Nordkorea in Griechenland

Dogtooth (Kynodontas, Griechenland 2009, Giorgos Lanthimos)

Ein Zombie ist eine kleine gelbe Blume, das Wort ‚Muschi‘ bezeichnet eine große Lampe und die Katze ist „die gefährlichste Kreatur, die es gibt“. Willkommen in der surrealen  Welt von „Dogtooth“, einem der großartigsten Filme der letzten Jahre, den beschämenderweise kein Verleih in die deutschen Kinos gebracht hat. Willkommen im Leben einer fünfköpfigen Familie, die sich mitten in Griechenland ihr privates kleines Nordkorea errichtet hat. Das totalitäre Regime von Vater und Mutter hält die drei erwachsenen Kinder auf dem Grundstück in dauerhafter Isolation gefangen, manipuliert sie gezielt mit Desinformationen und erzeugt mit Horrorgeschichten aus dem Außen jene Angst, die nötig ist, um den natürlichen Freiheitsdrang der Insassen zu hemmen. Wie in nahezu jeder Diktatur und jedem autoritären Haushalt geschieht dies ursprünglich mit den besten Intentionen: Um zu schützen, die grausame Außenwelt nicht eindringen zu lassen und Leid und Schmerz abzuwehren. Und ebenso wie in kontrollwütigen Staaten und Familien wird die schützende Institution, indem sie die vermeintlichen Gefahren der Realität fern hält, bald zur eigentlichen Bedrohung. Neugierde und der Wille zur Freiheit lassen die Gefangenen rebellieren, sie wollen raus ins ‚feindliche Leben‘ – koste es, was es wolle.

Doch von der Abstraktion, die der Parabel-artige Film bewusst einlädt, zurück in das Konkrete: In „Dogtooth“ vermischen sich dystopische Polit-Szenarien mit einer Familien-Geschichte, in welcher der natürliche Beschützerinstinkt der Eltern konsequent (und durchaus glaubwürdig) bis zum Äußersten getrieben wird. Vater (Christos Stergioglou) und Mutter (Michele Valley) haben ihre drei Kinder von klein an isoliert und indoktriniert. Den warmen Schoß der Familie könne man erst dann sicher verlassen, so erklärt der Vater beim Abendbrot, wenn ein Eckzahn (der ‚Dogtooth‘) ausgefallen sei. Solange werden die namenlosen, lediglich mit Hierarchierängen bezeichneten Geschwister – das Älteste, das Mittlere, das Jüngste – in ihrem Minikosmos gefangen bleiben. Es ist die von Propaganda gesäte Angst, die Ausbruchsversuche verhindert. Ein viertes Geschwisterkind habe einst, so erzählt man ihnen, den verbotenen Schritt in die Außenwelt gewagt und sei dabei qualvoll umgekommen. Schließlich haust dort draußen ja die mörderische Katze, von der auch der Vater, welcher das Domizil als einziger und nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen verlassen darf, eines Tages angegriffen wird und sich anschließend Blut- bzw. Ketchup-überströmt nach Hause schleppt und seinen Kindern ein einschüchterndes Exempel statuiert.

Es wird echtes Blut geben in diesem Film, der von seinem brillanten, extrem dichten Drehbuch getragen wird. Irgendwann, das ist aktuell in den autoritären Staaten des Nahen Ostens zu sehen, wird der Leidensdruck zu groß. Auch wenn die zwei Schwestern (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni) und ihr Bruder (Hristos Passalis) das Ausmaß des Lügenkorsetts, in das sie gefesselt sind, nicht erahnen können, merken sie doch, dass etwas nicht stimmt mit ihrem Leben. Einem Leben, in dem sportliche Übungen und skurrile Wettbewerbe für Beschäftigung sorgen sollen – und in dem allein der Sexualtrieb des Sohnes durch regelmäßige Besuche einer Bekannten befriedigt wird, um zu verhindern, dass sexuelle Frustration in Rebellion umschlägt. Es ist ein Leben wie es die Opfer in Pasolinis „Salo oder Die 120 Tage von Sodom“ erleiden: Auch in „Dogtooth“ müssen die Gefangenen in Hundestellung kriechen – ja, sie werden sogar zum Bellen gezwungen. Mit zunehmender Spieldauer mehren sich solche Demütigungs- und Unterwerfungs-Szenarien. Anfangs noch unterschwellige Aggressionen manifestieren sich physisch, der menschliche Sadismus drängt in Strafen und Erniedrigungen an die Oberfläche.

Regisseur Giorgos Lanthimos verzichtet zugunsten des messerscharf pointierten Plots auf stilistische Extravaganzen und widmet sich ganz der kreativ ausgefeilten Narration über die Erstickungspotentiale elterlicher Liebe. Es ist diese übersteigerte Fürsorglichkeit, die letztlich dazu führt, dass die Töchter heimlich mit Chloroform in die Bewusstlosigkeit flüchten, sich inzestuös prostituieren müssen und es für logisch möglich halten, dass ihre Mutter einen Hund gebärt oder im Swimming Pool des Anwesens urplötzlich Fische erscheinen. Ebenso wie das Verständnis von Ursache und Wirkung haben sie nie soziale Kompetenzen erlernen können und erweisen sich daher als unfähig, ihre aus (eingeschmuggelten) Filmen kopierte Mimik und Gestik zu deuten und kontextuell einzuordnen. Am deutlichsten zeigt sich dies in einer kathartischen Tanz-Performance, bei der alles aufgestaute Leiden aus einer der Schwestern heraus bricht und sie sich in einen wahren Exzess hinein steigert. Wenn die Kamera danach erst auf einem Waschbecken und dann auf einer Kofferraumhaube verharrt, wird in dieser Familie nichts mehr so sein wie es vorher war. Ein Leben wie zuvor, ein Nordkorea im 21. Jahrhundert, ist nicht mehr möglich, sondern muss in Tod oder Freiheit enden.

„Dogtooth“ ist eine Groteske im Stile Michael Hanekes, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt, weil die dargestellte Fiktion schon zu oft Realität geworden ist – sei es im Fritzl-Fall, beim home schooling religiöser Fundamentalisten oder sozialen Experimenten nach dem Vorbild Kaspar Hausers. Wenn die Welt ein subjektives Konstrukt ist, dessen Fundament mit unserer Erziehung gelegt wird, dann stellt niemand eine größere Gefahr für Kinder dar als ihre Eltern. Der Willkür und den Ideologien seiner Eltern ist ein Kind schutzlos ausgeliefert – und solche Prägungen aus der von den Eltern bestimmten Kindheitsphase sind bekanntlich von enormer Stärke und Dauerhaftigkeit. Exakt dem selben Stoff widmete sich bereits Arturo Ripsteins „Castle of Purity“ („El castillo de la pureza“, 1973), zu dem „Dogtooth“ offensichtliche Parallelen aufweist – nur dass hier die Kopie das Original bei weitem überragt. Giorgos Lanthimos gewann mit seiner meisterhaften, doppelbödigen Meditation über Liebe, Kontrolle und Manipulation die Sektion „Un Certain Regard“ auf dem Filmfestival von Cannes 2009 – zwei lange Jahre später ist der Film nun endlich auch in Deutschland angekommen.

Dogtooth
(Kynodontas, Griechenland 2009)
Regie: Giorgos Lanthimos; Drehbuch: Giorgos Lanthimos, Efthymis Filippou; Kamera: Thimios Bakatakis; Schnitt: Yorgos Mavropsaridis; Darsteller: Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni, Hristos Passalis, Christos Stergioglou, Michele Valley, Anna Kalaitzidou;
Länge: 93 Min.
Verleih: MK 2

Zur DVD von WVG Medien

Die Qualität und die Extras der DVD können nicht bewertet werden, da der F.LM-Redaktion lediglich der Film selbst (zudem in schlechter Bildqualität) zur Verfügung gestellt wurde.

Bildformat: 2.35:1
Ton: Deutsch, Griechisch (Dolby Digital 5.1) / Blu-Ray: Deutsch, Griechisch (DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Booklet
Erscheinungsdatum: 15.04.2011 (Leih-DVD: 01.04.2011)
Freigabe: ab 16 Jahren
Preis: 12,99 Euro (Blu-Ray: 16,99 Euro)

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