtet sie dabei auf die zwei von ihr als wesentlich markierte Struktur-Motive des Psychopathen-Films: 1. Filme, die die Vergangenheit des Täters in ihre Handlung integrieren (und damit dessen Krankheitsverlauf und oft -auslöser nachzeichnen) und 2. Filme, die ausschließlich auf die Gegenwart konzentriert erzählen (und somit die »Ursachen« des abweichenden Verhaltens des Täters verschweigen).

Inga Golde verfährt bei der Untersuchung der Filme – außer in Spiegelung der Krankheitsbilder an der medizinischen Terminologie – überraschend werkimmanent. Anstatt eine im deutschsprachigen Raum seit 1980 verstärkt stattfindende Auseinandersetzung mit dem Psychothriller zu reflektieren, entwirft die Autorin ein eigenes, hermetisches Gebilde an Strukturen und Motiven. Ihre Untersuchungen stützt sie allein mit zitierten Dialogsequenzen und Einstellungs- bzw. Standbild-Analysen der untersuchten Filme. In dem Versuch ein eigenes terminologisches System für die Analyse aufzustellen, entstehen vor allem durch die Reduktion komplexerer Erzählmuster auf ihre strukturierende Terminologie, nicht selten befremdliche Effekte, wie ein Beispiel über das Beziehungsgeflecht in Dead Calm (Aus 1989) verdeutlicht: »Die zweckorientierte Erotik wird demnach als Möglichkeit einer Gegenwehr des Opfers dargestellt, die eine Wiederherstellung des eigentlichen Beziehungskonzepts Ehe bewirken soll. Der entscheidende Wendepunkt besteht jedoch in dem Ausschluß des Eindringlings aus dem Beziehungsraum Schiff.“ (S. 126) Derartige Formalisierungen nutzt die Autoren, um auf paradigmatische Handlungsmomente des Thrillers hinzuweisen. Die Betrachtung wirkt dabei nicht jedoch häufig etwas dekontextualisiert, zumal die Untersuchung durch keine externen Quellen gestützt wird und dadurch zahlreiche sich aufdrängende Diskurse völlig unerwähnt bleiben.

So sehr die Arbeit methodisch zu kritisieren wäre, weil sie sich weitgehend solipsistisch verhält, sind die Detailanalysen der untersuchten Filme (vor allem Silence of the Lambs, Basic Instincts und The Game) erhellende Untersuchungen. Die einleitende Typologie des Thrillers bietet eine interessante Perspektive auf das Genre. Zur eingangs erwähnten cineastischen Theoriebildung trägt die Untersuchung darüber hinaus ebenso bei, da die Sichtweise auf die jeweiligen Filme – »Psychopathie im Film« – ebenso geeignet ist, auf andere Werke übertragen zu werden.

Inga Golde
Der Blick in den Psychopathen. Struktur und Wandel im Hollywood-Psychothriller
Kiel: Ludwig, 2002
210 Seiten, Paperback
24,90 Euro
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