Monstrum

Mediävist und Cineast zu sein, ist nicht unbedingt ein Widerspruch. Denn auch wenn das im Film vermittelte Bild des „düsteren Mittelalters“ leider allzu oft das Bild jener Epoche ist, das wohl jeder im Hinterkopf hat, so ist es zumindest auch eine Freude zu sehen, dass selbst die allerneuesten Medien nicht ohne Tradition auskommen. In der Literatur vergangener Jahrhunderte finden sich erstmals die Figuren, von denen vor allem der fantastische Film bis heute zehrt: Hexen, Vampire, Wolfsmenschen, Zyklopen und Golems.

Daher kann und muss die Altphilologie Filme wie The Witches of Eastwick (USA 1986) oder Bram Stoker’s Dracula (USA 1992) zur Rezeptionsgeschichte zählen und tut dies auch – wenn auch widerwillig. Bislang fanden solche Filme in der Sekundärliteratur Erwähnung als „Verballhornung“ und „Verkitschung“ mittelalterlicher Topoi und Legenden. Die Auseinandersetzung mit ihnen, die genauso oft die Suche nach Rudimenten und Versatzstücken war, wie etwa Untersuchungen zu Star Wars (USA 1977) oder Westworld (USA 1973), geschah in Form der Abgrenzung und des Vorwurfs: Hollywood würde aus jeder großen Fremden eine kleine eigene Geschichte machen.

Der Neudefinition der Geisteswissenschaften als historische Kulturwissenschaften ist es dann wohl auch zu verdanken, dass das Medium Film ebenso Einzug in die Mediävistik gehalten hat, wie die historische Quellenanalyse in den Pflichtkanon des Filmwissenschaftler eingegangen ist. Sie erlaubt es uns auch an dieser Stelle den von Ulrich Müller und Werner Wunderlich herausgegebenen Band „Dämonen, Monster, Fabelwesen“ aus der Reihe „Mittelalter Mythen“ des UVK-Verlages vorzustellen. Auf etwa 700 Seiten stellen 40 internationale Autoren die Literatur- und Mediengeschichte der Sagenfiguren von ihren Anfängen im Altertum bis hin zu ihrer Auswertung im Film vor. Analysiert werden dabei ebenso die „berühmten“ Vertreter der Zunft (z. B. Dracula, der Golem, Satan, der Antichrist oder der Werwolf) wie zahlreiche unbekannte „wunderlîche liute“, welche die Reiseerzählungen des Mittelalters bevölkern.

Da die Autoren allesamt der historischen Literaturwissenschaft verpflichtet sind, finden Auswertungen fantastischer Filme natürlich nur am Rande – aber immerhin überhaupt – statt. Der enzyklopädische Wert des Bandes ist dabei aber keineswegs zu unterschätzen. Denn gerade als Aufbereitung der Quellen sind die Texte von außerordentlichem Wert und vermögen es, das in der Filmwissenschaft doch oftmals dünne Fundament der „Genealogie des Monströsen“ zu bereichern. Denn die fand selbst in einschlägigen Dissertationen, wie z. B. in „Der phantastische Film“ von Rolf Giesen allzu selten Erwähnung.

Ulrich Müller & Werner Wunderlich (Hrsgg.)
Mittelalter Mythen Band 2: Dämonen, Monster, Fabelwesen
St. Gallen: UVK – Fachverlag für Wissenschaft und Studium GmbH, 1999
696 Seiten (gebunden), 82 €

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