Artikel zu ‘Filmgeschichte’

Patchwork

F.-B. Habel: Zerschnitttene Filme, Berlin: Kiepenheuer 2003

Filmzensur in Deutschland ist ein Thema, das die Gemüter bewegt – zumal es sich um die eigentlich grundgesetzlich verbotene Nachzensur von Kunst handelt. Aber es ist nicht der Staat, der Filme kürzt, sondern die Jugendschutzgremien, die die Anbieter durch ihre Freigabepolitik dazu zwingen, selbst die Schere anzusetzen. Wie subtil und trotzdem weitreichend Filme heute auf diese Weise gekürzt werden, erfährt man zum Beispiel bei www.schnittberichte.com. Man erfährt es aber auch in Büchern. Nicht wenige Titel zum Thema sind auf dem Markt. Und nun veröffentlicht der Berliner Kiepenheuer-Verlag ein Bändchen mit dem Titel „Zerschnittene Filme“.

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Fassbinders »Que(e)relle«

Fassbinder und die Queer Studies

In den Gangsterfilmen Liebe ist kälter als der Tod (1969), Götter der Pest (1970) und Der amerikanische Soldat (1970) heißen sie Franz und Bruno bzw. Franz sowie Ricky und Franz Walsch, in den Melodramen Händler der vier Jahreszeiten (1972) und Faustrecht der Freiheit (1975) Hans und Franz Biberkopf, im Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod (1977) Franz B., in der Oskar-Maria-Graf-Adaption Bolwieser (1977) gibt die Vorlage den Namen vor für den immer gleichen Typus des Losers. Rainer Werner Fassbinder wurde nicht müde, Variationen des Franz Biberkopf in Szene zu setzen, bevor er sich in einer 13teiligen Fernsehserie dem Döblin’schen Roman Berlin Alexanderplatz (1980) explizit zuwandte und den Protagonisten mit seinem alter Ego und Intimfeind Reinhold in eigener Lesart vorstellte. An dieser – leicht erweiterbaren – Serie von zum Scheitern prädestinierten Antihelden besticht das Potenzial an Aktualisierungen, die Fassbinder dem Prototypen aus den 20er Jahren abgewinnt, der doch so zeitgebunden erscheint. Döblins Biberkopf ist Zuhälter aus Profession, ein Macho und Schläger aus Hilflosigkeit und dabei liebe- und schutzbedürftiger, als es sich alle seine ihm gefügigen Dienerinnen und weiblichen Opfer zusammen leisten können zu sein. Im Berlin der Weltwirtschaftskrise misslingen ihm zwangsläufig alle Versuche, auf »anständige« Art ein passables Auskommen zu finden. Kriminell wird er aus Gutgläubigkeit und wider Willen. Politisch ist er gleich viel und gleich wenig anfällig für die Verheißungen der Roten wie der Nazis, und im Grunde gehen sie ihn alle nichts an. Doch verführbar ist er allemal in seinem guten und bornierten Glauben an »das Gute« im Menschen und an das Glück.

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