„Dat iss jetz wech“

Fatik Akin („Kurz und schmerzlos“ (1998), „Im Juli“ (2000)) erzählt in seinem neuen Film die Geschichte einer vierköpfigen italienischen Familie, die 1964 in Duisburg die erste Pizzeria im Ruhrgebiet eröffnet, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Familie, Heimat, Bruderzwist, Träume, Liebe, Verrat, Trennung und Tod – das sind die Themen die Akin in Solino verarbeitet: ein bisschen zu viel des Guten?

Rosa (Antonella Attili in einer großartigen Rolle voll Temperament und Humor) ist nicht besonders begeistert über die Pläne ihres Mannes Romano (Gigi Savoia), aus dem warmen Solino nach Duisburg zu ziehen. Romano träumt von einem anderen Leben. Als Arbeiter in einem der vielen Kohlengruben will er seiner Familie ein neues Leben verschaffen. Eine muffige, enge Wohnung erwartet die Familie und eines Tages erklärt Romano seiner Frau, er wolle nicht mehr ins Bergwerk. Rosa packt die Koffer, ist wütend. Da eröffnet sich der Familie eine andere Möglichkeit. Gegenüber ihrer Wohnung mieten sie Geschäftsräume an und eröffnen die erste Pizzeria des Ruhrgebiets.

Gigi, der jüngere Sohn der Familie (Nicola Cutrignelli), und sein älterer Bruder Giancarlo (Michele Ranieri) gewöhnen sich schnell ein. Doch während Giancarlo schon als kleiner Junge glaubt, alles müsse ihm zufliegen, ohne dass er selbst etwas dazu tun müsse, träumt Gigi von einer Karriere als Regisseur, nachdem ein Filmteam unter Leitung des etwas barschen Regisseurs Baldi (Vincent Schiavelli) während der Dauer ihrer Filmarbeiten in der Pizzeria, die auf Wunsch Rosas Solino heißt, zu Gast ist. Der Fotograf Klasen (Hermann Lausen) schenkt Gigi sogar einen alten Fotoapparat. Die beiden Brüder konkurrieren um die kleine Jo, in die sich Gigi schon als Kind verknallt. Rosa schuftet in der Küche, ihr Mann beschwert sich über die zu vollen Teller. Kurz, ein Stück neue Heimat für die Familie Amato ist entstanden.

1974 /1984. Gigi (Barnaby Metschurat) und Giancarlo (Moritz Bleibtreu) halten es zu Hause nicht mehr aus. Sie ziehen mit Jo (Patrycia Ziolkowska) in eine Wohnung, ohne Arbeit, treiben sich auf Partys herum, nehmen ab und zu Drogen. Giancarlo ist eifersüchtig, weil Jo und Gigi ein Paar zu werden scheinen. Gigi dreht seinen ersten Kurzfilm „Dat iss jetz wech“ über Menschen im Ruhrpott – mit einer Kamera, die Klasen ihm geschenkt hat, und das obwohl Giancarlo Gigi zuvor dazu animiert hatte, bei dem Fotografen einzubrechen, um eine moderne Kamera zu stehlen. Gigi soll mit seinem Kurzfilm sogar an einem Wettbewerb bei den Ruhrfestspielen mitmachen.

Dann allerdings bricht das Unglück über die Familie herein. Romano betrügt seine Frau mit einer blonden Deutschen. Bei Rosa, die schon lange an permanenter Müdigkeit leidet, wird Leukämie festgestellt. Sie trennt sich von ihrem Mann, will zurück nach Solino. Gigi begleitet sie …

Bilderbögen, satte, farbige, epochale Bilderbögen sind etwas Faszinierendes. Man kann sich an ihnen, wenn sie gut gemacht sind, kaum satt sehen. „Goodfellas“ (USA, 1999) oder „The Godfather“ (USA, 1972), „Once Upon A Time In America“ (USA, 1984), auch etliche Filme von Vittorio de Sica, Fellini oder Visconti, sind solche Bilderbögen, die sich über die Augen in der Phantasie festsetzen, die Träume zulassen und eine Sehnsucht entfachen, einen Zauber, der einen kaum wieder loslässt. Der erste Teil von „Solino“ wirkt wie eine Reminiszenz an diese epochalen Bilderbögen und ist doch zugleich selbst ein solcher phantastischer Reigen, voller Farbe und Pracht. Wenn die beiden Brüder in eine Scheune klettern und Spatzen aufscheuchen, wenn der Großvater auf dem Totenbett stirbt, während die Familie mit den Nachbarn über den Schadensersatz für die Beschädigung des Daches streitet, spürt man fast dessen Gedanken: Jetzt kann ich sterben, Familie, ja das war schön, aber auch enorm anstrengend, es ist genug.

Wenn die Familie Amato im kalten Duisburg in eine hässliche Wohnung zieht, der Vater voller Träume, die Mutter deprimiert und mit starkem Heimweh nach Solino, wenn sie ihre Pizzeria aufmachen, ein Stück Heimat sich wieder breitmacht, wenn Gigi mit der kleinen Jo auf den Kohlehalden sitzt und in dieser tristen Umgebung beide sich fragen, was das denn ist, Liebe, wenn der Fotograf von nebenan Gigi einen alten Fotoapparat schenkt, weil er ein Gespür für die Träume des Jungen hat, dann schleicht sich in dieses kleine Stück entstehende Heimat so etwas wie Hoffnung ein. Rainer Klausmann hat diese Atmosphäre wunderbar eingefangen. Akin, Sohn türkischer Einwanderer, erzählt humorvoll und dramatisch von den Problemen der Familie, von Glück und Unglück.

Dieser erste Teil des Films fokussiert die Handlung auf einen eng umgrenzten Bereich, auf eine Straße, letztlich nur auf die Wohnung und die Pizzeria der Amatos und das Fotogeschäft. Die Arbeit unter Tage, der Romano eine Weile nachgeht, wird nur in einer kurzen Einblendung gezeigt, die Kontakte zur deutschen Bevölkerung begrenzen sich auf die Beziehungen zum Filmteam, dem Fotografen, Jo und ihrem Vater. Man könnte meinen, dass damit die tatsächlichen Schwierigkeiten von Arbeitsmigranten in den 60er Jahren allzu verkleinert dargestellt werden. Doch geht es Akin offensichtlich nicht in erster Linie um dieses Problem. Im Zentrum des Films steht eine Familie, die zerbricht und trotzdem bis zum Schluss in unterschiedlichen Konstellationen zusammenhängt. Der Schauplatz der Handlung ist insofern beliebig, was „Solino“ zum Vorwurf gemacht wurde. Ich halte diesen Ansatz des Films für großartig.

Wir sehen einen Vater, der einen Traum verfolgt, ganz befangen in seiner Generation, die am Wirtschaftswunder teilhaben will und im Geld den Hauptsegen von Glück vermutet, eine Mutter, die sich von ihrer Heimat nicht trennen kann und will und trotzdem mitfährt, hin- und hergerissen zwischen den Mühen der neuen Umgebung und Heimweh, zwei Brüder, die einerseits zusammenhalten, andererseits in starker Konkurrenz um Fortkommen, Frauen und anderes stehen. Wir sehen Giancarlo, in entscheidenden Situationen, in dem es auf ihn ankäme, weicht er zurück, ist egozentrisch, glaubt, dass ihm das Glück zustehe, ohne dass er dafür etwas tun müsse, will sich nehmen, was ihm nicht gegeben wird. Auf der anderen Seite Gigi, der – wie sein Vater – einen Traum hat, aber einen anderen, nicht den Traum vom materiellen Wohlstand, sondern den Traum vom Filmen, ein gutmütiger, liebevoller Mensch, der jedoch unter der Gefangenschaft in seiner Familie leidet und über seinen Träumen zugleich die Verbindung zu seiner Herkunft verliert.

Ada (Tiziana Lodato), der Kindheitsfreundin, hatte er bei der Abreise versprochen, ihr Schnee nach Solino zu schicken, Schnee, den Gigi und Ada noch nie gesehen haben. Sie hatte ihm Kekse mit auf die Reise nach Deutschland gegeben, damit er sie und Solino nicht vergisst. Er vergaß. Bei seiner Rückkehr nach Solino mit der kranken Mutter erinnert ihn die erwachsene Ada wütend daran.

All das ist das Phantastische, sind auch die Klischees, die Akin bedient und zugleich im ersten Teil des Films als etwas darstellt, was nicht nur Abziehbild, sondern eben auch Teil der Wirklichkeit ist. Hier ist der Film überzeugend zwischen Reminiszenz an die großen filmischen Vorbilder und eigener Geschichte. Dasselbe gilt auch für die Schauspieler, Bleibtreu, Metschurat, vor allem Antonella Attili und auch Gigi Savoia.

Dann aber, nachdem die Geschichte das Jahr 1974 passiert, verliert sich der Film in seiner prall gefüllten Thematik. Die Konflikte und ihre Entwicklung, zwischen den Brüdern, den Eltern usw., werden arg herunter gespult, als ob angesichts von immerhin 124 Minuten keine Zeit mehr bliebe, als ob die veränderte Zeit der 70er Jahre den Regisseur überfordert hätte, bezüglich Personen und Handlung wieder Fuß zu fassen. Dabei gehen Atmosphäre und Leidenschaften verloren. Besonders deutlich wird das an der Rolle Antonella Attilis, die im ersten Teil so grandios aufspielte, und jetzt fast zu einer Nebenfigur degradiert wird. Dann passiert alles ganz schnell, natürlich „muss“ sich Gigi in Ada verlieben und zu seinen Wurzeln zurückkehren, natürlich „muss“ es zu einer etwas arg kitschigen Versöhnung zwischen dem ungleichen Bruderpaar kommen, natürlich „muss“ der Film ein Happyend haben, so dass sogar die Leukämie Rosas nicht zu ihrem schnellen Tod führt.

Andererseits und im Vergleich zu manch anderen romantizistisch verklärten Filmen ist Akins Gefühlskino trotz all dieser Einschränkungen eben kein honigtriefender Hollywood-Betrug. Selbst die Schlussszene ist – obwohl kitschig – eben doch auch rührend und wunderbar anzufühlen.

Gefühlskino zwischen realistischem Drama und leicht übertriebenem Kitsch, ein humorvoll angehauchter und trotz allen Einwänden sehenswerter und liebevoller Film, der in seiner zweiten Hälfte leider etwas den Faden verliert und sich durch die Geschichte etwas unbeholfen hindurch windet – so würde ich „Solino“ vielleicht zusammenfassen.

Solino
Deutschland 2002, 124 Minuten
Regie: Fatik Akin
Drehbuch: Ruth Toma, Musik: Jánnos Eolou
Kamera: Rainer Klausmann, Schnitt: Andrew Bird
Hauptdarsteller: Barnaby Metschurat (Gigi Amato), Moritz Bleibtreu (Giancarlo Amato), Antonella Attili (Rosa Amato),
Gigi Savoia (Romano Amato), Patrycia Ziolkowska (Jo), Tiziana Lodato (Ada),
Lucas Gregorowicz (Hajo), Francesco Fiannaca (Franco), Bastian Trost (Rainer Baumann),
Christian Tasche (Jos Vater), Lilian Fritz (Blonde), Hermann Lause (Fotograf Klasen),
Nicola Cutrignelli (Gigi als Kind), Michele Ranieri (Giancarlo als Kind), Vincent Schiavelli (Regisseur Baldi)

Ulrich Behrens

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